Intellektueller Antisemitismus

August Bebel soll mal gesagt haben, „Der Antisemitismus ist der Sozialismus des dummen Kerls“. Die Vorstellung, dass es sich beim Antisemitismus um etwas „Dummes“ handelt, hält sich hartnäckig. Die intellektuelle Qualität der vielfältigen systematischen Abwertungen des Jüdischen von Augustinus über Luther, Kant und Heidegger bis in die Gegenwart steht dem entgegen, ist aber weiterhin kaum im Detail bekannt oder gilt als überwunden. Dies liegt auch daran, dass Judenfeindschaft häufig so sehr mit den sich selbst als „Antisemiten“ bezeichnenden politischen Bewegungen des späten 19. Jahrhunderts, dem Nationalsozialismus und der Shoah assoziiert wird, sodass die jahrhundertelange Geschichte der Judenfeindschaft zur „Vorgeschichte“ reduziert wird. 

Die gegenwärtigen Debatten um Judenfeindschaft an Universitäten nehmen wir zum Anlass, einen Schwerpunkt zum Thema Antisemitismus zu machen, der unsere Gegenwart vor dem Hintergrund der langen Tradition der intellektuellen Judenfeindschaft reflektiert. Bewusst soll dabei der Schwerpunkt vor 1933 liegen: Wie begründen unterschiedliche Denker:innen ihre Feindschaft gegenüber Juden:Jüdinnen? Wie versuchen Ihre Kritiker:innen dagegen anzuschreiben? Oder konkreter: Was können wir daraus lernen, dass der Verteidiger der Toleranz Voltaire gleichzeitig „die Juden“ verachtete? Was können wir heute aus Friedrich Nietzsches Kritik an der „edlen Entrüstung“ lernen? Welche Fortschritte hat die „Wissenschaft des Judenhasses“ seit Saul Ascher gemacht? Und was steht in Marx „Zur Judenfrage“?

Ziel des Schwerpunktes ist es, Kontinuitäten und Brüche in der Tradition antijüdischen Denkens aufzuzeigen und damit einen Beitrag zum Verständnis sowohl jener Tradition als auch – indirekt – unserer Gegenwart zu leisten.

Der Starttermin ist für diesen Herbst geplant. Beiträge oder Vorschläge könnt Ihr gerne an wamssler@praefaktisch.de schicken.