Die drei unterschiedlichen Formen des Bösen – Maimonides und Leibniz als jüdisch-christliche Symbiose

Von Dr. theol. Viktoria M. A. Vonarburg (Pastoralraum Region Aarau) –


Der jüdische Universalgelehrte Maimonides bzw. Rambam (1135/38–1204) stellte in seinem Werk Führer der Verwirrten (Moreh haNevukhim, MN) drei Arten des Bösen heraus. Diese Dreiteilung war wegweisend für die neuzeitliche Diskussion rund um das Böse: Denn Leibniz übernahm diese mit eigenen Akzentsetzungen in seinem 1710 erschienen Essay de Théodicée, ohne allerdings zu vermerken, dass sie auf den jüdischen Denker zurückgeht. Durch Leibniz fand sie breiten Eingang in die westliche Theodizee-Debatte. Die alte christliche Zweiteilung in natürliches und moralisches Übel wurde entscheidend erweitert.

Schauen wir uns zunächst die Grundlagen an, wie Leibniz sie bei Maimonides vorfand.

Das Böse bei Maimonides

Maimonides setzt sich im dritten Buch des MN mit dem Bösen auseinander. Bevor er eine Klassifizierung in unterschiedliche Formen vornimmt, widmet er sich der Frage, was das Böse überhaupt ist und woher es kommt: Das Böse ist eine Privation, also die Abwesenheit von etwas. Es hat nicht in sich eine Existenz, sondern ist parasitär. Es braucht einen Wirt, an dem es als Mangel auftreten kann. Maimonides bestimmt die Materie, die von Gott gut geschaffen wurde, als Wirt des Bösen: An der Materie kann ein Mangel auftreten. Der Rambam greift hier auf Plotin und Aristoteles zurück. Zentral ist das Anliegen, die biblische Aussage zu retten, dass alles, was Gott geschaffen hat, sehr gut ist (vgl. Gen 1,31). In der Überzeugung, dass das Böse keine eigene Existenz hat, sondern alles Geschaffene gut ist und das Böse nur als Mangel daran auftritt, stimmt Maimonides mit der christlichen Theologie überein (vgl. z. B. Augustinus und Thomas von Aquin). Letzterer verwendet für diese indirekte Erschaffung des Bösen im selben Atemzug mit der direkten Erschaffung des Guten den Begriff per accidens. Als Beispiel verweist der Rambam auf das Licht: Dieses wurde aktiv erschaffen. Gleichzeitig ist damit aber auch die Dunkelheit, der Schatten als Abwesenheit des Lichts „mitgeschaffen“. Tätigt man nämlich den Lichtschalter, wird das zuvor vorhandene Licht wieder weggenommen. In diesem Sinne lässt sich für Maimonides sagen, dass Gott zusammen mit der materiellen Welt auch das Böse erschaffen hat, das als Privation an der Materie auftreten kann.

Nach diesen grundsätzlichen Überlegungen widmet sich Maimonides in den Kapiteln 10–12 des dritten Buches des MN der Frage, welche Arten von Übeln es gibt:

Als Erstes führt Maimonides das metaphysische Übel an. Es besteht im Tod und ist mit der natürlichen Begrenztheit der menschlichen Natur verknüpft. Mit dem natürlichen Degenerationsprozess gibt Maimonides die aristotelische Sicht wieder. Zahlenmässig ist diese Form des Bösen die seltenste.

Die zweite Art von Übeln ist das soziale Übel. Krieg ist hier als ein Beispiel zu nennen. Es sind Übel, die Menschen gegenseitig aneinander verüben. Dieses Übel ist verbreiteter als das metaphysische. Dennoch kommt Maimonides zum Schluss, dass es immer noch relativ begrenzt ist in seinem Ausmaß. Angesichts der modernen Kriegsmaschinerie würde er dies aus heutiger Sicht wohl anders beurteilen.

Die dritte und letzte Form des Bösen macht Maimonides im individuellen Übel aus. Hier ist die Person selbst in der Verantwortung, indem sie z. B. Maßlosigkeit übt. In die dritte Kategorie des Bösen fallen für Maimonides körperliche und psychische Leiden. Hier wird das Böse als Abwesenheit eines Guten (z. B. der Gesundheit) sehr deutlich sichtbar. Diese dritte Form gibt somit die neuplatonische Sicht wieder.

