Beispiele in der Praktischen Philosophie – Illustrieren, Prüfen, Begründen?

von Marie Hirsch (Passau)


Von Aristoteles’ Schuhmacher über Mills’ zufriedenes Schwein bis hin zu Rawls’ Surfern von Malibu – bei der Tagung „Beispiele in der Praktischen Philosophie – Illustrieren, Prüfen, Begründen?“ am 4. und 5. Dezember 2025 widmeten sich die Organisator:innen Karoline Reinhardt (Universität Passau), Gottfried Schweiger (Universität Salzburg) und Johanna Sinn (Universität Passau) gemeinsam mit elf Vortragenden und mehr als 45 Teilnehmenden elf philosophischen Beispielen und der Frage nach ihrer Funktion und Leistung.

Denken wir zum Beispiel an…, nehmen wir etwa…, wenn wir zum Beispiel sagen…

Beispiele sind aus unserem alltäglichen Sprechen nicht weg zu denken. Sei es, weil wir uns selbst oder unserem Gegenüber etwas erklären, verdeutlichen oder bildlich vorstellbar machen wollen. Doch auch in den Texten der Praktischen Philosophie von der Antike bis in die Gegenwart lassen sich bei sehr vielen einflussreichen Philosoph:innen einschlägige Beispiele finden. Doch welche Funktionen erfüllen Beispiele für deren Werke, Theorien und Argumente? Dienen sie dazu zu illustrieren, zu prüfen oder zu begründen? Diesen und weiteren Fragen rund um Beispiele in der Praktischen Philosophie ging die in Kooperation zwischen der Universität Passau und der Zeitschrift für Praktische Philosophie veranstaltete Tagung Anfang Dezember nach.

Dazu waren elf Philosoph:innen eingeladen, je ein Beispiel aus einem Text eines:r einflussreichen Denker:in der Praktischen Philosophie zu analysieren, im Rahmen der Tagung vorzustellen und mit den anderen zu diskutieren. Alle elf Vorträge orientierten sich dabei an dem von den Organisator:innen vorgeschlagenen Aufbau. So wurde jedes Beispiel zunächst dargestellt, dann analysiert und interpretiert, anschließend dessen Rezeption beschrieben und abschließend kritisiert. Als Expert:innen für die jeweiligen Denker:innen und deren Werk nutzten die Vortragenden die ihnen zugeteilten Beispiele in ihren Vorträgen sowohl als Fenster in das Denken der jeweiligen Autor:innen, als auch, um die spezifische Funktion des einzelnen Beispiels und die Rolle von Beispielen in der Praktischen Philosophie im Allgemeinen zu reflektieren.

Dabei ließen die Vorträge erkennen, dass Beispielen in der Praktischen Philosophie sowohl für die Autor:innen als auch die Rezipierenden sehr vielfältige Funktionen zukommen. So trug Christof Rapp von der Ludwigs-Maximilians-Universität München zum Schusterbeispiel aus Aristoteles’ Nikomachischer Ethik vor, in dem es um einen gerechten Warentausch durch Reziprozität und Proportionalität zwischen einem Schuster und einem Baumeisters gehe. Rapp führte dabei nicht zuletzt die durch Beispiele eröffneten Möglichkeiten vor, zentrale Thesen in einem antiken Text zu erschließen.

Wohingegen Jörn Müller von der Julius-Maximilians-Universität Würzburg mit Ciceros Beispiel des Tyrannen Dionysius zeigte, dass auch negative Beispiele, etwa zur moralischen Abschreckung eingesetzt werden können. So wurde am von Müller vorgestellten Negativbeispiel des Dionysius deutlich, dass Exemplarität nicht zwingend mit Vorbildlichkeit einhergeht. Das Tyrannenbeispiel findet sich in den Tusculuanae Disputationes und thematisiert, wie Müller zeigte, die Frage, was die Voraussetzungen für ein glückliches Leben sind.  

