Philosophie ist ein Kreis

Von Ana-Silvia Munte (Tübingen)


„It is sometimes said, either irritably or with a certain satisfaction, that philosophy makes no progress. It is certainly true, and I think this is an abiding and not a regrettable characteristic of the discipline, that philosophy has in a sense to keep trying to return to the beginning: a thing which is not at all easy to do.“

Iris Murdoch, The Idea of Perfection[1]

  • Was ist Philosophie?
  • Philosophie ist ein Kreis, antwortete Nora.
  • Ein Teufelskreis? fragte ich.
  • Was ist ein Teufelskreis?
  • So etwas, wie eine Tautologie, nur schlimmer. Was ich damit meinte, konnte ich mir selbst nicht erklären, geschweige denn einer anderen Person. Ich kehrte also zu ihrer ursprünglichen Definition zurück: Wie meinst du es, dass Philosophie ein Kreis ist?

Nora hörte auf, abwesend mit dem Stock gegen den Zaun zu schlagen; als ob sie ihre Energie für die Antwort sparen musste.

  • Sie ist ein Kreis, weil man immer wieder auf den Punkt zurückkommt, von dem man angefangen hat. Die Antwort überraschte mich.
  • Findest du das nicht schlecht?
  • Nein. Der Stock, erneut zum Einsatz. Jedes Mal, wenn man zurückkommt, wird der Kreis größer, sagte sie mit erschütternder Selbstverständlichkeit. In mir entstand das Bild eines pumpenden Herzens. Ein Herz, ein wachsendes Herz, das mit jedem Schlag größer wird. Durch Noras Worte wurde die flache Geometrie zum Leben.  

Das Philosophiestudium bringt einem das kritische Denken bei. Das ist, was ich den interessierten Abiturient*innen erzählte. Man lernt, was es heißt, selbst zu denken. Aus verschiedenen Perspektiven zu denken. Man lernt, hoch komplexe Texte zu lesen und vernünftig – und dabei meinte ich verständlich – darüber zu schreiben. Das ist das Philosophiestudium. Das Philosophiestudium ist jedoch nicht die Philosophie. Was ist Philosophie? Zum Glück stellte niemand diese Frage. Was ist Philosophie? Es hängt davon ab, wen man fragt. Ich fragte Nora, meine neunjährige Mitbewohnerin. Ich sehnte mich nach einer verkörperten Antwort. Eine überzeugende, nicht weil schlüssige oder gelehrte, sondern weil gelebte Antwort.

Wortwörtlich heißt „Philosophie“ die Liebe zur Weisheit. Das Wort stammt aus dem Altgriechischen: philia, die Liebe, und sophia, die Weisheit. Die Philosophie ist die Liebe zur Weisheit – zum Beginn des Philosophiestudiums akzeptiert man diese Definition, ohne lange darüber nachzudenken, was Weisheit konkret bedeutet, wobei man die Liebe fast immer gänzlich ausklammert. Man denkt zum Beispiel nicht darüber nach, dass Weisheit und Liebe keine theoretischen, sondern praktische Haltungen sind; auszuübende Aktivitäten, die eher Wachsamkeit und Aufmerksamkeit als Gelehrsamkeit und Scharfsinn fordern.  Mit der Zeit vergisst man die Weisheit und man lernt, von Wissen zu reden, von Wahrheit, Objektivität, Reflexion, begrifflichen Klärungen und Analysen. Man meint dadurch, die Philosophie in konkreteren, bescheideneren Rahmen gefasst zu haben. Man braucht sich nicht mehr zu fragen, was die Philosophie ist, weil man es die ganze Zeit tut. Das Reflektieren, das Analysieren, das Diskutieren; das Philosophieren wird genauer, präziser, schärfer. So scharf, dass man sich leicht verletzen kann, vor allem dann, wenn man die spezifische Sprache nicht spricht. Im Studium und vor allem nach dem Studium wird diese Sprache, die eigene philosophische Sprache, immer technischer und der Kreis der Mitphilosoph*innen immer kleiner. Ein schrumpfender, kein wachsender Kreis. Ist das der Teufelskreis?     

  • Was macht eine philosophische Geschichte aus?
  • Wie meinst du das?

Für einen Moment fürchtete ich, dass für Nora alle Geschichten philosophisch sind, eine These, mit der ich sympathisiere, die uns in diesem Fall aber gänzlich nutzlos gewesen wäre. Das meinte sie nicht. Es war bloß, meine Art zu fragen, die befremdlich wirkte. Ich probierte es erneut.

  • Du sagst oft, dass du philosophische Geschichten magst. Stimmt’s?
  • Ja.
  • Aber nicht alle Geschichten sind philosophisch, oder?
  • Nein.
  • Meine Frage ist: Was ist der Unterschied zwischen den philosophischen und den nichtphilosophischen Geschichten?
  • Bei philosophischen Geschichten hat man am Ende mehr Fragen als Antworten.

Ich musste schmunzeln.

  • Findest du das nicht nervig?

Sie, ernst.

  • Nein. Weil man immer wieder darüber nachdenken kann. Wenn man Zeit hat. Ich brauche viel Zeit zum Nachdenken.

Zeit. Das ist etwas, das Liebe und Weisheit gemeinsam haben. Ein besonderes, leibliches Verhältnis zur Zeit; keine Temporalität, kein Fließen aus der Vogelperspektive, keine Anschauungsform, sondern Geduld. In den Worten Simone Weils: „Nicht neue Dinge begreifen wollen, sondern durch immer größere Geduld dahin gelangen, die offenkundigen Wahrheit mit seinem ganzen Selbst zu begreifen.“[2] Ist das die Liebe zur Weisheit? Und worin bestehen diese offenkundigen Wahrheiten, die wir mit Geduld und dem ganzen Selbst zu begreifen haben?

