
Wozu taugt die Philosophie?
Von Wacyl Azzouz (Basel)
Zu fragen, was Philosophie ist, kann Ausdruck einer Ungewissheit sein. Worin diese Ungewissheit nun besteht, ist dabei ebenso vielfältig, wie es die Antworten auf sie sind. Die Frage, was etwas ist, drängt sich möglicherweise dann auf, wenn sein Sinn und seine Selbstverständlichkeit ins Wanken geraten. So sieht man sich dann dazu aufgefordert, sich eben über dies oder jenes erneut zu vergewissern oder sich darüber überhaupt zum ersten Mal aufzuklären. Und so sind die Gründe der Ungewissheit, aus der die Frage nach der Philosophie erwächst, ebenso verschieden wie die Weisen, in denen sie ihre Beantwortung findet. Dass sich die Philosophie immer wieder selbst befragt, mag man daher als Ausdruck einer Ungewissheit nehmen, die die Philosophie über sich selbst hegt.
So könnte man etwa meinen, dass die Fragen, mit denen sich die Philosophie bisher beschäftigt hat, ihre Dringlichkeit verloren haben und daher kaum noch für die Gegenwart wesentliche Antworten erwarten lassen. Mit dem Wandel der gesellschaftlichen Verhältnisse und den Umbrüchen der Zeit scheint sie sich jeweils aufs Neue vergewissern zu müssen.[1] Die zunehmende Selbstbefragung der Philosophie lässt sich daher als Zeichen ihrer Verlegenheit verstehen. So stellt etwa der Mailänder Philosoph Elio Franzini seiner «Philosophie der Krise» die Beobachtung voran, dass sich die Reflexionen über die Philosophie und ihre Disziplin gegenwärtig häufen, und deutet dies nicht als bloße Selbstvergewisserung, sondern als Zeichen einer Krise. Und diese Krise, laut Franzini, besteht in der Spannung zwischen der Philosophie, wie sie traditionell an den Universitäten und ihren Fachzeitschriften betrieben wird, und einer öffentlichkeitssuchenden Philosophie, die sich außerhalb der Universitäten, in den unterschiedlichsten Medien, einer breiteren Öffentlichkeit zuwendet. In den letzten fünfzig Jahren aber habe sich diese Kluft so weit vertieft, dass beide Weisen der Philosophie beinahe als unabhängige Bereiche nebeneinander existieren.[2]
Eine solche Zuspitzung mag der «traditionellen» Philosophie Anlass geben, sich über ihre eigene Aufgabe zu vergewissern, sofern ihr das Missverhältnis zu einer öffentlichkeitssuchenden Philosophie nicht gleichgültig ist. Und so könnte sie sich vorwerfen, dass sie sich vom alltäglichen Leben und seinen Problemen abgewandt hat, sofern man überhaupt meint, dass sie sich ihm je zugewandt habe. In ihrer Selbstvergewisserung besinnt sie sich dann erneut auf ihre Aufgabe, die sie im Laufe der Zeit aus den Augen verloren hat oder sie passt diese ihren neuen Bedingungen an. Die Philosophie hätte sich in ihrer Selbstvergewisserung dessen zu erinnern, was ihr eigentlicher Auftrag ist. Und dieser bestünde eben darin, sich wieder dem alltäglichen Leben und seinen Problemen zuzuwenden.
Aber dies könnte ebenso gut nicht ihre Bestimmung sein. Vielleicht führt es sie vielmehr in die Irre. Unter der Frage, ob die Philosophie den Kontakt zu den Menschen verloren habe, gibt uns der amerikanische Philosoph W.V.O. Quine eine solche Antwort. In seiner Erwiderung auf Mortimer Adler, der den Wandel der Philosophie dahingehend beklagt, dass diese weder zu einer breiten Öffentlichkeit spreche noch allgemeine menschliche Interessen berühre, fragt Quine danach, was denn eigentlich jene Sache – die Philosophie – sei, die sich zum Schlechteren hin verändert haben soll. Mit Blick darauf, wie Philosophie an den Universitäten historisch und heute tatsächlich betrieben wird, sieht Quine den Grund der von Adler beklagten Entfremdung vom gewöhnlichen Leben im vermeintlichen Fortschritt der Philosophie. Wie bei den anderen Wissenschaften hat auch die Philosophie eine zunehmende Spezialisierung erfahren. Weder die Einzelwissenschaften noch die Philosophie haben die Aufgabe, den allgemeinen Interessen, Sorgen und Problemen der Menschen zu entsprechen. Ihre Spezialisierung stellt daher weder einen Verrat noch eine Abkehr von ihrer Verantwortung gegenüber den Menschen dar. Zwar wäre eine sinnvolle Popularisierung der Philosophie denkbar und vielleicht ist sie auch wünschenswert, aber dies ist nicht ihre wesentliche Aufgabe. Die «wissenschaftliche» Philosophie, wie Quine sie hier nennt, muss sich daher auch nicht vor den Bedürfnissen und Interessen eines breiteren Publikums rechtfertigen.[3]
So mag man von der Philosophie auch denken. Sie wäre dann in ihrer Geschichte selbst zu einer spezialisierten Disziplin geworden, die damit ebenso wenig verpflichtet ist, zu einem Laienpublikum zu sprechen, wie die theoretische Physik oder die Molekularbiologie. Und damit hätte sich die Philosophie also auch nicht von ihrer Kernaufgabe abgewendet. Denn letztlich war es nie Sache der Philosophie, in irgendeiner Weise Trost, Orientierung oder Sinn zu spenden. Aber womöglich verbirgt sich in diesem Bedürfnis zur Rechtfertigung gegenüber dem öffentlichen Leben doch noch etwas anderes, etwas, das die Einzelwissenschaften nicht in derselben Weise betrifft. Möglicherweise verbirgt sich darin, dass die Philosophie sich über ihre eigene gesellschaftliche Funktion im Unklaren ist.
