
Was wollen Eilenberger
Von Ansgar Beckermann (Bielefeld)
Wolfram Eilenberger ist hartnäckig. Schon vor acht Jahren hat ihm die ZEIT die Gelegenheit zu einer umfassenden Philippika gegen die akademische und insbesondere die analytische Philosophie gegeben. Sie habe keine „internationale Strahlkraft“ mehr. Zu den großen Themen der Zeit habe sie nichts zu sagen. In ihr geschehe einfach nichts mehr, „was irgendeinen wachen Geist wahrhaft interessieren, geschweige denn faszinieren oder gar produktiv desorientieren würde“. Inzwischen hat sich offenbar wenig geändert. Die akademische Philosophie tut immer noch nicht, was Eilenberger von ihr erwartet. Sie hat keinen Mut, sie ist immer noch langweilig. Nur weiß er inzwischen offenbar genauer, woran das liegt: Die gegenwärtige Philosophie verfehlt ihre Aufgabe. Ihr fehlt es an Geistes-Gegenwärtigkeit; denn in der Philosophie müsse es primär um eine Analyse der Gegenwart gehen. Als Gewährsmann für diese Annahme zitiert er Foucault:
Es gab die große Zeit der zeitgenössischen Philosophie, […] als ein philosophischer Text, eine philosophische Theorie uns letztlich sagen musste, was das Leben ist und was der Tod, was die Sexualität, ob Gott existiert oder Gott nicht existiert, was Freiheit ist, was im politischen Leben zu tun sei … usw. Man hat den Eindruck, diese Art Philosophie kann es heute nicht mehr geben; die Philosophie hat sich, wenn Sie so wollen, verflüchtigt und gleichsam zerstreut […].
[W]enn es eine freie, von all diesen Fachgebieten unabhängige Philosophie gibt, dann könnte man sie vielleicht als eine Tätigkeit definieren, die eine Diagnose stellt. Die eine Diagnose der Gegenwart erstellt; die uns sagt, was die Gegenwart ist; die uns sagt, worin unsere Gegenwart sich von allen anderen, also der Vergangenheit, unterscheidet, und zwar absolut unterscheidet. Darin liegt möglicherweise die Aufgabe der Philosophie. (GdG, 268; GdP, 15f.)
Aber warum um alles in der Welt sollten wir Foucaults Ansicht teilen? Gibt es irgendeinen Grund, der dafürspricht, dass Foucault Recht hat? (Überhaupt finden sich in Eilenbergers neuestem Buch Die Gegenwart der Philosophie viele Behauptungen und wenige Argumente.)
Empirisch gesehen hat Foucault ganz offenbar unrecht. Die traditionelle Philosophie hat sich nicht verflüchtigt. Philosoph:innen überall auf der Welt beschäftigen sich nach wie vor mit den überkommenen Fragen: Was können wir wissen? Ist unsere Wahrnehmung zuverlässig? Haben wir eine immaterielle Seele? Gibt es nur Atome und sonst nichts? Gibt es übernatürliche Wesen? Gibt es Gott? Was ist Freiheit? Und sind wir frei? Was ist Gerechtigkeit? Gibt es objektiv gültige moralische Normen? Und wenn ja, welche? Usw., usw. Aber ist das nicht langweilig? Ist zu diesen Fragen nicht inzwischen alles gesagt?
