„Only Humean After All“ – Teil 3/3. Zum 250. Todestag von David Hume

Frank Brosow (PH Ludwigsburg) –


Am 25. August 1776 starb der schottische Philosoph David Hume in Edinburgh, der Legende nach in völliger Seelenruhe. Vielen gilt er als der bedeutendste Philosoph, der je auf Englisch geschrieben hat. Humes skeptische Sicht auf die philosophischen Probleme seiner Zeit zu kennen, gehört zum kanonischen Grundwissen, sie zu übernehmen, gilt in der akademischen Philosophie als naiv. Diese dreiteilige Artikelserie möchte allen (Nicht-)Skeptikern zeigen: Ihr wisst ja gar nicht, was ihr verpasst!


Wir haben bereits über Humes Theorien der Erkenntnis und der Moral gesprochen.1 Wir kennen seine Unterscheidung zwischen Eindrücken und Ideen, zwischen Beziehung zwischen Ideen und Tatsachen sowie zwischen Vernunft und Geschmack. Mit dem Beweis haben wir eine Kategorie der Erkenntnis über Tatsachen kennengelernt, die zwischen sicherem Wissen und bloßer Wahrscheinlichkeit liegt. Moralische Urteile haben wir als durch Affekte bewirkte, intersubjektivierbare Werturteile identifiziert, die von unseren Überzeugungen darüber abhängen, in welchem Grad die Charaktereigenschaften einer Person ihr selbst oder ihrem Umfeld angenehm oder nützlich sind.

Sodann haben wir gesehen, zu welchen skeptischen Schlüssen Humes empiristischer Ansatz in Bezug auf seine Theorie des Selbst, der Freiheit des Willens und der natürlichen Religion führt, und wie Hume seinen Empirismus dazu benutzt, seinen eigenen Skeptizismus zu mäßigen.2 Sprechen wir nun über die Anwendung all dieser Überlegungen auf die Bewertung von Humes moralischem Charakter und über die Lehren, die wir daraus für die Arbeit an aktuellen philosophisch-ethischen Problemen ziehen können.

1. Das mag in der Theorie richtig sein, aber die Anwendung auf die Praxis taugt nichts.

Auch nach 250 Jahren hinterlässt Humes Philosophie bei manchen Menschen noch immer einen solchen Eindruck, dass sie sich zu Humeanerinnen und Humeanern entwickeln. Das liegt nicht daran, dass Hume in allem, was er schreibt, Recht hätte. Es bedeutet auch nicht, dass die Lektüre seiner Schriften eine Fortführung der Diskurse, zu denen er sich geäußert hat, oder die Weiterentwicklung seines philosophischen Ansatzes obsolet macht. Hume gibt uns mit seiner Art des Philosophierens ein Werkzeug an die Hand, dessen Anwendung sowohl klassische Irrtümer der frühen Neuzeit als auch Irrtümer unserer eigenen Zeit zu entdecken und zu vermeiden hilft – sofern es in Verbindung mit aktuellen, wissenschaftlich gefilterten Erfahrungen sachgerecht verwendet wird.

Dies betrifft Fortschritte innerhalb der Philosophie, ihr Verhältnis zu anderen Wissenschaften und die Entwicklung der eigenen moralischen Persönlichkeit. Humes philosophiehistorische Bedeutung und interdisziplinäre Anschlussfähigkeit habe ich an anderer Stelle bereits hinreichend beleuchtet. (Brosow 2021, 122-132) Ich konzentriere mich hier daher auf den letzten der drei Punkte.

