
Die Schwierigkeit der Philosophie
Von Florian Rieger (Basel) –
Im Rennen der Philosophie gewinnt, wer am langsamsten laufen kann. Oder: der, der das Ziel zuletzt erreicht. (Ludwig Wittgenstein, Vermischte Bemerkungen)
Was ist Philosophie? Das ist selbst für Philosoph*innen eine schwer zu beantwortende Frage – allein schon deshalb, weil mit Blick auf den Inhalt, d.h. auf die potentiellen Gegenstände der philosophischen Reflexion, keine einfache Abgrenzung zu anderen wissenschaftlichen Disziplinen möglich zu sein scheint. Schließlich kann im Prinzip alles ein Gegenstand der philosophischen Betrachtung sein. Aber auch in formaler Hinsicht lässt sich das nicht näher eingrenzen: zum einen, weil es nicht die eine authentische philosophische Methode gibt; zum anderen lässt sich kaum im Voraus sagen, welche Methode zu echten philosophischen Einsichten führen wird. Möglich ist sogar, dass uns bestimmte methodische Konventionen des Philosophierens selbst den Weg zu philosophischen Erkenntnissen versperren. Und für solche Fälle werde ich mich im Folgenden interessieren.
In meinem Fokus werden dabei Überlegungen von Cora Diamond stehen, insbesondere ihre Auseinandersetzung mit John Coetzees Tanner Lectures, die 1999 unter dem Titel The Lives of Animals erschienen sind.[1] Nachdem ich im ersten Teil meines Beitrags dieses Beispiel für eine – wie Diamond es nennt – „Schwierigkeit der Realität“ in den Blick gebracht habe, werde ich im zweiten Teil genauer zu erläutern versuchen, was laut Diamond (und Wittgenstein) die Schwierigkeit der Philosophie kennzeichnet. Wenn das gelingt, sollte – so meine Hoffnung – auch etwas klarer werden, was das Philosophieren als solches ausmacht und was es so schwierig macht.
Die Schwierigkeit der Realität
Im akademischen Jahr 1997/98 wurde der südafrikanische Schriftsteller John Coetzee an die Princeton University eingeladen, um dort die renommierten Tanner Lectures zu halten. Das Besondere an Coetzees Vorlesungen ist, dass es keine herkömmlichen Vorlesungen sind, wie man sie aus akademischen Kontexten kennt. Coetzee erzählt vielmehr eine fiktionale Geschichte von einer australischen Schriftstellerin – Elizabeth Costello –, die in die USA eingeladen wird, um am fiktiven Appleton College eine Vorlesung zu einem Thema ihrer Wahl zu halten.
Costello entschließt sich dazu, über unseren teils grausamen Umgang mit Tieren zu sprechen. Dieser Umgang stellt für Costello eine besondere Schwierigkeit dar; er ist – in den Worten von Cora Diamond – eine Schwierigkeit der Realität, die Costello zutiefst erschüttert. Das Leid, das wir den Tieren jeden Tag und überall auf der Welt zufügen, dabei kaum eine Gefühlsregung zeigen und nicht (oder nur wenig) davon mitgenommen sind, uns sogar mit diesem Umstand, von dem wir ja doch irgendwie wissen, als einer Art Normalität arrangiert haben – all das lässt Costello bestürzt zurück. Sie ist davon überwältigt, wie wir die Tiere scheinbar bedenkenlos töten, sie sogar züchten, nur um sie dann wieder für die Nahrungsmittelindustrie zu schlachten. Und dieses Gefühl des Überwältigt-seins bringt Costello in ihrer Vorlesung am Appleton College (und somit auch Coetzee in seinen Tanner Lectures) zum Ausdruck. Costellos Schwierigkeit hat aber auch diese weitere Dimension: Costello ist ebenso davon ergriffen, dass sie mit dieser Schwierigkeit unserer moralischen Realität in ihrem Denken nicht fertig wird. Ihr – die sie ja der besonderen Tierart angehört, die Vernunft und Sprache besitzt – scheinen die Worte abhanden zu kommen, um diese Schwierigkeit in unserem Umgang mit anderen Tieren zu artikulieren und so sprachlich fassbar zu machen.[2]