Am von Markus Riedenauer (KU Eichstätt-Ingolstadt) vorgestellten Richterbeispiel von Thomas von Aquin aus der Summa theologiae entzündete sich eine fruchtbare Diskussion darüber, was ein Beispiel braucht, um Identifikation zu ermöglichen. Diese zeigte, dass das Beispiel durch verschiedene Perspektiven eines Richters und der Angehörigen des Verbrechers auf dessen Tötung unterschiedliche Identifikationsangebote bietet. Tim Henning (Johannes-Gutenberg-Universität Mainz) zeigte an Kants Beispielen zur Pflichtensystematik aus der Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, dass Beispiele auch Anwendungsfälle für philosophische Prinzipien einführen und belegen sollen. Er konzentrierte sich vor allem auf das Beispiel des Egoisten, dem es gut gehe und der, obwohl er sehe, dass es anderen nicht so ergehe, nicht bereit sei, zur Verbesserung der Situation anderer beizutragen.

Charlotte Baumann (Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg) widmete sich Hegels Herr und Knecht. Dieses Beispiel taucht an verschiedenen Stellen in Hegels Werk auf, unter anderem in der Phänomenologie des Geistes. Das von Kampf, Unterordnung und Dienst geprägte Verhältnis zwischen den beiden typenhaften Protagonisten dieses Beispiels interpretierte Baumann als Übergang zu einer höheren Form des Selbstbewusstseins. Ausgehend von der Figurenzeichnung, warf sie die Frage auf, wann es sich im philosophischen Text überhaupt um Beispiele handelt und was diese von Modellen oder Archetypen unterscheidet. Am von Christoph Henning (Universiteit voor Humanistiek Utrecht) vorgestellten Tischbeispiel bei Marx wurde deutlich, dass philosophische Beispiele häufig literarisch sehr dicht gewoben sind. Das Tischbeispiel findet sich im Kapital. Anhand des Übergangs eines Tisches von bloßem Holz zur Ware verdeutlicht dieses Beispiel nach Hennings Interpretation den Übergang vom Gebrauchswert zum Tauschwert.

Dass sich Beispiele im philosophischen Text literarisch-ästhetisch sehr durchdacht präsentieren, zeigte auch Mirjam Schaub (Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg) am Beispiel von Sartres Kellner aus Das Sein und das Nichts. In diesem Beispiel beobachtet Sartre einen Kellner, der seine Rolle übertreibend, von Sartre wie eine Karikatur beschrieben wird. Schaub wies anhand dieses Beispiels darauf hin, wie stark Sartre die Lesenden lenkt und machte deutlich, dass Beispiele neben vielen anderen Funktionen auch Wertungen und Abwertungen spürbar werden lassen können.

Dass einem Beispiel oft mehrere Rollen im philosophischen Text zukommen, betonte auch Christian Seidel vom Karlsruher Institut für Technologie. So diene Mills zufriedenes Schwein aus dem Werk Utilitarianism nicht nur der Illustration einer begrifflichen Differenzierung, sondern auch der Verteidigung gegen mögliche Einwände und der rhetorischen Verdichtung. Zudem werde Mills Schweinebeispiel zwar häufig zitiert, aber nicht immer so wiedergegeben, wie von Mill angelegt, was die Funktion des Beispiels beeinflusse. So ginge oft die für das Beispiel wichtige Unterscheidung zwischen Zufriedenheit und Glück in der Rezeption verloren. Mill schreibe jedoch, es sei besser „ein unzufriedener Mensch zu sein als ein zufriedenes Schwein“ (Mill, 1871,33) und nicht etwa ein unglücklicher Mensch als ein glückliches Schwein.

Als Illustration aber auch als Lenkung der Lesenden fasste Christian Neuhäuser (TU Dortmund) Amartya Sens Beispiel vom Hungern und Fasten auf, das dieser unter anderem, in Inequality Reexamined anführt. Es arbeite mit der Gegenüberstellung eines wohlhabenden fastenden Menschen und eines armen hungernden Menschen, um die Bedeutung von Fähigkeiten zu illustrieren. Neuhäuser vermutete hinter diesem Beispiel aber auch den Versuch, Sens Theorie schlanker und intuitiver aussehen zu lassen, als sie eigentlich sei.