In einem Brief an William Strahan aus dem Jahr 1777 bezeichnet Adam Smith Hume als jemanden, „der dem Ideal eines vollkommen weisen und tugendhaften Mannes so nahe kam, wie es das Wesen menschlicher Schwäche vielleicht erlauben wird.“3 Wie groß diese menschliche Schwäche ist, offenbart die Lektüre des Essays „Of National Characters“, wo Hume in einer Fußnote seine Vermutung einer natürlichen Unterlegenheit der „negroes“ gegenüber den „whites“ äußert. (Es 208)4 Seine Begründung für diese Überzeugung macht zwei Dinge deutlich. Erstens, dass er sich auch in diesem Kontext bemüht, seine Überzeugungen an der Evidenz auszurichten. Zweitens, dass er dabei spektakulär scheitert, da er von Erfahrungen ausgeht, die (nicht erst aus heutiger Sicht) als einseitig und selektiv erkenntlich sind.

Wie bewertet man diesen Befund als Humeaner? Dieser Humeaner bewertet ihn so: Hume irrt hier, und er irrt schuldhaft. Sein Fehler ist nicht das Resultat einer falschen Philosophie, aber das Ergebnis schlampiger Anwendung der richtigen Philosophie. Die von Hume vertretene Überzeugung ist falsch, da sie der Erfahrung widerspricht. Hume hätte das schon zu seiner Zeit wissen können – und wissen müssen, worauf ihn bereits James Beattie, einer seiner schärfsten (und in anderen Punkten unfairsten) Kritiker, hingewiesen hat.5 Hume bleibt hier klar hinter seinen eigenen Ansprüchen als Empirist und Skeptiker zurück, und es ist angemessen, diese Äußerung Humes als rassistisch zu bezeichnen.6

2. Er verfehlte das Ideal eines vollkommen weisen und tugendhaften Rassisten.

Hatte Adam Smith Unrecht? War Hume nicht so weise und tugendhaft, wie er auf Zeitgenossen gewirkt hat? Eine humeanische Antwort auf diese Frage trägt zunächst dem Unterschied zwischen Vernunft und Geschmack Rechnung. Überzeugungen sind wahr oder falsch, nicht moralisch oder unmoralisch. So wie es nicht unvernünftig ist, die Zerstörung der Welt einem Ritz am eigenen Finger vorzuziehen (T 2.3.3.6; SBN 416), ist es nicht unmoralisch, falsche Überzeugungen zu haben. Unmoralisch können nur Motive und Charaktereigenschaften sein, sowie das Verhalten, aus dem wir auf sie schließen (weil es sich durch sie am besten erklären lässt). Hume war insofern kein tugendhafter Mensch, wie sein Charakter die allgemeine Tendenz hatte, ihm selbst oder seinem Umfeld unangenehm oder schädlich zu sein.

Nicht humeanisch wäre es, dieses Umfeld so weit zu fassen, dass die Wirkung auf heutige Leserinnen und Leser in die moralische Bewertung einfließt. Moralische Urteile sind diejenigen Werturteile, die von einem festen und allgemeinen Standpunkt der Betrachtung aus alle Menschen, deren Vernunft und Affekte ungestört arbeiten, zum selben Ergebnis führen. Als ein solcher Standpunkt kommt nur die Wirkung von Humes Charakter auf sein Umfeld zu seinen Lebzeiten in Frage. Von diesem Standpunkt aus können alle korrekt informierten Urteilenden aus allen Zeiten und Kulturen darüber einig werden, wie nützlich oder schädlich die allgemeinen Tendenzen von Humes Charakter tatsächlich waren.

(Sprech-)Akte ungeachtet ihrer Intention und Anbindung an den Charakter der moralischen Beurteilung zu unterziehen, unterläuft die humeanische Trennung von Vernunft und Geschmack. Wer rassistische Überzeugungen im privaten Gespräch oder Schriftverkehr ohne schädliche Motive gegenüber Personen äußert, denen dies nicht unangenehm ist, bleibt im Irrtum, begeht der Hume’schen Ethik zufolge aber kein moralisches Unrecht. Wird das Private ungeplant öffentlich und verletzt so Personen, für die es nicht gedacht war, so ist der Schaden real, aber keine Wirkung des Charakters.

