Wieso Meursault? Ein Mord als Lehrstück des Absurden

Thomas Pölzler (Graz)

Mehr als 80 Jahre nach seiner Veröffentlichung hat Albert Camus‘ Roman „Der Fremde“ kaum an Strahlkraft verloren – Versuch einer Erklärung.


Es ist wohl eine der ikonischsten Szenen der Literatur des 20. Jahrhunderts. Der junge frankoalgerische Büroangestellte Meursault verliert, von der Mittagssonne gepeinigt, vom Messer seines Widersachers geblendet, für einen Moment den Boden unter den Füßen. Er klammert sich an seinen Revolver – und drückt ab.

Seit dem Erscheinen von Der Fremde (L’Étranger) im Jahr 1942 ist Camus’ Roman rund zehn Millionen Mal verkauft worden und hat zahlreiche künstlerische Adaptionen angestoßen, angefangen von The Cure mit „Killing an Arab“ (1980) über Kamel Daoud mit seinem Komplementär-Roman Der Fall Meursault – Eine Gegendarstellung (2014) bis hin zu François Ozons aktueller Neuverfilmung „Der Fremde“, die dieser Tage in den Kinos läuft.

Aber warum diese anhaltende Faszination? Was macht Camus‘ an sich simple Geschichte mit ihrem reduzierten Vokabular und ihrem einfachen Satzbau auch im 21. Jahrhundert zu solch einem Kristallisationspunkt vielfältiger Deutungen, Projektionen und Interessen?

Camus als Philosoph

Ein erster wichtiger Schritt zur Beantwortung dieser Frage besteht darin, sich zu vergegenwärtigen, dass Camus nicht nur Schriftsteller war, sondern auch Philosoph. Hier einen Zusammenhang zu suchen, scheint naheliegend. Und tatsächlich gibt es gute Gründe anzunehmen, dass Camus den Fremden bis zu einem gewissen Grad als philosophische Reflexionsfläche oder philosophisches Experimentierfeld konzipiert hat.

Solch eine Verbindung scheint insbesondere zu seiner Theorie des so genannten „Absurden“ zu bestehen – einem mutmaßlichen Spannungsverhältnis, das Camus zufolge aus dem menschlichen Verlangen nach Sinn auf der einen Seite und dem „Schweigen“ beziehungsweise der Sinnlosigkeit der Welt aus der anderen Seite resultiert.

„Der Fremde beschreibt die Nacktheit des Menschen angesichts des Absurden“, heißt es in Camus‘ Tagebüchern, wo der Roman auch explizit einem gemeinsamem Schaffenszyklus mit dem zur selben Zeit entstandenen essayistischen Werk Der Mythos des Sisyphos zugeordnet wird.

Nihilismus und Apathie

Will man die Bedeutung von Camus‘ Theorie des Absurden für den Fremden im Detail nachvollziehen, wird Spoilern unausweichlich.

Der Roman ist im Algier der 1930er-Jahre angesiedelt. Im etwas längeren ersten Teil scheint sich Meursault, der Protagonist, konsequent in existentieller Verdrängung und Gleichgültigkeit zu üben. Dies kündigen bereits die berühmten ersten beiden Sätze des Romans an: „Heute ist Mama gestorben. Vielleicht auch gestern, ich weiß es nicht.“

Ohne berufliche Ambitionen und private Leidenschaften, unfähig zu tieferen Gefühlen oder echten Bindungen, verschließt Meursault seine Augen so weit wie möglich vor der Absurdität seiner Existenz – manchmal sogar fast buchstäblich. Als ihm am Sarg seiner Mutter etwa angeboten wird, ihren Leichnam zu sehen, winkt er beschämt ab.

„Er [der Pförtner] näherte sich schon dem Sarg, als ich ihn zurückgehalten habe. Er hat gesagt: ‚Wollen Sie nicht?‘ Ich habe ‚nein‘ geantwortet. Er hat innegehalten, und ich war verlegen, weil ich merkte, dass ich das nicht hätte sagen sollen.“

Camus‘ „Logik des Absurden“

In dieser Phase des Romans wird Meursault den Lesern primär als abschreckendes Beispiel vorgeführt. Er exemplifiziert, wie man Camus zufolge dem Absurden gerade nicht begegnen sollte.

So argumentiert Camus im Mythos des Sisyphos, dass Indifferenz und Apathie mit dem Absurden nicht kompatibel seien (genauso wenig wie etwa Verzweiflung oder Suizidalität). Vielmehr verlange das Absurde vom Menschen, sich seiner Lage stets bewusst zu bleiben und eine Art heroische Auflehnung dagegen zu kultivieren, eine Haltung des permanenten „So nicht!“. Das Absurde habe „nur insofern einen Sinn, als man sich nicht damit abfindet“.

