
Ein ziemlich vergessener Star-Philosoph: Zum 100. Todestag von Rudolf Eucken
Von Michael Schäfer (Dresden) –
Mit Rudolf Eucken hat es eine merkwürdige Bewandtnis. Als Philosoph ist er heute weitgehend vergessen. Sein Name taucht bestenfalls als Fußnote in einschlägigen Philosophie-Geschichten auf. Zu Anfang des 20 Jahrhunderts war Eucken aber eine prominente, weit über den Kreis der universitären Fach-Philosophie hinaus bekannte Persönlichkeit, so bekannt, dass ihm 1908 für sein philosophisches Werk der Literatur-Nobelpreis zuerkannt wurde.
Rudolf Eucken wurde am 5. Januar 1846 als Sohn eines höheren Postbeamten in Aurich geboren. Als außerordentlich begabter Schüler, begann Eucken bereits als 17jähriger 1863 ein Studium der Philosophie und Philologie in Göttingen und promovierte drei Jahre später bei Gustav Teichmüller mit einer Arbeit über die Sprache des Aristoteles. Nach einigen Jahren im Schuldienst wurde Eucken 1871 auf den Lehrstuhl für Philosophie und Pädagogik an der Universität Basel berufen und wechselte schließlich 1874 nach Jena, wo er bis zu seiner Emeritierung 1920 lehrte. In seinen frühen Arbeiten widmete sich Rudolf Eucken überwiegend der Terminologie der Philosophie und führte damit das Werk seines akademischen Mentors Friedrich Adolph Trendelenburg fort. Eucken gilt heute als einer der konzeptionellen Wegbereiter der historischen Begriffsforschung.
Sein Status als Meisterdenker in der Zeit vor 1914 gründete allerdings in einem philosophischen Weltentwurf, den Eucken in seinem 1888 erschienenen Hauptwerk „Die Einheit des Geisteslebens in Bewusstsein und Tat der Menschheit“ darlegte und den er in den folgenden Jahrzehnten in zahlreichen weiteren Veröffentlichungen modifizierte, variierte und ergänzte. Im Kern besteht Euckens philosophisches Werk aus der Diagnose einer als krisenhaft gedeuteten Moderne und dem visionären Entwurf eines Weges aus dieser Krise. Eucken geht von der Vorstellung von Lebensordnungen („Syntagmen“) aus, „Zusammenhänge der geschichtlichen Wirklichkeit, welche die Fülle des Daseins in ein charakteristisches Gesamtgeschehen fassen“.1 Solche umfassenden Lebensordnungen würden dem Leben der Menschen eine sinnhafte Einheit verleihen und dem Denken und Handeln bestimmte Ziele zuweisen. Eucken bezieht sich dabei auf zwei historische Syntagmen, die jeweils für längere Zeiträume die europäischen Gesellschaften bestimmt hätten: die vom klassischen griechischen Denken geprägte Lebensordnung der Antike und die christliche Welt des Mittelalters.
In der Neuzeit habe sich aber eine Einheit des Geisteslebens nicht mehr herstellen lassen. Es existierten vielmehr in der Gegenwart des ausgehenden 19. Jahrhunderts mehrere Lebensordnungen nebeneinander: (1.) der„Naturalismus“, der die Welt allein aus sinnlich erfahrbaren Mechanismen und Gesetzen der Natur zu ordnen und zu erklären suche, (2.) der „Sozialismus“, der die Ziele des Lebens allein in der menschlichen Gesellschaft finde, schließlich (3.) der „Subjektivismus“, der die Freiheit des Individuums zum sinnhaften Zentrums des Lebens erhebe. Dazu spiele die alte, religiös bestimmte, christliche Lebensordnung und die von ihr vermittelten Werte und Moralgrundsätze im Leben der Einzelnen wie in der Gesellschaft nach wie vor eine bedeutsame Rolle. In diesem neuzeitlichen Pluralismus der Lebensordnungen sieht Rudolf Eucken eine höchst problematische Entwicklung, an der er eine fundamentale Krise der Moderne festmacht: Der Mensch könne sich nicht mehr an allgemein gültigen Wertmaßstäben orientieren, die sinnhafte Einheit des Lebens zerfalle. Euckens kulturkritische Diagnose fokussiert vor allem auf den „Naturalismus“, der sein Weltverständnis aus den Naturwissenschaften schöpfe. Alle Ziele und Güter würden hier innerhalb der sinnlich erfahrbaren Welt verortet, alles Geistige auf Mechanismen der Natur zurückgeführt. Der menschliche Geist lasse sich aber, so Eucken, nicht auf eine Funktion des Naturprozesses reduzieren. Der menschliche Geist nehme vielmehr einen naturüberlegenen Standpunkt ein. Aus der Natur ließen sich daher keine für den Menschen gültige Werte, kein „höherer“ Sinn menschlichen Daseins ableiten, kein gesellschaftlicher Zusammenhalt begründen.
