24 Okt

Zwischen Kleben und Verstehen: Ziviler Ungehorsam der Klimaaktivist:innen. Arroganz oder gelebte Demokratie?

Von Marlon Possard (FH Campus Wien)


Klimaaktivist:innen und ihre Aktivitäten werden in den letzten Monaten vermehrt kontrovers diskutiert. Häufig ergibt sich ein Spannungsverhältnis zwischen dem Warum und dem Wie der Aktivist:innen. Während ihre Anliegen, das heißt der Klimaschutz und die Senkung der Treibhausgase, von vielen Menschen positiv aufgenommen werden, wird das Kleben an öffentliche Straßen und das Beschmutzen von Museen kritisch gesehen. Man sieht: Das Warum verträgt sich nicht immer mit dem Wie. Also: Wie weit darf ziviler Ungehorsam überhaupt gehen? Keine einfache Frage und eine Frage, die die Rechtswissenschaft und die Philosophie gleichermaßen beschäftigt.

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29 Jun

Ausbruch aus der Freiheit: zur sokratischen Unbeständigkeit

„Ich weiß, dass ich nicht weiß“ als ethische und erkenntnistheoretische Rasierklinge für eine befremdliche Gesellschaft der Gegenwart

Von Christoph Eydt

Freiheit gilt als eines der höchsten Güter und liefert sogleich die Grundlage für allerlei Konstruktionen in Bezug auf das Verhalten und Erleben von Menschen. Dass dem eine anhaltende Fremdbestimmung zugrunde gelegt ist und der Mensch kaum in der Lage zu sein scheint, seine Fesseln zu erkennen, kann mit Sokrates annäherungsweise beschrieben werden. Das Verlassen eines Standpunktes impliziert die Einnahme eines neuen, doch was ist damit gewonnen? – Ich weiß, dass ich nicht[s] weiß?

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13 Jun

Turings Maschinen – Menschen, die rechnen

Von Christian Vater (Akademie der Wissenschaften und der Literatur | Mainz – Digitale Akademie)

„Digitalisierung“ ist ein großes Wort, das Alan M. Turing noch 1950 sehr klein gefasst hat. Es ist in der Gegenwart zweifellos zentral für Diskurs und Debatte, gleichzeitig ist seine Bedeutung noch nicht klar umrissen, was eine semantisch ‚schillernde‘, auch visionäre oder ‚verzaubernde‘ Verwendung erlaubt. Schon 2004 hat Jens Schröter in seinem sehr lesenswerten Einblick in die Geschichte der Unterscheidung ‚analog/digital‘ darauf hingewiesen, dass wir es hier durchaus mit einem buzzword und der „medienhistorische[n] und -theoretische[n] Leitdifferenz der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts“ zu tun haben. Ein Ausgangspunkt im Sinne einer Orientierungsfunktion der Philosophie könnte mit Jörg Noller eine enzyklopädische Begriffsgeschichte sein, auch in Auseinandersetzung mit Kant und dem erklärten Ziel einer „digitalen Aufklärung“. Ein weiterer Ansatz wäre mit Sybille Krämer eine (lange) „Kulturgeschichte der Digitalisierung“, deren wirksame Prinzipien sich bereits im Alphabet finden und die sich durch alle Medienwandel hindurch in den digitalen Kulturtechniken der Gegenwart entfalten. In diesem Blogbeitrag soll es um ein Fallbeispiel für eine (technik-)historische Wortverwendung gehen: Turings Maschinen – mit Seitenblicken auf unsere digitalen Menschenbilder, Turings Test und digitale Medien in der Turing-Galaxis. 

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30 Mai

Self-Tracking for Solidarity? – Neue Solidaritäts-Technologien im digitalen Gesundheitswesen

Von Niklas Ellerich-Groppe (Carl von Ossietzky Universität Oldenburg)

Die Digitalisierung aller Lebensbereiche betrifft auch Medizin und Gesundheitsversorgung. Dabei steht mit Solidarität zugleich die wesentliche normative Grundlage des deutschen Gesundheitswesens auf dem Prüfstand. Anhand der Debatte um die Nutzung von Self-Tracking-Technologien diskutiere ich die Bedeutung der Digitalisierung für die Solidarität im deutschen Gesundheitswesen – und zeige auf, wie das Self-Tracking im wahrsten Sinne zur Solidaritäts-Technologie werden kann, wenn die Digitalisierung angemessen verstanden und gestaltet wird.

