
Laute Disstracks über leise Methodenkriege
Von Nike Charlott Frings (Humboldt Universität zu Berlin) –
Klar, in der Philosophie wird viel nachgedacht, aber wie eigentlich? Welcher Methoden bedienen wir uns? Das ist keine kleine Frage, denn: Die Methode, die wir zur Erkenntnisgewinnung nutzen, bestimmt, zu welchen Erkenntnissen wir gelangen können. Die Frage danach, welche die richtige philosophische Methode ist – die analytische oder die „kontinentale“ – spaltet das akademische Fach. Der folgende Beitrag untersucht diese Spaltung und insbesondere, wie man sie aufarbeiten kann.
Analytische und „kontinentale“ Philosophie
Ende des 19. Jahrhunderts lässt sich ein Bruch in der Philosophiegeschichte feststellen. Unter Begründern wie Frege und Russell formierte sich ein Lager in der Philosophie, welches sich von den bisherigen Methoden enthob und neue Wege suchte, um philosophisch nachzudenken. Sie entwickelten (allem voran) logische und sprachanalytische Instrumente, die sie streng systematisch in ihre Philosophie integrierten. Für die einen eine aussichtsreiche Revolution, für die anderen ein intellektuelles Korsett.
Was Frege und Russell damals begründeten, ist heute als analytische Philosophie bekannt. Sie in Abgrenzung zu charakterisieren, ist schwer, da sie sich mit keinem eindeutig bestimmbaren Gegenpol konfrontiert sieht. Das, was nicht-analytische Philosophie ist, wird manchmal halblaut „kontinentale“ Philosophie genannt, wobei der Begriff ebenso schnell verworfen wie hitzig aufgenommen wird. Er suggeriert fälschlicherweise eine geeinte nicht-analytische Philosophie, von der sich klar abgegrenzt werden könnte, diese Einheit besteht jedoch nicht; deutscher Idealismus, Existenzialismus, Phänomenologie etc. nutzen unterschiedliche Programmatik und Methode. Zusätzlich wurde der Begriff „kontinentale Philosophie“ von englischen analytischen Philosoph*innen geprägt, die den Rest der europäischen Philosophie von sich unterscheiden wollten. De facto ist der Abstand zwischen den Methoden jedoch nicht derart breit, wie der Ärmelkanal zwischen Großbritannien und dem Festland, oder zumindest ist es nicht so einfach herauszuarbeiten, was den philosophischen Ärmelkanal konstituiert. Dieses Abgrenzungsproblem hält analytische Philosoph*innen nicht davon ab, ein starkes Selbstverständnis auszuprägen und tiefe Rezeptionsgräben zu erzeugen.
Nur kurz: Ich denke an Beispiele, bei denen Analytische Philosoph*innen kanonische Philosoph*innen nicht zitieren, selbst wenn zum selben philosophischen Thema geforscht wird, weil sie diese als nicht analytisch tauglich befinden. Beispiele ausgeblendeter Theoretiker*innen sind Nietzsche, Foucault, Sartre u.v.m. Sicherlich ist dieses Phänomen auch bei nicht-analytischen Philosoph*innen zu betrachten.
Doch – wenn diese Spaltung einerseits strukturell im Fach auftritt, andererseits aber aus Problemen der klaren Abgrenzung wenig oder nur halbherzig darüber gesprochen wird – wie kann man dieses Problem dann verarbeiten? Insbesondere für Studierende ist es eine unumgängliche Frage, welcher Tradition man sich anschließt, welche Art und Weise zu denken man lernt und damit, welche Erkenntnisse man aus dem Studium mitnimmt.
Potenziale des Raps
Frei nach dem Slogan „Wenn du es nicht sagen kannst, musst du es singen“ versuchte ich mich mit zwei Disstracks der Aufarbeitung zu widmen, da mich der Methodenkrieg und seine praktischen Konsequenzen zunehmend belasteten. Nehmen wir die vorangegangen präsentierte Einstellung zur Annahme: Analytische und nicht-analytische Philosophie lassen sich nur schwer streng voneinander abgrenzen, man sollte nicht zu thesenstark oder lauthals über die Spaltung sprechen. Welche Vorteile kann das Format der Disstracks dann haben, wenn es um die Verarbeitung der zumindest praktischen Spaltung geht?
