02 Jul

Ethik als Ankerpunkt in Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit

Von Thomas Schumacher (KSH München)


Sozialarbeitsschaffende sind sich einig, dass berufliches Handeln in der Sozialen Arbeit ethisches Wissen erfordert. Dazu sind gemeinhin zwei Bezugspunkte im Blick: zum einen die Erfahrung schwieriger Entscheidungssituationen, zum andern der Charakter Sozialer Arbeit als einer Hilfe von Menschen für Menschen. Wie ethisches Wissen im Beruf aber greift: ob in ein berufliches Verständnis eingewoben oder als Haltung individualisiert, ist eine offene Frage.

Das bedeutet aber auch: Das gesehene ethische Wissen ist entweder Teil der beruflichen Handlungsstrukturen, oder es rührt von den handelnden Personen her und ist deshalb nicht leicht zu erfassen. Hier soll deutlich werden, dass Ethik Sozialer Arbeit nur nützt, wenn sie in den beruflichen Strukturen sichtbar wird. Das bedeutet, dass sie zur beruflichen Konzeptarbeit gehört, und auch, dass der Sozialen Arbeit zuzurechnende ethische Merkmale in der Praxis der Praktiker*innen zu Kriterien werden.

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09 Jan

Über die epistemische Ungerechtigkeit alltäglicher Kommunikation

Von Jonathan Assmus (Universität Bremen)

Epistemische Ungerechtigkeit ist ein allzu alltägliches Phänomen. Wer erst anfängt ihre Zeichen zu erkennen, wird nicht umhinkommen, sie wiederzufinden, wohin der Blick auch fällt. So werden Phänomene sichtbar, die in der Dunkelheit sozialer Missstände verbleiben würden, gäbe es nicht die Möglichkeit sie als epistemische Ungerechtigkeit zu benennen.

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11 Apr

Ethics by Chat? Die großen Sprachmodelle im Kontext der Maschinenethik

Von Catrin Misselhorn (Göttingen)


ChatGPT und Konsorten scheinen eine neue Ära der Künstlichen Intelligenz (KI) einzuläuten. Auf einmal kann man mit einer Maschine über Gott und die Welt kommunizieren wie mit einem Menschen. Das gilt auch für ethische Fragen, wie ein Simultaninterview nahelegt, in dem einer Medienethikerin und ChatGPT dieselben Fragen zu den Chancen und Risiken des Chatbots gestellt wurden.[1] Die Antworten weisen einen erstaunlich hohen Grad an Übereinstimmung auf, wenngleich mit durchaus bedeutsamen Akzentsetzungen in den jeweils angesprochenen Gesichtspunkten und ihrer Gewichtung. Nun gibt es derartige Unterschiede auch zwischen menschlichen Ethiker:innen. Das zeigt sich, um beim Beispiel zu bleiben, etwa an den unterschiedlichen ethischen Stellungnahmen zu den großen Sprachmodellen.[2] Bedeutet das, dass nun auch die Ethik automatisiert werden kann? Diese Frage führt uns in das Themenfeld der Maschinenethik, zu deren Kernproblemen gehört, ob Maschinen moralische Akteure sein können.

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02 Feb

Künstliche Intelligenz und Meaning in Life: Ein kurzer Überblick über ein neues Forschungsfeld

von Markus Rüther (Jülich/Bonn)

Unter den Schlagworten „Künstliche Intelligenz“ und „Digitalisierung“ werden viele Technologien diskutiert, die bereits heute unseren Alltag bestimmen. In ethischer Hinsicht werden vor allem die Folgen solcher Technologien für das Wohlergehen (z. B. das Glück) des Individuums und die gesellschaftliche Ordnung in den Blick genommen. Aber ist das wirklich schon alles? Gibt es nicht auch ethische Fragestellungen, die jenseits dieses bipolaren Modells liegen?

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26 Jan

Habermas und die Medien: Überlegungen zum neuen Strukturwandel der Öffentlichkeit

von Hans-Henrik Dassow (Universität Bremen)

Wenn von Personen der Öffentlichkeit akademische Arbeiten erneut hervorgeholt werden, ist dies für die Betroffenen häufig nicht sehr erfreulich: Zu treffsicher sind die Algorithmen von Plagiat-Software darin, akademische Verfehlungen von Autor*innen aufzudecken. Der Philosoph der Öffentlichkeit, Jürgen Habermas (*1929), muss zunächst nicht um seine akademischen Titel fürchten: Das wiedererwachte Interesse an seiner Habilitationsschrift aus dem Jahr 1962 mit dem Titel Strukturwandel der Öffentlichkeit steht ebenfalls im Zusammenhang mit Algorithmen, wenngleich mit solchen, die unseren digitalen Alltag maßgeblich prägen. Hierbei schweben mir die Empfehlungsalgorithmen von Facebook und Twitter, die Algorithmen hinter Social Bots oder Algorithmen zur Enttarnung von Falsch- und Hassnachrichten vor.