Rudolf Euckens philosophisches Werk kreist darum, wie es in der modernen Zeit möglich sein könnte, eine einheitliche, allgemein gültige, wert- und sinnhafte Lebensordnung zu entwickeln. Eucken versucht seinen Lesern die Gewissheit zu vermitteln, dass die Welt als großes sinnhaft geordnetes Ganzes zu verstehen sei und dass der Mensch Zugang dazu finden und Anteil daran nehmen könne. Er setzt an am menschlichen Geistesleben, an der Kultur, in der sich der Mensch über die bloß sinnliche Naturexistenz hinaus entwickelt habe. Dies sei die höchste Stufe der Wirklichkeit, die uns zugänglich sei. Das Geistesleben weist für Eucken aber über das bloß menschliche hinaus – auf eine transzendente Wirklichkeit, auf ein großes kosmisches Ganzes. Eucken ist überzeugt, „daß es ein Reich der Wahrheit gibt jenseits des Beliebens der Menschen, daß Wahrheiten gelten nicht wegen unserer Zustimmung, sondern unabhängig davon, in einer allem menschlichen Meinen und Mögen überlegenen Sphäre.“2 Der Mensch sei aufgerufen, sich diese höhere geistige Wirklichkeit zu erarbeiten, sie sich anzueignen und das eigene Handeln an ihren ethischen Werten und Imperativen auszurichten, sie zu verinnerlichen. Eucken beschreibt diesen Prozess als aktiven Vorgang, als Arbeit an einem „Lebenswerk“. Gelinge es dem Einzelnen in diesem Ringen einen „geistigen Lebensinhalt“ zu gewinnen und sein Leben daran auszurichten, so werde sein Handeln zur „Volltat“ (im Unterschied zur bloßen Kraftentfaltung); es erschließe sich ihm eine „Tatwelt“.
Die individuelle Arbeit am „Lebenswerk“ verbindet sich bei Rudolf Eucken mit einem Aktivismus, der in die Gesellschaft ausgreift, um im Zusammenschluss von Gleichgesinnten grundlegende Veränderungen herbeizuführen. Neue Lebensordnungen würden sich, so Eucken, nicht ohne menschliches Zutun, nicht ohne erbittertes Ringen durchsetzen. Eine entscheidende Rolle komme dabei einzelnen großen Geistern zu, „Helden des Lebenswerks“, Männern wie Jesus von Nazareth oder Martin Luther, die „den Gesamtumfang zu einer wesenhaften und charaktervollen Einheit … erheben, die alles Besondere ergreift und von Grund aus umwandelt“.3 Hier deutet sich auch an, dass Eucken der Religion in seiner Vision einer künftigen Lebensordnung einen wesentlichen Platz einräumt. In seiner 1901 erschienenen Abhandlung „Der Wahrheitsgehalt der Religion“ erklärt er die Weltreligionen für Erscheinungen der Wahrheit und Wege zu ihr – wenn auch nicht zur Wahrheit selbst. Die Religion, insbesondere das Christentum, erschließe dem Menschen nämlich die metaphysische, übermenschliche Qualität des Geisteslebens, sie eröffne ihm „zeitüberlegene Wahrheiten“ und fordere ihn auf, sein Leben im Sinne dieser Wahrheiten zu gestalten. Allerdings verknüpft Eucken die Hochschätzung des Christentums mit einer Kritik der zeitgenössischen Kirchen, ihrem Beharren auf überlebten Traditionen, sinnlich-magischen Formen und der dogmatische Starre fixierter Glaubensbekenntnisse. Die geistige Substanz des christlichen Religion müsse immer wieder von menschlicher Fassung befreit werden. Nur ein erneuertes, überkonfessionelles, „rein geistiges“ Christentum werde auf der Höhe des menschlichen Geisteslebens ihrer Zeit treten können.
In der deutschen Universitätsphilosophie der Jahrhundertwende galt Rudolf Eucken als Außenseiter. Größere Resonanz fand seine Lehre im Ausland, namentlich in Frankreich. Mit Émile Boutroux und Henri Bergson stand Eucken in regem Austausch. Es waren aber vor allem Theologen und Pädagogen, die Euckens Schriften rezipierten. In Deutschland fanden die Lehren des Jenaer Philosophen namentlich in kulturprotestantischen und reformpädagogischen Kreisen Anklang. Mit den britischen und amerikanischen Unitariern und mit führenden Vertretern des europäischen Reformkatholizismus unterhielt der Eucken zeitweise enge Kontakte. Nachdem ihm 1908 der Nobelpreis für Literatur zuerkannt worden war, erschienen zahlreiche seiner Bücher in Übersetzungen im Ausland und verschafften Rudolf Eucken in den Jahren vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs den Ruf eines internationalen Groß-Intellektuellen. Nicht allein in Europa und Nordamerika, sondern auch in Indien, in China und in Japan fand Eucken Leser, Anhänger und Gleichgesinnte.
