
Beleg lebendiger Philosophie: Die philosophische Veranstaltungslandschaft in Deutschland
Von Claudius Popp (Köln) –
Wenn wieder die Frage diskutiert wird, ob die Philosophie wach ist und sich ausreichend in gesellschaftliche Debatten einbringt, verweisen Philosoph:innen auf ihre Beiträge in Massenmedien. Mit gutem Grund: Die vielen Artikel zeigen schwarz auf weiß, wie viele Philosoph:innen sich mit aktuellen Fragen beschäftigen und mit ihren Gedanken den öffentlichen Diskurs bereichern. Philosophisches Engagement in der Öffentlichkeit beschränkt sich jedoch nicht nur auf Medienbeiträge. Es lohnt sich, den Blick zu weiten: Dass die gegenwärtige Philosophie lebendig ist, sieht man auch an den vielen von Philosoph:innen organisierten Veranstaltungen.
Philosoph:innen tragen in Hörsälen ihre Forschungsergebnisse vor, diskutieren auf Podien mit Vertreter:innen aus Kunst und Politik, besprechen in Theatercafés aktuelle Stücke, schlüpfen auf Bühnen in die Rolle toter Philosoph:innen, formulieren in Kinos Fragen an Filme, führen durch Ausstellungen, moderieren Gespräche in Museen, analysieren mit Lektürekreisen Texte, reflektieren mit Bürger:innen Gedankenexperimente, singen Songs und besprechen deren Inhalt oder präsentieren in Wettbewerben ihre Ideen. Diese und weitere Veranstaltungsformate werden gegenwärtig von Philosoph:innen (mit)gestaltet, die an Universitäten oder Hochschulen tätig sind.
Dieses vielfältige philosophische Veranstaltungsangebot zeigt nicht nur das öffentliche Engagement vieler Philosoph:innen, sondern auch unterschiedliche Weisen zu philosophieren. Dabei werden in den Veranstaltungen Facetten von Philosophie sichtbar, die beim Fokus auf Philosophie in den Medien unscharf bleiben.
Philosophieren mit aktivem Publikum
Die Veranstaltungen zeigen, dass das Philosophieren nicht nur Sache einiger weniger ist. Gemeint ist damit nicht bloß, dass viele Menschen solche Veranstaltungen besuchen, sondern dass sich viele Menschen aktiv daran beteiligen. Die grundsätzliche Möglichkeit zur Partizipation macht den Anspruch der Veranstalter:innen deutlich, dass jeder Mensch philosophieren kann – auch wenn sich die Veranstaltungen stark unterscheiden.
In manchen Veranstaltungen sind die Erfahrungen und Überlegungen des Publikums unmittelbarer Ausgangspunkt für Gespräche – mehr oder weniger moderiert und durch Impulse gerahmt, in kleinen oder großen Gruppen. Hier wird nahegelegt, dass jeder Mensch ohne große Vorbereitung philosophieren kann. In anderen Veranstaltungen wird der wissenschaftliche Charakter der Philosophie betont. Hier werden Philosoph:innen als Expert:innen vorgestellt, die sich in ihrer Forschung auf ein Gebiet spezialisieren und in diesem Gebiet kompetenter urteilen können als andere Menschen. Diese Veranstaltungen machen eine starke Unterscheidung zwischen philosophischen Expert:innen und Laien deutlich.
Diese beiden grob beschriebenen Veranstaltungstypen implizieren offensichtlich unterschiedliche Weisen zu philosophieren. Dass beide Typen gleichzeitig weit verbreitet sind, macht die Doppelrolle von Philosophie als Fach und Nicht-Fach deutlich. Bei all den Unterschieden der Veranstaltungen: Gemeinsam ist ihnen, dass alle Anwesenden zum Mitdenken und Mitdiskutieren aufgefordert sind. Nie wird das Philosophieren einzelnen Expert:innen überlassen, immer wird das Vorgetragene mit dem Publikum diskutiert: Was ist überzeugend, was nicht? Wo zeigt sich das allgemein Thematisierte tatsächlich in meiner konkreten Lebenswelt? Was ist unklar geblieben? Für diese Fragen bieten die Veranstaltungen viel Raum. So zeigen philosophische Veranstaltungen bei all ihrer Unterschiedlichkeit, dass das Philosophieren nicht nur wenigen Spezialist:innen vorbehalten ist. Und dass Philosophieren nicht bedeutet, andere Menschen für sich denken zu lassen.
Dieser Aspekt bleibt bei einem Blick auf Philosophie in den Medien im Unklaren. Die diversen Medienbeiträge zeigen zwar, dass Philosoph:innen aktiv ihre Gedanken in die Öffentlichkeit senden. Dass auch das Publikum aktiv sein, sich mit den Gedanken auseinandersetzen muss und nicht bloß passiv Gedanken anderer konsumiert, können vor allem Veranstaltungen zeigen.
Nicht nur große Fragen
Blickt man auf die Veranstaltungen, kann man auch hinsichtlich der Themen eine große Vielfalt erkennen. Philosoph:innen seien zuständig für „die großen Fragen unserer Zeit“, wahlweise auch für „die drängenden Probleme unserer Zeit“. Diese Aufgabe wird Philosoph:innen in Feuilletons zugeschrieben und ihre Nicht-Erfüllung kritisiert. Philosoph:innen führen dann ihre Beiträge in diversen Medien ins Feld und zeigen, dass sie sich sehr wohl der Aufgabe annehmen, Antworten zu geben auf die großen Fragen unserer Zeit.
