
Exzessive Zukunftsorientierung als Ausdruck von zu viel Selbstkontrolle?
Von Hannah Altehenger (Umeå) –
Es ist die Zeit der Neujahrsvorsätze und so manch eine/r denkt vielleicht: „Ich wünschte, ich hätte mehr Selbstkontrolle.“ Doch diesem Gedanken folgt eventuell ein zweiter: „Vielleicht ist es gut, dass ich nicht mehr Selbstkontrolle habe. Kann man nicht auch zu viel Selbstkontrolle haben?“
Die Idee, dass man zu viel Selbstkontrolle haben kann, scheint ein fester Bestandteil unseres alltäglichen Denkens über Selbstkontrolle zu sein. Genauer scheint die Auffassung weit verbreitet zu sein, dass es eine Art goldene Mitte in Hinblick auf Selbstkontrolle gibt: Es gibt ein bestimmtes Level an Selbstkontrolle, das man weder unter- noch überschreiten sollte. Aber hält diese Idee einer genaueren Betrachtung stand?
Eine erschöpfende Diskussion der Position, dass man zu viel Selbstkontrolle haben kann, ist im Rahmen dieses Beitrages leider nicht möglich (siehe aber Altehenger 2025). Daher werde ich mich im Folgenden auf eine populäre Version dieser Position konzentrieren. Diese Version besagt, dass ein sehr hohes Level an Selbstkontrolle mit einer exzessiven Zukunftsorientierung einhergeht, die wiederum beträchtliche „hedonische Verluste“ mit sich bringt. Zu viel Selbstkontrolle führe daher, salopp formuliert, zu einer freud- und vergnügungsarmen Existenz.
Einige Beispiele helfen dabei, diese Position besser zu verstehen. Nehmen wir an, wir müssen wählen: entweder bessere zukünftige Gesundheit oder die leckere Schokoladensahnetorte, entweder ein Abend am Schreibtisch, um ein Arbeitsprojekt voranzutreiben, oder ein Abend mit Freunden, entweder die Sondertilgung für den Eigenheimkredit oder der Polarlichterurlaub in Nordschweden. Gemäß der Position, um die es im Folgenden gehen soll, wird jemand mit zu viel Selbstkontrolle stets die erste Option wählen, d.h. er/sie wird sich konsequent für das zukünftige „Vernunftgut“ entscheiden (bessere Gesundheit, das abgeschlossene Arbeitsprojekt, der abbezahlte Eigenheimkredit) auf Kosten des gegenwärtigen, oder zumindest in der näheren Zukunft liegenden, „hedonischen Guts“ (leckere Torte, Zeit mit Freunden, spannender Urlaub).
Aber liegt einer solchen exzessiven Zukunftsorientierung tatsächlich stets ein Exzess an Selbstkontrolle zugrunde? Um diese Frage zu beantworten, möchte ich mit einer Beobachtung beginnen: Eine Person, die sich stets für zukünftige Vernunftgüter anstatt für gegenwärtiges Vergnügen entscheidet, legt ein sehr starres Verhaltensmuster an den Tag. Wie lässt sich ein solches Verhaltensmuster am besten erklären?
Jemand der die Position vertritt, dass der Grund für eine exzessive Zukunftsorientierung in einem zu hohen Level an Selbstkontrolle zu suchen ist, kann dieses Verhaltensmuster auf zwei verschiedene Weisen erklären. Die erste Erklärung setzt Selbstkontrolle mit der Entscheidung für zukünftige Vernunftgüter statt für gegenwärtiges Vergnügen gleich. Gemäß dieser Erklärung ist es eine begriffliche Wahrheit, dass wer erfolgreich Selbstkontrolle ausübt, sich für ein zukünftiges Vernunftgut auf Kosten eines gegenwärtigen Vergnügens entscheidet. Die zweite Erklärung ist indirekter: Sie nimmt an, dass die erfolgreiche Ausübung von Selbstkontrolle beinhaltet, das zu tun, was man selbst für am wertvollsten hält, und erklärt ein rigides Entscheiden für zukünftige Vernunftgüter dadurch, dass die jeweilige Person (i) ein Wertesystem hat, in dem zukünftige Vernunftgüter einen sehr hohen Stellenwert haben und (ii) exzessiv Selbstkontrolle ausübt, um im Einklang mit diesem Wertesystem zu handeln.
