Welchen Sinn hat es, von einem „bösen Denken“ zu sprechen?

Hans Martin Dober (Universität Tübingen) –


Der Titel von B. Stangneths Essay „Böses Denken“ ist doppelsinnig.1 Zum einen kann er bedeuten, das Böse zu denken, zum anderen, ein böses Denken zu analysieren. Stangneth geht mit Bezug auf I. Kant, H. Arendt und S. Neimann auf beide Bedeutungen ein. So trägt sie der Einsicht Rechnung, dass „Philosophie in unserem Jahrhundert […] Aufklärung ohne den Glauben an die Unschuld des Denkens“ ist. (244)

Zur Klärung der ersten Bedeutung geht sie auf Kants Theorem vom radikalen Bösen zurück. Hierbei geht es um ein Verhalten des Subjekts zum Sittengesetz, das seinem Potential widerspricht, dieses selbst gedachte und sich selbst gegebene, in einen Imperativ gefasste Gesetz als ein vernünftiges auch nach Kräften zu befolgen. (21–67) Böse sind also nicht zuerst bestimmte Handlungen, sondern böse ist die entweder geschwächte oder unlautere oder gar pervertierte Motivation zu ihnen als guten (und d.h. dem Sittengesetz entsprechenden) Handlungen. Radikal ist dieses moralisch verstandene Böse aber insofern, als Kant jedem Menschen dazu einen „natürlichen Hang“ attestiert. Weil wir aus Freiheit „jederzeit gegen bessere Einsicht handeln“ können (50), ist die Wurzel unseres Menschseins betroffen. Die folgenden Überlegungen beziehen sich auf das Böse, für das Menschen verantwortlich sind. Die anderen beiden Aspekte der traditionellen Lehre vom malum, das physische und metaphysische Übel betreffen andere Problemkreise und bleiben deshalb hier außen vor.2

Kants Grundlegung zu der Herausforderung, das Böse zu denken, behält ihre orientierende Funktion auch dann noch, wenn man mit Arendt im Angesicht der Erfahrung der Totalitarismen des 20. Jahrhunderts, und insbesondere der Verbrechen unter nationalsozialistischer Herrschaft, Variationen dieses Begriffs vornimmt. Mit Blick auf den Eichmann-Prozess im Jahr 1961 hat sie von der Banalität des Bösen gesprochen, später hat sie das hier begangene Böse extrem genannt:3 Das Böse zeigte sich bei diesen Tätern ihrem „Herzen“ (Kant) entwurzelt, war maß- und grenzenlos. Stangneth fragt nun, ob man nicht in stärkerem Maße ein pervertiertes Denken zu den tragenden Faktoren des nationalsozialistischen Systems rechnen müsse.

Die „Denkungsarten derer, […] die für uns undenkbare Verbrechen begangen haben“ (217. Vgl. 137), weisen den Weg. Zu ihnen ist erstens die „Kampfansage gegen die Vernunft und den moralischen Anspruch“ (137) zu rechnen, als sei – so die „Denkfigur […] dogmatischer Biologisierung“ – „die Vernunft dem Deutschen nicht wesentlich“, sondern vielmehr eine „virale Infektion, [… die] den eigenen Körper gekapert hat.“ (131) So lächerlich diese Denkfigur auch scheinen mag: sie war zweitens gekoppelt mit einem rassistisch aufgeladenen Antisemitismus, dem zufolge „in der deutschen Form […] ein fremder Geist [haust], der nichts gemein hat mit einem Anschauen der Welt, einer Stellungnahme zur Welt aus den Tiefen des deutschen Geistes“ (134), so das Handbuch der Judenfrage im Jahr 1943. Der „jüdische Geist“ stelle eine Gefahr für die Orientierung des „deutschen Menschen“ dar und müsse deshalb mit allen Mitteln bekämpft werden. Drittens wird die mit dem Judentum identifizierte „Orientierung an der Vernunft“, die „von der Idee der Menschheit gar nicht zu trennen ist“ (141f.), dieses Weltbürgertum, der eigenen nationalen Sache gegenübergestellt. Solch engem Nationalismus wird viertens eine „nordische Ethik“ zugeordnet, die als „Kampfethik […] Werte schafft“ (133), und zu einer für alle Menschen nachvollziehbaren Ethik des kategorischen Imperativs (142) in Opposition gebracht wird.