In ihrer Ratlosigkeit greift Costello dann zu Vergleichen und Bildern, die weniger erklären sollen als den Schrecken angesichts dieser Grausamkeit gegenüber den Tieren überhaupt fühlbar zu machen. Und das führt fast unvermeidlichzu Irritationen bei ihrem Publikum, das kaum Zugang zu dieser Schwierigkeit findet: Ihrem eigenen Sohn, einem Physikprofessor am Appleton College, ihrer Schwiegertochter, einer promovierten Philosophin, und all den anderen Akademiker*innen, die sich mit Costello über das Thema ihres Vortrags unterhalten, scheint Costellos Schwierigkeit zwar nicht gänzlich verborgen zu bleiben. Sie sehen, was Costello bewegt, nämlich der Schrecken der Fleischindustrie und unsere Gleichgültigkeit gegenüber dem Leid, das Tieren darin zugefügt wird. Dennoch bleibt ihnen Costellos Ergriffenheit letzten Endes unverständlich, weshalb sie der Irritation, die Costellos Vortrag auslöst, vor allem dadurch begegnen, dass sie immer wieder und meist vergeblich versuchen, die Unbequemlichkeit Costellos und ihres Vortrags in vertraute Kategorien zu bringen und sich so nicht mit der Schwierigkeit auseinandersetzen zu müssen, auf die Costello aufmerksam macht. Diese Schwierigkeit erfährt in ihren Gedanken, Fragen und Reaktionen daher eine – wie Diamond es nennt – Ablenkung oder Umleitung (deflection).[3]
Ablenkung (deflection)
Um nachvollziehen zu können, was genau hier mit „Ablenkung“ gemeint ist, bietet es sich an, ein Beispiel aus Coetzees Text zu betrachten. Im Anschluss an Costellos Vorlesung wird eine Wortmeldung zugelassen. Ein Hörer richtet folgende Fragen an Costello:
“What wasn’t clear to me,” the man is saying, “is what you are actually targeting. Are you saying we should close down the factory farms? Are you saying we should stop eating meat? Are you saying we should treat animals more humanely, kill them more humanely? Are you saying we should stop experiments on animals? Are you saying we should stop experiments with animals, even benign psychological experiments like Köhler’s? Can you clarify? Thank you.” (Coetzee 1999, 36)
Was der Fragende hier zu erwarten scheint, ist, dass sich Costello eindeutiger im ethischen Diskurs positioniert, in dem es um unseren Umgang mit Tieren geht, d.h. darum, wie wir sie halten sollen, ob wir sie essen oder Experimente an ihnen durchführen dürfen usw. Die Schwierigkeit, die Costello umtreibt, ist so nach wie vor präsent. Doch sie ist zugleich umgeleitet: Was Costello leibhaftig spürt, ihr tiefes Ergriffensein vom Leid der Tiere, das sie beinahe aus der Haut fahren lässt und das sprachlich nicht mehr fassbar zu sein scheint, ist für den Fragenden eine rein intellektuelle Angelegenheit geworden, in der es nur noch darum geht, wie man zu einer akademischen Streitfrage Stellung bezieht und welches dabei die besten Argumente sind. Das schafft eine gewisse Distanz zu dieser Schwierigkeit und es wird das volle Ausgesetzt-sein – Diamond spricht von einem „exposure“ – gegenüber dieser Schwierigkeit vermieden.[4] Costellos Ergriffenheit und ihr eigenes Leiden daran, dass wir den Tieren unfassbares Leid zufügen, droht aus dem Blick zu geraten.