Wer aufmerksam verfolgt hat, was in den letzten Jahrzehnten von der akademischen Philosophie dazu veröffentlicht wurde, wird diesen Eindruck nicht teilen. Es gibt inzwischen viele interessante neue Ergebnisse. Und, noch wichtiger: Es gibt in vielen Bereichen inzwischen sehr viel mehr Klarheit. Wir wissen heute besser, welche Antworten möglich sind und was für und was gegen die verschiedenen Antworten spricht. Um nur ein Beispiel zu nennen: Heute ist viel klarer, von welchen Voraussetzungen Libertarier in der Willensfreiheitsdebatte ausgehen und was Kompatibilisten dem entgegnen können. Ist die Willensfreiheitsdebatte wirklich obsolet? Oder die Frage nach Gott? Oder die Frage nach Gerechtigkeit? Die Frage drängt sich auf, ob Eilenbergers Diagnose „überall nur Sterilität und Langeweile“ wirklich auf einer gründlichen Kenntnis der einschlägigen Debatten beruht. Er sucht ein Feindbild. Und das findet er in der akademischen und insbesondere in der analytischen Philosophie. Aber kennt er seinen vermeintlichen Gegner wirklich so gut, wie es für eine so fundamentale Kritik nötig wäre?
Was die Entwicklung der analytischen Philosophie angeht, konstatiert Eilenberger zurecht, dass ihr ursprüngliches Programm Mitte des vergangenen Jahrhunderts krachend scheiterte. Als wesentlichen Grund führt er die Erkenntnis an, dass es keine absolut sicheren, theoriefreien Protokollsätze gibt. Tatsächlich war aber das Scheitern des empiristischen Sinnkriteriums viel entscheidender. Denn der frühen analytische Philosophie ging es nicht nur darum, ein Bild von Wissenschaft zu zeichnen, wie man von absolut sicheren Protokollsätzen zu wahren Theorien über die Welt kommt. Sie war auch durch und durch metaphysik- bzw. philosophiekritisch. Sie wollte die Philosophie abschaffen, durch logische Analyse der Sprache. Doch das Scheitern des empiristischen Sinnkriteriums zeigte, dass es offenbar keine klare Abgrenzung zwischen wissenschaftlichen und metaphysischen (philosophischen) Aussagen gibt. Damit war das alte philosophische Vokabular rehabilitiert. Und mit der philosophischen Sprache kamen auch die Probleme der traditionellen Philosophie zurück.
Es gab also einen Bruch in der Entwicklung der analytischen Philosophie; aber Eilenberger übersieht, dass dieser Bruch gerade zu einer Rehabilitierung der Philosophie führte. Allerdings weigerten und weigern sich analytische Philosoph:innen, philosophische Probleme im Stil von Nietzsche und Heidegger anzugehen. Sie knüpfen vielmehr an den philosophischen Stil an, der vor 1800 herrschte. Wie haben eine Frage. Was sind die möglichen Antworten auf diese Frage? Was sind die Gründe, die für und gegen die verschiedenen möglichen Antworten sprechen? Um nur ein Beispiel zu nennen. Es gibt ganz offensichtlich unendlich viel entsetzliches Leid in dieser Welt. Viele Religionen nehmen aber an, dass Gott allmächtig, allwissend und vollkommen gut ist. Spricht das viele Leid gegen diese Annahme? Oder sind das Leid und die Annahme der Vollkommenheit Gottes doch miteinander vereinbar? Was an dieser Frage und dem Vorgehen bei der Beantwortung dieser Frage ist falsch?
Eilenberger diagnostiziert: Im Verlauf der Tribalisierung „stellen sich jeweilige Schulen also einerseits als die je eine, einzige und einheitliche Form möglichen Philosophierens dar, während sie mit ebensolcher Verve anderen Aufbrüchen jedwede Klärungskompetenz explizit absprechen und sie als faktisch mündigkeitsmindernd denunzieren“ (GdP, 71). Offenbar ist ihm völlig entgangen, wie sehr es in den letzten Jahren zu einer gegenseitigen Öffnung gekommen ist. Analytische Philosoph:innen interessieren sich für die Phänomenologie. Und umgekehrt interessieren sich Vertreter:innen der so genannten kontinentalen Philosophie immer mehr für das, was in der analytischen Philosophie vorgeht.