In seiner Arzttätigkeit war er v. a. mit dieser dritten Form des Bösen konfrontiert, sodass er das individuelle Übel als die am weitesten verbreitete Form herausstreicht. Es mutet modern an, dass Maimonides nicht nur körperliche Krankheiten, sondern auch psychisches Leiden anspricht. Für Maimonides ist es unleugbar, dass Körper und Geist aufeinander einwirken, dass also eine psycho-somatische Verbindung besteht. Er ist überzeugt, dass nicht nur die Krankheit als solche zu behandeln ist, sondern der betroffene Mensch, indem er seine Wünsche zu lenken lernt und so zu einem gesunden Maß-Halten findet.

Dies gibt nur eine Seite der körperlich-seelischen Leiden wieder. Aus heutiger Sicht muss gesagt werden, dass ein großer Teil durch soziales Übel verschuldet ist, sei es durch Krieg oder durch Menschen gemachte Umweltverschmutzung, Klimaerwärmung, etc. Nicht die Verursacher selbst haben die entsprechenden Konsequenzen zu tragen, sondern die Leidtragenden sind Menschen an ganz anderen Orten der Welt (und auch zu anderen Zeiten).

Was auffällig ist: Maimonides hat eine anthropozentrische Fokussierung. Das Böse wird nur mit Blick auf den Menschen thematisiert. Es gibt keine allgemeinen Ausführungen, die auch auf Tiere oder die Umwelt zu übertragen sind. Dabei sind das zweite und das dritte Übel komplett der Verantwortung des Menschen unterworfen. Er hätte es in der Hand, diese beiden Übel komplett auszumerzen. Das metaphysische Übel dagegen könnte nur ausgeschlossen werden, würde Gott auf die Erschaffung von Materie verzichten. Der Mensch müsste also seine eigene Existenz verneinen, um dieses Übel verhindern zu können. Der Überlebenstrieb ist jedoch bekanntlich unser stärkster Motor. So könnte es gemäß Maimonides auch nicht in unserem Sinne sein, dass wir gar nicht erst existieren würden, nur um den Tod nicht erleiden zu müssen.

Nachdem Maimonides’ Gedanken bekannt sind, stellt sich die Frage, wie Leibniz die vorgefundene Dreiteilung adaptiert hat.

Das Böse bei Leibniz

Grundsätzlich betont Leibniz, dass es keine Welt ohne Übel geben kann. Denn Gott hat die beste aller möglichen Welten erschaffen. Im Rahmen einer Güterabwägung hat Gott sich für die Welt entschieden, in der eine möglichst große Zahl an Gütern bei gleichzeitig möglichst geringer Zahl an Übeln vorherrscht – diejenige aller theoretisch möglichen Welten also, die den größtmöglichen positiven Gesamtwert in der Abrechnung von Gütern und Übeln aufweist. Alleine die Tatsache, dass Gott die tatsächlich vorliegende Welt erschaffen hat, ist für Leibniz Grund dafür, dass diese auch tatsächlich die beste aller möglichen Welten ist. Es handelt sich hier also um einen Zirkelschluss. Er hält es für unmöglich, dass alle möglichen Güter zugleich nebeneinander bestehen können, sondern sich nur ein gewisser Teil auch wirklich miteinander verträgt. Mit dem vorgehenden Willen will Gott einzig das Gute. Mit seinem nachfolgenden Willen dagegen will er das Beste bzw. das Bestmögliche. Dieses kann auch Böses miteinschließen. Mit dem Entschluss zur Schöpfung der bestmöglichen aller Welten ist also automatisch auch die Faktizität von Übeln gegeben.

Auch Leibniz nennt in direkter Linie zu Maimonides das metaphysische Übel und definiert es als notwendig zur Beschaffenheit des Geschaffenen gehörig. Nur Gott ist vollkommen. Alles Geschaffene dagegen ist unvollkommen. Als Beispiel für diese Form des Bösen ist auch bei Leibniz der Tod zu sehen. Doch stellt es für ihn im Gegensatz zu Maimonides das häufigste aller Übel dar. Das metaphysische Böse ist damit unausweichlich.

