Vita Activa: Die Aufgabe der Übersetzerin

von Charlotte Barkow


Das Werk Vita Activa von Hannah Arendt verbinden die meisten mit einer politischen Theorie des Handelns oder einer Theorie der Arbeit, angelehnt an Arendts eigene Dreiteilung des Werkes in: Arbeiten, Herstellen und Handeln. Der sprachliche Aspekt des Werks wird zumeist nicht berücksichtigt. Ich möchte dafür argumentieren, dass gerade auf Arendts Entscheidung nach der NS-Zeit auf Deutsch zu schreiben ein Augenmerk gelegt werden sollte, auf die Implikationen, die diese Entscheidung mit sich bringt und auch, was wir von Hannah Arendt diesbezüglich lernen können. 

Allgemeines zu Vita Activa

Vita Activa erschien 1960, zwei Jahre nach Human Condition und gilt als Übersetzung von ebendiesem Werk vom Englischen ins Deutsche. Als studentische Hilfskraft bei der Hannah Arendt Edition war ich in den letzten Monaten damit beschäftigt beide Werke zu transkribieren. Von der Hannah Arendt Edition wird derzeitig das gesamte Werk von Hannah Arendt als Drittmittelprojekt kritisch editiert und sowohl analog als auch digital veröffentlicht[1]. Im Rahmen dieser Arbeit ist mir der Stellenwert der Übersetzung bewusst geworden. 

Arendts Entscheidung nicht nur auf Englisch zu publizieren, bedeutete für sie als emigrierte Jüdin weiterhin die Sprache der NS-Verbrecher zu nutzen. Barbara Hahn bringt die Signifikanz dieser Entscheidung auf den Punkt: „‚Vita Activa’ ist in einer Sprache geschrieben, die es nach 1945 in Deutschland nicht einfach geben konnte. Ein Deutsch, in dieser Zeit angesiedelt, in jedem Wort, in jedem Satz des Traditionsbruchs gewahr; nur das wird zitiert und weitergetragen, was keinen Schaden genommen hat.“[2] Doch warum entschied sich Hannah Arendt dazu Human Condition selbst zu übersetzen?

War es für Arendt notwendig auf Deutsch zu schreiben? 

Für eine Notwendigkeit Arendts an der deutschen Sprache festzuhalten, sprechen zwei Aspekte. Beide nennt Arendt bei dem berühmten Interview mit Günter Gaus aus dem Jahr 1964[3]. Erstens spricht Arendt davon, dass es keinen Ersatz für die Muttersprache und der in ihr enthaltenen Produktivität gebe. Personen, die nicht in ihrer Muttersprache schreiben, hätten einen klischeehaften Stil. Und zweitens sagt Arendt in dem Interview: 

Es ist ein ungeheurer Unterschied zwischen Muttersprache und einer andern Sprache. Bei mir kann ich das furchtbar einfach sagen: Im Deutschen kenne ich einen ziemlich großen Teil deutscher Gedichte auswendig. Die bewegen sich da immer irgendwie im Hinterkopf – in the back of my mind –; das ist natürlich nie wieder zu erreichen. Im Deutschen erlaube ich mir Dinge, die ich mir im Englischen nicht erlauben würde. 

Man könnte somit festhalten, dass es für Arendt unumgänglich ist auf Deutsch zu schreiben, wenn sie ihre Produktivität voll ausschöpfen und umfassend Lyrik einbauen möchte. Dafür spricht auch, dass der Stil von Vita Activa deutlich poetischer ist als der von Human Condition.  

Die politische Dimension von Arendts Entscheidung sich selbst zu übersetzen

Doch trotz der sprachlichen Grenzen, die das Englische für Hannah Arendt bereithielt, lässt sich festhalten, dass sie einen Großteil ihrer Texte auf Englisch verfasste – anders als beispielsweise Theodor W. Adorno, Bertolt Brecht und Thomas Mann, die auch im Exil auf Deutsch schrieben. Wäre die deutsche Sprache für Arendt notwendige Bedingung für das Ausdrücken der eigenen Gedanken gewesen, dann lässt sich nicht erklären, weshalb sie so viele ihrer Texte auf Englisch publizierte. 

Nach Thomas Wild spiegele Arendts Pluralität der Sprachen ihre Pluralität des Denkens wider – Arendts kontinuierliches Schreiben auf Englisch und Französisch könne die Antwort auf die Frage nach den Möglichkeiten nicht-tyrannischen Denkens darstellen[4]. Arendts Schreiben auf Deutsch changiert also zwischen einer gewissen Notwendigkeit in der Muttersprache (oder auch Erstsprache) den richtigen Ausdruck finden zu können und einer bewussten Entscheidung die Erstsprache zu verlassen, um einen Zwischenraum zu kreieren, der parallel zu ihrer Vorstellung von Politik steht. 