- Symbolkraft
Ein Disstrack ist eine Provokation. Er trägt eine klare abgeneigte Botschaft nach außen und fordert Resonanz ein. Der gegenseitige Disstrack funktioniert also wie ein Streitgespräch, in welchem sich zwei Parteien gegenüberstehen und schlagfertig kritisieren. Das Format des Disstracks erlaubt dem ausufernden akademischen Streit einen Spiegel vorzuhalten, der symbolisch ausdrucksstark aufgegriffen wird. .
- Radikalität
Raptexte sind gerafft, prägnant. Auf. Den. Punkt. Sie erlauben rhetorisch raffiniert (im doppelten Sinne) zu arbeiten, um große Thesen in kurzer Zeit zu präsentieren. Wie bereits erwähnt, ist es schwierig, in gewohnter wissenschaftlicher Feinsinnigkeit über diesen Methodenkrieg zu sprechen, weil die Traditionen nicht haarscharf voneinander unterschieden werden können. Sie überschneiden sich einfach zu sehr in ihren Ansprüchen, wenn man tiefergehend über sie verhandelt. Die Radikalität dahingegen legt vermittelt ihrer Hyperbeln etwas offen, was im strengen wissenschaftlichen Diskurs nicht hätte thematisiert werden können. Ein uns real erfassender Zwiespalt, der aber nicht mit fein distinkten Kriterien untersucht werden kann, wird im freien Rap behandelt und verarbeitet. Der Streit prägt für uns Studierende unsere Ausbildung zu Philosoph*innen – wir haben ein berechtigtes Verlangen, ihn zu untersuchen. Wenn nicht innerhalb der Universität, dann außerhalb. Die Radikalität legt Dämonen offen, die wir im Diskurs an der Universität nicht guten Gewissens anbringen hätten können.
- Neue philosophische Praktik
Der Disstrack ist eine mehrdimensionale philosophische Praktik. A) Kann er Philosophie und ihre Inhalte vermitteln. B) Sicherlich könnte das Format des Disstracks und seine erkenntnistheoretischen Potenziale philosophisch untersucht werden. C) Ist das Format eine praktische Auslebung der Philosophie, die Zugänge schafft und emanzipiert. Der anti-elitäre Disstrack fordert es, aus dem philosophischen Lehnstuhl aufzustehen, den Elfenbeinturm einzureißen und in Kontakt mit neuen Medien zu kommen, die nicht 500-seitige Abhandlungen präsentieren. Der Disstrack ist also auch eine Form der Ermächtigung, sich neuartig, unkonventionell und eigens mit Problemen in und um der Philosophie zu beschäftigen.
Die Disstracks: Analytische vs. „Kontinentale“
In meinen Disstracks personifiziere ich schließlich die analytische und die kontinentale Philosophie und lasse sie jeweils gegeneinander einen Disstrack schreiben. Um einen Ansatz für die Disstracks zu finden, berief ich mich auf persönliche Erfahrungen und Diskussionen in meinem Studienalltag, aber auch auf Charakterisierungen der analytischen Philosophie, die im wissenschaftlichen Diskurs vorgeschlagen wurden.
Die Programmatik der analytischen Philosophie hat der Philosoph Phillip Pettit vermittelt dreier Grundannahmen der philosophischen Tradition dargestellt.1 Die erste besagt, dass in der analytischen Philosophie davon ausgegangen wird, dass es eine vom Menschen unabhängige Realität gibt, in der der Mensch vorhanden ist. Es ist es demnach nicht so, dass jedes Individuum durch seine Subjektivität eine eigene Welt erforscht, sondern es eine gemeinsame, prinzipiell für alle erfassbare Realität gibt, die erforscht wird. Dass die „kontinentale“ Philosophie diese feststehende Annahme nicht programmatisch teilt, macht die Analytische Philosophie ihr zum Vorwurf:
Ich lache,
wenn du was von fühlen erwähnst.
