
Was Philosophie nicht ist, aber sein sollte
Von Hans-Dieter Sill (Rostock) –
Auf die Frage „Was ist Philosophie?“ gibt es keine intersubjektive Antwort, dies wird auch in den bisherigen fünf hier veröffentlichten Beiträgen zu diesem Thema deutlich. Der Begriff lässt sich nicht in hinreichender Weise explizieren. Sie ist nach Améry „kein eigenes ‚Fach‘, keine Wissenschaft“, da sie sich „nicht in einer Fachsprache“ ausdrücke (Améry 2012, S. 271). Letztlich kann man nicht von „der Philosophie“ sprechen. Man kann höchstens feststellen, dass mit dem Wort „Philosophie“ eine Gesamtheit von Disziplinen bezeichnet wird, die sich selbst als „philosophisch“ bezeichnen. Im Beitrag sollen Ursachen und Auswege aus dieser Situation aufgezeigt werden.
Christoph Kann schreibt in seinem Werk „Die Sprache der Philosophie“: „So erweist sich die bekannte, u. a. von Adorno aufgegriffene Feststellung Kants, man könne nicht die Philosophie, von der kaum als einem irgendwie vollständigen Ganzen oder klar Definierbaren zu reden ist, wohl aber das Philosophieren erlernen, als dauerhaft gültig“ (Kann 2020, S. 194). Diese Unterscheidung von „Philosophie“ und „philosophieren“ ist zwar möglich, aber es bleibt offen, was philosophieren konkret bedeutet.
Es ist zutreffend, wenn Nicholas Rescher (1997) feststellt, dass es in der Philosophie aufgrund der Art ihres Gegenstandes und der Art der Persönlichkeit der Philosoph:innen bei der Entwicklung von Theorien zwangsläufig zu unterschiedlichen Theorien kommen muss und dies kein Mangel, sondern eine Potenz ist. Auch Manuel Fasko weist in seinem Beitrag darauf hin, dass philosophische Theorien nicht von denen sie produzierenden Philosoph:innen, ihrer Denkgeschichte, Kultur und individuellen Eigenschaften zu trennen sind.
Die Vielfalt philosophischer Theorien schließt nicht aus, dass es eine gemeinsame begriffliche Basis für alle Theorien gibt. In der Mathematik ist die von Georg Cantor begründete Mengenlehre ihr Fundament, auf dem alle Einzeldisziplinen aufbauen. Diese Erkenntnis hat sich bei Mathematikern erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts herausgebildet, nachdem sich bereits zahlreiche Gebiete der Mathematik, wie etwa die Analysis, entfaltet hatten. Cantor litt unter der fehlenden Anerkennung seiner Theorie, die ihr und damit ihm erst in seinen letzten Lebensjahren zuteilwurde.
Analog sollte in der philosophischen Landschaft als gemeinsame Grundlage aller Disziplinen ein System grundlegender Begriffe erarbeitet werden. Ich habe mit meinem Buch „Neue Philosophie“ (Sill 2026) dazu einen Vorschlag unterbreitet. Ein zentraler Gedanke ist dort die Anwendung der axiomatischen Methode zur Bestimmung der Grundbegriffe. David Hilbert sieht die mathematische Axiomatik als universelles Vorbild für jede Wissenschaft. Er schreibt: „Ich glaube: Alles, was Gegenstand wissenschaftlichen Denkens überhaupt sein kann, verfällt, sobald es zur Bildung einer Theorie reif ist, der axiomatischen Methode […]“ (Hilbert et al. 1999 [1. Aufl. 1903], S. 348).
Einer meiner Ausgangspunkte für die Auswahl geeigneter Begriffe war eine Analyse der Begriffsgeschichte von etwa 120 philosophischen Begriffen. Dabei zeigte sich, dass Begriffe wie etwa Sein und Bewusstsein in unterschiedlicher Weise verwendet werden. Ein intersubjektives Begriffsverständnis ist eine wesentliche Grundlage für die Anwendung der Philosophie in anderen Wissenschaften. Ein originärer Gegenstand der Philosophie sollte die Klärung von Grundbegriffen sein, die für alle Fachwissenschaften von Bedeutung sind. Diese Vorgehensweise ist nach Adorno eine „Verfachlichung“, die den eigenen Begriff der Philosophie, die „Freiheit des Geistes“, verleugnet (Adorno 1999, S. 481). Verfachlichung und Freiheit des Geistes sind aber ein untrennbarer Gegensatz, eins bedingt das andere. Nach meinen Erfahrungen ist die Bestimmung klarer und konsistenter begrifflicher Grundlagen erst durch die Freiheit des Geistes möglich und umgekehrt ermöglicht eine solche begriffliche Grundlage eine freie und fundierte Entfaltung des Geistes.
Von den Vertretern der kritischen Theorie Adorno und Horkheimer wird, offensichtlich als zentrale Funktion der Philosophie die Kritik am Bestehenden angegeben, worauf in drei der bisherigen fünf Beiträge zum Thema eingegangen wurde. „Ist Philosophie noch nötig, dann wie von je als Kritik, …“ (Adorno 1999, S. 484) und Horkheimer schreibt: „Die wahre gesellschaftliche Funktion der Philosophie liegt in der Kritik des Bestehenden“ (Horkheimer 1974). Kritik ist nach Horkheimer dabei „jene intellektuelle und schließlich praktische Anstrengung, die herrschenden Ideen, Handlungsweisen und gesellschaftlichen Verhältnisse nicht unreflektiert, rein gewohnheitsmäßig hinzunehmen; die Anstrengung, die einzelnen Seiten des gesellschaftlichen Lebens miteinander und mit den allgemeinen Ideen und Zielen der Epoche in Einklang zu bringen, …“ (Horkheimer 1974).