Der Blick auf philosophische Veranstaltungen zeigt allerdings, dass die Philosophie weit mehr zu bieten hat. Viele Menschen interessieren sich nicht nur für Veranstaltungen zu Klimawandel, Krieg oder künstlicher Intelligenz. Auch Veranstaltungen zu Einsamkeit oder Erinnerungskultur ziehen viele Menschen an. Zu sozialer Wahrnehmung, Selbstverwirklichung, dem Zweck von Kunst, dem Bildungsbegriff bei Aristoteles, Rassismus bei Kant, Endlichkeit, gerechtem Wirtschaften, Pflichten in der Familie … All diese Veranstaltungen sind gut besucht. Offensichtlich besteht auch an solchen Themen ein enormes Interesse. Es wäre also ein Fehler, Philosoph:innen immer bloß daran zu messen, ob sie sich auf „die großen und drängenden Fragen unserer Zeit“ stürzen. Auch die zeitlosen Fragen des Menschseins, das philosophische Erbe aus vergangenen Zeiten oder unhinterfragte Alltäglichkeiten beschäftigen die Menschen. Wenn Philosoph:innen Veranstaltungen organisieren zu diesen unterschiedlichen Themen, die offensichtlich viele Menschen interessieren, verfehlen sie nicht ihre Aufgabe, sondern zeigen Engagement.
Mehr als Inhalte
Philosophische Medienbeiträge haben in Diskussionen um den gegenwärtigen Zustand der Philosophie den Vorzug, dass sie in sich schon eine lebendige, engagierte Philosophie dokumentieren. Eine Podcastfolge wird nicht unmittelbar gehört, während sie aufgenommen wird. Um einen Zeitschriftenartikel zu lesen, muss ich nicht mit der Autorin im selben Raum sein. Ein philosophischer Medienbeitrag funktioniert eben nur dann, wenn jemand einen philosophischen Gedanken in einem Medium festhält und so ort- und zeitunabhängig zugänglich macht. So können Philosoph:innen später leicht auf ihre abrufbaren Beiträge verweisen.
Bei Veranstaltungen ist das anders: Hier treffen Menschen unmittelbar und einmalig aufeinander. Durch diese Kontextabhängigkeit eignen sich Veranstaltungen weniger als Dokument für philosophisches Engagement. Die Unmittelbarkeit der Veranstaltungen macht allerdings eine andere Facette der Philosophie sichtbar: Hier ist ein Gedanke nicht losgelöst von der Person in einem Medium „aufbewahrt“. Das philosophische Moment ist direkt mit den Personen verbunden – auch in ihrer Leiblichkeit. Eine ästhetische Erfahrung im Kino oder Theater kann ergriffen machen und so einen Denkprozess erst anregen. Schlüpft eine Philosophin in die Rolle von Platon, kann sie einen Gedanken in den Raum stellen, ohne ihn sich zu eigen zu machen. Stammelt ein Redner in der Antwort auf eine Frage, macht das den Denkprozess als solchen sichtbar und gibt Auskunft über die Sicherheit seiner Aussage. Spüren die Teilnehmenden die Anspannung in einer kontroversen Diskussion, diskutieren sie möglicherweise anders über Pluralität. Bringt meine Aussage einen anderen Teilnehmer zum Weinen, macht mir das die Bedeutung meiner Worte besonders deutlich.
Auf diese Weise rücken Veranstaltungen neben dem Was auch das Wie in den Fokus. Hier spielen unterschiedliche Darstellungsformen der Philosophie und die gemeinsamen Erfahrungen eine größere Rolle. Sprechen wir über Medienbeiträge, geht es in aller Regel um deren Inhalte.
Ist das noch Philosophie?
Die ein oder andere Stelle in diesem Text dürfte so manchen erschaudern lassen: Menschen, die einfach so drauf los philosophieren? Philosophieveranstaltungen, die keinen Wert auf Argumente legen? Wird hier der Philosophiebegriff nicht überstrapaziert? Kann man da überhaupt von philosophischen Veranstaltungen sprechen?
Die Frage, was nun echte oder gute Philosophie ist, macht natürlich nicht Halt vor Philosophieveranstaltungen. Die hier beschriebenen Veranstaltungen wurden jedenfalls alle von Philosoph:innen organisiert, die an Universitäten und Hochschulen tätig sind. Die Veranstaltungen bilden damit auch die Vielfalt dessen ab, was in der Uni unter Philosophie verhandelt wird.
Und selbst, wenn die Veranstaltungen nicht wirklich philosophisch sein sollten: Bei diesen Veranstaltungen kommen fremde Menschen auf Augenhöhe ins Gespräch, tauschen sich offen über ihr Leben aus, hören einander zu und erheben dabei den Anspruch, einen vernünftigen Diskurs zu führen. Ob das alles nun philosophisch ist oder nicht – Philosoph:innen scheinen jedenfalls gut darin zu sein, Menschen zusammenzubringen.
Auf jeden Fall gestalten Philosoph:innen ein vielfältiges Veranstaltungsangebot, das von vielen Menschen angenommen wird. Und wer philosophische Veranstaltungen (be)sucht, findet eine lebendige Philosophie.
Claudius Popp studierte an der Universität zu Köln Philosophie und Latein auf Lehramt. Aktuell promoviert er in Köln zu Veranstaltungsformaten im Kontext öffentlicher Philosophie.