Hume ist kein Handlungsutilitarist. Nach Humes Ethik handelt erst lasterhaft, wer derartige Äußerungen in Kontexten tätigt, in denen eine unangenehme oder schädliche Wirkung als allgemeine Regel (general rule) antizipierbar ist. (T 3.2.12.1–9; SBN 570–573) Dasselbe gilt, wenn jemand eine Person, der kein moralischer Rassismus vorzuwerfen ist, öffentlich als rassistisch bezeichnet, statt nur ihre rassistischen Überzeugungen zu korrigieren. Die Kultivierung eines Grades an Empfindlichkeit, der für Betroffene und ihr Umfeld unangenehm oder schädlich ist, wäre in beiden Fällen keine Tugend, sondern ein Laster.

Umgekehrt kann jemand rassistische Äußerungen tätigen, ohne rassistische Überzeugungen zu haben, z.B. im Streit oder um sich bei einer Peer Group beliebt zu machen. Hier liegt moralischer Rassismus vor, denn dieses Verhalten hat eine unangenehme und schädliche Tendenz, die das Ziel des Verhaltens ist oder billigend in Kauf genommen wird. So ein Rassismus basiert nicht auf falschen Überzeugungen oder realen Antipathien, sondern auf Unbeherrschtheit bzw. sozialem Opportunismus. Diese Laster der menschlichen Natur kann selbst die diskriminierungsfreiste Gesellschaft der Welt nicht ausrotten.

Die Bewertung einer Äußerung mit rassistischem Inhalt im Scherz hängt davon ab, welche Art von Sprechakt die Äußerung verwirklicht, ob der Humor inkludierend oder exkludierend ist, und ob die unangenehme Wirkung rassistischer Äußerungen durch Scherze dieser Art tendienziell gefördert oder abgemildert wird. Dass in diesen Fragen schwer Einigkeit zu erzielen ist, zeigt die Grenzen eines intersubjektiv einheitlichen Maßstabs des Geschmacks.

Die nächste Frage ist, wie eng die Motive, die zu negativem Verhalten führen, mit dem bewerteten Charakter verknüpft sind. Eine humeanische Ethik differenziert zwischen einzelnen lasterhaften Akten und lasterhaften Gewohnheiten. Die schlampige Anwendung eigener philosophischer Prinzipien ist schädliches Verhalten und widerspricht intellektuellen Tugenden. Der Blick auf Humes Gesamtwerk spricht jedoch nicht dafür, dass diese Schlampigkeit prägend für seinen gesamten Charakter war. Analog dazu hängt unsere Überzeugung, ob Hume ein moralischer Rassist war, von unseren Informationen über sein unmittelbares und mittelbares Verhalten gegenüber People of Color ab. Unsere Überzeugungen hierzu können ihrerseits wahr oder falsch sein, und auch hier liegt kein moralischer Fehler darin, die falsche Überzeugung zu haben, solange man nicht wissentlich unzureichenden Evidenzen folgt.

Wie schneidet Hume in diesem durch seine eigene Philosophie gesteckten Bewertungsschema nun ab? Meines Erachtens nicht gut genug. Selbst unter Berücksichtigung der aufgezeigten Differenzierungen kann die Forschung Hume nicht vom Vorwurf des moralischen Rassismus freisprechen.7 Sein Rassismus war charakterlich und philosophisch nicht so prägend, wie es sein Skeptizismus oder sein Empirismus gewesen sind. Hume hat uns keine rassistische Philosophie hinterlassen. Er ist nicht in derselben Weise Rassist, wie er Skeptiker oder Moralphilosoph ist. Auch hat er über viele Tugenden verfügt, die ebenso zur Gesamtbeurteilung seines moralischen Charakters gehören. Dennoch waren seine rassistischen Vorurteile zu stark, um ihn im Umgang mit People of Color (und anderen marginalisierten Gruppen) ausreichend tugendhaft sein zu lassen. Also ja, Hume war auch ein moralischer Rassist.