Es gibt aber noch einen weiteren Erklärungsansatz, der die vermeintlich enge Beziehung zwischen einem sehr hohen Level an Selbstkontrolle und einer exzessiven Zukunftsorientierung in Frage stellt. Dieser Ansatz erklärt ein rigides Entscheiden für zukünftige Vernunftgüter auf Kosten von gegenwärtigem Vergnügen dadurch, dass es unserer exzessiv zukunftsorientierten Person schlichtweg leichter fällt, sich für ein zukünftiges Vernunftgut zu entscheiden als für ein gegenwärtiges Vergnügen. Oder, anders gesagt, dass sie sich „durch die Bank“ für das zukünftige Vernunftgut entscheidet anstatt für das gegenwärtige hedonische Gut, wird dadurch erklärt, dass sie diese Entscheidung gerade keine Überwindung kostet – und damit auch nicht die Ausübung von Selbstkontrolle erfordert. Um eine Metapher (siehe Mele 1987, Kapitel 5) zu verwenden: Laut dieser alternativen Erklärung wäre die Wahl des zukünftigen Vernunftguts für unsere exzessiv zukunftsorientierte Person also wie ein Spaziergang bergab und nicht wie ein Spaziergang bergauf.
Dieser alternative Erklärungsansatz kann durch einen Blick in die empirischen Wissenschaften gestützt werden. Wie u.a. George Löwenstein (2018) überzeugend argumentiert hat, kann eine exzessive Fokussierung auf zukünftige Vernunftgüter häufig durch bestimmte affektive Tendenzen erklärt werden, die er (und andere) als „hyperopische Tendenzen“ bezeichnet haben (siehe Kivetz and Simonson 2002, Haws & Poynor 2008, Löwenstein 2018). Im Kern geht es hierbei darum, dass die Vorstellung, sich für ein gegenwärtiges Vergnügen zu entscheiden anstatt für ein zukünftiges Vernunftgut, bei einer Person mit hyperopischen Tendenzen negative Gefühle auslöst und sie sich deswegen für das zukünftige Vernunftgut entscheidet. Ein konkretes Beispiel hierfür ist der sog. „pain of spending“ (Prelec and Loewenstein 1998). Hierbei handelt es sich um schmerzhafte Gefühle, die durch die Vorstellung, Geld auszugeben, ausgelöst werden, und die, wenn stärker ausgeprägt, zu exzessiven Sparverhalten führen können. Ein weiteres Beispiel ist die Tendenz, bei der Vorstellung, sich selbst etwas zu gönnen (z.B. ein teures Abendessen im eigenen Lieblingsrestaurant), Schuldgefühle zu empfinden. Ein drittes Beispiel wiederum ist die Tendenz, bei der Vorstellung, die Arbeit für ein gegenwärtiges Vergnügen liegen zu lassen, es mit der Angst zu tun zu bekommen, bestimmte Arbeitsziele nicht einhalten zu können (wie z.B. das fertige Paper am Ende des Monats). Es ist leicht zu sehen, dass Tendenzen dieser Art zu einer exzessiven Fokussierung auf zukünftige Vernunftgüter führen können (insbesondere dann, wenn sie stärker ausgeprägt sind), und damit zu der Art von freud- und vergnügungsarmer Lebensweise, die zuvor beschrieben wurde.
Es ist wichtig hervorzuheben, dass ein (zu) hohes Level an Selbstkontrolle in diesem alternativen Erklärungsansatz keinerlei Rolle spielt. Anstatt durch einen Exzess an Selbstkontrolle wird das rigide Entscheiden für zukünftige Vernunftgüter nun durch affektive Faktoren erklärt (also grob gesprochen dadurch, dass das eigene Handeln von bestimmten Gefühlen bestimmt wird).