Die frühe kritische Theorie hat auf diese Frage ihre eigene Antwort. Was Philosophie ist, lässt sich nicht in gleicher Weise wie bei anderen Wissenschaften als selbstverständlich voraussetzen, weder hinsichtlich ihrer Methode noch ihres Gegenstands. Und daher, so schreibt Max Horkheimer, kann diejenige, die von Philosophie spricht, bei ihrem Gegenüber kaum mehr als einige ungefähre Vorstellungen voraussetzen, was damit gemeint sei.[4] Darüber mögen sich Philosoph:innen streiten. Der Rechtfertigungsbedarf der Philosophie in ihrer gegenwärtigen Lage liegt aber nicht in der Frage, was Philosophie ist, sondern vielmehr in der Frage, wozu sie zu gebrauchen ist. Die Einzelwissenschaften, so führt Horkheimer weiter aus, sind wesentlich durch gesellschaftliche Bedürfnisse bestimmt, und sei es auch nur in Form einer fernen und unbestimmten Anwendbarkeit. Der Philosophie aber stellt das soziale Leben hingegen kein solches Kriterium bereit, an dem sie sich ausrichten könnte.[5]
Das bringt die Philosophie unter Rechtfertigungsdruck. In seinem kurzen Text «Wozu noch Philosophie» stellt Theodor W. Adorno genau diese Frage, nämlich die nach der Berechtigung der Philosophie gegenüber einem Zeitgeist, der sie als veraltet und überflüssig ansieht. Adorno zielt mit dieser Frage aber nicht darauf ab, die Philosophie dazu anzuhalten, sich wieder den Interessen und Problemen der Menschen zu verpflichten – und auch wird die Frage nach dem Nutzen der Philosophie nicht mit dem Verweis auf ihren Fortschritt zu einer eigenen Fachdisziplin, die sich nicht um die Interessen und Probleme eines breiteren Publikums zu kümmern hat, als gleichgültig abgetan. Weder durch Restauration noch durch Verfachlichung vermag sie sich gegenüber dem Zeitgeist als nützlich zu erweisen. Weder vermag die Restauration eine vergangene Einheit wiederherzustellen, noch hat die Verfachlichung ihr etwas anderes gelassen als eine von jeglichen Inhalten entleerte Philosophie, die mit den wirklichen gesellschaftlichen Belangen nichts mehr zu tun hat. Eine Philosophie, so Adorno, die sich nicht über ihre vermeintliche Rechtfertigung hinwegtäuscht, die also weder ihrer eigenen Geschichte nachtrauert noch den Wissenschaften nacheifert, befindet sich im Widerspruch zu den gesellschaftlichen Verhältnissen und ihrer Praxis.[6] Aber in ihrer Opposition zu dem, wozu sie sich als nützlich erweisen soll, vermag sie keine Rechtfertigung zu geben. Sie wird damit zur Kritik.
Kritik bedeutet dabei, so Horkheimer, die eingefahrenen und scheinbar unveränderlichen Bedingungen des menschlichen Lebens nicht unbefragt hinzunehmen, sondern einer prüfenden Reflexion zu unterziehen. Sie meint damit also nicht das bloße Beklagen einzelner Missstände, sondern die Bemühung, die herrschenden Überzeugungen und gesellschaftlichen Verhältnisse nicht einfach fraglos hinzunehmen.[7] Daher schreibt Horkheimer: «Die wahre gesellschaftliche Funktion der Philosophie liegt in der Kritik des Bestehenden.»[8] Als Kritik des Bestehenden hat es die Philosophie aber auch mit der bestehenden Philosophie zu tun. Und damit führt die Ungewissheit der Philosophie, wozu sie denn gut sein soll, in letzter Konsequenz zu einer Selbstkritik, in der sie sich erneut dahin zu befragen hat, was sie – die Philosophie – denn eigentlich ist. Dass die Philosophie sich für keinen Zweck nutzbar machen lässt, befreit sie also zu dem, was ihr eigentlich eigen ist. Indem sie eingesteht, durch keinen Nutzen gerechtfertigt werden zu können, macht sie sich frei zu dem, woran sie, so Adorno, ihren eigenen Begriff hat: der Freiheit des Geistes.
Wacyl Azzouz, Dr. phil., Lehrbeauftragter für Philosophie an der Universität Basel. Forschungsschwerpunkt: Ästhetik, Handlungstheorie, Sozialphilosophie, kritische Theorie.
[1] Vgl. Hans Sluga, Yun Tang, «Politics: Realism, Diagnosis, and Disorientation – an Interview with Hans Sluga», in: Asian Journal of Philosophy, 4:73 (2025), https://doi.org/10.1007/s44204-025-00297-5.
[2] Vgl. Elio Franzini, Filosofia della Crisi, S. 9ff.
[3] Vgl. W.V.O. Quine, «Has Philosophy Lost Contact with People?», in: ders., Theories and Things, S. 190–193.
[4] Vgl. Max Horkheimer, «Die Gesellschaftliche Funktion der Philosophie», in: GS Bd. 4, S. 332–351, hier S. 334.
[5] Vgl. ebd. S. 334ff.
[6] Vgl. Adorno, «Wozu noch Philosophie», in: GS Bd. 10.2, S. 459–473, hier S. 460f.
[7] Vgl. Horkheimer, «Die Gesellschaftliche Funktion der Philosophie», S. 334; 350.
[8] Ebd., S. 334.