Corinna Mieth (Ruhr-Universität Bochum) widmete sich dem bekannten Beispiel des Kindes im Teich bei Peter Singer. Es lässt sich unter anderem in Singers Praktische Ethik finden. In diesem Beispiel vergleiche Singer die Pflicht, ein Kind unter zumutbarem Mitteleinsatz aus dem Wasser zu retten, mit der Pflicht, sich gegen Armut einzusetzen. Daran zeigte Mieth, dass Beispiele Ausgangspunkt von zu hinterfragenden Analogieschlüssen sein können. So lege das Beispiel eine Analogie nahe, die Unterschiede zwischen einer individuellen Notlage eines Kindes im Teich und einer strukturellen Notlage, in Armut geraten zu sein, nicht ausreichend berücksichtige.

Das von Stefan Gosepath (FU Berlin) analysierte Beispiel der Surfer von Malibu findet sich bei Rawls lediglich in einer Fußnote unter anderem im Aufsatz Der Vorrang des Rechten und die Idee des Guten. Daran wurde zum Schluss deutlich, dass Beispiele nicht immer einen prominenten Platz in einer Theorie oder einem Werk einnehmen müssen, um von anderen aufgegriffen zu werden. Vielmehr kann sich auch an einem kurzen Beispiel eine tiefe philosophische Auseinandersetzung entzünden. So würden die Surfer von Rawls als unproduktive Müßiggänger dargestellt, denen aufgrund ihrer Entscheidung, vor allem surfen zu wollen, nach Rawls kein Anspruch auf öffentliche Unterstützung zukommen könne. Wohingegen nach der Argumentation von Phillipe van Parijs auch für die Surfer gesorgt werden sollte. Zunächst nur in einer Fußnote erwähnt, wurden die Surfer von Malibu somit Symbolfiguren für eine Debatte um ein bedingungsloses Grundeinkommen.

Dank des Onlineformats konnten sich neben den Organisator:innen und Vortragenden über 45 Teilnehmende an den sehr vielfältigen Überlegungen und Diskussionen zu Beispielen und ihren Funktionen in der Praktischen Philosophie beteiligen. Da die Vorträge nicht nur die Rolle von einzelnen und Beispielen im Allgemeinen thematisierten, sondern immer auch Einblick in das Werk der elf berühmten Philosoph:innen boten, eignete sich die Tagung für etablierte Forschende, Nachwuchsforschende und Studierende gleichermaßen. 2026 wird bei transcript in open access ein Band mit allen elf und weiteren Beispielen, Interpretationen und Beispielkritiken erscheinen. Auf diese Weise haben auch Interessierte, die nicht an der Tagung teilnehmen konnten, die Möglichkeit, sich eingehend mit der Rolle von Beispielen in der Praktischen Philosophie zu beschäftigen. Darüber hinaus bietet der Band Gelegenheit, sich anhand von ausgewählten Beispielen den großen Werken der Praktischen Philosophie zu nähern.


Marie Hirsch ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Professur für Angewandte Ethik der Universität Passau. Sie hat an den Universitäten Bonn und Passau Philosophie und European Studies studiert und arbeitet an einer Dissertation zu den ethischen Implikationen der Autonomiemetapher im Bereich der Künstlichen Intelligenz.

https://www.geku.uni-passau.de/angewandte-ethik/team/nn-wissenschaftliche-mitarbeiterin

Aristoteles [ca. 335-323 v. Chr.]: Nikomachische Ethik. Hamburg: 1985.

Cicero [45 v. Chr.]: Tusculanae disputationes/ Gespräche in Tusculum. Stuttgart: 1997.

Hegel, G.W. [1807]: Phänomenologie des Geistes. Hamburg: 1952.

Kant, I. [1785]: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten. Hamburg: 2016.

Marx, K./ Engels, F.: Marx Engels Werke (MEW), 42 Bände. Berlin: 1956ff.

Mill, S. [1861]: Utilitarianism/ Der Utilitarismus. Stuttgart: 2006.

Rawls, J. [1993]: „Der Vorrang des Rechten und die Idee des Guten“, in: Politischer Liberalismus. Berlin: 2003.

Sartre, J.-P. [1943]: Das Sein und das Nichts. Versuch einer phänomenologischen Ontologie. Hamburg: 1962.

Sen, A.: Inequality Reexamined. Oxford: 1995; online edn, Oxford Academic (1 Nov. 2003), last access 18 Jan. 2026.

Singer, P.: Praktische Ethik. Stuttgart 1994.

Von Aquin, T. [1273]: Summa Theologia/ Über sittliches Handeln. Stuttgart: 2001.