Bevor die zweite Form des Bösen thematisiert wird, sprechen wir die dritte Form an: das moralische Übel. Hier kommt das Subjekt als Täter in den Blick. Es entspricht damit dem sozialen Übel bei Maimonides. Dieses Böse müsste es nicht geben. Es ist absolut kontingent. Gott trägt keinerlei Verantwortung dafür. Es ist der Mensch selbst, der mit seinem freien Willen dafür verantwortlich ist und sich in Freiheit dazu entscheidet. Gott lässt es lediglich zu, indem er dem Menschen die Freiheit gegeben hat und diese sodann auch gewährt – denn nur dann ist es tatsächliche Freiheit. Ein entscheidendes Moment des Willens, nämlich der Verstand, ist beim Menschen jedoch unvollkommen. Und genau hier kann es zu Bösem kommen. Durch ein Defizit im Erkennen entscheidet sich jemand für das vermeintlich Beste, das in Tat und Wahrheit aber ein Übel ist (vgl. das gnoseologische Übel bei Descartes). Es lässt sich damit kritisch hinterfragen, inwiefern hier dann noch von einer Verantwortung des Menschen gesprochen werden kann. Denn auch diesem Übel liegt letztlich die natürliche Beschaffenheit des Menschen zugrunde. Zwar ist damit noch nicht gesagt, dass, wann und wie jemand sündigt. Doch die prinzipielle Möglichkeit für das malum morale ist zugleich mit der Erschaffung des mit einem freien Willen ausgestatteten Menschen gegeben.

Als weitere Form des Bösen nennt Leibniz das physische Übel. Im Gegensatz zum metaphysischen Übel steht es in keinem notwendigen Kausalzusammenhang mit der Verfasstheit des Geschaffenen. Denn nicht alle sind tatsächlich von dieser Form des Bösen betroffen. Es ist kontingent, da nicht vorhersehbar ist, wen und wann es jemanden trifft. Als Beispiele dieser Form des Bösen verweist Leibniz auf Krankheiten und körperliche Missbildungen. Diese Form des Bösen will Gott als Mittel, so Leibniz. Denn es sind Strafen, die den Menschen aufgrund von Sünde treffen. Es ist also nicht wie bei Maimonides die eigene Maßlosigkeit, welche in direktem kausalem Zusammenhang ein entsprechendes physisches Übel verursacht.

Hat Maimonides alle Formen des Bösen mit Blick auf den Menschen thematisiert, richtet Leibniz den Blick ganz auf Gott: Im Fokus steht die Frage, warum Gott diese drei Formen des Bösen jeweils zulässt oder inwiefern er für diese verantwortlich zu nennen ist. Die größte Übereinstimmung besteht in der Bestimmung des metaphysischen Übels. Hier übersteigt Leibniz durch die jüdische Quelle die traditionelle christliche Sichtweise, welche den Tod als Strafe für die Erbsünde unter die moralischen Übel zählt.


Dr. theol. Viktoria M. A. Vonarburg ist derzeit Pfarreileiterin der röm.-kath. Pfarrei Hl. Familie Schöftland in der Schweiz.


Weiterführende Literatur zum Thema

Goodman, Lenn E.: Maimonides and Leibniz, in: jjs 31 (1980), S. 214–236.

Hermanni, Friedrich: Das Böse und die Theodizee. Eine philosophsich-theologische Grundlegung, Gütersloh 2002.

Hasselhoff, Görge K. / Fraisse, Otfried (Hrsg.): Moses Maimonides (1138–1204). His Religious, Scientific, and Philosophical Wirkungsgeschichte in Different Cultural Contexts, Würzburg 2004.

Vonarburg, Viktoria M. A.: De origine mali. Die biblisch-philosophische Herkunft des Bösen insbesondere bei Thomas von Aquin und Rabbi Moshe ben Maimon, Schoeningh 2018.