Wie man leicht sehen kann, bringen diese Denkfiguren bekannte Begriffe etwa der „Pflichtethik“ und einer „Werteethik“ in einen Gegensatz. Sie integrieren diese (und andere) Begriffe in den – ihnen fremden – Zusammenhang von Gedanken, dem als Ideologie mit den Mitteln der Gewalt, dem Terror, Geltung verschafft wurde. Doch auch herausgebrochen aus dem System des Totalitarismus findet sich hier eine Blaupause für verschiedene, bis heute aktuelle Denkungsarten, die in dem Versuch zusammenstimmen, „genau das wieder loszuwerden, was Kant so begeistert hatte.“ (145) Ein Beispiel dafür sind solche Spielarten der Kolonialismus- und Europakritik, die auch die „Idee der Menschenrechte“ als „westlich“ abtun, um regional verankerte „Rechte“ einer Kultur zu installieren. (140) Aber auch der Antisemitismus zumal in den Formen, in denen er als Israelkritik auftritt, hat neue Aktualität gewonnen. H. Cohen hatte ihn Ende des 19. Jahrhunderts noch als „nackte Dummheit [angesehen], die sich selbst vernichten muss.“4 Heute im 21. wird er einem bösen Denken in vollem Bewusstsein zuzurechnen sein.

Solche Denkungsarten kommen immer noch unschuldig daher, als wären sie ein bloßer Denkfehler, ein Fehlschluss, eine Abstraktion von bislang unbeachteten Aspekten. Durch ihre Verhärtung zu faktenblinden, selbstüberheblichen und beratungsresistenten Haltungen bestätigen sie aber die Gefahr, zu der sie für unser „Denkvermögen“ (223) werden können. Ob es sich um eine Meinung handelt, die sich weigert, durch die Anerkennung von Fakten oder gar durch besseres Wissen korrigiert zu werden, oder um einen abstrakten Subjektivismus, der sich den Stimmen der anderen verschließt, taubblind auf nichts-als-dem-Eigenen verharrend, oder ob es sich um die Vernebelung des Verhältnisses zwischen dem die Menschheit betreffenden „Sittengesetz“unddem „Wertekanon einer Kultur“ (175) handelt: jeweils kann eine „Sicherheitslücke in unserem systematischen Denken“ (224) entstehen, die entweder selbstverschuldet den „Umgang mit dem eigenen Denkvermögen instrumentalisiert“ (223) oder es anderen „ermöglicht, unser Denken zu kapern und für ihre Zwecke fernzusteuern“. (224)

Wenn diese Denkungsarten nicht mehr unter dem Anspruch eines Rechenschaft-Gebens durch das eigene, selbst verantwortete Denken reguliert werden, wenn sie sich nicht mehr durch unser Denkvermögen kontrollieren lassen (wollen), werden sie zur leichten Beute für die, die die „Mündigen wieder [zu] entmündigen“ (183) trachten. Bis in gängige Konzepte einer auf Events setzenden Erlebnispädagogik hinein (vgl. 158) spürt Stangneth die Verführung auf, „freiwillig wieder zu lassen, was [… der Mündige] kann: Lesen, Zuhören und Lernen.“ (183) Auch durch das „pragmatische Absenken des eigenen Anspruchs“ (159) „versucht“ das Denken sich selber (239).

Die Selbstverantwortung des Denkens ist aber begründet in dem dialogischen und dialektischen Charakter, der ihm in der Tradition von Sokrates über Platon bis zu Kant und Cohen zukommt (und darauf hatte Arendt sich berufen). Er gründet in Fragen, die nach Antworten suchen, und in bisherigen Antworten, die sich erneuten Fragen ausgesetzt sehen. Diese Eigenart des Denkens ist aber gefährdet, wenn das „Selberdenken“ um den Preis des Realitätssinns übersteigert wird (190), wenn das dem Denken eigene Bedürfnis nach „Stimmigkeit“ auch an solchen Meinungen festhält, die sich als unstimmig erwiesen haben (190), wenn der Mannigfaltigkeit ausgewichen (194) und eine „cancel culture“ legitimiert wird, ja wenn das Gespräch, das ein recht verstandenes Denken sich voraussetzen muss, aufgekündigt wird, um so eine „völlig enthemmte Hasskultur“ im Internet überhaupt erst zu ermöglichen (190).