Eilenberger wirft der analytischen Philosophie ein völlig überzogenes Überlegenheitsgefühl vor: „Mit den neuen logischen Mitteln des eigenen Aufbruchs bewehrt, hatte man sich den Angängen und Schulen sämtlicher voriger Jahrhunderte oder Jahrtausende derart weit überlegen und entrückt präsentiert, dass man sich ihnen allenfalls noch aus Nostalgie weiter zuzuwenden brauchte.“ (GdP, 75) Wer die ausführliche Berücksichtigung von Überlegungen und Argumenten aus allen Bereichen der Geschichte der Philosophie in analytischen Arbeiten kennt, kann bei dieser Aussage nur den Kopf schütteln. Und zunehmend ist der Trend erkennbar, auch nicht-europäische Traditionen miteinzubeziehen.
Eilenberger beklagt: „‚Analytisches Philosophieren‘ […] ist einst mit dem erklärten Ziel angetreten, auf logischem Fundament eine Klärung sämtlicher traditionellen philosophischen Fragestellungen zu bewirken. So wäre nachzufragen, ob in seinem Rahmen bislang auch nur eine einzige solche Frage einer allgemein anerkannten Klärung zugeführt wurde. Selbst bei wohlwollendster Sicht auf das nunmehr über 100-jährige Traditionsgeschehen ist dies nicht der Fall.“ (GdP, 79)
Abgesehen davon, was hier mit „auf logischem Fundament“ gemeint sein soll (vielleicht doch nur: durch das Abwägen von Argumenten?), übersieht Eilenberger etwas ganz Grundsätzliches. Die Philosophie kann die ihre gestellten Fragen oft nicht endgültig beantworten.
Alle Argumente beruhen auf Annahmen; und diese Annahmen können ihrerseits in Zweifel gezogen werden. Wenn eine bestimmte Konklusion aus bestimmten Prämissen (den Annahmen) folgt, sind also zwei Reaktionen möglich: Man kann sagen, dass die Prämissen gut begründet sind und dass daher auch die Konklusion als gut begründet angesehen werde muss; man kann aber auch sagen, dass die Konklusion so unplausibel ist, dass mit den Prämissen etwas nicht stimmen kann. Augustinus etwa hat für die Erbsünde folgendes Argument angeführt. Dass die Welt voller Übel, voller Schmerz und Leid ist, ist unbezweifelbar. Wenn man von der Annahme ausgeht, dass es einen allmächtigen und allwissenden Gott gibt, der darüber hinaus vollkommen gerecht ist, dann ist die These, dass alle Übel in der Welt Strafen Gottes sind, die einzig mögliche Erklärung. Die Erbsündenlehre folgt also zwingend aus der Existenz des Übels und der Annahme Gottes. Doch dieses Argument kann man natürlich auch umkehren: Wenn die Existenz des Übels unbezweifelbar und die Erbsündenlehre – unter der Annahme der Existenz Gottes – die einzig mögliche Erklärung für das Übel ist, dann muss die Annahme, dass es einen Gott im christlichen Sinn gibt, falsch sein, da die Erbsündenlehre in sich inkonsistent ist. Denn niemand verdient Strafe für etwas, das er nicht begangen hat.
