Der blinde Fleck der Wachstumsdebatte: die Tiere

Von Dominic Roser (Universität Fribourg) und Xenia Tränkle (Universität Luzern)

Das Wirtschaftswachstum der letzten zweihundert Jahre hat die Welt unfassbar verändert: sinkende Kindersterblichkeit, wachsende Freiheiten, radikalere Risiken, entfremdete Naturbeziehungen – und so fort. Der Wachstumsdiskurs hat die ganze Bandbreite an Folgen in allen Nuancen durchdiskutiert. Die ganze Bandbreite? Nein! Um ein Thema blieb es fast völlig still: das Wohlergehen der Tiere.

Leider gibt es keine offensichtlichen Antworten

Natürlich drehten sich die Wachstumsdebatten auch um Themen, die mit Tieren zu tun haben, wie zum Beispiel Artenvielfalt, Umweltqualität oder menschliche Dominanz. Aber der Zusammenhang zum Tierwohl blieb indirekt – es ging letztlich nicht um das Wohl oder die Rechte der einzelnen Tiere selbst. Denn auch wenn die Artenvielfalt sinkt, die Umweltqualität abnimmt oder der Mensch dominanter wird, so lässt das vorerst einmal offen, ob diese Trends für die Tiere gut oder schlecht sind. 

Das Beispiel der Pottwale zeigt, wie unvorhersehbar die Auswirkungen des Wachstums auf die Tiere sind. Im 19. Jahrhundert wurden je länger je mehr Pottwale gefangen. Der Grund dafür war die Nachfrage nach Wal-Öl für Lampen – eine klare Folge des anbrechenden Wirtschaftswachstums. Doch die Walfänge gingen Ende des 19. Jahrhunderts wieder zurück, weil Kerosin als Ersatz für Walöl auftauchte. Dieser technologische Fortschritt war Bestandteil der Industrialisierung. Dann führten weitere Fortschritte wie effizientere Fangmethoden in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu einem erneuten und rasanten Anstieg von Pottwalen-Tötungen – bis diese in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts wiederum einbrachen, weil der wirtschaftliche Fortschritt neue technologische Substitute für Walöl hervorbachte. 

Wirtschaftswachstum ist also nicht offensichtlich schlecht oder gut für die Tiere. In diesem Beitrag versuchen wir, wenigstens ein bisschen Licht ins Dunkel zu bringen: Wir beleuchten zuerst einige potentielle negative Folgen des Wachstums für die Tiere und danach einige potentielle positive Folgen. 

Ein Fächer an möglichen Auswirkungen des Wachstums auf die Tiere

Negative Folge 1: Fleischkonsum. 

Wirtschaftswachstum führt zu mehr Konsum von Fleisch und anderen tierischen Produkten. Einerseits bedeutet Wachstum für ärmere Länder auch Bevölkerungswachstum. Mehr Menschen auf der Erde konsumieren mehr Nahrung. Und wichtiger: Mit steigendem Wohlstand ernähren sich die Menschen einerseits proteinreicher und andererseits beziehen sie einen grösseren Anteil des Proteins aus Tieren. Allerdings sind diese Effekte beschränkt: das Bevölkerungswachstum und das Wachstum des tierischen Proteinkonsums stossen an gewisse natürliche Grenzen.

Negative Folge 2: Schlechtere Bedingungen. 

Der technologische Fortschritt, der mit dem Wirtschaftswachstum einhergeht, macht die Nutztierhaltung effizienter. Es liegt auf der Hand, dass das im Allgemeinen zu einer Intensivierung der Tierhaltung mit mehr Tierleid führt. Das ist natürlich keine strikte Notwendigkeit: der technologische Fortschritt erlaubt es beispielsweise auch, Eier mit männlichen Embryonen früh auszumustern statt die geschlüpften männlichen Küken zu töten. Im Allgemeinen jedoch wird eine gesteigerte Effizienz wohl auf Kosten der Tiere gehen. 

Negative Folge 3: Tierfeindliche Haltungen. 