Der Einfluss von Benjamins Übersetzungstheorie

Wir werden wohl nie erfahren, ob Arendt, hätte sie ihr ganzes Leben in Deutschland verbracht, ihre Gedanken ebenfalls in verschiedenen Sprachen zu Papier gebracht hätte. Dennoch lässt ihre anerkennende Benjamin-Lektüre darauf schließen, dass Arendt durchaus ein Interesse hatte durch die Übersetzung der reinen Sprache näherzukommen. Auch wenn Vita Activa viele Streichungen, neu verfasste Passagen oder auch eingefügte Zitate enthält – weswegen man versucht sein könnte von einem neuen Werk zu sprechen – lässt sich nach Benjamin Vita Activa als Übersetzung klassifizieren: Der Sinn des Originals wird von der Übersetzung in einem Punkt getroffen, so wie die Tangente den Kreis berührt, und verfolgt nach dem Gesetz der Treue in der Freiheit der Sprachbewegung ihre eigene Bahn[5] – so wie Vita Activa den Kern von Human Condition trifft und gleichzeitig frei in der Sprachbewegung ist, beispielsweise beim Zitieren deutscher Lyrik. Denn die freie Sprachbewegung sei Voraussetzung dafür, dass das Symbolisierende zum Symbolisierten transformiert werden könne; dass also das eigentlich Gemeinte immer getroffen werde[6].

Interessant dabei ist, dass dennoch eine gewisse Diskrepanz zwischen Benjamin und Arendt besteht, wenn man einen Blick auf Arendts Zitationen wirft. In Vita Activa werden Zitate öfter im Original wiedergegeben, während bei Human Condition Zitate oft ins Englische übersetzt werden – diese Unterscheidung lässt sich allerdings auch auf unterschiedliche Konventionen der Sprachräume zurückführen. Dennoch sind es vor allem Gedichte, von denen Arendt meint sie ließen sich nur schwer übersetzen, weswegen sie diese gerne im Original zitiere. Konträr dazu steht Benjamins Auffassung es seien vor allem Gedichte als hoch geartete bzw. stilisierte Texte, die sich für Übersetzungen anbieten. 

Sprache(n) neu denken 

Was können wir nun von Hannah Arendt und ihrer Tätigkeit als Ipsoübersetzerin lernen? Abschließend lässt sich festhalten, dass Hannah Arendts Theorie von Vita Activa nicht nur durch ihre Inhalte, sondern auch ihre Sprachlichkeit besonders ist, da ihre Entscheidung Human Condition ins Deutsche zu übersetzen mit ihrer politischen Theorie verknüpft ist. Trotz der Verbrechen der Nationalsozialisten schrieb sie auf Deutsch (was für sie sicherlich eine schmerzvolle Tätigkeit war), um Einfluss auf die Entwicklung der deutschen Sprache nehmen zu können. Eugen Rosenstock-Huessy beurteilt das Schreiben von Exilanten auf Deutsch folgendermaßen: „So ist das Erneuern der Sprache in ihrem Kernlande durch das Deutschtum im Auslande eine höchst großartige Überfliegung von Grenzen und durchaus ein Kapital in der Wiedererringung der Staatsmacht geworden“[7]. Arendts Entscheidung, das eigene Denken in verschiedenen Sprachen auszudrücken weist außerdem darauf hin, dass man durch Pluralismus und Polyphonie zu einem tieferen Weltverständnis gelangen kann. 


Charlotte Barkow ist studentische Hilfskraft bei der Hannah Arendt Edition und studiert Philosophie und Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft im Master an der Freien Universität Berlin. Sie engagiert sich bei der studentisch organisierten Initiative Öffentliche Philosophie Berlin.  



[1] https://hannah-arendt-edition.net/home

[2] Barbara Hahn: Wie aber schreibt Hannah Arendt? In: Text und Kritik IX. 2005. S. 103.  

[3] Das Video lässt sich vollständig auf YouTube anschauen: 

[4] Vgl. Thomas Wild: Relational Reading. Hannah Arendt’s The Human Condition and Vita Activa, and the Plurailty of Languages. In: Angermion. Herausgegeben von Rüdiger Görner. Band 17. Berlin/Boston: De Gruyter. 2024. S. 143. & S. 155. 

[5] Vgl. Walter Benjamin: Die Aufgabe des Übersetzers. In: Gesammelte Schriften. Bd. IV/1. Frankfurt am Main. Suhrkamp. 1972. S. 20. 

[6] Ebd. S. 19. 

[7] Eugen Rosenstock-Huessy: Dienst auf dem Planeten. Kurzweil und Langeweile im Dritten Jahrtausend. Stuttgart/Berlin/Köln/Mainz: W. Kohlhammer Verlag. 1965. S. 24.