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23 Aug

Verspielte Perspektive. Zum ethischen Potenzial von Games

Martin Henning (Tübingen) und Patricia Wolny (Passau)


Digitale Spiele sind längst kein Nischenprodukt mehr, sondern nehmen in der aktuellen Populärkultur eine zentrale Stellung ein. Dabei prägen sie auch unsere Vorstellungen, wie die Welt beschaffen ist und wie wir uns handelnd in dieser Welt verhalten können, wesentlich mit. Im Folgenden soll deshalb nach einem spezifischen ethischen Potenzial des Video- und Computerspiels gefragt werden.

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21 Okt

Bias, Sprachassistent*innen und humans in the loop: für eine kritische Ethik Künstlicher Intelligenz

Von Julia Maria Mönig (Bonn)


Technologieethik, genauer gesagt „KI-Ethik“, ist derzeit in aller Munde. Warum es wichtig ist,  die Kategorie „Geschlecht“ dabei zu bedenken, und einen feministischen Blick auf KI zu werfen, zeigen die folgenden Beispiele.

Technologie ist nie wertneutral. In die Technikgestaltung fließen immer bereits Werte, Designvorstellungen, Absichten, Verwendungszwecke und Ziele ein. Dies ist auch − und insbesondere −  bei digitalen Technologien und im Internet der Fall, wenngleich es in den 1990er Jahren die Wunschvorstellung gab, der „Cyberspace“ solle ein herrschaftsfreier Raum sein, in dem alle gleich seien.

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13 Mai

Frauen und der biotechnologische Fortschritt: Philosophische Aspekte künstlicher Befruchtung aus altersethischer Perspektive

Von Esther Redolfi Widmann


Die Philosophin Simone de Beauvoir (*1908; †1986) hat in Das andere Geschlecht[1] (1949)und Das Alter[2] (1970) die Situation der Frau luzide analysiert. Sie war damit nicht nur ihrer Zeit weit voraus, sondern ist in ihrem Denken gerade heute wieder verblüffend aktuell.Die Entwicklung ihrer philosophischen Thesen lässt sich in Anlehnung an zahlreiche sozialhistorische Umwälzungen ihrer Zeit nachzeichnen. Immer wieder sind neue Versuche einer Interpretation von Beauvoirs Leben und Werk durch feministische «Wellen» und Strömungen ein Indiz dafür, dass die Emanzipation und Gleichberechtigung der Frauen noch lange nicht adäquat verwirklicht ist, und dass Beauvoirs Leben und Werk für diese Entwicklung nach wie vor relevant und wegweisend ist. Denn bis heute sehen sich Frauen einem gesellschaftlichen, und oft auch religiös motivierten moralischen Druck ausgesetzt, insbesondere auch in biologischer Hinsicht. Dieser Druck wirkt heute allerdings auf eine andere, wesentlich subtilere Weise.

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16 Feb

Ethik als Methode

Von John-Stewart Gordon (Kaunas, Litauen)


Ohne Zweifel haben sich die bisherigen ethischen Theorien als fehlerhaft erwiesen, insbesondere dann, wenn geglaubt wurde, dass man mit einem (oder wenigen) Moralprinzip(ien) in der Lage ist, alle ethischen Probleme aufzulösen. In Wahrheit sind einzelne ethische Theorien jedoch lediglich nur unvollkommene Annäherungsweisen an die moralische Wirklichkeit. Einzig mit Hilfe der pluralistischen ethischen Methode – genannt Ethik als Methode (Gordon 2019) – ist man in der Lage, so die These des Buches, alle moralischen Probleme angemessen zu diskutieren und entsprechend zu lösen. Dieser radikale Neuansatz leitet einen Paradigmenwechsel in der Ethik ein.        

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16 Dez

Der Ethikrat über Suizidwünsche und Suizidbeihilfe – Fiktion und Wirklichkeit

Von Olivia Mitscherlich-Schönherr   


Im Herbst 2020 fanden zwei Sitzungen des Deutschen Ethikrats zu Sterbewunsch und Suizidbeihilfe statt. Bundesgesundheitsminister Spahn hatte den Ethikrat um eine Stellungnahme gebeten. Zwischen den beiden Sitzungen des realen Ethikrats hat die ARD Ende November Ferdinands von Schirach Spielfilm „Gott“ über eine fiktive Ethikrat-Anhörung zum selben Thema ausgestrahlt. In dieser zeitlichen Koinzidenz wird deutlich, dass beide voneinander lernen können – und zwar im Interesse sowohl der Kunst als auch der Arbeit als wissenschaftlich-ethisches Beratungsgremium: von Schirach könnte bessere Kunst machen, der Deutsche Ethikrat könnte sich demokratisieren.

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