Was macht das Wachstum mit den Menschen und ihrer Haltung zu Tieren? Wachstum könnte Menschen ganz allgemein konsumorientierter und selbstzentrierter machen. Es könnte eine Sicht von Tieren als Ware zur menschlichen Bedürfnisbefriedigung begünstigen. Solche Haltungen könnten den Tieren sowohl als Folge wie auch als Ursache des Wirtschaftswachstums schaden. 

Positive Folge 1: Innovation. 

Nicht nur die Fleischindustrie wird dank technologischem Fortschritt effizienter, auch Fleischersatzprodukte werden besser: Innovationen könnten pflanzliche Proteinquellen günstiger, gesünder und feiner machen. Das birgt ein großes Potential für das Tierwohl. Auch weitere tierische Nutzungen wie Milch, Eier, medizinische Experimente etc. könnten aufgrund technologischer Substitute obsolet werden. Anders als beim steigenden Fleischkonsum sind beim technologischen Fortschritt keine offensichtlichen Grenzen in Sicht. Während in Bezug auf die Umwelt einige Skepsis bezüglich “Techno-Optimismus” angebracht ist, ist in Bezug auf Tierwohl solch grundsätzliche Skepsis weniger offensichtlich angebracht.

Positive Folge 2: Regulierung. 

Damit es den Tieren besser geht, kann man nicht nur auf blinde technologische oder psychologische Prozesse vertrauen. Es braucht auch Regulierung. Und Regulierung braucht stabile, funktionsfähige politische Institutionen. Gemäss Nobelpreisträger Daron Acemoglu sind entsprechende Institutionen aber eine zentrale Ursache für Wirtschaftswachstum. Sie sind auch eine Folge davon. Man könnte also vermuten, dass in einer wachsenden Wirtschaft die für das Tierwohl notwendigen Regulierungen eher möglich sind.  

Positive Folge 3: Tierfreundliche Haltungen. 

Ein wachsender Lebensstandard könnte es psychologisch einfacher machen, Verzicht und stärkere Tierwohlgesetze zu bejahen. Dazu kommt: Mit höherem Einkommen steigt die Bildung sowie das forschungsbasierte Wissen über die Tiere und das könnte das ethische Bewusstsein für Tierwohl ebenfalls erhöhen.  

Wir haben eine Reihe von möglichen Folgen des Wirtschaftswachstums betrachtet. Es ist äußerst schwierig, die Größenordnung dieser Effekte abzuschätzen. Ein Fazit ist deshalb, dass dringend mehr Forschung zu diesen Fragen nötig ist. Bis mehr Wissen darüber vorhanden ist, können wir aber schon mal fragen, ob gewisse dieser Effekte das Potential haben, die Lage für die Tiere nicht “bloß” doppelt so schlimm oder oder doppelt so gut zu machen, sondern um ganze Größenordnungen zu verändern. Es gibt zwei Kandidaten dafür, die beide im technologischen “Fortschritt” wurzeln: einerseits die effizientere und damit brutalere Nutztierhaltung und andererseits die Verdrängung der Nutztierhaltung aufgrund attraktiverer und preiswerterer Ersatzprodukte.

Ethische Stolpersteine

Um eine Wachstumsethik aus Tierperspektive überhaupt in die Gänge zu bringen, haben wir massiv vereinfacht. Wir prüfen nun einige Stolpersteine, die auf die Schlussfolgerung einen großen Einfluss haben könnten. 

Stolperstein 1: Tierwohl oder Tierrechte?

Man könnte vermuten, dass es einen großen Unterschied macht, ob sich die zugrunde liegende ethische Theorie auf das Tierwohl oder auf Tierrechte bezieht. Aber unsere obigen Erwägungen sind derart allgemeiner Natur, dass sie aus beiden Perspektiven ein großes Gewicht haben. Ob der Ausblick eher deontologisch oder konsequenzialistisch ist, macht nicht offensichtlich einen großen Unterschied.

Stolperstein 2: Zählt die Anzahl Tiere?

