Wenn der Mensch sich selbst verliert: Das Böse bei Karl Jaspers

Von Larysa Mandryshchuk (Nationale Iwan-Franko-Universität Lwiw, Ukraine)


Was meint Jaspers, wenn er behauptet, dass der Mensch sich selbst verliert, wenn er sich in seinem Handeln für das Böse entscheidet? Dies versuche ich in diesem Beitrag zu beantworten.

Karl Jaspers entwickelte selbst keine Ethik im Sinne einer systematischen Lehre mit expliziter Normativität des Handelns des Menschen, obwohl seine Philosophie durchaus stark von ethischen Motiven geprägt ist. Vielmehr versuchte er vor allem von der Erhellung des Selbstseins des Menschen – der Existenz – in seinem Bezug auf das Umgreifende (Ursprung des Menschen und der Welt) zu sprechen und nicht von der Begründung von ethischen Normen. Als einer von vielen Hinweisen, dass seine Philosophie dennoch bestimmte ethische Fragestellungen in sich trägt, gilt Jaspers’ Interesse am Bösen (sowie am Guten), das bereits auf seinem Weg zur Philosophie – Psychologie der Weltanschauungen (1919) – entstand und bis in spätere Werke – Der philosophische Glaube angesichts der Offenbarung (1962) – bestehen blieb. Die wiederholte Auseinandersetzung mit der Frage nach dem Bösen in seinen Texten zeigt, dass dieses Thema einen wichtigen Platz in seinem Denken einnahm und dass er versuchte, seinen philosophischen Ideen auch praktische Bedeutung zu verleihen. In diesem Zusammenhang deutete Jaspers das Böse (wie auch das Gute) als ein Grundphänomen des menschlichen Daseins, mithilfe dessen der Mensch in seinem Handeln ständig zu der Entscheidung gelangt, entweder sich selbst durch das Böse zu verlieren oder durch das Gute zu sich selbst zu werden. In diesem Sinne gewinnt das Philosophieren bei Jaspers seine spezifische Bedeutung: nicht als Anleitung zum richtigen Handeln, sondern als Suchen der Bedingungen, unter denen der Mensch zu sich selbst oder zu seinem Selbstsein (Existenz) kommen kann. Was meint Jaspers aber, wenn er behauptet, dass der Mensch sich selbst verliert, wenn er sich in seinem Handeln für das Böse entscheidet? Dies versuche ich in diesem Beitrag zu beantworten.

Mit der Frage „Woher kommt das Böse und wer ist daran schuldig?“ kommt Jaspers zu dem Gedanken, dass das Böse nicht metaphysisch, sondern allein durch das Handeln des Menschen in der Welt ist, weshalb nur der Mensch die Verantwortung und Schuld dafür trägt. Eine solche Schlussfolgerung zieht er auch aus seiner Untersuchung verschiedener Erklärungstheorien zur Herkunft des Bösen, von religiösen bis hin zu philosophischen Deutungen, die fast alle die menschliche Anklage in Richtung Gottheit entkräften. Für Jaspers ist es klar, dass jedes Reden von einem metaphysischen Grund des Bösen (sowie des Guten) keinen Sinn hat, weil solches Wissen dem Menschen nicht zugänglich ist und außerhalb seines Erkenntnisvermögens liegt. Der einzige Grund, der das Böse in dieser Welt verursacht und von dem wir bestimmt wissen, ist laut Jaspers der Wille des Menschen. Jaspers schreibt: „Denn das Böse eignet keinem bestehenden Sein, keiner empirischen Wirklichkeit und keinem idealen Gelten, sondern es ist, weil Freiheit ist. Der Wille allein ist es, der böse sein kann.“1 Nach Jaspers sind weder Neigungen noch Antriebe an sich böse oder gut, sondern allein der freie Wille des Menschen. Jaspers versteht nämlich den Willen als ein Vermögen des Menschen, zweckgerichtet zu begehren und entsprechend zu handeln. Der Wille steht dabei im Dienst der Antriebe und ist insofern teilweise durch die Natur – durch Instinkte und Neigungen – vorgeprägt, weshalb er stets mit dem Streben nach Eigengenuss verbunden ist. Zugleich jedoch steht er in einer Einheit mit dem Denken beziehungsweise der Vernunft, die diese Antriebe zu begrenzen, zu formen und auszuwählen vermag. Ausgehend von diesen beiden Perspektiven – nämlich entweder unter dem Drang der Instinkte zu stehen oder diese mithilfe der Vernunft zu begrenzen – kann der Wille des Menschen böse oder gut sein.

