Lateinamerika und die Imagination einer anderen Philosophie

Von Lea Watzinger (Passau) –

Den männlichen Monolog unterbrechen

Dieser Blogbeitrag wirft einen Blick auf die lateinamerikanische Philosophiegeschichte mit dem Fokus auf ihre Frauen. Philosophinnen gab es in allen Epochen – sichtbar waren sie jedoch nur selten im akademischen Betrieb und in der späteren Philosophiegeschichtsschreibung. Das zeigt sich besonders deutlich mit Blick auf die europäische, gilt aber auch für die lateinamerikanische Philosophiegeschichte.

Dabei sind beide Kontexte – der europäischen und der lateinamerikanischen Philosophiegeschichte – eng miteinander verbunden. Seit dem 18. Jahrhundert hatte sich zunehmend eine hegemoniale Philosophie samt -geschichte entwickelt, die das vernünftige, aufgeklärte und männlich geprägte Europa als Höhepunkt der Weltgeschichte konstruiert und andere Perspektiven marginalisiert.

„Die Abwertung und Ausgrenzung der Frau aus der Philosophie scheint auf den ersten Blick nichts mit der europäischen Expansion zu tun zu haben. Erst beim zweiten Hinsehen [..] zeigt sich, dass diese Stereo­typen mit der europäischen Philosophie und den Wissenschaften in die Welt exportiert worden sind.“[1]

Die Geschichte der lateinamerikanischen Philosophie ist daher ebenfalls eine, die Frauen systematisch ausgeschlossen hat und sie sich mit wenig Bildungschancen an ihrer Ungleichbehandlung und Ungerechtigkeit abarbeiten ließ – und lässt. Dabei fehlen Frauen nicht einfach, sondern sie wurden von schreibenden Männern geringgeschätzt und mussten sich das Recht auf Bildung erst langwierig und rückschlagreich erkämpfen.

Lateinamerikanische Philosophie

Es mag merkwürdig erscheinen, die Diversität eines rund 13 Prozent der weltweiten Landfläche umfassenden Kulturbereichs mit ca. 650 Millionen Menschen in einen Topf zu werfen. Und doch ist das Ringen um eine lateinamerikanische Philosophie ein zentrales Thema. Verbunden mit dem Streben nach Unabhängigkeit dominiert dieses Ringen im 19. Jahrhundert und 20. Jahrhundert philosophische Debatten in Lateinamerika.[2]

Im Zentrum steht dabei, ob sich die lateinamerikanische Philosophie durch eine Rezeption europäischer Autor:innen auszeichnet und den Anschluss an diese Diskurse sucht. Oder ob es eine eigene Art, Philosophie zu betreiben, gibt, weil die besonderen (latein-)amerikanischen Realitäten eine eigenständige epistemische Position erfordern.

Die Frage nach philosophisch tätigen Frauen und dem Umgang mit Frauen in der Philosophie wiederum entfaltet sich parallel hierzu an zwei Achsen: ihre Repräsentation (in der Philosophie) und einer notwendigen Veränderung des Philosophierens selbst. So kritisiert etwa die Argentinierin Victoria Ocampo 1936 die (europäische) Philosophiegeschichte als maskulinen Monolog.[3] Dieser wurde jedoch immer und auch in Lateinamerika von mutigen intellektuellen Frauen herausgefordert, unterbrochen und gestört. Dabei überwinden sie hergebrachte Fachgrenzen und entwickeln kritische Ansätze, die die Philosophie erweitern.