Costello scheint das zu erahnen, weshalb sie dem Fragenden auch mehr oder weniger deutlich mit einer verweigerten Positionierung in diesem Raum der Gründe antwortet:
“I was hoping not to have to enunciate principles[.]” […] “If principles are what you want to take away from this talk, I would have to respond, open your heart and listen to what your heart says.” (Coetzee 1999, 37)
Nachdem sie merkt, dass diese Antwort nicht nur den Fragenden, sondern auch viele andere Hörer*innen ratlos und verblüfft zurücklässt, fügt Costello noch an, dass sie kein Interesse daran hat, anderen Menschen Vorschriften zu erteilen, etwa darüber, was sie essen oder was sie tun und lassen sollen. Nach einer weiteren kurzen, aber ebenso irritierenden Bemerkung über den Psychologen Wolfgang Köhler, über den sie schon in ihrem Vortrag gesprochen hat, kommt ihre Antwort zu einem überraschend schnellen Ende. Es ist mehr als deutlich, dass die anderen nach wie vor nicht wissen, was sie mit Costellos Vorlesung und dem von ihr Gesagten anfangen sollen. Insbesondere Costellos Sohn – aus dessen Perspektive Coetzee die Geschichte von Elizabeth Costello größtenteils erzählt – ist ratlos. Ihm bleibt bis zuletzt unklar, warum seine Mutter nicht einfach sagt, was sie sagen will.[5] Das legt nahe, dass Costellos Schwierigkeit auch für ihn nicht als solche sichtbar wird und er gleichfalls davon abgelenkt ist.
Vermutlich sorgt die Figur der Elizabeth Costello aber auch bei einigen Leser*innen Coetzees für Irritationen. Man könnte sich angesichts des weiteren Verlaufs der Geschichte nämlich ebenso fragen, ob Costello es überhaupt selbst so ernst meint mit ihrem Einsatz für das Tierwohl und ihrem Protest gegen unseren grausamen Umgang mit den Tieren. Zunächst scheint sie dieser Schwierigkeit unserer moralischen Realität schon recht konsequent entgegenzutreten, indem sie sich u.a. vegetarisch ernährt und keine Gelegenheit auslässt, kritisch über die Problematik des Fleischkonsums zu diskutieren. Auch beim festlichen Abendessen nach ihrem Vortrag wird ihr Vegetarismus daher zum Gesprächsthema. Norma, Costellos Schwiegertochter, kritisiert dabei Costellos Vegetarismus äußerst scharf, denn sie findet es übergriffig, wenn von Menschen verlangt wird, sich irgendwelchen Ernährungsvorschriften zu beugen. Sie glaubt, dass dies Anzeichen eines elitären Denkens ist, das sie mehr oder weniger deutlich auch ihrer Schwiegermutter vorwirft. Garrard, der Präsident des Appleton College, versucht die Wogen zu glätten und bekundet seinen Respekt vor Costellos Fleischverzicht:
“But your own vegetarianism, Mrs. Costello,” says President Garrard, pouring oil on troubled waters: “it comes out of moral conviction, does it not?”
“No, I don’t think so,” says his mother. “It comes out of a desire to save my soul.”
Now there truly is a silence, broken only by the clink of plates as the waitresses set baked Alaskas before them.
“Well, I have a great respect for it,” says Garrard. “As a way of life.”
“I’m wearing leather shoes,” says his mother. “I’m carrying a leather purse. I wouldn’t have overmuch respect if I were you.“ (Coetzee 1999, 43)
Was sollen wir als Leser*innen nun aber von dieser Wendung halten? Costello wird uns als eine Person präsentiert, der das Leid der Tiere ungeheuerlich nahegeht, die davon vollkommen überwältigt ist, ja sogar selbst darunter leidet. Sie verzichtet – folgerichtig, wie man vielleicht sagen möchte – auf den Verzehr von Fleisch, will das jedoch nicht als ein Handeln aus einer „moralischen Überzeugung“ verstanden wissen. Zudem räumt sie offen und ehrlich ein, dass sie für diesen Vegetarismus kein Lob und keine Achtung verdient hat, schließlich trägt sie Lederschuhe und hat eine lederne Handtasche. Was sollen wir dann aber mit einer solchen Inkonsistenz und Inkonsequenz anfangen? Was genau will Costello eigentlich? Was will sie erreichen? Und was bezweckt Coetzee mit dieser merkwürdigen Geschichte? Was will er uns damit zu verstehen geben?
