
Humes Bündel Theorie des ‚Ichs‘ – Sein Größter Fehler?
von Julia Wolf (Universität Osnabrück/Ruhr Universität Bochum) –
250 Jahre (25. August 1776) nach seinem Tod ist Hume vor allem als Skeptiker und radikaler Empiriker bekannt. Somit ist vielleicht nicht überraschend, dass er besonders für seine skeptischen Ansichten zu persönlicher Identität bekannt ist – vor allem für seine Ablehnung eines substanziellen ‚Ichs‘. Für Hume ist das ‚Ich‘ nur ein Bündel unserer Perzeptionen (oder Wahrnehmungen). Hume selbst betrachtete seine Bündel Theorie als den einzigen substantiellen Fehler, den er beim Verfassen von dem Traktat über die Menschlichen Natur begangen hatte.
Das ‚Ich‘ als Bündel von Perzeptionen
Was ist das ‚Ich‘? Als Empirist liegt für Hume die Antwort auf diese Frage in unserer Erfahrung: Wenn wir wissen wollen, was wir mit ‚Ich‘ meinen, müssen wir nach dem Eindruck (oder der Erfahrung) suchen, von dem die Vorstellung des ‚Ichs‘ stammt. Dieser Eindruck sichert die Bedeutung des Begriffs. Hume begibt sich also im ersten Buch des Traktats auf die Suche nach dem Eindruck, den wir von uns selbst haben:
„Ich meines Teils kann, wenn ich mir das, was ich als „mich“ bezeichne, so unmittelbar als irgend möglich vergegenwärtige, nicht umhin, jedesmal über die eine oder die andere Perzeption zu stolpern, die Perzeption der Wärme oder Kälte, des Lichtes oder Schattens, der Liebe oder des Hasses, der Lust oder der Unlust. Niemals treffe ich mich ohne eine Perzeption an und niemals kann ich etwas anderes beobachten als eine Perzeption“. (T 1.3.6.3, SBN 252; 308)1
Daraus zieht Hume seine berühmte Schlussfolgerung, dass das ‚Ich‘ nichts anderes ist als ein Bündel von Perzeptionen (oder Wahrnehmungen). Zum Beispiel, während ich diesen Text schreibe, sehe ich den Bildschirm, fühle die Wärme der Sonne und höre Kinder in der Nähe spielen. Wenn ich aufstehe, um mir einen Tee zu holen, ändern sich diese Perzeptionen. Ich habe jedoch keinen zusätzlichen konstanten Eindruck von einem ‚Ich‘, welches der Träger oder der Besitzer dieser Erfahrungen ist. Diese Perzeptionen sind die einzigen Eindrücke die wir haben, und somit die einzige Grundlage von unserer Vorstellung von diesem ‚Ich‘.
Es ich wichtig zu beachten, dass Hume nicht leugnet, dass wir eine Vorstellung vom ‚Ich‘ haben. Er behauptet aber, dass unsere tatsächliche Vorstellung vom ‚Ich‘ eine andere ist, als wir üblicherweise denken. Das ´Ich´ ist nicht ein beständiges und konstantes Etwas, eine Substanz die der Träger unserer Perzeptionen ist, sondern nur die Abfolge der Perzeptionen selbst: „Die einander folgenden Perzeptionen sind allein, was den Geist ausmacht, während wir ganz und gar nichts von einem Schauplatz wissen.“ (T 1.3.6.4, SBN 252; 309).
Auch wenn Hume die Existenz eines ‚Ichs‘ nicht leugnet, darf nicht unterschätzt werden, dass es sich hierbei dennoch um eine radikal skeptische Position handelt, die erheblich von den üblichen Vorstellungen vom ‚Ich´ abweicht. Hume macht dies sehr deutlich. Seiner Ansicht nach gibt es kein ‚Ich´, wenn keine Perzeptionen vorliegen. Für ihn würde selbst ein traumloser Schlaf, in dem wir keine Perzeptionen haben, bedeuten, dass das Ich – zumindest für die Zeit ohne Perzeptionen – aufhört zu existieren.
Aber wenn es nur unsere sich wandelnden Perzeptionen gibt, wie kann ich dann mich selbst als eine Einheit begreifen, die über die Zeit hinweg Bestand hat? Was bindet diese Perzeptionen zu einem (gefühlten) ‚Ich‘ zusammen?
Nach Hume sind unsere aufeinanderfolgenden Perzeptionen durch Ähnlichkeits- und Kausalzusammenhänge miteinander verbunden, die einen leichten und fließenden Übergang zwischen ihnen ermöglichen. Wenn ich beispielsweise aufstehe, um mir einen Tee zu kochen, verändern sich meine Wahrnehmungen allmählich und in geordneter Weise, während ich durch das Zimmer laufe, ohne plötzliche Unterbrechungen. Es ist dieser allmähliche und fließende Übergang der Wahrnehmungen, welches uns ein Gefühl der Verbindung zwischen den Perzeptionen liefert. Diese gefühlte Verbindung der Perzeptionen ist das, was zu unserem Glauben an ein ‚Ich‘ führt und welches wir mit einer Identität des Ichs verwechseln.
Das Bündel als Fehler?
Hume betrachtete diese neue Darstellung des ‚Ichs‘ zunächst als eine seiner wichtigsten Erkenntnisse im Traktat und hob sie in seinem 1740 erschienenen Abstract of a Treatise of Human Nature hervor, welchen er in der Hoffnung verfasste, ein breiteres Publikum für sein Werk zu gewinnen. Doch kurz darauf widerrief Hume seine Darstellung im Anhang des Traktats, und bezeichnete sie als seinen einzigen nennenswerten Fehler darin. Nachdem er seine Kritik an der Substanzauffassung des ‚Ichs‘ noch einmal wiederholt hat, merkt er an, dass ein Problem auftritt, wenn er versucht, den Zusammenhang zwischen den Wahrnehmungen zu erklären. Seine bisherige Darstellung des empfundenen Zusammenhangs zwischen den Wahrnehmungen ist seiner Meinung nach sehr mangelhaft und weist Inkonsistenzen auf.