Wir sind bisher implizit davon ausgegangen, dass ein Rückgang der Nutztierhaltung ethisch wünschenswert ist. Ein Rückgang der Nutztierhaltung bedeutet aber, dass viel weniger Tiere geboren werden. Ob das ethisch wünschenswert ist, führt in philosophisch erstaunlich verwirrende Dickichte. Nicht zuletzt könnte die Antwort darauf davon abhängen, ob es den Nutztieren so schlecht geht, dass es für das einzelne Tier besser wäre, nie geboren zu sein – was dann neben den ethischen Fragen fast unlösbare empirische Fragen aufwirft. Dieser Stolperstein beeinflusst das Gesamtfazit enorm, weil das Wachstum einen größeren Effekt auf die Anzahl Tiere haben könnte als auf deren durchschnittliches Wohlergehen.  

Stolperstein 3: Zählen Wildtiere?

In der akademischen und öffentlichen Tierdiskussion werden Wildtiere oft nur am Rand erwähnt, obwohl sie viel zahlreicher als Nutztiere sind. Diese Ungleichbehandlung steht auf argumentativ wackligem Fundament. Und sogar wenn es gute Gründe für eine Priorisierung der Nutztiere gäbe – zum Beispiel weil die Menschen für ihr Tun größere Verantwortung tragen als für ihr Unterlassen – ist es nicht klar, dass diese Gründe für die spezifische Frage einer Wachstumsethik einschlägig sind. Sobald man die Verkleinerung der Lebensräume für Wildtiere aufgrund des menschlichen Wachstums mit einbezieht, kann sich die ethische Bewertung sehr verändern. So könnte Wachstum zum Beispiel positiv bewertet werden, weil Wildtiere eine derart schlimme Existenz haben, dass es als ethischer Fortschritt gilt, wenn ihre Populationen nicht unnötig groß sind. Oder Wachstum könnte positiv bewertet werden, weil der menschliche technologische Fortschritt für die Wildtiere zwar schlimm sein könnte, aber gleichzeitig auch fast das einzige Szenario ist, das langfristig zumindest eine kleine Chance bereithält, sie aus der Brutalität der freien Wildbahn zu befreien.  

Stolperstein 4: Unwahrscheinliche Extremszenarien
Wirtschaftswachstum erhöht sowohl die Wahrscheinlichkeit einer radikalen Vergrößerung der Menschheit (durch Weltallbesiedelung) wie auch einer radikalen Verkleinerung (durch Auslöschungsrisiken – was aber umstritten ist). Der Zeitpunkt einer allfälligen Weltallbesiedelung könnte dabei einen grossen Unterschied machen: Wenn diese erst in ferner Zukunft geschieht, dann könnte das Problem des Tierleids bis dahin gelöst sein, statt dass die Tierausbeutung weit über den Herkunftsplaneten hinaus skaliert wird. Auch könnte die Menschheit bis dahin wissen, wie sie die Besiedlung lebloser Planeten mit Mikroben – welche ähnlich blutige evolutionäre Verläufe wie auf Erden anstoßen würden – vermeiden kann. 

Fazit

Auf den ersten Blick könnte man Wachstum als offensichtlich negativ für die Tiere bewerten. Aber es wäre verfehlt, Intuitionen und Argumente aus dem Kontext der Umwelt und des menschlichen Wohlergehens einfach 1-zu-1 auf den Tierkontext zu übertragen. Zum jetzigen Zeitpunkt ist vor allem eine Auslegeordnung möglich: vieles spricht für negative Folgen, vieles für positive Folgen. Unter dem Strich ist das Fazit, dass bisher noch kein klares Fazit möglich ist. Ein solches Fazit wäre aber dringend nötig – und wir hoffen, dass mehr Aufmerksamkeit für das Thema dazu führen wird.

Zu den Personen

Dominic Roser ist Lehr- und Forschungsrat an der Universität Fribourg. Er arbeitet u.a. zu Klimagerechtigkeit, Wirtschaftswachstum und KI-Ethik. Zuletzt erschienen: Besser um die Zukunft streiten (Hanser 2026; gemeinsam mit Barbara Bleisch, Kirsten Meyer, Stefan Riedener und Christian Seidel). 

Xenia Tränkle studiert Ethik an der Universität Luzern und arbeitet als Lehrerin. Sie ist Migründerin der ethicSociety Switzerland.