Die Schwierigkeit der Philosophie
Ich werde diese Fragen hier unbeantwortet lassen. Ich habe sie lediglich angeführt, um auf eine Gefahr aufmerksam zu machen, die mit ihnen einhergeht. Diese Fragen haben nämlich gleichfalls das Potential, uns von Costellos Schwierigkeit wegzuführen und uns gewissermaßen davon abzulenken: Eine solche Ablenkung wäre gegeben, wenn wir Costellos Schwierigkeit in eine Interpretations- oder Motivfrage („Was will sie wirklich?“) umschreiben und uns nur noch damit befassen, wie Coetzees Geschichte zu deuten ist. Doch Ablenkungen wie diese oder auch Ablenkungen wie jene zu vermeiden, die sich in den Reaktionen von Costellos Gesprächspartner*innen bemerkbar machen, ist entscheidend für das, was Diamond die Schwierigkeit der Philosophie nennt. [6] Sie betont, dass es auch im Philosophieren besonders darauf ankommt, unser Ausgesetzt-sein (exposure) gegenüber den Schwierigkeiten der Realität – von denen Costellos Schwierigkeit ein mögliches Beispiel ist – auszuhalten, uns nicht ablenken zu lassen und länger bei diesen Schwierigkeiten selbst zu verweilen.
An dieser Stelle kann uns Ludwig Wittgenstein helfen, diesen Punkt genauer zu artikulieren. In einer seiner Bemerkungen schreibt er nämlich Folgendes über die Schwierigkeit philosophischer Betrachtungen:
Hier stoßen wir auf eine merkwürdige und charakteristische Erscheinung in philosophischen Untersuchungen: Die Schwierigkeit – könnte ich sagen – ist nicht, die Lösung zu finden, sondern, etwas als die Lösung anzuerkennen, was aussieht, als wäre es erst eine Vorstufe zu ihr. „Wir haben schon alles gesagt. – Nicht etwas, was daraus folgt, sondern eben das ist die Lösung!“
Das hängt, glaube ich, damit zusammen, daß wir fälschlich eine Erklärung erwarten; während eine Beschreibung die Lösung der Schwierigkeit ist, wenn wir sie richtig in unsere Betrachtung einordnen. Wenn wir bei ihr verweilen, nicht versuchen, über sie hinauszukommen.
Die Schwierigkeit ist hier: Halt zu machen. (Wittgenstein, Zettel §314)
Was Diamond „Ablenkung“ (deflection) nennt, bringt Wittgenstein hier in einer einzigen Wendung auf den Punkt: Die Schwierigkeit, vor allem in der Philosophie, ist, Halt zu machen. Doch was genau ist mit „Halt machen“ gemeint? Da Wittgenstein auch davon spricht, dass wir im Philosophieren oft fälschlicherweise Erklärungen erwarten, dass wir uns nicht mit einfachen Beschreibungen zufrieden geben, sondern erst noch etwas daraus ableiten wollen, könnte natürlich der Eindruck entstehen, als bedeute „Halt machen“ so viel wie, das Denken ganz einzustellen, nicht mehr zu argumentieren und keine Erklärungen mehr zu suchen. Doch das ist gewiss nicht das, was Wittgenstein hier im Sinn hat, und auch nicht das, was Diamond in ihrem Aufsatz nahelegen will.[7] Wenn Wittgenstein davon spricht, dass wir bei den Schwierigkeiten selbst verweilen sollen, oder wenn Diamond empfiehlt, dass wir uns nicht ablenken lassen, sondern uns dem Ausgesetzt-sein (exposure) gegenüber den Schwierigkeiten der Realität selbst stellen, dann schreiben beide in gewisser Weise gegen einen bestimmten philosophischen Reflex an, der in den zuvor beschriebenen Szenen bereits greifbar wird.