Diese Einsicht gewinnt gegen Ende des ersten Roman-Teils auch Meursault zum ersten Mal, wobei sein Wandel paradoxerweise gerade mit jener Handlung beginnt, für die er später zum Tode verurteilt werden wird.

Meursaults Mord: Ein verhängnisvolles Erwachen

An einem Tag, an dem der Strand vor lauter Hitze flirrt, lässt Meursault sich in ein Scharmützel mit einer Gruppe von Fremden verstricken. Die Wogen scheinen sich schon geglättet zu haben, als Meursault zufällig an einen Revolver gelangt und einen dieser Fremden wiedertrifft. Der „Araber“, wie Meursaults Kontrahent im Roman nur genannt wird, zieht ein Messer, macht aber keine Anstalten, aus dem Sand aufzustehen und sich auf Meursault zuzubewegen.

Trotzdem drückt Meursault ab – und als er das Leben aus dem Körper des Arabers weichen sieht, ist dies ein Wendepunkt. Zum ersten Mal kann er der Endlichkeit und Absurdität seiner Existenz nicht länger ausweichen.

„Der Abzug hat nachgegeben, ich habe die glatte Einbuchtung des Griffes berührt, und da, in dem zugleich harten und betäubenden Knall, hat alles angefangen. Ich habe den Schweiß und die Sonne abgeschüttelt. Mir wurde klar, dass ich das Gleichgewicht des Tages zerstört hatte, die außergewöhnliche Stille eines Strandes, an dem ich glücklich gewesen war.“

Mit vier weiteren Schüssen – „gleichsam vier kurze Schläge an das Tor des Unheils“ – macht Meursault deutlich, dass er sein Schicksal von nun an selbst in die Hand zu nehmen gedenkt.

Das Gespräch mit dem Geistlichen

Der zweite Teil des Romans behandelt Meursaults Haft und Gerichtsprozess. In dieser Zeit setzt sich seine Entwicklung hin zu Camus‘ Ideal der „absurden Existenz“ holprig fort. Während er anfangs noch der gleisenden Sonne die Schuld an seinem Mord gibt und Hoffnungen in sein Gnadengesuch setzt, befreit er sich im Laufe eines hitzigen Gesprächs mit dem Gefängnisgeistlichen auch von diesen letzten Illusionen.

Er offenbart dem Geistlichen, dass er nicht an Gott oder ein Leben nach dem Tod glaube. Als der Geistliche erwidert, er werde trotzdem für ihn beten, gerät Meursault in Rage, packt ihn an seiner Soutane und schüttelt ihn in einer Art Verkörperlichung von Camus’ Haltung der Revolte so heftig, dass die Wärter einschreiten müssen.

„Nichts, nichts wäre von Bedeutung, und ich wüsste genau, warum nicht. Er wüsste es auch. Aus der Tiefe meiner Zukunft stiege während dieses ganzen absurden Lebens, das ich geführt hätte, ein dunkler Atem zu mir auf, durch Jahre hindurch, die noch nicht gekommen wären, und dieser Atem machte auf seinem Weg all das gleich, was man mir in den genauso unwirklichen Jahren böte, die ich lebte.“

Der Fremde als philosophische Parabel

Wieso fesselt uns Camus‘ Roman noch immer? Wenn die hier entwickelte Interpretation zutrifft, hat dies unter anderem mit seiner reichhaltigen philosophisch-existentiellen Bedeutungsebene zu tun. Camus konfrontiert uns in der Figur Meursaults schonungslos mit einer überzeitlichen Bedingung unserer Existenz, mit einem Gefühl der Sinnlosigkeit, das vielen von uns aus dem Alltag unangenehm vertraut ist, jedoch nur selten offen zur Sprache gebracht wird. Und er führt uns die Möglichkeit vor, dieser Absurdität nicht auszuweichen, sondern an ihr zu wachsen und sich in einem gewissen Sinn über sie zu erheben.

Für Meursault selbst kommen seine Einsichten zu spät. Der Roman endet mit seiner Hinrichtung durch die Guillotine. Der Rest von uns kann den Fremden jedoch auch heute noch zum Anlass für mehr existentielle Bewusstheit, Klarsichtigkeit und Auflehnung nehmen.


Thomas Pölzler ist am Institut für Philosophie der Universität Graz beschäftigt, wo er gegenwärtig ein Marie Skłodowska-Curie Projekt zum Gedankenexperiment des “Schleiers des Nichtwissens” durchführt.