Vom Nutzen der Nachteile der Geisteswissenschaften

von Matthias Hofmann (Universität Leipzig)


Das Wissen der Geisteswissenschaften ist stets spezialisiert, und ihre Ergebnisse sind nie definitiv. Deshalb erscheint dieses Humanities-Wissen vielen als ein „nutzloses“ Wissen. Doch im Prozess geisteswissenschaftlicher Arbeit zeigt das Humanities-Wissen einen besonderen Charakter. Es vermittelt die Einsicht, dass es in Betreff des Menschen keine Eindeutigkeiten gibt, und es repräsentiert den Wert, dass ein differenziertes Wissen das bessere ist. Die Bedeutung des Humanities-Wissens liegt im Nutzen seiner Nachteile. – Diese These wird im vorliegenden Teil 1 dieses Beitrags entfaltet und in einem späteren Teil 2 in gesellschaftlicher Hinsicht vertieft.

Nachteile der Geisteswissenschaften

Eine geisteswissenschaftliche Fakultät lädt zu Verteidigungen von Dissertationen ein. Einmal geht es um „Politik während des 2. Punischen Krieges“. Ein andermal lautet das Thema „Ellipsen im Spannungsfeld von Mündlichkeit und Schriftlichkeit des Spanischen“. Und eine weitere Dissertation beschäftigt sich mit „Schleiermachers Vorlesungen über das Leben Jesu (1819–1832)“.

Wen interessiert das eigentlich? Macht dieses Wissen irgendetwas in der Welt besser? Und was bringen die Sachen, die Geisteswissenschaften machen?

Die scheinbare Nutzlosigkeit der Geisteswissenschaften ist ihr größter Nachteil. Bei universitätspolitischen Debatten zum Haushalt ziehen die Geisteswissenschaften in der Regel den Kürzeren. Modernste Laborgeräte für naturwissenschaftliche Forschungen haben das Ass der Universitätsexzellenz im Ärmel, um derentwillen sie beschafft werden „müssen“. Das Institut für Germanistik wird mit seinem Antrag zurückgewiesen, die neueste Editionsreihe der Werke Siegfried Kracauers für seine Bibliothek zu erwerben. Schließlich könne man ja versuchen, die Reihe über die Universitätsbibliothek zu beschaffen, sofern dort noch Gelder übrig seien.

Völlig richtig ist: Es sind nicht die Geisteswissenschaften, die Impfstoffe entwickeln. Sie erfinden keine klimaneutralen Techniken. Ebenso wenig können sie Modelle zur Absicherung der Renten kreieren. Und es gehört auch nicht in ihr Metier, Erkenntnisse zum Erhalt von Biodiversität zu gewinnen – zumindest nicht im biologischen Sinne.

Das „Leben“ im humanen Sinne des Wortes bíos (griech. für „Lebensweise“) gehört jedoch sehr wohl ins Metier der Geisteswissenschaften. Bereits 1874 formulierte ein bekannter Altphilologe und Philosoph eine Selbstkritik der Geisteswissenschaften. Er nimmt darin ihre Nutzlosigkeit für das Leben aufs Korn und illustriert dies an einer Geisteswissenschaft par excellence: an der Geschichtswissenschaft. Friedrich Nietzsche lässt sich über den Nutzen und Nachtheil der Historie für das Leben aus und spottet über „das widrige Schauspiel einer blinden Sammelwuth“ mancher Historiker. Es sei das Schauspiel eines „rastlosen Zusammenscharrens alles einmal Dagewesenen“ (Nietzsche 1980: 268).

Nietzsche hält es für das Leben belanglos, vom Dagewesenen bloß zu wissen, „wie es eigentlich gewesen“ (Ranke 1824: VI). Mit diesem Halbsatz forderte Leopold von Ranke im Jahr 1824 die Geschichtswissenschaft zur Unvoreingenommenheit auf. Aus wissenschaftlicher Sicht ist das auch wichtig. Doch worum es Nietzsche 50 Jahre später ging, kann man am Titel von Rankes Buch erahnen, woraus der Halbsatz stammt: Geschichte der romanischen und germanischen Völker von 1494 bis 1535. Das war gewiss kein Bestseller und auch keine Lektüre, von der das Lesepublikum eine Lebensorientierung erwartete.

Die „historischen Menschen“, wie sie sich Nietzsche wünscht, sind anders: „sie schauen nur deshalb rückwärts, um an der Betrachtung des bisherigen Prozesses die Gegenwart zu verstehen und die Zukunft heftiger begehren zu lernen“. Nur so, mit schielendem Blick auf die Gegenwart und Zukunft, steht „ihre Beschäftigung mit der Geschichte […] im Dienste […] des Lebens“ (Nietzsche 1980: 255).

Nimmt man Nietzsches Votum ernst, stellt sich die Frage, wie es dann um die Wissenschaftlichkeit der Geisteswissenschaften bestellt wäre. Geisteswissenschaften, die auf Lebensinteressen schielen, haben beim Publikum einen klaren Vorteil gegenüber solchen, die sich einer reinen Sachlichkeit verpflichten. Doch ist der schielende Blick nicht zugleich ein Einfallstor für Voreingenommenheit? Bleibt dabei nicht unklar und unkontrolliert, welche Lebensinteressen die geisteswissenschaftliche Arbeit steuern? Soll also im Übergang von Ranke zu Nietzsche der Koten der Geschichte so auseinandergehen: Die geschichtliche Welt des Geistes mit der Konfusion der Interessen und die Geisteswissenschaften mit der Belanglosigkeit?

