Baum werden – Mensch bleiben. Verwandlung und die Frage danach, wie viel Baum schon in uns steckt

Von Solvejg Nitzke (Ruhr-Universität Bochum) –


Ein Baum zu werden ist zugleich Traum und Albtraum. Die Verwandlung verspricht Größe und Dauerhaftigkeit, aber sie droht auch mit Verlusten. Im Vergleich zu Menschen wirken Bäume starr und unbeweglich, gar leblos, wenn man nicht genau hinsieht. Die Verwandlung kann schmerzhaft sein und ist vielfach gleichbedeutend mit einem Abschied vom Mensch sein selbst. Trotzdem ist die Literatur- und Kulturgeschichte voller Beispiele von Menschen, die als Baum leben möchten. Was treibt sie an? Und was versprechen sie sich von der Verwandlung?


Eigenschaftenverleih

Die Versuchung, sich zum Baum zu machen ist groß. Gerade Menschen, die ein langes Leben hinter sich haben, die sich eine gewisse Weisheit zuschreiben und ihren Ideen Dauerhaftigkeit verleihen möchten, neigen dazu, sich in Bäumen wiederzuerkennen. Arboreale Identifikation, wenn man so will, ist eine oft beiläufige Figur in Literatur und erzählenden Sachtexten. Dabei handelt es sich oft um männlich gelesene Menschen, die die Baumanalogie nutzen, um Status zu sichern bzw. denen die Arborealität, also Baumhaftigkeit, zugeschrieben wird, um etwas über ihre Haltung und ihre Position unter Menschen auszudrücken. So schreibt beispielsweise der Historiker Alexander Demandt die Kulturgeschichte des Baums (Der Baum, 2004) deshalb, weil er so viele Ähnlichkeiten zwischen Menschen und Megaflora entdeckt. Der Erziehungswissenschaftler und Autor Helmut Schreier beobachtet eine größere Nähe zu einer „tausendjährigen“ Eiche, je älter er selbst wird (Bäume. Streifzüge durch eine unbekannte Welt, 2004). Diese Art von Identifikation kann in Aneignung kippen, aber meistens geht es um den Ausdruck einer Affinität, in der immer auch ein bisschen Bedauern steckt, dass die Verwandlung außer Reichweite bleibt.

Die Sehnsucht, sich zum Baum zu machen, hat auch ihre unheimlichen Seiten. Menschen, die nicht nur im buchstäblichen oder rhetorischen Vorbeigehen mit Baumähnlichkeit spielen, sondern zu Bäumen gemacht werden, verlieren die Distanz und drohen damit, unheimlich zu werden. In Herman Melvilles Roman Moby Dick nutzt der Erzähler Ishmael den Baumvergleich als narratives Mittel. Er vergleicht Ahab, den Kapitän der Pequod, dessen Rachefeldzug gegen den weißen Wal den Kern der Romanhandlung bildet, mit einer Eiche. Allerdings nicht, weil Kapitän und Baum sich in Größe und Härte gleichen, sondern in ihrer Reaktion auf wärmeres Wetter. Selbst die „barest, ruggedest, most thunder-cloven old oak“ wird, wenn sie in „wintry, misanthropic woods“ von warmen Frühlingswinden berührt wird, grüne Triebe austreiben, „so Ahab did, in the end, a little respond to the playful allurings of that girlish air“ (Moby Dick, Kap. 28 „Ahab”). Der Vergleichspunkt ist interessant, denn die Attribute der Eiche – Härte, Größe, Alter, Blitznarbe und Misanthropie/Kälte – werden so als bereits Ahab eigen markiert. Soll heißen, der Vergleich des Verhaltens funktioniert, weil die Ähnlichkeit der anderen Eigenschaften bereits etabliert ist. Nicht nur ist das eine geschickte rhetorische Strategie, um Ahab-als-Eiche zu naturalisieren, anstatt ihm sichtbar solche Eigenschaften zuzuschreiben, sie dient auch dazu, dem irrationalen Verhalten Ahabs eine Dimension des Unausweichlichen zuzuweisen. Ahabs Isolation von anderen Menschen ist in diesem Bild nicht (nur) göttliches Schicksal (wie ein mythischer Blitz), sondern liegt in der Natur der Sache – Ahab-als-Eiche und Moby-Dick-als-Blitz (dem Wal hat Ahab seine eigene Narbe zu verdanken, so wie die Eiche im Vergleich vom Blitz gespalten wurde) bedingen sich gegenseitig als mythisches und natürliches bzw. naturalisiertes Paar. Würde man das Close-Reading dieser Stelle fortsetzen, ließe sich die „Arbeit am Mythos“ (Hans Blumenberg), die Erzähler und Roman hier leisten, nahezu ganz vom Baum aus lesen. Aber was für die Frage nach der Baumwerdung wichtig ist, ist, dass auch hier der Vergleich zwischen Baum und Mensch, wahrscheinlich sogar zwischen Baum und Mann, dazu führt, den Mann von anderen Männern/Menschen zu distanzieren. Ahab ist anders als andere Männer, selbst die härtesten Seeleute können (zumal auf dem Meer) keinen Eichenstatus beanspruchen. Mehr noch als die Könige und mythischen Helden, die sonst zum Vergleich herhalten müssen, ähnelt dieser Mann einem Wesen, das andere Menschen gerade nicht verstehen und umso mehr bewundern.