Interessanterweise deuten empirische Befunde darauf hin, dass ein hohes Level an Selbstkontrolle sogar eine Art „Gegenmittel“ für eine exzessive Zukunftsorientierung sein kann (Haws & Poynor 2008). Denn manche Personen scheinen Selbstkontrolle auch einzusetzen, um ihren eigenen hyperopischen Tendenzen zu widerstehen und die Menge an hedonischen Gütern in ihrem Leben zu erhöhen. Ein konkretes Beispiel hierfür ist Folgendes (siehe Kiewetz und Simonson 2002): Versuchspersonen werden vor die Wahl gestellt zwischen einem hedonischen Gut (z.B. einem Gutschein für einen Besuch in einem teuren Restaurant) und einem Geldbetrag von gleichem oder größerem Wert. Einige von ihnen entscheiden sich in einem solchen Szenario für das hedonische Gut und begründen dies damit, dass sie sich durch diese Entscheidung selbst davon abhalten wollen, den Geldbetrag für ein zukünftiges Vernunftgut zu verwenden (z.B. als Sondertilgung für den Eigenheimkredit). George Loewenstein (2018, 95) zufolge ist dieses Phänomen – also der Einsatz von Selbstkontrolle, um einer affektiv getriebenen, exzessiven Zukunftsorientierung entgegenzuwirken – sogar viel häufiger als man es zunächst denken würde. Ein weiteres konkretes Beispiel hierfür findet man in seiner anekdotischen Beobachtung, dass “many academics require elaborate self-control strategies to take a break from their work, such as booking expensive, nonrefundable vacations” (Loewenstein 1999, 338).
Die bisherigen Ausführungen stützen mindestens zwei interessante systematische Punkte. Erstens legen sie nahe, dass wir ein hohes Level an Selbstkontrolle nicht mit einer exzessiven Zukunftsorientierung gleichsetzen sollten – und, verwandt hiermit, dass wir Selbstkontrolle nicht als die Entscheidung für ein zukünftiges Vernunftgut auf Kosten eines gegenwärtigen hedonischen Guts definieren sollten (siehe auch Loewenstein 2018). Sich stets für das zukünftige Vernunftgut zu entscheiden statt für das gegenwärtige hedonische Gut muss kein Ausdruck von zu viel Selbstkontrolle sein. Stattdessen hat sich gezeigt, dass ein solches Verhaltensmuster genauso gut, wenn nicht besser,affektiv erklärt werden kann, nämlich durch Verweis auf hyperopische Tendenzen und die verschiedenen negativen Gefühle, die diesen zugrunde liegen.
Zweitens stützen die bisherigen Ausführungen die Sichtweise, dass Selbstkontrolle sogar eine Art „Gegenmittel“ für eine exzessive Zukunftsorientierung sein kann. Denn wir können unsere Fähigkeit zur Selbstkontrolle auch dazu einsetzen, um einer exzessiven Zukunftsorientierung entgegenzuwirken und die Menge an gegenwärtiger Freude und Vergnügen in unserem Leben zu erhöhen. Wer sich in den oben genannten Beschreibungen wiedererkennt, dem sei daher mit Loewenstein zu raten: Üben Sie Selbstkontrolle aus und buchen Sie einen teuren, nicht-stornierbaren Urlaub.
Hannah Altehenger, Dr. Phil., forscht an der Universität Umeå (Schweden) im Rahmen eines Feodor Lynen-Forschungsstipendium der Alexander von Humboldt-Stiftung. Dieser Beitrag entstand im Rahmen ihres durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Forschungsprojekt „Die ethischen Dimensionen von Selbstkontrolle“ (Laufzeit: 2022-2025, Projektnummer: 493685388).
Literaturverzeichnis
Altehenger, H. (2025): Too Much Self-Control? Erkenntnis 90, 2119-2135.
Haws, K. and Poynor, C. (2008): Seize the day! encouraging indulgence for the hyperopic consumer. Journal of Consumer Research 35(4), 680–691.
Kivetz, R. and Simonson, I. (2002): Self-Control for the righteous. Toward a theory of precommitment to indulgence. Journal of Consumer Research 29, 199-217.
Loewenstein, G. (1999): Because It Is There: The Challenge of Mountaineering…for Utility Theory. Kyklos 52 (3), 315-344.
Loewenstein, G. (2018): Self-Control and Its Discontents: A Commentary on Duckworth, Milkman and Laibson. Psychological Science in the Public Interest 19(3), 95-101.
Mele, A.R. (1987): Irrationality. An Essay on Akrasia, Self-Deception, and Self-Control. New York: Oxford University Press.
Prelec, D. and Loewenstein, G. (1998): The red and the black: Mental accounting of savings and debt. Marketing Science 17(1), 4-28.