In Rudolf Euckens neoidealistischer Lebensphilosophie ist die Aufforderung enthalten, im Sinne der dargelegten Erkenntnisse in der Gesellschaft aktiv zu werden. Eucken selbst versuchte seit den 1890er Jahren, seiner Lehre eine breitere, über das akademische Fachpublikum hinausreichende Resonanz zu verschaffen. In zahlreichen Zeitungs- und Zeitschriftenartikeln, auf Vortragsreisen und in populär gehaltenen Büchern, wie dem seit 1908 in mehreren Auflagen erschienenen Der Sinn und Wert des Lebens, präsentierte der Jenaer Ordinarius die Quintessenz seines philosophischen Werkes in einer allgemein verständlichen Sprache. Eucken vermittelte hier seinen Lesern die Gewissheit über die Sinnhaftigkeit der Welt und des menschlichen Lebens und zeigte ihnen einen Weg auf, wie sie an einem größeren sinnhaften Ganzen teilhaben und aktiv an seiner Entfaltung im eigenen Tätigkeitsbereich mitwirken könnten.
Im letzten Vorkriegsjahr startete Eucken einen ersten Anlauf, um seine Anhänger in einer organisierten Bewegung zusammenzufassen. In einem Ende 1913 veröffentlichten Büchlein rief er Zur Sammlung der Geister auf. Seine sonst als universell behandelten Zeitdiagnosen fokussierte Eucken hier auf deutsche Befindlichkeiten. Die „deutsche Art“ schien ihm „besonders geeignet, eine Erfüllung der Forderungen anzubahnen, welche die geistige Lage der Gegenwart uns immer eindringlicher vorhält“.4 Das Vorhaben, Anhänger und Gleichgesinnte zu einem festeren Verbund zusammenzuschließen, wurde durch den Ausbruch des Ersten Weltkriegs erst einmal gestoppt. Doch die in Zur Sammlung der Geister formulierten Denkfiguren griff Rudolf Eucken in seinen zahlreichen propagandistischen Schriften zum Krieg auf, um die deutsche Kriegsführung zu rechtfertigen. Eucken gehörte 1914-18 zu den prominentesten Protagonisten eines „Kulturkrieg-“Diskurses. Für den Jenaer Philosophen kämpfte Deutschland für Prinzipien und Ideale, die der ganzen Menschheit den Weg aus der Krise der Moderne wiesen.
Nach dem Ende des Krieges formierte sich ein „Euckenbund“, der in den 1920er Jahren rund 1000 eingeschriebene Mitglieder besaß. Der Bund gab eine eigene Zeitschrift heraus („Die Tatwelt“) und war lokal in 20 bis 25 Ortsgruppen organisiert. Man war 1919/20 mit dem grandiosen Anspruch angetreten, auf der Grundlage der Lehren Rudolf Euckens eine weltgeschichtliche Bewegung in Gang zu setzen, um die Krise der Moderne durch eine neue sinnhafte Lebensordnung zu überwinden und damit gleichzeitig die geistig-moralische Gesundung des deutschen Volkes in die Wege zu leiten. Es erscheint beinahe überflüssig zu erwähnen, dass der Euckenbund in der tristen Realität weit entfernt davon war, dieses Programm in die Tat umzusetzen. Nach Rudolf Euckens Tod am 15. September 1926 bestand der Euckenbund unter der (faktischen) Leitung seiner Witwe Irene Eucken weiter. Rudolf Euckens Sohn, der Nationalökonom Walter Eucken und dessen Frau Edith Eucken-Erdsiek waren nun als Herausgeber der „Tatwelt“ in die Tätigkeit des Bundes einbezogen, ebenso die Tochter Ida Eucken, die das Sekretariat des Euckenbundes übernommen hatte. Seit 1928 leiteten Irene und Ida Eucken zudem ein „Rudolf-Eucken-Haus“ als internationale Begegnungsstätte der Universität Jena. Zu diesem Zeitpunkt war Rudolf Euckens Ruhm als internationaler Star-Philosoph allerdings längst verblasst, die Eucken-Bewegung gewissermaßen zum Familienunternehmen geschrumpft.5
1Rudolf Eucken, Die Einheit des Geisteslebens in Bewußtsein und That der Menschheit, Leipzig 1888, S. 5.
2Rudolf Eucken, Die Lebensanschauungen der großen Denker. Eine Entwicklungsgeschichte des Lebensproblems der Menschheit von Plato bis zur Gegenwart, 6. Aufl. Leipzig 1905, S. 25.
3Eucken, Einheit des Geisteslebens, S. 470.
4 Rudolf Eucken, Zur Sammlung der Geister, Leipzig 1913, S. 87.
5Der Beitrag fasst Befunde aus meiner Monographie „Sammlung der Geister. Bildungsbürgerliche Kulturkritik und neoidealistischer Aktivismus im Umkreis Rudolf Euckens 1890-1945, Berlin 2020“ zusammen. Dort finden sich auch weitergehende Quellenbelege und Literaturhinweise.