Dass der Vergleich hier über ein unerwartetes Merkmal geführt wird – also nicht Haltung und Größe, sondern die Neigung im Frühling Blätter auszutreiben, bzw. positiv auf „girlish air“ zu reagieren – ist auch bedeutsam, denn damit nimmt der Roman eine Strategie vorweg, die gegenwärtig bei niemand anderem als Peter Wohlleben zum Einsatz kommt. Der oft für seine Strategie der Anthropomorphisierung kritisierte Förster, das zeigt der Literaturwissenschaftler Johannes Wankhammer, ist auch deshalb so erfolgreich in seiner Darstellung des „geheimen“ Lebens der Bäume, weil er eben nicht die „üblichen“ Vergleichspunkte wählt, sondern wie in Melvilles Roman unerwartete Beziehungen zwischen arborealer und menschlicher Wahrnehmungs- und Verhaltensweise aufzeigt. Bei Wohlleben sind es z.B. Gehör und Sozialverhalten – hier sind die Bäume alles andere als misanthropische Einzelgänger –, die die Ähnlichkeit zwischen Baum- und Menschengemeinschaften darstellen, statt aufrechter Haltung oder Stärke.  Das macht den Vergleich in beiden Fällen nicht unbedingt plausibler, die Gefahr der Aneignung und Ausbeutung arborealer Eigenschaften als Ressource für allzu menschliche Zwecke bleibt bestehen, aber es zeigt erstens, dass der Baumvergleich immer beidseitig wirksam wird – wo ein Baum vermenschlicht wird, werden auch Menschen „verbaumt“ und umgekehrt – und außerdem, dass die Neigung zum Arborealen viel komplexere Begehren aufdeckt, als groß, hart und sehr alt zu werden.

Metamorphose

Diejenigen, die sich nicht nur metaphorisch in Bäume verwandeln, sind häufig marginalisierte Menschen, die aus eben der hierarchischen Gesellschaft flüchten, in der der Baumvergleich sonst zum Statussymbol wird. Die berühmteste dieser Figuren ist wohl Daphne, die in Ovids Metamorphosen von den erzwungenen Avancen des Gottes Apoll flieht. Der hatte den Gott Amor herausgefordert, der nun dem vermeintlich größeren Gott beweist, dass seine Pfeile mächtiger sind. Leidtragende ist die Nymphe Daphne, die sicher auch ohne Amors bleiernen Pfeil der Abneigung wenig Interesse an einer Affaire mit Apoll gehabt hätte. Ihr einziger Wunsch ist es nämlich, wie die Göttin Diana frei im Wald zu leben. Frei bedeutet vor allem, ohne männliche (Verfügungs-)Gewalt. Ihr Vater, der zunächst darauf pocht, sie „schulde“ ihm Kinder, lässt schließlich angesichts ihrer Not Gnade walten und verwandelt sie in einem Baum. So schön diese Metamorphose in vielen berühmten Darstellungen (z.B. der berühmten Bernini Statue) aussieht, so merkwürdig ist sie, denn sie stellt keine Transformation dar, die den Nymphenkörper in etwas vollkommen anderes verwandeln würde, sondern eher eine Art Aktivierung bereits vorhandener Arborealität:

„Kaum hat sie ihr Gebet beendet, da kommt über ihre Glieder eine lastende Starre. Um die zarte Brust legt sich dünner Bast. Das Haar wächst sich zu Laub aus, die Arme zu Ästen; der eben noch so flinke Fuß haftet an zähen Wurzeln, das Gesicht hat der Wipfel verschlungen: Allein der Glanz bleibt ihr“ (Ovid 2010, Buch 1, Vers 549–553).

Baum zu werden bedeutet für Daphne so etwas wie die Veränderung des Aggregatzustandes. Die Baumform ist bereits in ihrem Körper angelegt, so dass sich ihre Körperteile zu Laub, Ästen usw. auswachsen. Doch der letzte Satz – „Allein der Ganz bleibt ihr“ – verweist auf den Verlust, den das bedeutet. Sie entkommt Apoll weitgehend, auch wenn er sie trotzdem „besitzen“ kann, indem er aus ihren Blättern Lorbeerkränze für von ihm geehrte Männer flicht. Trotzdem verliert sie die (Bewegungs-)Freiheit, die ihr so lieb war. Auch andere Baumverwandlungen wie die der Plejaden (Phaetons Schwestern), die, um ihre exzessiven Klagen über den Tod des Bruders zu stoppen, in Pappeln verwandelt werden, klingen alles andere als begehrenswert. Vielmehr illustrieren Ovids Worte den Schmerz der Verwandlung und des Verlusts, den die Mutter spürt, während ihre Töchter ihr entzogen werden – denn, das eint Daphne und die Plejaden: Zum Baum zu werden bedeutet auch, nicht mehr Teil der Menschenwelt zu sein.

Algernon Blackwoods Erzählung „The Man Whom the Trees Loved” (1912) führt das ins Extrem. David Bittancy, ein ehemaliger Kolonialbeamter, und seine Frau Sophia leben ein ruhiges und zufriedenes Leben, bis sie auf einen Künstler treffen, der Davids Lieblingsbaum portraitieren soll. Davids bis dahin eher platonische Baumliebe gewinnt im Gespräch mit dem Künstler eine Dringlichkeit, die sich im Laufe der Geschichte auch materiell auswirkt. Sophia, eine fromme Christin, der die Weltgewandtheit des Künstlers und die zwischen ihm und ihrem Mann entstehende Intimität mit größter Sorge betrachtet. Die Intimität, die sie so besorgt, besteht nicht nur zwischen den Männern, sondern auch zunehmend zwischen ihrem Mann und den Bäumen – in beiden Fällen bleibt sie außen vor. Es ist aber nicht einmal seine Liebe für die Bäume, die sie so beunruhigt, sondern die Liebe der Bäume für ihren Mann. Der Text lebt von Überschreitungen heteronormativer und anthropozentrischer Ordnungen. Allerdings entwirft diese „weird tale“, so die Genrebezeichnung Blackwoods, keine lineare Überschreitung, die in gegensätzlichen, aber klaren Verhältnissen münden würde, sondern eine diffuse Auflösung der Verhältnisse. Die Intimität zwischen den beiden Männern löst im (durchaus homoerotisch konnotierten) Dialog zwischen Künstler und Rationalist die Grenzen von Vernunft und Wirklichkeit auf. So erweist sich auch das, was Sophia Bittancy für Davids Tropenfieber hielt, im Laufe der Erzählung als rauschhafte Reaktion auf die durch die Luft übertragenen Rufe der Bäume. Der Zustand, den sie für Krankheit hält, nimmt Davids Verwandlung vorweg, die aber nicht, wie bei Daphnes Metamorphose, von einer Form in die andere führt, sondern in die Unförmigkeit. Sie sieht hilflos zu, wie die Bäume David praktisch in sich aufsaugen. Für ihn, das wird ihr hier klar, ist das kein Verlust, sondern eine ekstatische Vereinigung, die lustvolle Auflösung seiner menschlichen Form.