Der Wille des Menschen allein kann also gut oder böse sein, und nur durch ihn ist der Mensch in der Lage, sich frei entweder für das gute oder für das böse Handeln zu entscheiden. Diese Entscheidung trifft jedoch nicht der Wille selbst, sondern der Mensch aufgrund der Freiheit mithilfe der Vernunft, die den Unterschied zwischen Gut und Böse erkennen kann. In diesem Zusammenhang spielen für Jaspers – ebenso wie für Kant, von dem er maßgeblich beeinflusst wurde – der Akt der Freiheit und die Vernunft eine entscheidende Rolle für das menschliche Wissen darüber, was gut und böse ist, sowie für die Wahl des Guten im Gegensatz zum Bösen.

Im Hinblick auf Jaspers’ Interesse an Kants Interpretation des Bösen ist vor allem die strukturelle Nähe zwischen Kant und Jaspers in der Gliederung der verschiedenen Stufen des Bösen auffällig: Während Kant von drei Stufen des bösen Herzens des Menschen ausgeht – der Gebrechlichkeit, der Unlauterkeit und der Verkehrtheit2, bestimmt Jaspers das Gut-Böse-Verhältnis im Menschen ebenfalls dreifach, indem er es in eine moralische, eine ethische und schließlich eine metaphysische Ebene gliedert3, wobei jede Stufe in sich die Alternative der Wahl zwischen dem Guten und dem Bösen enthält.

Auf der moralischen Ebene ist das böse Handeln des Menschen laut Jaspers vollständig durch Neigungen und Antriebe determiniert („ich mache das, was ich will“), während das gute Handeln vom allgemein gültigen moralischen Gesetz bestimmt wird („ich mache das, was das Gesetz sagt“). Die eigentlichen Beweggründe des guten Handelns sind auf dieser Stufe dem Menschen jedoch noch nicht vollständig bewusst und daher ist der Mensch in seinem Handeln noch nicht wirklich gut. Auf der zweiten ethischen Ebene wird das Böse im Kontext des formal guten Handelns betrachtet, das jedoch unter den Bedingungen des eigenen Daseinsglücks steht und nicht zu viel kostet, sodass der Mensch es als vorteilhaft empfindet, gut zu handeln („ich handle gut, weil es mich nicht viel kostet“). Das heißt, er könnte unter anderen Bedingungen durchaus auch böse handeln. Das Gute hingegen ist das Handeln des Menschen in der Reinheit seiner Motive, wodurch er unbedingt gut handelt („ich will gut handeln“). Im Unterschied zum moralisch Bösen, das bloß als Schwäche erscheint, gilt das ethisch Böse laut Jaspers erstmals als tatsächlich böse, weil es aus der Freiheit hervorgeht und aufgrund der Verkehrung der Motive entsteht. Das ethisch Gute unterscheidet sich wiederum vom moralisch Guten dadurch, dass es nicht einfach ein blindes Folgen der allgemeinen moralischen Gesetze ist, sondern als das bewusste gute Handeln. Auf der höchsten metaphysischen Ebene erläutert Jaspers das Böse als den Willen zum Bösen, der seinen Ausdruck im Vernichten, Verderben, Nihilismus und in der Zerstörung findet. Hier entscheidet sich der Mensch für das Böse nicht aus bedenkenloser Verfolgung seiner Daseinsinteressen, sondern absichtlich („ich tue böse, weil ich hasse und vernichten will“). Damit meint Jaspers jedoch nicht, dass der Mensch ein Teufel sei, der nur das Böse will, um alles zu verderben. Denn der Mensch enthält in sich auch einen Kern des Guten. Es geht also darum, dass der Mensch nicht weiß, was gut ist, und aufgrund seines Unwissens das Böse wählt. Das Gute ist demgegenüber das unbedingte gute Handeln, „Wille zur Wirklichkeit“4 („ich handle unbedingt gut, weil ich die Wirklichkeit liebe“).