Coetzee beschreibt Costello als eine Person, die vom Leid der Tiere ergriffen und überwältigt wird; und die auch genau das gegenüber den anderen Personen zum Ausdruck bringt. Gerade das macht Costello für diese anderen aber rätselhaft und schwer zu greifen. Deutlich wird dies anhand der Reaktion des Sohnes, der am liebsten laut ausrufen würde: Warum sagt sie denn nicht einfach, was sie sagen will? Der Fragende in der Fragerunde scheint sich das gleichfalls zu wünschen. Er fordert Costello auf, sich eindeutig zu positionieren, ihre Prinzipien und Gründe offen zu legen, damit die anderen wissen und erkennen können, woran sie sind. Und genau das ist der erwähnte Reflex: Der Wunsch nach einer eindeutigen Positionierung in einem Diskurs und nach einer klaren Artikulation der jeweiligen Gründe entspringt einem tieferen Bedürfnis: dem Wunsch, handhabbar und kontrollierbar zu machen, was andernfalls unerklärlich, rätselhaft und irritierend bleiben würde. Wenn man die Position der anderen Person kennt und deren Gründe einsehen kann, weiß man, woran man ist; man kann diese Position dann kritisieren oder ihr gegebenenfalls beruhigt und erleichtert zustimmen. Die Form der Nachfragen des Fragenden im Anschluss an Costellos Vortrag zeigen das exemplarisch: Diese Fragen verlangen weniger eine Reaktion auf eine verstörende Realität als eine Zuordnung des Gesagten zu bestimmten, vorgegebenen Optionen in einem vertrauten Entscheidungsraum. Costello verweigert sich gerade dieser Tendenz zur Vermeidung der Schwierigkeit der Realität, weshalb sie auch etwas Rätselhaftes, Unergründliches – bisweilen auch etwas Beschämendes ausstrahlt. Ihre Gesprächspartner*innen fällt es entsprechend schwer, das auszuhalten, weswegen sie sich immer wieder darum bemühen, möglichst schnell auf das Feld der Gründe und Argumente zurückzukehren. Doch warum eigentlich? Vielleicht weil ihnen Costellos Sprachlosigkeit, ihr Leiden an dieser Schwierigkeit der Realität Angst macht? Oder weil sie dadurch an ihre eigene Verletzlichkeit und Verwundbarkeit gegenüber solchen Schwierigkeiten erinnert werden?
Ein realistisches Philosophieren
Wie dem auch sei, es scheint klar, dass es äußerst schwer sein kann, eine derartige Schwierigkeit auszuhalten und sich der Möglichkeit auszusetzen, dass es in bestimmten Situationen vielleicht keine eindeutigen, philosophischen Positionen gibt, die einem dabei Sicherheit geben könnten. Mitunter müssen wir uns eben eingestehen, dass wir das, was uns bei einer Schwierigkeit wie derjenigen Costellos mitnimmt, nicht oder nicht so einfach in Worte fassen können. Doch für Philosoph*innen, insbesondere für jene, die gewisse akademische Gepflogenheiten verinnerlicht haben, stellt das vermutlich die größte Schwierigkeit dar: dem eben skizzierten philosophischen Reflex zu widerstehen und nicht zu versuchen, über die Beschreibung der jeweiligen Schwierigkeit hinauszugelangen, was aber – um es noch einmal zu betonen – nicht bedeutet, alles Denken und alles Argumentieren aufzugeben; es bedeutet vor allem eine Entschleunigung unseres Denkens und eine Schärfung unserer Aufmerksamkeit für die jeweiligen Schwierigkeiten der Realität.