Mensch bleiben

Es gibt aber auch Entwürfe, in denen es gelingt, Baum zu werden und Mensch zu bleiben. Sumana Roy zeigt in ihrem autobiographischen Versuch Wie ich ein Baum wurde (2020), dass die Verwandlung in einen Baum eine Frage der Haltung ist. Es geht gerade nicht darum starr oder bewegungslos zu werden, sondern von und mit Bäumen zu lernen, sich kritisch mit menschlichen Lebensweisen auseinanderzusetzen. Das kann durch Kunst und Studium geschehen aber vor allem auch durch Nachahmung. Es ist die Freiheit von menschlichen Zeitregimen und Verhaltenscodes, die Roy am Baumsein so reizt und die sie selbst in dem Moment findet, in dem sie aufhört, sich verwandeln zu wollen. Auch Roy aktiviert eine innere Arborealität, die anderen – in diesem Fall einem Vogel – erlaubt, sie als Baum zu erkennen, obwohl sie der Form nach ein Mensch geblieben ist.

Kim de L’Horizons autofiktionaler Roman Blutbuch (2022) entwirft zunächst ein unheimliches Baumverhältnis, in dem das kindliche Ich der Erzählstimme dem erwachsenen Ich wie eine Märchenfigur begegnet. So gelingt es der erwachsenen Person die Nähe des Kindes zum Baum im Garten der Grossmeer (Großmutter) zu beobachten und sich durch die Auseinandersetzung wieder vom notwendigen Baumsein loszuschreiben. Die monströse Größe des Baums, die Intimität zwischen Kind und Blutbuche werden hier aber nicht bloß zum metaphorischen Angebot, sondern zur Auseinandersetzung mit der Erwartung an ein Kind, dem ein Geschlecht zugeschrieben wird, ohne dass dieses sich in der binären Opposition von Mann und Frau wiederfinden kann. Aber der Baum bietet dem Kind eine Seinsweise an, die ohne diese Unterscheidung auskommt, wenn auch um den Preis, dem streckenweise monströsen Baum immer ähnlicher zu werden. Kim (die Erzählfigur) setzt eine ähnliche Strategie ein wie Sumana Roy. Kim recherchiert einen Sommer lang alles, was über Blutbuchen, die eigene Familie und deren Beziehung zu finden ist. Dabei gelingt es der erwachsenen Person, die „Blutbuchenmadness“, die David Bittancys lustvollem Baumfieber sehr ähnlich ist, als Zwischenraum zwischen Baum- und Menschsein zu öffnen, ohne entscheiden zu müssen, welcher Seite Kim angehört. Das erklärte Ziel des Romans ist nämlich nicht Auflösung oder Aufklärung, sondern „einen zungengroßen Unterschlupf in das Bestehende, in das Vererbte hauen, gross genug, dass mensch darin tanzen kann“ (58).

Damit öffnen Roy und de L’Horizon jeweils neue Perspektiven auf das Baumwerden, die sich der Logik von Aneignung im Eigenschaftenverleih und Flucht in die Metamorphose widersetzen. Beide Texte lösen Genre- und Körpergrenzen auf und verlieren dabei nicht sich selbst, sondern gewinnen eine arboreale Perspektive, die es am Ende erlaubt, nicht nur Mensch zu bleiben, sondern auch Bäume Baum sein zu lassen.


Dr. habil Solvejg Nitzke ist Literatur- und Kulturwissenschaftlerin und vertritt derzeit die Professur für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaften an der Ruhr-Universität Bochum. Sie interessiert sich auch deshalb so sehr für Bäume, weil sie immer wieder in Frage stellen, was Form, Genre und Wissen eigentlich sein können. Diese Fragen stellt sie in ihren Büchern über Baumbeziehungen in der Literatur Fremde Verwandtschaft. Eine Kulturpoetik der Bäume (Wallstein 2025) und über populärwissenschaftliche Baumtexte (Making Kin with Trees. A Cultural Poetics of Interspecies Care, Palgrave 2025). In ihrem Portrait Farne (Matthes & Seitz Naturkunden, 2024) überschreitet sie selbst die Grenzen wissenschaftlichen Schreibens.

Bluesky/Instagram: @NitzkeSolvejg

Web: https://ecologies.hypotheses.org/