Im 20. Jahrhundert steht dabei vor allem die Verschränkung von dekolonialen und feministischen Ansätzen im Zentrum. Frauen verändern die Philosophie selbst und die Art, sie zu betreiben: etwa, die Art und Zielrichtung der Fragen. Aus lateinamerikanischer Perspektive sind das nochmal andere als anderswo, denn, wie Rita Segato schreibt, es könnte ein Irrtum sein zu glauben, dass wir im Norden und im Süden auf dieselbe Weise denken.[4]

Eine Art Vorgeschichte

Raúl Fornet-Betancourt (2008) weist auf den systematischen Ausschluss von Denkerinnen aus lateinamerikanischen Philosophiegeschichten hin und bemüht sich um eine Sichtbarmachung philosophierender Frauen aus Lateinamerika. Er trägt dabei viele Positionen zusammen, die eine Auswahl an Intellektuellen des großen lateinamerikanischen Kontinents darstellen, und stellt deren Schaffen vor. Er zeigt die kontrafaktische Möglichkeit einer alternativen Geschichte auf und beginnt die „andere Seite“ der Philosophiegeschichte im 17. Jahrhundert mit Sor Juana Ines de la Cruz, die die Abwertung von Frauen anklagt und um das Recht auf Bildung kämpft. Sor Juana Ines´ Schrift erinnert an de Pizans Buch von der Stadt der Frauen (1405), da beide mit bemerkenswerter intellektueller Chuzpe gegen die Misogynie ihrer jeweiligen christlichen Epochen anschrieben. Dabei nehmen sie beide Bezug auf zahlreiche metaphorische und mythische Frauenfiguren. De Pizan tut dies im europäischen Spätmittelalter und Sor Juana Ines im kolonialen Barock Mexikos.

Von letzterer stammt das Bonmot: Hätte Aristoteles gekocht, hätte er viel mehr geschrieben.[5] Was als bitter-ironischer Kommentar von Sor Juana Ines formuliert ist, verweist jedoch schon auf zwei Grundkonfliktlinien sowohl dekolonialer als auch feministischer Theoriebildung: So ist sie als katholische Nonne zum einen selbst Teil der kolonisierenden Kirche und deren Macht- und Geschlechterverhältnisse, die im Zentrum dekolonialer Kritiken stehen.

Zum anderen deutet sich durch ihre Verbindung des (weiblichen) Kochens mit der Philosophie schon leise eine Kritik daran an, was Regina Becker-Schmidt als „doppelte Vergesellschaftung“ von Frauen[6] beschreibt: in der erwerbsökonomischen Sphäre der Produktion sowie in der privaten, unbezahlten Sphäre der Reproduktionsarbeit beschreibt. Damit verbindet sich die Anforderung, die Philosophie und geistige Arbeit hin zu lebensweltlichen Themen zu öffnen, und damit neu zu formulieren, was überhaupt als philosophisch relevant anzusehen ist.

Zwischen Ausschluss und Protagonismus

Die lateinamerikanische Philosophie ist eng verknüpft mit der europäischen Geistesgeschichte und ihren Debatten. Daraus entwickeln sich zum einen die Forderungen nach Anerkennung von Frauen, auch in der Philosophie, sowie ausdrücklich feministische Positionen. 1930 untermauert die venezolanische Literatin Teresa de la Parra die Relevanz weiblicher Protagonistinnen in der lateinamerikanischen Geschichte und im kulturellen Gedächtnis mit einer universitären Vortragsreihe zum „Einfluss der Frauen […]“.[7] Philosophinnen machen zunehmend eine condición feminina zu ihrem Ausgangspunkt, womit sie das, was als Philosophie zu sehen ist, uminterpretieren und erweitern. Für diese geistige Wende in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts können wir etwa die Mexikanerin Rosario Castellanos als eine Wegbereiterin lesen. Sie setzt sich literarisch mit der indigenen Kultur auseinander, und erarbeitet eine praktische Philosophie, die die Situiertheit von Frauen in patriarchalen Gesellschaften anerkennt und ihre Selbstverwirklichung ins Zentrum rückt.[8]

Drei zeitgenössische Positionen

Drei zeitgenössische feministische Positionen veranschaulichen die bisher aufgefächerten Herausforderungen auf prominente Weise. Sie befinden sich an Fachgrenzen, welche sie zugleich neu ziehen. Sind Sie damit Teil einer Philosophiegeschichte?