Es gibt also fast immer verschiedene Möglichkeiten, das Gewicht der Prämissen und der Konklusion eines Arguments zu bewerten. (Wobei es natürlich auch Annahmen gibt, die tatsächlich niemand bezweifelt; zum Beispiel, die Annahme, dass die Welt voller Übel, voller Schmerz und Leid ist. Aber die Zahl dieser Annahmen ist sehr gering.) Fortschritt besteht in der Philosophie deshalb nicht darin, einen Kanon allgemeinverbindlicher Antworten zu entwickeln; Fortschritt in der Philosophie bedeutet in aller Regel, dass wir die möglichen Annahmen und ihre Konsequenzen besser verstehen. Es geht darum, einen möglichst umfassenden Überblick über die Antworten zu geben, die man auf eine Frage geben kann, und herauszuarbeiten, welche Implikationen diese Antworten haben, worauf man sich festgelegt, wenn man die eine oder die andere Antwort akzeptiert. Damit wird zugleich klar, was für und was gegen diese Antworten spricht. Da es für alle Positionen in der Philosophie Pro- und Kontraargumente gibt, wird bei diesem Vorgehen keine Antwort als die einzig mögliche oder als die einzig rationale ausgezeichnet. David Lewis hat das sehr schön ausgedrückt:
Aber wenn alles gesagt und getan ist, wenn all die trickreichen Argumente und Unterscheidungen und Gegenbeispiele entdeckt sind, stehen wir wahrscheinlich immer noch vor der Frage: Welche Preise sind es wert, gezahlt zu werden? Welche Theorien sind, wenn man alles gegeneinander abwägt, glaubwürdig? Welche kontraintuitiven Konsequenzen sind inakzeptabel und welche sind vielleicht doch tragbar? Im Hinblick auf diese Frage können wir immer noch unterschiedlicher Meinung sein. Und wenn tatsächlich alles gesagt und getan ist, gibt es keine Hoffnung mehr, noch weitere Argumente zu entdecken, die unsere Meinungsverschiedenheiten beilegen. (David Lewis „Introduction“, in: Philosophical Papers, Vol. 1. Oxford 1983, S. x – meine Übersetzung.)
Die wesentliche Aufgabe der Philosophie ist also die Analyse von argumentativen Zusammenhängen. Das mag wenig erscheinen, manchem vielleicht zu wenig. Aber es hat einen unschätzbaren Vorteil. Philosophie entlässt keinen aus seiner Verantwortung. Sie sagt nicht: So und so ist es; das hast Du zu glauben. Sie sagt vielmehr: Wenn Du das glaubst, musst Du diese Konsequenzen in Kauf nehmen; wenn Du aber eher das glaubst, dann kommst Du um die Annahme jener Folgen nicht herum. Letzten Endes musst aber Du selbst entscheiden, was Du für richtig halten willst. Jedem bleibt die Freiheit, sich seine eigene Meinung zu bilden. Und niemand kann die Verantwortung für das, was er glaubt, auf andere abschieben. Jeder muss selbst für das geradestehen, was er für richtig hält. Das ist ein äußerst attraktiver Aspekt philosophischer Arbeit.
En kleinerer Punkt. Eilenberger beklagt: „Sofern sich analytisches Philosophieren gegenwärtig durch eine Eigenheit besonders auszeichnet, ist es die Beschäftigung mit selbst ausgedachten Gedankenexperimenten zur Klärung sogenannter eigener Intuitionen. Chronisch ungeklärt bleibt dabei, inwiefern solchem Intuitionsabklopfen (ohne eine dazugehörige scientia intuitiva) irgendeine verbindliche Klärungs- oder Geltungsmacht zukommen könnte.“ (GdP, 79) Sind ihm die umfangreichen Debatten über Gedankenexperimente und die Bedeutung von Intuitionen in der analytischen Philosophie wirklich entgangen?
Eilenberger beklagt, die analytische Philosophie beschäftige sich hauptsächlich mit selbstgemachten Problemen. Aber sind die Fragen nach einer vom Körper unabhängigen Seele, der Existenz Gottes, der Objektivität moralischer Normen oder einer gerechten Gesellschaft tatsächlich selbstgemachte Probleme?