Das Problem ist schwerwiegend: Von einem Denken, das sich um sachliche Wertneutralität bemüht, kann man nicht erwarten, dass es am Ende dennoch Werte begründen kann. Hinzu kommt, dass all unser Wissen über das „Menschliche“, unser „Humanities-Wissen“, selbst geschichtlich relativ ist. Die sozialen und kulturellen Dimensionen des „Menschlichen“ lassen sich nicht mit überzeitlichen Formeln erfassen und als Konstanten erweisen. Ihre einzige „Konstante“ ist ihre Fraglichkeit, die dazu herausfordert, sich ihr stets von Neuem zu stellen. Das macht die „Ergebnisse“ der Geisteswissenschaften notorisch fluid und revisionsbedürftig.

Nützliche Nachteile der Geisteswissenschaften

Man kann diesen Nachteilen so begegnen, wie es Steffen Martus und Carlos Spoerhase vor wenigen Jahren in ihrem Buch Geistesarbeit getan haben. Sie richten ihre Aufmerksamkeit weniger auf die „Ergebnisse“ geisteswissenschaftlicher Arbeit, sondern auf diese „Arbeit“ selbst und auf die „prozessuale Dimension des Sozialen“ darin (Martus & Spoerhase 2022: 26). Die Autoren entwerfen eine „Praxeologie der Geisteswissenschaften“ und zeichnen ein differenziertes Bild, das von „Lektürepraktiken“ über „Lehrveranstaltungen als Praxisgefüge“ und „Praktiken der Soziabilität“ bis hin zu „kollegialen Papierpraktiken“ reicht. Dieser Blickwechsel von der Ergebnis- zur Prozessebene zielt darauf ab, die Tätigkeiten von Geisteswissenschaftlern transparent zu machen und das verbreitete Vorurteil zu korrigieren, dass es sich bei ihnen um bloße Studierstubenhocker handle.

Dieser Blickwechsel ist ebenso für die Frage erhellend, inwiefern Geisteswissenschaften „nützlich“ sein können. Auf mindestens zwei Ebenen kann der Nutzen geisteswissenschaftlicher Arbeit gesucht werden: auf der Ergebnis- und auf der Prozessebene.

Auf der Ergebnisebene zeigen geisteswissenschaftliche Arbeiten zumeist nur einen sehr speziellen Nutzen. Zur Illustration sei hier auf die drei eingangs genannten Dissertationen verwiesen, deren Themen und Titel keineswegs frei erfunden sind. Wem nützen die Ergebnisse dieser Dissertationen? Der Kreis der Interessentinnen und Interessenten bleibt größtenteils auf diejenigen Forscherinnen und Forscher beschränkt, die daraus für ihre eigene Forschung oder Lehre einen Nutzen ziehen können – Ausnahmen mögen gerne die Regel bestätigen.

Ein mehr genereller Nutzen der Geisteswissenschaften lässt sich hingegen auf der Prozessebene erkennen. Geisteswissenschaften werden in der Regel mit einem ausgesprochenen Bildungsinteresse betrieben. Ein Studium der Geisteswissenschaften – egal welche – vermittelt nicht nur „Fachkenntnisse“ im engeren Sinne, sondern auch grundlegende Kompetenzen wie Selbstständigkeit, Flexibilität im Denken, Diskurs- oder Kritikfähigkeit.

Außerdem vermittelt insbesondere eine geisteswissenschaftliche Bildung die fundamentale Einsicht, dass es im Bereich des Menschlichen weder Eindeutigkeiten gibt noch geben kann. Nicht einmal der Begriff „Mensch“ lässt sich klar definieren. Im Bereich des Menschlichen ist stattdessen alles vieldeutig, und je nach Perspektive erscheinen die Dinge in einem anderen Licht.

Insofern ist das Humanities-Wissen kein definierendes, sondern ein differenzierendes Wissen. Es begründet keine Werte, aber es repräsentiert seinen eigenen Wert: Das bessere Wissen ist das differenziertere Wissen. Es repräsentiert diesen Wert, indem es auf scheinbar einfache Fragen mit Differenzierungen antwortet. Immanuel Kant hat es vorgemacht: Seiner Ansicht nach beruht die gesamte Philosophie auf vier einfachen Grundfragen: „Was kann ich wissen?“, „Was soll ich tun?“, „Was darf ich hoffen?“, „Was ist der Mensch?“ (Kant 1923: 25). Kants philosophisches Gesamtwerk liefert hierzu ein Arsenal von Differenzierungen und bildet dennoch einen unvollendeten Antwortversuch auf jene Fragen.

Wer einen solchen geisteswissenschaftlichen Bildungsprozess durchschreitet, kann den Nutzen der Nachteile des Humanities-Wissens schätzen lernen und ein nachhaltiges Unbehagen gegenüber allzu einfachen Antworten über den Menschen und alles Menschliche entwickeln.


Matthias Hofmann, Dr. theol., ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Ethik am Institut für Systematische Theologie der Universität Leipzig. Zum Profil: https://theol.uni-leipzig.de/personenprofil/mitarbeiter/matthias-hofmann.

Literatur

Kant, Immanuel (1923): Logik, Kant’s Werke IX, Berlin/Leipzig.

Martus, Steffen & Spoerhase, Carlos (2022). Geistesarbeit. Eine Praxeologie der Geisteswissenschaften, Berlin.

Nietzsche Friedrich (1980): Unzeitgemäße Betrachtungen. Zweites Stück: Vom Nutzen und Nachtheil der Historie für das Leben. Kritische Studienausgabe 1, München.

Ranke, Leopold von (1824): Geschichte der romanischen und germanischen Völker von 1494 bis 1535, Band 1, Leipzig.