Es wurde bereits viel darüber geschrieben, worin genau der Fehler besteht, den Hume an seiner Darstellung ausgemacht hat. Es ist wichtig, hier die Kritik an Humes Position von einer exegetischen Analyse dessen zu trennen, worin Hume selbst seinen Fehler sah. Ein erster Punkt, der zu beachten ist besteht darin, dass es keinen Grund gibt anzunehmen, Hume habe die Radikalität seiner Ansicht als Grund angesehen, sie abzulehnen. Tatsächlich bekräftigt er im Anhang seine Kritik am substantiellen ‚Ich‘ und beharrt darauf, dass es nur die einzelnen Perzeptionen gibt.
Gleiches gilt meiner Meinung nach für die Interpretation, dass Hume erkannt hat, dass es etwas gebe, das seine Bündeltheorie des ´Ichs´ nicht erklären könne. So argumentiert beispielsweise Garrett (2011), dass Humes Bündel es ihm nicht erlaube, zwischen seinen eigenen Perzeptionen und denen anderer zu unterscheiden. Die Bündeltheorie kann daher keine Unterscheidung zwischen dem ‚Ich‘ und dem Anderen leisten. Dies ist zwar ein echtes Problem für eine Bündeltheorie des ‚Ichs‘, doch gibt es keinen Hinweis darauf, dass dies das Problem war, das Hume selbst sah. Weder in der Hauptpassage des Traktats noch im Anhang erwähnt Hume Perzeptionen, die nicht die eigenen sind.
Und dafür gibt es einen guten Grund. Hume unterscheidet zwischen zwei Arten, das ‚Ich‘ zu verstehen: Wir unterscheiden zwischen „persönlicher Identität, soweit sie unser Denken und unsere Einbildungskraft, und derselben Identität, soweit sie unsere Affekte und den Anteil, den wir an uns selbst nehmen, betrifft.“ (T 1.4.6.5, SBN 253). Was seine Bündel Theorie betrifft, geht es Hume ausschließlich um ersteres – also unsere gefühlte Identität, wenn wir reflektieren und über uns selbst nachdenken. Wenn wir versuchen, uns ein Bild von uns selbst zu machen, indem wir lediglich nachdenken und in uns hineinblicken, stoßen wir nur auf unsere eigenen Perzeptionen. Wenn ich in mich hineinschaue, muss ich nicht zwischen meinen eigenen Erlebnissen und denen anderer unterscheiden. Wenn ich jetzt auf den Bildschirm schaue, muss ich nicht zwischen meiner Erfahrung und der anderer unterscheiden oder feststellen, dass ich derjenige bin, der den Bildschirm sieht und nicht jemand anderes. Erst wenn ich über meinen eigenen Geist hinausblicke, wird die Unterscheidung zwischen ‚Ich‘ und Anderen relevant. Für Hume handelt es sich dabei jedoch um ein anderes Selbstverständnis, das im Affekt und nicht im Denken begründet ist. Diese alternative Auffassung vom ‚Ich‘, die Hume im zweiten Buch seines Traktats entwickelt, scheint weitgehend unabhängig von seiner Bündeltheorie zu sein. Und es gibt keinen Hinweis darauf, dass sein Rückzug von der Bündeltheorie im Anhang irgendwelche Konsequenzen für das affektive ‚Ich‘ hatte.
Unabhängig davon, was Hume für sein Problem hielt, beruft er sich letztendlich auf das „Privileg des Skeptikers“ (T App.21, SBN 636) und bietet keine Lösung an – auch wenn er hofft, dass eine Lösung möglich sein könnte. Er hält an seiner skeptischen Sichtweise fest, dass es kein substanzielles ‚Ich‘ gibt, und lässt damit offen, wie die Perzeptionen miteinander verbunden sind. So hinterlässt uns Hume eine sehr minimalistische Vorstellung vom ‚Ich‘, soweit es unser Denken betrifft. Bei der reinen Reflexion über das Denken löst sich das ‚Ich‘ in einzelne Wahrnehmungen auf. Erst wenn wir über uns selbst hinaus auf die physische und soziale Welt blicken und dabei unsere körperlichen Empfindungen einbeziehen, gelangen wir zu einer umfassenderen Vorstellung von uns selbst.
Julia Wolf ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Ruhr Universität Bochum und Postdoc in dem DFG Projekt RTG „Situated Cognition“. In ihrer Forschung beschäftigt sie sich mit der Philosophie des Geistes, sowie der Philosophie David Humes. Zurzeit nimmt sie eine Vertretungsprofessur an der Universität Osnabrück war.
Referenzen
Hume D. (1978) A Treatise of Human Nature, ed. L. A. Selby-Bigge and P. H. Nidditch 2nd ed. Oxford: Clarendon Press
Hume, David, (1739) Ein Traktat über die menschliche Natur. Buch I. Über den Verstand, Hamburg, 2013. (Meiner) Übersetzt von Theodor Lipps.
Garrett, D. (2011), “Rethinking Hume’s Second Thoughts on Personal Identity” in The possibility of philosophical understanding: Essays for Barry Stroud, New York: OUP.
1 Das Traktat über die menschliche Natur wird wie folgt zitiert: T Buch.Teil.Absatz, Seitenangabe der englischen Selby Bigge Edition, Seitenangabe der 2013 Meiner Edition.