Und wie steht es mit der Behauptung, die akademische Philosophie haben zu den großen Fragen der Gegenwart nichts zu sagen? Auch hier habe ich den Eindruck, dass man noch etwas gründlicher hätte recherchieren können. Georg Meggle hat sich im Zusammenhang mit dem Kosovo-Krieg sehr nachdrücklich zum Thema Humanitäre Interventionen geäußert, ebenso wie zum Thema Terror & Der Krieg gegen ihn und zum Plästina-Konflikt. Zur Flüchtlingskrise hat Julian Nida-Rümelin 2017 sein Buch Über Grenzen denken veröffentlicht mit der Hauptthese, dass Migration nicht die Antwort auf globales Elend sein kann. Und schon 2015 lobte die Gesellschaft für analytische Philosophie einen Preis aus für die besten Antworten auf die Frage „Welche und wie viele Flüchtlinge sollen wir aufnehmen?“. Die besten Einsendungen wurden zusammen mit weiteren Beiträgen 2016 bei Reclam veröffentlicht. Zum Thema Fake-News gibt es inzwischen eine informative Diskussion (siehe etwa die Arbeiten von Romy Jaster, David Lanius, Nikil Mukerji und Thomas Grundmann). Auch das Thema KI wird heftig diskutiert. Allein auf dem Blog praefaktisch.de wurden zu dem Thema über 20 Beiträge veröffentlicht. Und im Bereich Medizinethik gibt es inzwischen eine kaum noch überschaubare Menge an Literatur. Ist das alles nichts? Mag sein, dass die nüchterne Art, in der insbesondere analytische Philosoph:innen die genannten Fragen diskutieren, nicht immer mitreißend wirkt. Aber ist es nicht besser, wenn man auch bei der Debatte um die großen Fragen der Gegenwart einen kühlen Kopf behält und nach möglichst gut begründeten Antworten sucht?
Doch letztlich interessiert Eilenberger all das gar nicht. Er will, dass die Philosophie ihre alten Fragen vergisst und sich nur einer Sache widmet – der Analyse der Gegenwart. Aber warum um alles in der Welt gerade die Philosophie? Wären da nicht die Soziologie und andere Wissenschaften geeigneter? Für mich ist eine der drängendsten Fragen der Gegenwart, wie es dazu kommen konnte, dass nach dem entsetzlichen Desaster des Nationalsozialismus, das zum Glück dazu führte, dass nach dem zweiten Weltkrieg in der Bundesrepublik rechtes Gedankengut zunächst nur noch eine marginale Rolle spielte, dieses Gedankengut inzwischen wieder mehr und mehr an Boden gewinnt. Und nicht nur in Deutschland. Was kann speziell die Philosophie zur Beantwortung dieser Frage beitragen? Adorno und Horkheimer waren nicht ohne Grund zugleich Soziologen und Philosophen.
Eilenberger stimmt mit den Autoren der Dialektik der Aufklärung in der Beobachtung überein:
Die [auf die Aufklärung zurückgehende] angestrebte Humanisierung der Menschheit hatte in die Todeslager des Ostens geführt, die Freisetzung der Information durch neue Medien in die Manipulation der Massen. Anstatt für das Proletariat eine wirkliche Entlastung im Arbeits- und Alltagsleben zu ermöglichen, hatte der technische Fortschritt neue Formen der Fließbandversklavung etabliert. Anstatt Frieden in global geteiltem Wohlstand zu schaffen, waren Waffen ersonnen, die den Menschen zu seiner planetaren Selbstauslöschung ermächtigten. Anstatt eine Schonung der natürlichen Ressourcen und tierischen Lebens zu bewirken, wurden deren fortgesetzte, ja intensivierte Ausbeutung und Verwertung betrieben. Anstatt Kants Vision vom ewigen Frieden der Völker zu folgen, wurden die mörderischsten Kriege der Geschichte ausgelöst. Und zwar vom Zentrum Europas aus und damit dem der Aufklärung selbst. Auf welchen Gründen, gar Gesetzmäßigkeiten beruhte diese dunkle Dynamik? (GdG, 27; vgl. auch GdP, 38)
Ohne Zweifel ist das eine äußerst wichtige Frage. Aber ist die Philosophie in besonderem Maße geeignet ist, sie zu beantworten? Philosophie ist immer gut, wenn es darum geht, Klarheit über die argumentative Situation zu schaffen; aber die empirischen Daten, die für eine genaue Analyse der Gegenwart nötig sind, kann sie nicht beibringen. Eine solche Analyse kann des halb nur in Zusammenarbeit mit vielen empirischen Wissenschaften geschehen. Dabei kann Philosophie vielleicht eine Rolle spielen. Aber sicher nicht die zentrale.