3. Fazit: Was ist der Mensch? – Fehlbar!

Was folgt daraus? Sicherlich nicht, dass man Humes Bücher aus dem Kanon verbannen sollte, weil sie von einem Rassisten geschrieben wurden. Hume gibt uns eine subtile Philosophie an die Hand, die uns hilft, viele traditionelle und aktuelle Probleme der Philosophie aus einer bereichernden Perspektive zu betrachten, sie mit empirischen Erkenntnissen anderer Disziplinen wie Moralpsychologie, Neurologie und Kognitionswissenschaften zu verbinden, Humes eigenes (punktuelles) Versagen sowie die Fehler anderer zu erkennen und über ihre und unsere eigenen Schmerzgrenzen hinaus zu analysieren.

Humes Beispiel führt vor, dass auch diejenigen von uns, die wir für Musterbeispiele von Tugend halten, diese Hilfe nicht vorschnell ausschlagen sollten, weil moralische Unvollkommenheit keine Ausnahme, sondern der Normalfall der menschlichen Natur ist. Hume ist ein Klassiker, weil seine Philosophie uns noch heute hilft, philosophisch und menschlich besser zu werden, als er selbst und viele andere vor und nach ihm es gewesen sind. Das ist Aufklärung! Wenn das einigen nicht reicht, um Hume zu seinem 250. Todestag – auch – positiv zu würdigen: „Don’t put the blame on (Hu)me!“


Frank Brosow ist Akademischer Oberrat und Fachkoordinator für Philosophie/Ethik am Institut für Philosophie der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg. Zu Humes Philosophie hat er neben diversen Vorträgen, Artikeln und Herausgeberschaften zwei Monografien verfasst: Hume. Eine Einführung, durchgesehene und erweiterte Neuausgabe, Stuttgart (Reclam) 2021; David Humes intersubjektivistisch-naturalistisches Verständnis von Normativität, Münster (mentis) 2014.


1 Siehe den ersten Teil dieser Artikelserie!

2 Siehe den zweiten Teil dieser Artikelserie!

3 Zitiert nach Streminger, Gerhard: Hume, Reinbek bei Hamburg 2003, 145.

4 Der Wortlaut der Fußnote ist online zugänglich: https://davidhume.org/texts/empl1/nc Die Clarendon Edition der Werke Humes zählt die Abschnitte und Absätze der Schriften Humes (im Traktat auch die drei Bücher und ihre Teile). Das ermöglicht das Auffinden von Textstellen auch in neueren, deutschen Ausgaben. Der Traktat über die menschliche Natur (T), die Untersuchung über den menschlichen Verstand (EHU) und die Untersuchung über die Prinzipien der Moral (EPM) werden zusätzlich nach der Seitenzählung der englischsprachigen Ausgabe von Selby-Bigge/Nidditch (SBN) zitiert, die Dissertation über die Affekte (OTP) und die Naturgeschichte der Religion (NHR) nur nach der Clarendon Edition. Die Essays Moral, Political and Literary (Es) werden nach der Ausgabe von Miller zitiert, die Dialoge über natürliche Religion (DNR) nach der von Bell.

5 Beattie, James: An Essay on the Nature and Immutability of Truth, in Opposition to Sophistry and Scepticism (1770), Teil III, Kapitel II.

6 Eine Überzeugung ist meinem Sprachgebrauch nach rassistisch, wenn sie (a) auf Kriterien wie Race basiert, (b) negativ und (c) falsch oder unzureichend belegt ist. Dass die Polizeibehörden in Deutschland 2026 ca. sechsmal mehr Gefährderinnen und Gefährder mit islamistischem Hintergrund als mit rechtsextremistischem Hintergrund beobachten (und ca. viermal mehr aus dem rechtsextremen als aus dem linksextremen Milieu), ist eine wahre und somit nicht rassistische Überzeugung. Die Überzeugung, dass dieses Verhältnis in rassistischen Motiven der Behörden gründet, kann ihrerseits wahr oder falsch sein, worüber nicht Affekte, sondern die Evidenz entscheidet.

7 Baggini, Julian: The Great Guide. What David Hume Can Teach Us about Being Human and Living Well, Princeston 2021, Teil 1.