Da der Mensch in seinem Leben darauf angewiesen ist, unablässig zwischen dem Bösen und dem Guten zu wählen, versteht Jaspers Gut und Böse als Grundphänomene des menschlichen Daseins, durch die der Mensch sich selbst verwandelt. Der Mensch kann laut Jaspers drei Ebenen des Verhältnisses von Gut und Böse in seinem Handeln durchlaufen, wobei sich ihm auf jeder vorangehenden Stufe die Möglichkeit des Übergangs zur nächsthöheren eröffnet – von der natürlichen Unmittelbarkeit auf der moralischen Ebene (durch Pflicht oder Neigung) über die höhere ethische Ebene (durch die Reinheit der Motive oder Verkehrung) bis hin zur metaphysischen Ebene (durch Liebe oder Hass). Aber erst in der Einheit aller drei Stufen verwirklicht der Mensch seine mögliche Existenz – sein Selbstsein – und gelangt zur Unbedingtheit des Guten in seinem Handeln.

Dass der Mensch in seinem Leben stets vor der Entscheidung zwischen Gut und Böse steht, bedeutet für Jaspers nichts anderes, als dass der Mensch entweder durch die Vernunft zu sich selbst kommt bzw. seine eigene mögliche Existenz erhellt (in der Wahl des Guten), oder dass er sich durch seinen bösen Willen die Möglichkeit verliert, sich selbst zu entwickeln und zu erziehen (in der Wahl des Bösen). Denn der böse Wille, der „sich gegen die mögliche Existenz kehrt“5, strebt nur nach dem Daseinsglück und nicht nach der möglichen Existenz, die das Transzendente im Menschen ist und alle höhere Möglichkeiten in ihm erweckt. In diesem Sinne ist der böse Wille nicht nur für andere, sondern auch für denjenigen Menschen ruinös, der sich für das böse Handeln entscheidet, da er sich sowohl gegen andere als auch gegen sich selbst richtet – gegen seine eigene Existenz und hin zu seinem Egoismus. Laut Jaspers verliert der Mensch sich selbst im bösen Handeln und im Unvernünftigen: Er bleibt auf seine eigenen Daseinsinteressen beschränkt, erhellt sein Selbstsein nicht und meidet die tiefe Kommunikation mit anderen Menschen, in der er sich erst entfalten kann.


Larysa Mandryshchuk – Dr. Phil., Dozentin an der Nationalen Iwan-Franko-Universität Lwiw, Ukraine. Forschungsschwerpunkte: Philosophie von Karl Jaspers, Existenzphilosophie, Existentialismus, Kulturphilosophie, Ethik. Kontakt: l.mandryshchuk@gmail.com


1 Karl Jaspers: «Philosophie. Existenzerhellung», in: Gesamtausgabe, hg. von Oliver Immel, Bd. I/7.2, Basel 2022, S. 151.

2 Immanuel Kant: Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft [1793], in: AA VI, S. 29–30.

3 Vgl. K. Jaspers: «Das Unbedingte des Guten und das Böse», in: Texte zur Philosophie, KJG 1/14, Basel 2024, 9–20, S. 10.

4 Ebd., S. 9.

5 K. Jaspers: «Philosophie. Existenzerhellung», in: Gesamtausgabe, hg. von Oliver Immel, Bd. I/7.2, Basel 2022, S. 151.