Interessanterweise findet sich auch in Eilenbergers Büchern wenig, was zur Beantwortung der Frage der Dialektik der Aufklärung beitragen könnte. Jeder seiner großen drei Bände ist vier Protagonist:innen gewidmet – Zeit der Zauberer: Ludwig Wittgenstein, Martin Heidegger, Ernst Cassirer, Walter Benjamin; Feuer der Freiheit: Simone de Beauvoir, Hannah Arendt, Simone Weil, Ayn Rand; Geister der Gegenwart: Theodor W. Adorno, Michael Foucault, Paul Feyerabend, Susan Sontag. Da es in der Philosophie nach Eilenberger um eine Analyse der Gegenwart gehen soll, liegt die Erwartung nahe, dass er sich besonders um Personen kümmern würde, die zu einer solchen Analyse einen entscheidenden Beitrag geleistet haben (z.B. Max Weber?). Aber ist das so? Stattdessen fällt auf, dass seine Protagonist:innen eher zu den Außenseiter:innen gehören, die gegen den Strom schwimmen, gegen die Regeln des Alltags rebellieren, ein anderes Leben suchen. Hier zeigt sich offenbar ein neues Thema, das allerdings auch immer wieder angesprochen wird – die Befreiung aus einem falschen Leben, die Befreiung aus selbstverschuldeter Unmündigkeit.
Auch darin scheint Eilenberger mit den Protagonisten der Frankfurter Schule einig: Das Leben in der westlichen Zivilisation ist entfremdet; wir sind nicht frei; unser Leben entspricht nicht dem, was ein gutes Leben ausmachen sollte. Aber auch dazu erfährt man letztlich wenig. Inwiefern sind wir unfrei? Und wie könnten wir uns aus dieser Unfreiheit befreien? Und wie würde ein befreites mündiges Leben aussehen? Wenn man annimmt, dass Eilenberger seine Protagonist:innen gewissermaßen als Vorbilder sieht, fällt auf, dass immer wieder Sex und Drogen im Spiel sind. Aber wollen wir wirklich so leben und enden wie Janis Joplin und Jimmy Hendrix? Außerdem blitzt immer mal wieder der Gedanke auf, mündiges Leben bedeute auch die Befreiung von den Zwängen westlicher Rationalität. Bis hin zu dem Gedanken, eigentlich ermögliche nur der Wahnsinn wirkliche Befreiung. Ist das wirklich Eilenbergers Ernst? Fragen über Fragen.
Außerdem immer wieder rätselhafte Bemerkungen. Im letzten Teil von Die Gegenwart der Philosophie zitiert Eilenberger Simone Weil:
Die eigentliche Methode der Philosophie besteht darin, die unlösbaren Probleme in ihrer Unlösbarkeit klar zu erfassen, sie dann zu betrachten, weiter nichts, unverwandt, unermüdlich, Jahre hindurch, ohne jede Hoffnung, im Warten. (GdP, 121)
Abgesehen davon, dass wieder nicht klar ist, welche Probleme Weil hier meint (die traditionellen Probleme der Philosophie; das Problem der Befreiung aus der Entfremdung?), passt das doch überhaupt nicht zu Eilenbergers Idee, die Aufgabe der Philosophie sei Analyse der Gegenwart. Eine solche Analyse kann doch nicht darin bestehen, die Unlösbarkeit der Probleme anzuerkennen und diese Probleme trotzdem weiter zu betrachten.