Deine Erforschung der Welt
Mit Subjektivierung lähmst.
Eine weitere Grundannahme besagt, dass Vernunft und (wissenschaftliche!) Methode gestatten, diese Realität zu erkennen. Es herrscht also ein klares Verständnis in der Analytischen vor, Philosophie überhaupt als Wissenschaft zu verstehen und des Weiteren wird die Wissenschaftlichkeit auch als adäquates Mittel identifiziert, um die Realität zu erkennen. Ob auch die nicht-analytische Philosophie, Philosophie überhaupt als Wissenschaft handhaben möchte, ist nicht in allen Fällen klar. Deswegen wird in Folge der vorherigen Strophe gerappt:
Objektivität ist keine Sünde
es ist der Weg zur Wissenschaft
Und das ist der Grund
Warum man deine Lehrstühle abschafft.
Zuletzt, so Pettit, sollte in der Analytischen das Erkennen der Realität nicht durch traditionelle Konzepte bestimmt sein, sondern durch Fakten, die für sich sprechen. Die Analytische Philosophie – höchst überzeugt von diesem Ansatz – wirft der Kontinentalen in ihrem Rap vor, kein Gespür für Fakten, also Tatsachen, zu haben:
Weißt du überhaupt
Wie man logische Formeln aufstellt?!
Deduktion nutzt, um zu schauen,
wie es sich mit Tatsachen verhält?
Jedoch lässt die Kontinentale Philosophie das kalt. Sie kritisiert, dass die Analytische an eigenen Ansprüchen vergeht:
Bist eine Enttäuschung
Die einst, von Hoffnung geprägt
Grabenkämpfe austrägt
An Spitzfindigkeiten vergeht.
Und, hat wer die Auseinandersetzung gewonnen? Nein. Der Streit besteht in all seiner Unbestimmtheit fort und auch die Disstracks konnten und sollten diesbezüglich nichts klären. Es geht darum, in Diskussion über den Disput zu kommen, ihn öffentlich sichtbar zu machen und vor allem: Student*innen, die von seinen Konsequenzen betroffen sind, durch Formate einzubeziehen, die nahbar sind und Zugänge schaffen. Wir sollten nicht immer leiser darin werden, über Dinge zu reden, die unseren Alltag im Studium tangieren, nur weil sie schwer zu begreifen sind. Das Format des Raps bietet also einen möglichen Raum, anders (oder vielleicht überhaupt?) über Probleme der Philosophie zu sprechen. Und ich denke, wir sollten ihn nutzen.
Nike Charlott Frings ist Studentin der Philosophie und deutschen Literatur an der Humboldt Universität zu Berlin. Neben Initiativenarbeiten bei der AG feministische Philosophie u.a. hält sie regelmäßig Vorträge auf Studierendenkonferenzen. Sie arbeitet für Prof. Dominik Perler als studentische Hilfskraft.
Über das Projekt: Die Disstracks erschienen 2025 auf dem YouTube-Kanal „philosophisch gefragt“, den Nike C. Frings selbstständig unterhält und auf dem regelmäßig Interviews mit Philosoph*innen erscheinen. Der Name des Kanals verdeutlicht den Anspruch, dass das philosophische Fragen geschult werden und wir uns dadurch neugierig und offen halten sollen. Zukünftig werden mehr Unterhaltungsvideos hochgeladen.
YouTube-Kanal: https://youtube.com/@philosophischgefragt?si=k6C24pM_cE2U7NR4
Instagram-Account: https://www.instagram.com/philosophischgefragt?igsh=bGlwenVtcWJvd2ky&utm_source=qr
Literatur
[1] Pettit, P. (2017). Analytical Philosophy. In: A Companion to Contemporary Political Philosophy. Ed. R.E. Goodin, P. Pettit and T. Pogge. Blackwell Publishing Ltd.