Coetzee ist gerade ein Meister in einem solchen Verweilen bei diesen Schwierigkeiten. Er nimmt sich bewusst zurück und nimmt keine Antworten und Reaktionen auf Costellos Schwierigkeit vorweg. In der Gesprächsszene beim Abendessen sieht man das sehr deutlich: Costello wird nach den moralischen Gründen für ihren Vegetarismus gefragt und sie antwortet – eher unerwartet – mit dem Eingeständnis der eigenen Inkonsequenz. Die einsetzende Stille wird von Coetzee nicht aufgelöst und er liefert keine Deutung, die Costello hier irgendwie in einem anderen, besseren Licht darstellen würde. Er hält die Gedankenbewegung so bei der Schwierigkeit selbst fest, und zwar auch dadurch, dass er ein dermaßen realistisches und menschlichesBild von Elizabeth Costello zeichnet. Er stilisiert sie nicht zu einer moralischen Symbolfigur, sondern zeichnet sie mit all ihren Schwächen: Sie ist eben nicht in allem konsequent und konsistent, sie verzichtet zwar auf den Fleischkonsum, scheint aber ohne schlechtes Gewissen tierische Lederprodukte zu verwenden. Zugleich ist sie, obwohl sie doch entschlossen für das Tierwohl eintritt, zugleich von Selbstzweifeln geplagt; und sie fragt sich mehrmals, ob sie nicht zu viel aus der ganzen Sache macht.[8] Doch gerade durch diese menschliche, allzu menschliche Darstellung der Elizabeth Costello erinnert uns Coetzee umso mehr an unsere eigene Menschlichkeit und Verletzlichkeit; er erinnert uns daran, was es bedeutet, ein Mensch zu sein, solchen Schwierigkeiten gegenüberzustehen, von ihnen ergriffen und überwältigt zu sein und damit klarkommen zu müssen.
Was Coetzee allerdings nicht tut, ist, diese schonungslose Beschreibung dieser Schwierigkeit der Realität in irgendeine Betrachtung einzuordnen. Das überlässt er uns, genauso wie er uns jeweils selbst überlässt herauszufinden, was es in diesem Zusammenhang bedeuten kann, die Beschreibung einer solchen Schwierigkeit „richtig in unsere Betrachtung“ einzuordnen.[9] Aus diesem Grund ist sein Text auch eher ein literarischer, kein primär philosophischer Text – obgleich er uns als Philosoph*innen natürlich eine gute Gelegenheit bietet, um durch dieses Verweilen bei Costellos Schwierigkeit etwas über uns selbst zu lernen, beispielsweise über unseren philosophischen Reflex, der uns dazu drängt, nicht bei diesen Schwierigkeiten zu verweilen. Wir könnten es auch so ausdrücken: Die Literatur setzt uns den Schwierigkeiten der Realität selbst aus, während die Philosophie vor der Aufgabe steht, dieses Ausgesetzt-sein aufzunehmen und richtig in die Betrachtung einzuordnen, ohne es dabei vorschnell zu entschärfen und davon abzulenken. Diamond versucht in ihrem Aufsatz – und in vielen anderen ihrer Aufsätze – zu zeigen, dass genau dies möglich ist und dass eine solche philosophische Einordnung nicht zwangsläufig in einer Ablenkung münden muss.[10] Eine derartige Ablenkung beginnt nicht schon dort, wo wir überhaupt zu denken, zu begründen und zu argumentieren anfangen, sondern dort, wo unser Denken, Erklären und Begründen zur Flucht wird: wo wir das Getroffen-sein, die Beschämung oder Ratlosigkeit – kurz: unser Ausgesetzt-sein gegenüber den jeweiligen Schwierigkeiten der Realität allzu schnell durch eine beruhigende, aber womöglich trügerische Form von Klarheit ersetzen wollen.
Es ist nicht ausgeschlossen, dass uns die Philosophie dabei helfen kann, mit den Schwierigkeiten der Realität klarzukommen und mit unserem Ausgesetzt-sein gegenüber diesen Schwierigkeiten zu leben. Damit die Philosophie aber in diesem Sinn realistisch sein kann, müssen wir uns in unserem Philosophieren jedoch die Zeit nehmen, Halt zu machen und bei diesen Schwierigkeiten zu verweilen. Das erfordert sicherlich ein hohes Maß an Disziplin und Übung, was das Philosophieren selbst schwierig macht. Vielleicht erklärt aber auch gerade das, warum die Frage “Was ist Philosophie?” keine einfache Antwort zulässt: nämlich deshalb, weil sie nicht (nur) nach einem besonderen Gegenstand oder Inhalt fragt, sondern nach einer Haltung, die man einüben muss.