Und schließlich noch ein Motiv:
Gibt es innerhalb der philosophischen Tradition, anders gefragt, nicht auch sprachferne Weisen und Ausgänge, in der sämtliche zuvor festgehaltenen Bedeutungen von Geistesgegenwart beispielhaft zur Ausprägung kommen: eben als Fähigkeit, beziehungsweise Drang, die Aufmerksamkeit auf bislang Ungesagtes, Ungedachtes, Ununterschiedenes zu lenken; als Fähigkeit beziehungsweise Drang, in besonders intensiver Weise über das eigene Denken – und damit das sogenannte Selbst – nachzusinnen; sowie als Fähigkeit beziehungsweise Drang zu öffnenden, provozierenden, gewollt tabubrechenden Entgleisungen; schließlich als Streben nach Intensivierung von Lebendigkeit und Wachheit selbst? (GdP, 118)
Philosophie soll provozieren, durch tabubrechende Entgleisungen überraschen, faszinieren, produktiv desorientieren. Warum eigentlich? Ja, bisher Ungesagtes und Ungedachtes zu sagen bzw. zu denken, kann hilfreich sein. Einen neuen Blick auf alte Probleme zu werfen kann bei der Lösung dieser Probleme helfen. Aber ist es auch notwendig? (Immer wieder hat man bei Eilenberger den Eindruck, Philosophie dürfe nicht langweilig sein. Aber Philosophie ist kein Teil der Unterhaltungsidustrie.)
Schließlich der ultimative move. Wittgenstein sagt: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“ Doch Eilenberger sieht eine dritte Möglichkeit. Auch Sprache engt uns ein, macht uns unfrei, weil sie immer eine bestimmte Sicht auf die Welt beinhaltet. Vielleicht müssen wir, um unsere Probleme zu lösen, den Bereich der Sagbaren verlassen und uns mystischen Erfahrungen überlassen. Wieder bleibt alles Wesentliche im Dunklen. Welche Vorteile haben mystischen Erfahrungen gegenüber rationalen Argumenten? Inwiefern können uns mystische Erfahrungen bei der Lösung von Problemen helfen? Was lernen wir durch mystische Erfahrungen, was wir auf andere Weise nicht lernen können? (Ist Eilenberger eigentlich klar, dass ein wesentlicher Inhalt mystischer Erfahrungen ist, dass die Welt, wie wir sie jeden Tag sehen, im Grunde gut ist.)
Was bleibt am Ende? Der Eindruck eines großen Unbehagens an der westlichen Zivilisation ebenso wie am Zustand der gegenwärtigen akademischen Philosophie. (All das ist nicht neu.) Aber weitgehend ungeklärt bleibt, ob und inwiefern dieses Unbehagen begründet ist. Und wenn dieses Unbehagen begründet ist, bleibt unklar, welche Wege in eine bessere Welt führen.
Ansgar Beckermann war bis zu seinem Ruhestand 2010 Professor für Philosophie an der Universität Bielefeld. Er war von 2000-2006 Präsident der Gesellschaft für Analytische Philosophie (GAP). Seit 2018 ist er Ehrenmitglied der GAP.
Literatur
Ansgar Beckermann „Philosophie und Öffentlichkeit“. In: A. Beckermann Aufsätze. Band 4. 2. Aufl. Bielefeld: Universitätsbibliothek Bielefeld 2025, S. 125–136.
Wolfram Eilenberger „Philosophie: Wattiertes Denken“. DIE ZEIT 10/2018, 1. März 2018.
Wolfram Eilenberger Zeit der Zauberer. Stuttgart: Klett-Cotta 2018.
Wolfram Eilenberger Feuer der Freiheit. Stuttgart: Klett-Cotta 2020.
Wolfram Eilenberger Geister der Gegenwart. Stuttgart: Klett-Cotta 2024.
Wolfram Eilenberger Die Gegenwart der Philosophie. Stuttgart: Cotta 2026.