Scheinbar unschuldige Denkungsarten werden von Stangneth als bedingende Faktoren aktueller gesellschaftlicher Phänomene sichtbar gemacht. Sie tragen bei auch zu einer Analyse der Probleme, die mit Trump, der AfD und den Corona-Leugnern in die westliche Welt gekommen sind; die östliche hatte es mit eigenen Akzenten schon vorgemacht. So erscheint auf der Seite der „follower“ die „Machtergreifung durch eine sich abstrakt setzende Mündigkeit“ (183) als die Voraussetzung dafür, eine Überprüfung der eigenen Denkfiguren zu vermeiden. Und auf der Seite der Meinungsmacher wie der sie orientierenden „think tanks“ wird die „Diffamierung jeder Information als Manipulation“ (184) und der „Aufweis [… ihrer] Quelle als Lüge“ (183) genutzt, die in ihrer Mündigkeit überforderten Mündigen als Mittel für Zwecke zu gebrauchen, die ihnen als Personen überhaupt nicht entsprechen. Um die Entmündigten dann bei der Stange zu halten, reicht es schon aus, immer weiter „am Rad der Empörung“ zu drehen (239).

„Böse“ ist solches Denken insofern, als es seinerseits den drei von Kant unterschiedenen Versuchungen erliegt: der Schwäche, der Unlauterkeit und der Bösartigkeit. (vgl. 205–207) Der Schwäche erliegt, wer hinter den „Pflichten gegen sich selbst“ zurückbleibt, „die eigenen geistigen Vermögen alle in bestem Zustand zu halten“ (143). Unlauter ist ein Denken, das – interessegeleitet – notwendige Unterscheidungen vermeidet und so „Sicherheitslücken“ (s.o.) im Zusammenhang der Gedanken öffnet. Bösartig oder verkehrt ist ein Denken, das entweder billigend in Kauf nimmt oder selbst dazu beiträgt, dass „Wahrhaftigkeit“ und die „Tatsachen“ als „die beiden Stützpfeiler der Fähigkeit, sich überhaupt im Denken und in der Welt zu orientieren“ (185), zum Einsturz gebracht werden. Denn mit den Tatsachen wird „ein unparteiisches Korrektiv“ (189) geleugnet, mit der Wahrhaftigkeit die Selbstregulation eines verantwortlichen Denkens.

Insgesamt setzt die Anwendung der moralischen Unterscheidung von gut und böse auf das Denken den Abschied von der Meinung voraus, es sei ethisch neutral. Im Gegenteil bedarf es nicht nur der Logik, sondern auch der Ethik als eines Kompasses, um sich nicht zu verirren (235).5 Deshalb macht es Sinn, von einem bösen Denken zu sprechen. Stangneth sucht ihm mit ihrer „Kritik der dialogischen Vernunft“ (244) zu widerstehen. Diese würde allerdings an Kontur gewinnen, wenn man sie auch mit den Klassikern des dialogischen Denkens ins Gespräch brächte. So findet sich bei F. Rosenzweig die „eigene totalitäre Versuchung“ (216) des systematischen Denkens ebenso dargestellt wie der Weltverlust eines sich absolut setzenden Ich ohne Du.


Prof. Dr. Hans Martin Dober ist seit 2008 apl. Prof. für Praktische Theologie an der Evang.-theol. Fakultät Tübingen und Pfr. i.R. der Evangelischen Landeskirche in Württemberg.


1 B. Stangneth, Böses Denken [2016], Berlin 42022, 244. [Seitennachweise folgend in Klammern im Text]

2 Kants Lehre vom Bösen habe ich an anderer Stelle ausführlicher dargestellt: vgl. Dober, Das Böse bei Kant und Cohen, oder: Von der Wechselbeziehung zwischen Theodizee und Anthropodizee, in: Zeitschrift für Religions- und Geistesgeschichte (ZRGG) 76,3 (2024), 176–191. Hier findet sich auch der Nachweis für das Zitat aus Kant.

3 Diese Zusammenhänge habe ich andernorts näher ausgeführt: vgl. Dober, Das Böse bei Hannah Arendt. Variationen zu seinem Begriff bei Kant und Cohen, in: Neue Zeitschrift für Systematische Theologie und Religionsphilosophie (NZSTh), 2024, 1–24. Digitale Version: https://doi.org/10.1515/nzsth-2024-0050

4 Zit.n. U. Sieg, Aufstieg und Niedergang des Marburger Neukantianismus, Würzburg 1994, 152.

5 Darin, dass das Denken nicht ohne Ethik auskommt, stimmt Arendt mit Cohen überein, ohne dass dieser Autor in ihrem Werk eine Rolle spielte. Vgl. Dober, Verantwortliches Denken und Handeln bei Hannah Arendt und Hermann Cohen, in: Neue Zeitschrift für Systematische Theologie und Religionsphilosophie (NZSTh), digitale Version: https://doi.org/10.1515/nzsth-2025-0044