  • Was wäre ein Beispiel für eine philosophische Frage?

Nora macht einen Halt. Das Gehen hilft nicht immer zum Nachdenken. Manchmal muss man einfach stehen und starren. Gemeinsam starrten wir den herbstlichen Weg an, bedeckt mit allen unseren Lieblingsfarben. Ich dachte an jenen Sommertag zurück, als wir denselben Weg durchliefen und Nora sich weigerte, meine Nachfrage zu beantworten. Es ging um Langeweile, genauer um den Unterschied zwischen langweiligen und nicht langweiligen Persönlichkeiten (meine wurde in der ersten Kategorie eingeordnet, daher mein besonderes Interesse an der Thematik).

  • Nicht alle Fragen haben eine Antwort, sagte sie mürrisch.
  • Meinst du? Was wäre ein Beispiel für eine Frage, von der man sicher sagen kann, sie hat keine Antwort?
  • Wie sieht das Nichts aus? Sie antwortete ungestört, wie eine Spielerin, die mit ihrem Zug dermaßen vertraut war, dass sie an der Perplexität ihrer Gegnerin keinerlei Lust mehr empfand. Das war jedoch nicht ihr Beispiel für eine philosophische Frage.

Nora fängt an, verträumt, aber nicht unkonzentriert, über die Unendlichkeit zu reden.

  • Das ist schwer. Das Universum zum Beispiel. Es geht immer weiter. Nach jedem Stern gibt es noch mehrere Sterne und dann noch mehrere, so stelle ich mir die Unendlichkeit vor. Das Universum wächst immer weiter.

Noras Worte erinnerten mich an meine ersten Grübeleien über die Unendlichkeit. Ängstlich und schlaflos lag ich im Kindheitsbett und starrte die Decke an. Mein Zimmer kam mir wie ein Sarg vor. Kurz davor lernte ich, was ein Friedhof ist, und der Tod, von dem ich nichts verstand, beschäftigte mich sehr. Das Zimmer kam mir wie ein Sarg vor. Ich liege in einem Sarg. Dieser Gedanke war der Ausgangspunkt für meine erste Auseinandersetzung mit der Unendlichkeit. Das Zimmer ist Teil der Wohnung. Die Wohnung ist auch ein Sarg. Die Wohnung Teil des Hochhauses, ein größerer Sarg; dieser ist Teil der Stadt, die Teil eines Landes, eines Kontinents, eines Planeten ist. Die Welt kam mir wie eine endlose Kette an Särgen vor.

Der Raum als Sarg. Das ist bestimmt nicht, was Hegel im Sinn hatte, als er am Ende seiner Vorrede zur Rechtsphilosophie schrieb, dass die Philosophie ihr Grau in Grau male.[3]

  • Was ich mich frage – führte Nora ein – woher kommt der Raum, in dem das Universum wächst?
  • Ist das dein Beispiel für eine philosophische Frage?
  • Ja.
  • Sehr spannende Frage. Wie wäre es mit: Der Raum wird mit dem Universum geboren?

Ein neuer Halt, dieses Mal für ein gegenseitiges Lächeln, das besagt, dass etwas Unvorstellbares plötzlich Sinn ergibt, ohne genauer sagen zu können, wie. Nora bricht die Stille.

  • Und schon ist mein Kreis größer geworden.

Für Nora ist die Philosophie bunt, für Hegel grau. Grau, weil nüchtern, abstrakt, immer mit einem Schritt hinter dem Leben, dessen Entwicklung sie in Begriffe fassen sollte: „Wenn die Philosophie ihr Grau in Grau malt, dann ist eine Gestalt des Lebens alt geworden, und mit Grau in Grau läßt sie sich nicht verjüngen, sondern nur erkennen; die Eule der Minerva beginnt erst mit der einbrechenden Dämmerung ihren Flug.“ In diesen Zeilen wehrt sich Hegel gegen jene Vorstellungen von Philosophie, die behaupten, sie solle sagen, wie die Welt zu sein habe. Das stehe ihr nicht zu. Sie beschäftige sich vielmehr mit der Wirklichkeit, mit ihrer Zeit, die sie in Gedanken zu fassen habe. Dies wird nicht selten so verstanden, als habe die Philosophie bei Hegel mit der Gestaltung der Zukunft nichts zu tun. Aber was bestimmt unsere Zukunft mehr als die Art und Weise, wie wir unsere Vergangenheit verstehen?

  • Weißt du, was ich mich frage? Wir waren fast an unserem Ziel angekommen, aber das Gespräch war bei weitem nicht zu Ende.
  • Was?
  • Was ist der Unterschied zwischen einer philosophischen Frage und einem Ohrwurm?

Ana-Silvia Munte ist Doktorandin am Lehrstuhl für Philosophie mit dem Schwerpunkt Kant und Deutscher Idealismus der Universität Tübingen.



[1] Murdoch 1971, S. 1.

[2] Weil 1952, S. 158.

[3] Vgl. Hegel 1970, S. 28.


Literatur

Hegel, G. W. F. (1970). Grundlinien der Philosophie des Rechts oder Naturrecht und Staatswissenschaft im Grundrisse. Werke in 20 Bänden, Bd. 7, Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Murdoch, I. (1971). “The Idea of Perfection”. In The Sovereignty of Good (S. 1–42), London: Routledge & Kegan Paul.

Weil, S. (1952). Schwerkraft und Gnade (F. Kemp, Übers.). München: Piper.