Eine solche Kritik an den bestehenden gesellschaftlichen Verhältnissen setzt als Grundlage eine Gesellschaftstheorie voraus, zu deren Bestandteilen auch Konzepte für neue Gesellschaftsformen gehören. Dies bedeutet eine erhebliche Ausweitung des Gegenstandsbereiches der Philosophie, die damit auch Gesellschaftstheorien umfassen würde. Die Philosophie sollte sich darauf beschränken, die begrifflichen und erkenntnistheoretischen Grundlagen für alle anderen Wissenschaften bereitzustellen und diesen eigentlichen Gegenstand von denen der anderen Wissenschaften deutlich abzugrenzen. Dies betrifft insbesondere zwei Wissenschaftsgebiete, die gegenwärtig mit vielen philosophischen Richtungen institutionell, personell und begrifflich eng verbunden sind, die Logik und vor allem die Theologie. Sie wird oft als ein Bestandteil der Philosophie angesehen. Kann (2020) hat sechs als „klassisch auszuzeichnende, definitionsähnliche Bestimmungen von Philosophie“ zusammengestellt, von denen drei einen engen Bezug zur Theologie haben: „Philosophie ist die Erkenntnis göttlicher und menschlicher Dinge“, „Philosophie ist die Vorbereitung auf den Tod“ und „Philosophie ist das Ähnlichwerden mit Gott, soweit es dem Menschen möglich ist“ (Kann 2020, S. 197).
Zwei Autoren (Azzouz und Gante) weisen darauf hin, dass die Kritik des Bestehenden einschließt, auch die bestehende Philosophie zu kritisieren. In der Philosophiegeschichte war die Kritik ein wesentliches Moment. Adorno stellt dazu fest: „Die überlieferten Philosophen … waren … Kritiker“ (Adorno 1999, S. 483). Er verweist dazu auf die Kritik von Aristoteles an Platon, von Descartes an der Scholastik, von Leibniz am Empirismus, von Kant an Leibniz, von Hegel an Kant und von Marx an Hegel. Nach meinem Eindruck ist das heute nicht mehr der Fall. Es gibt sehr selten kritische Auseinandersetzungen mit anderen Auffassungen und oft noch nicht einmal Verweise auf relevante Literatur, was von mir durchgeführte statistische Untersuchungen beweisen. Ein Beispiel sind ebenfalls die fünf Beiträge zum Thema, in denen es keine Bezüge untereinander gibt. Daraus ergibt sich die Feststellung, dass die Philosophie in ihrer Gesamtheit nicht kumulativ ist. Dies wird von einigen Philosoph:innen nicht einmal bedauert, wie Ana-Silvia Munte in ihrem Beitrag belegt. Die Kumulativität ist ein Merkmal einer jeden Wissenschaft, deshalb sollte auch die Philosophie danach streben.
Schwer verständliche, nicht eindeutig bestimmbare Fachbegriffe und rivalisierende philosophische Strömungen erschweren erheblich ihre Rezeption in anderen Wissenschaften. Ein extremes Beispiel ist Hegel, der seine genialen Gedanken in eine verwinkelte Sprache gekleidet hat und dabei Alltagsbegriffe unbekümmert in völlig anderer Bedeutung verwendet. Es wird gesagt, dass das Studium von Hegels Texten Jahre des Lebens kostet, was ich bestätigen kann. Die Alltagssprache sollte in der Philosophie einen weit höheren Stellenwert erhalten. Sie wird in allen Fachwissenschaften in Verbindung mit der jeweiligen Fachsprache verwendet. Ihre Problematisierung, Präzisierung und Vertiefung zu philosophischen Begriffen motiviert und erleichtert Fachwissenschaftler:innen, sich damit zu beschäftigen, zumal wenn sie erkennen, dass sich teilweise erhebliche Konsequenzen für ihre eigenen Begriffsbildungen und Methoden ergeben. Solche Konsequenzen werden in Sill (2026) z. B. für die Begriffe „Wort“, „Merkmal“, „Veränderung“ und „Gegensatz“ verdeutlicht.
Hans-Dieter Sill ist Professor i. R. für Didaktik des Mathematikunterrichts an der Universität Rostock. Seine fachdidaktischen und erziehungswissenschaftlichen Arbeiten sind auf seiner Institutswebseite https://www.math.uni-rostock.de/~sill/ und seine philosophischen Texte auf der privaten Webseite https://philosophie-neu.de/ zu finden.
Literatur
Adorno, Theodor W (1999): Wozu noch Philosophie? In: Deutsche Zeitschrift für Philosophie 47 (3), S. 481–488.
Améry, Jean (Hg.) (2012): Werke. Bd. 6 : Aufsätze zur Philosophie. Stuttgart: Klett-Cotta.
Hilbert, David; Toepell, Michael; Toepell, Michael-Markus; Bernays, Paul (Hg.) (1999 [1. Aufl. 1903]): Grundlagen der Geometrie. 14. Aufl. Stuttgart: B. G. Teubner Sau
Horkheimer, Max (1974): Die gesellschaftliche Funktion der Philosophie. Ausgewählte Essays. 1. Aufl. Frankfurt (am Main): Suhrkamp (Bibliothek Suhrkamp, 391).
Kann, Christoph (2020): Die Sprache der Philosophie. = The language of philosophy. Originalausgabe. Freiburg, München: Verlag Karl Alber.
Sill, Hans-Dieter (2026): Neue Philosophie. Berlin: verlag am park in der edition ost Verlag und Agentur GmbH.