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18 Mai

Chat GPTs als eine Kulturtechnik betrachtet – eine philosophische Reflexion

Von Sybille Krämer (Leuphana Universität Lüneburg)


Meine Überlegungen wollen beschreiben und ein Stück weit verstehen, was geschieht und was möglich sein wird angesichts von Chatbots (beispielsweise Chat GPTs), die  gegenwärtig Furore machen. Mein Blick ist kulturtechnisch präformiert und philosophisch grundiert.  Es geht mir in diesem Blog nicht darum, diese Version Künstlicher Intelligenz zu kritisieren oder ihre Mängel zu reklamieren, denn das wird vielfach schon getan. Und die Fehler von heute sind die Fortschritte von morgen. Ich möchte vielmehr nachdenken über das, was die Leistungen der Chabots aussagen über die ‚Natur‘ der Sprache, das Kommunizieren und Verstehen, sowie das Mensch/Maschine Verhältnis.  

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09 Mai

Alles kann, nix muss – aber manches sollte doch!

Von Patrick Maisenhölder (Pädagogische Hochschule Ludwigsburg und Universität Stuttgart)

Wenn man über Digitalisierung und Hochschullehre schreibt, ist eines am Anfang direkt vorwegzunehmen: Weder glaube ich, dass damit das Ende der herkömmlichen Lehre eingeläutet ist, noch fordere ich, dass diese, unter den Bedingungen der Digitalisierung, aufzugeben ist. Die Präsenzlehre mit Diskussionen vor Ort, das Lesen von Texten, das Schreiben von Hausarbeiten etc. – all das wird und soll aus guten Gründen weiterhin Teil der Hochschullehre bleiben, gerade im Fach Philosophie. Ich gehe jedoch davon aus, dass die Digitalisierung – hier nur unter dem Aspekt betrachtet, was mit der Verbreitung digitaler Medien umgesetzt werden kann – Möglichkeiten bietet, gute Lehre in bestimmter Hinsicht noch besser zu machen.

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02 Mai

Unkontrollierbare künstliche Intelligenz?

von Reinhard Heil und Leonie Seng (ITAS/KIT Karlsruhe)


Am Anfang stand ein einfaches Computerprogramm, das zur Sprachoptimierung von E-Mails entwickelt worden war. Durch eine kleine, nicht konsequent zu Ende gedachte, Änderung verwandelt sich das Programm in eine Selbstoptimierungsmaschine, die die Inhalte von durch Menschen verfasste E-Mails zu ihren eigenen Gunsten zu manipulieren versteht. Mit der Zeit überwindet die Software die eigenen physikalischen Grenzen und kann schließlich auf politischer Ebene Einfluss auf das Weltgeschehen nehmen (aus William Hertlings ‘Avogadro Corp’, Band 1).

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11 Apr

Ethics by Chat? Die großen Sprachmodelle im Kontext der Maschinenethik

Von Catrin Misselhorn (Göttingen)


ChatGPT und Konsorten scheinen eine neue Ära der Künstlichen Intelligenz (KI) einzuläuten. Auf einmal kann man mit einer Maschine über Gott und die Welt kommunizieren wie mit einem Menschen. Das gilt auch für ethische Fragen, wie ein Simultaninterview nahelegt, in dem einer Medienethikerin und ChatGPT dieselben Fragen zu den Chancen und Risiken des Chatbots gestellt wurden.[1] Die Antworten weisen einen erstaunlich hohen Grad an Übereinstimmung auf, wenngleich mit durchaus bedeutsamen Akzentsetzungen in den jeweils angesprochenen Gesichtspunkten und ihrer Gewichtung. Nun gibt es derartige Unterschiede auch zwischen menschlichen Ethiker:innen. Das zeigt sich, um beim Beispiel zu bleiben, etwa an den unterschiedlichen ethischen Stellungnahmen zu den großen Sprachmodellen.[2] Bedeutet das, dass nun auch die Ethik automatisiert werden kann? Diese Frage führt uns in das Themenfeld der Maschinenethik, zu deren Kernproblemen gehört, ob Maschinen moralische Akteure sein können.

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21 Mrz

Digitale Praxis – Fallstrick für Normen im Wissenschaftsalltag?

Von Nicola Mößner (Leibniz Universität Hannover / RWTH Aachen)


‚Wie sehr vertrauen Sie Wissenschaft und Forschung?‘ – eine Frage, die nicht erst seit der Corona-Pandemie viel diskutiert wird. Manch einer würde kritisch korrigieren: ‚Vertrauen Sie überhaupt in Wissenschaft und Forschung?‘ Schlagwörter wie Vertrauens- und Glaubwürdigkeitskrise kommen damit in den Sinn. Oft angeführt wird hier der normative Rahmen wissenschaftlicher Praxis, auf welchen sich das Vertrauen dennoch stützen könne. Was passiert aber, wenn die zugrunde liegende Praxis massiv durch die zunehmende Digitalisierung ihrer Prozesse verändert wird?

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