Die argentinische Philosophin María Lugones beschreibt ein “modern/colonial gender system”[9] und kritisiert damit Machtverhältnisse in nur scheinbar post-kolonialen Gesellschaften, aber auch die traditionelle Philosophie. Sie zeigt, wie koloniale Herrschaft moderne Vorstellungen von Geschlecht, raza und Hierarchie miteinander verknüpft hat und entwickelt eine alternative Methode des World-Traveling: dieses basiert auf Empathie und verlangt, sich in die soziale Welt anderer Menschen hineinzuversetzen und die eigene Perspektive vorübergehend zu dezentrieren. Der von ihr eingeführte Ausdruck der Playfulness bezeichnet dabei eine offene, neugierige und nicht-dominierende Haltung, die dieses Reisen ermöglicht. Ziel ist es, Unterschiede anzuerkennen und dadurch eine Form von solidarischer, liebender Wahrnehmung zu ermöglichen.[10]

Diese Methode und die Anerkennung einer politischen Relevanz des kritischen akademischen Diskurses verbindet sie mit den Zielen zahlreicher Kolleg:innen, etwa mit Rita Segato oder Silvia Rivera Cusicanqui, für die aus der universitären, philosophischen Tätigkeit jeweils ein gesellschaftliches und politisches Engagement erwächst.

Die argentinisch-brasilianische Anthropologin und Bioethikerin Segato untersucht die konkrete soziale und symbolische Gewalt, insbesondere gegen Frauen, und zeigt, wie Kolonialismus indigene Geschlechterordnungen verändert und eine modern-koloniale patriarchale Herrschaft implementiert. Rivera Cusicanqui, Soziologin und Historikerin aus Bolivien, wiederum teilt die Kritik an kolonialen Kategorien, fordert aber, stärker von indigenen historischen Erfahrungen und lokalen sozialen Praktiken auszugehen. Ihr Begriff des „ch’ixi“ stammt aus der Kosmovision der Aymara und betont, dass unterschiedliche und widersprüchliche soziale Formen nebeneinander bestehen können.[11]

Alle drei Autorinnen verbindet die dekoloniale Kritik an der Vorstellung, Geschlecht und Gesellschaft seien universell und unabhängig vom Kolonialismus zu verstehen. Sie untersuchen jeweils, wie die koloniale Herrschaft bis in die Gegenwart hinein soziale Beziehungen und Wissensordnungen prägt.

Man kann sie deshalb als miteinander verbundene, unterschiedliche Perspektiven lesen, die „sich gegen das eurozentrische und modern-westliche Konzept [wenden, LW], […] dessen Blindheit gegenüber der tiefgreifenden ethnischen, kulturellen, sozialen und geschlechtsspezifischen Vielfalt unserer Gesellschaften und der Unsichtbarkeit, die es für die Mehrheit der Menschen auf dem Kontinent mit sich bringt, offenkundig ist.“[12]

Daraus ergibt sich für eine heutige Philosophie und diejenigen, die sie betreiben, das Gebot radikaler Veränderungen, um patriarchale sowie koloniale Kulturen zu entflechten, zu verstehen und zu verändern. Das betrifft die Art, wie wir philosophieren und eine neue Ausbuchstabierung der Geschichte(n) und Methoden der Philosophie, wozu das Sichtbarmachen weiblicher Stimmen und Akteurinnen einen ersten und wichtigen Schritt darstellt. So können neue Fragen, Antworten und Gemeinschaften entstehen.

Fazit: Philosophiegeschichte erneuern

Die Beiträge von lateinamerikanischen Frauen, Feminist:innen und dekolonialen Theoretiker:innen verzahnen sich also spätestens im 21. Jahrhundert und stellen äußerst ergiebige Werkzeuge der Reflexion und Kritik dar, um die Welt, in der wir leben, gestalten zu können. Sich heute mit der Philosophiegeschichte im Sinne einer „interkulturelle[n] Verstrickungsgeschichte“[13] auseinanderzusetzen, bedeutet daher, bestehende philosophische Kanones und Curricula kritisch zu hinterfragen und auch, sie neu zu gestalten. Philosophie und ihre Geschichte, so wie wir sie kennen, drohen sonst ein koloniales Projekt zu bleiben, selbst wenn sie Frauen einschließen, dafür jedoch andere Denkweisen, Weltmodelle und Erkenntnisformen ausschließen.