Florian Rieger hat Philosophie, Soziologie und Geschichte der Frühen Neuzeit in Augsburg und Pittsburgh (USA) studiert. Von 2018 bis 2023 war er Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Philosophie an der Universität Augsburg, seit Februar 2024 ist er PostDoc am Philosophischen Seminar der Universität Basel. Seine Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der Sprachphilosophie, Philosophie des Geistes, Handlungstheorie und Moralphilosophie. Seine Dissertation erschien 2025 unter dem Titel Die Idee der Praxis bei Wittgenstein und Aristoteles im Schwabe Verlag.
[1] Siehe Diamond 2003.
[2] Darauf weist auch McDowell in seinem Kommentar auf Diamonds Paper hin, siehe McDowell 2008, 134: „The kind of difficulty […] arises when something we encounter defeats our ordinary capacity to get our minds around reality, that is, our capacity to capture reality in language. That dislodges us from comfortably inhabiting our nature as speaking animals, animals who can make sense of things in the way the capacity to speak enables us. The special kind of animal life we lead comes into question. It is as if a beaver found dam building beyond its powers.“
[3] Siehe Diamond 2003: 11-13. Sie borgt sich diesen Begriff deflection dabei aus einer frühen Arbeit von Stanley Cavell 1969, 247.
[4] Siehe Diamond 2003: 21/22; auch dieser Begriff ist von Cavell geborgt, siehe Cavell 1979, 433.
[5] Siehe Coetzee 1999, 37.
[6] Siehe Diamond 2003, 22–25.
[7] Siehe vor allem Diamond 2003, 22–23 (Fn. 22), zitiert in Fn. 10 unten.
[8] Siehe exemplarisch dafür die Szene am Ende der Geschichte, Coetzee 1999, 69.
[9] Siehe erneut Wittgenstein, Zettel §314.
[10] Siehe Diamond 2003, 22–23 (Fn. 22): „[…] my descriptions […] of how philosophical argument can deflect us from attention to the difficulty of reality may seem to have implied the answer ‘No’ to my question whether there can be a non-deflecting practice of philosophy. That there can be such a practice, and that argument may have an essential role in it, is not something I would wish to deny. There are here two distinct points: philosophical argument is not in and of itself any indication that attention has been or is being deflected from the difficulty of reality, and (more positively) philosophical argument has an important role to play in bringing to attention such difficulty and in exploring its character, as well as in making clear what the limits or limitations are of philosophical argument, and indeed of other argument.“
Literatur
- Diamond, Cora (2003): „The Difficulty of Reality and the Difficulty of Philosophy”, in: Partial Answers: Journal of Literature and the History of Ideas 1/2: 1–26.
- Coetzee, John M. (1999): The Lives of Animals (The Tanner Lectures 1997/98), hrsg. v. A. Gutmann, Princeton, NJ: Princeton University Press.
- McDowell, John (2008): “Comment on Stanley Cavell’s ‘Companionable Thinking’”, in: Cavell, Stanley et al., Philosophy and Animal Life, New York: Columbia University Press: 127–138.
- Cavell, Stanley (1969): “Knowing and Acknowledging”, in: Must We Mean What We Say?, New York: Scribner’s, 238–266.
- Cavell, Stanley (1979): The Claim of Reason. Wittgenstein, Skepticism, Morality, and Tragedy, Oxford: Oxford University Press.
- Wittgenstein, Ludwig (1998): Zettel, in: Werkausgabe, Bd. 8, Frankfurt a. M.: Suhrkamp.
- Wittgenstein, Ludwig (1998): Vermischte Bemerkungen, in: Werkausgabe, Bd. 8, Frankfurt a. M.: Suhrkamp.