Dr. Lea Watzinger ist akademische Rätin am Lehrstuhl für Politische Theorie an der Universität Passau und war 2026 Gastprofessorin an der Universidad Santiago del Estero (Argentinien).


Literatur

Elberfeld, Rolf (2021). Dekoloniales Philosophieren. Versuch über philosophische Verantwortung und Kritik im Horizont der europäischen Expansion. Hildesheim/Zürich/New York, Universitätsverlag Hildesheim; Georg Olms Verlag.

Fernández Nadal, Estela M. (2024). Drei lateinamerikanische Denkerinnen. Ivonne Gebara, Silvia Rivera Cusicanqui, Francesca Gargallo. In: Federica González Luna/Razvan Adrian Sandru/Fernando Wirtz et al. (Hg.). Philosophie in Lateinamerika. Eine Einführung. Tübingen, Tübingen University Press, 109–132.

Fornet Betancourt, Raúl (2008). Frauen und Philosophie im lateinamerikanischen Denken. Momente einer schwierigen Beziehung. Aachen, Verlagsgruppe Mainz.

González Luna, Federica/Sandru, Razvan Adrian/Wirtz, Fernando/Fernández Nadal, Estela M. (Hg.) (2024). Philosophie in Lateinamerika. Eine Einführung. Tübingen, Tübingen University Press.

Kraus, Magdalena (2019). Feministische Theorie in Lateinamerika. In: Anke Graneß/Martina Kopf/Magdalena Kraus (Hg.). Feministische Theorie aus Afrika, Asien und Lateinamerika. Wien/Stuttgart, Facultas; UTB, 213–267.

Lugones, María (1987). Playfulness, “World”-Travelling, and Loving Perception. Hypathia 2 (2), 3–19.

Lugones, María (2023). The Coloniality of Gender. In: Lívia de Souza Lima/Edith Otero Quezada/Julia Roth (Hg.). Feminisms in Movement. Transcript Verlag, 35–58.

Ocampo, Victoria (1936): La mujer y su expresión. Conferencia radiotelefónica dirigida al público de España y de Argentina en agosto de 1936 y publicada en Testimonios en 1941: https://www.revistadelauniversidad.mx/articles/2a43da9f-bd6b-4905-8484-b11f23e6fbdb/la-mujer-y-su-expresion.

Rama, Ángel (Hg.) (1982). Der lange Kampf Lateinamerikas. Texte u. Dokumente von José Martí bis Salvador Allende. 2. Aufl. Frankfurt am Main, Suhrkamp.

Rivera Cusicanqui, Silvia (2018). Ch’ixinakax utxiwa. Eine Reflexion über Praktiken und Diskurse der Dekolonisierung. Hg. v. Sebastian Garbe/María Cárdenas/Andrea Sempértegui. Münster, Unrast, 75–97.

Segato, Rita (2022). The Critique of Coloniality. New York, Routledge.


[1] Elberfeld S. 102f.

[2] Vgl. z.B. Rama 1982; González Luna et al. 2024; Kraus, S. 216f.

[3] Ocampo 1936.

[4] Segato 2022, S. 6

[5] Zitiert nach: Fornet-Betancourt 2008, S. 63.

[6] Vgl. Becker-Schmidt, Regina 2003: https://www.fu-berlin.de/sites/gpo/soz_eth/Geschlecht_als_Kategorie/Die_doppelte_Vergesellschaftung_von_Frauen/becker_schmidt.pdf.

[7] Vgl. Fornet-Betancourt 2008, S. 82.  

[8]  Vgl. Fornet-Betancourt 2008, S. 109.

[9] Lugones 2023.

[10] Lugones 1987.

[11] Vgl.Rivera Cusicanqui 2018, S. 75-97.

[12] Nadal

[13] Elberfeld 103