
Philosophie und Roman. Überlegungen im Anschluss an Simone de Beauvoir
Von Oliver Victor (Düsseldorf) –
Können wir uns heute vorstellen, dass Philosophievorlesungen Aufstände auslösen, philosophische Fachbücher sich wie Bestseller verkaufen und Fachphilosophinnen und Fachphilosophen als Romanautoren, Dramatiker oder Journalisten in Personalunion tätig sind? Wohl kaum. Zumindest gilt das Schreiben literarischer Texte, sollten beruflich Philosophierende dies über ihre akademische Tätigkeit hinaus praktizieren, wenn auch nicht unbedingt als Beiwerk, so aber doch als eine für sich stehende Beschäftigung, die nicht zum Kanon ihres wissenschaftlichen Werkes zu zählen ist. Ein gar nicht allzu weit zurückreichender Blick in die Philosophiegeschichte zeigt indes, dass dies keineswegs immer der Fall war. Der französische Existenzialismus vermittelt uns ein anderes Bild von Philosophie, das untrennbar mit den Namen Simone de Beauvoir, Albert Camus und Jean-Paul Sartre verbunden ist.
Hannah Arendt schildert ihren amerikanischen Zeitgenossen im Jahr 1946 in dem Artikel „French existentialism“ in der Wochenzeitschrift The Nation die damalige intellektuelle Situation in Paris. Ihre folgende Darstellung mag mit der Auffassung des Existenzialismus übereinstimmen, die auch heute noch in vielen Köpfen – diesseits und jenseits akademischer Philosophie – verankert ist und bei den ein oder anderen Leser:innen bekannte Bilder wachrufen dürfte: „Eine Vorlesung über Philosophie löst Krawalle aus, Hunderte drängen sich herein und Tausende werden abgewiesen. Bücher zu philosophischen Problemen, die keine Binsenwahrheiten und Patentrezepte bieten, sondern im Gegenteil so kompliziert sind, dass sie echtes Denken erfordern, verkaufen sich wie Detektivgeschichten. […] Aus Philosophen werden Zeitungsmacher, Dramatiker, Romanautoren. Sie gehören keinen Universitätsfakultäten an, sondern sind ,Bohemiens‘, die in Hotels wohnen, ihre Tage in Cafés verbringen – ein öffentliches Leben bis hin zur völligen Aufgabe ihrer Privatheit führen. […] So geschieht es, allen Berichten zufolge, derzeit in Paris.“ (Arendt, 1946)
Was in dem Zitat zum Ausdruck kommt, ist ein Verständnis von Philosophie, die sich als wesentlicher Bestandteil des individuellen wie gesellschaftlichen Lebens begreift und nicht zuletzt deshalb ihre Tätigkeit in die Öffentlichkeit, d.h. unter die Menschen selbst, verlegt. Bei allen inhaltlichen Differenzen, die sich zwischen den einzelnen Positionen existenzialistischer Philosophie zweifelsohne konstatieren lassen, stimmen ihre Vertreter:innen darin überein, dass Philosophie und Leben, hier verstanden als unmittelbare Handlungs- und Erfahrungswirklichkeit des Menschen, nicht zu trennen sind. Beide sind miteinander verbunden und erfordern ein Engagiert-Sein des Philosophen als Person in seiner Philosophie und im Leben. Die Philosophie solle ins Leben übertragen werden – Grundfragen der Philosophie seien solche, die Probleme mit unmittelbarem Bezug zur menschlichen Existenz erörtern. Wissenschaftlich mitunter höchst relevante, jedoch abstrakte Fragen kommen, mit Albert Camus gesprochen, ,später‘. Für Jean-Paul Sartre folgt das Engagement des Philosophen direkt aus dem berühmtberüchtigten Grundsatz des Existenzialismus: Die Existenz geht der Essenz voraus.
Primat der Existenz vor der Essenz
Insofern der Mensch sich wesentlich durch Freiheit auszeichnet, existiert er zunächst und ist dann das, was er aus sich macht. Die Essenz, sein Lebensentwurf, ist der Existenz ontologisch nachgestellt. „Wenn die existenzialistische Philosophie tatsächlich vor allem eine Philosophie ist, die sagt: die Existenz geht der Essenz voraus, so muß sie, um wirklich aufrichtig zu sein, gelebt werden“, so Sartre (1966, S. 37). Wenn der Mensch keine immer schon vorhandene Wesensnatur besitzt, die sein Leben bestimmt und festlegt, sondern er selbst Gestalter seiner Existenz ist, dann kommt der Handlung eine zentrale Bedeutung zu. Der Mensch ist letztlich nur das, was er aus sich selbst macht – er ist die Summe seiner eigenverantwortlichen Handlungen. Es ist kein Zufall, dass ein solches Philosophieverständnis Auswirkungen auf die gewählten Kommunikationsmittel und Formen des Philosophierens hat. Eine Philosophie, die derart eng mit der Alltagspraxis und dem menschlichen Handeln verwoben ist, kann sich nicht in die Abgeschiedenheit des Elfenbeinturms zurückziehen.
Das manifestiert sich in der Auswahl sowohl der mündlichen als auch schriftlichen Mitteilungsformen. Die Existenzialisten verfassen keineswegs nur fachphilosophische Abhandlungen, solche sind sogar in der Minderzahl, sondern rekurrieren auf ein breites Spektrum literarischer Genres. Romane, Dramen, literarische wie politische Essays, Kurzgeschichten und Leitartikel zählen zum festen Repertoire ihrer Textformen. Dieser Bruch mit konventionellen Formen des akademischen Philosophierens, der Abhandlung oder dem Traktat, wird bewusst herbeigeführt. De Beauvoir, Camus und Sartre publizieren nicht nur einerseits philosophische Fachbücher und andererseits Romane und Dramen, sondern verfassen ebenso theoretische Reflexionen über verschiedene Formen des Philosophierens sowie ihre jeweiligen Stärken und Schwächen. Dadurch geben sie der Gestaltungweise ihrer Gesamtwerke eine argumentative Unterfütterung.
Philosophie und Literatur
Simone de Beauvoir publiziert im April 1946 in der berühmten Zeitschrift Les Temps Modernes einen Artikel mit dem programmatischen Titel „Literatur und Metaphysik“. De Beauvoir, die nach wie vor häufig zu Unrecht als Lebensgefährtin und Ratgeberin Sartres in dessen Schatten gestellt wird, entwickelt in diesem Kurztext in nuce eine theoretische Fundierung zentraler Funktionen des Romans im Existenzialismus. Sie tritt dort als eigenständige Denkerin in Erscheinung, die sich zudem implizit von der Verhältnisbestimmung bzgl. Philosophie und Roman, wie sie Sartre vorgenommen hatte, abgrenzt. Hatte Sartre den Roman in einer Rezension zu Camus’ Der Fremde noch als eine literarische Übersetzung philosophischer Topoi verstanden (vgl. Sartre, 1978), geht es de Beauvoir um den eigenständigen (Mehr-)Wert des Romans für die Philosophie. Sie begreift den Roman nicht als bloßes Mittel der Veranschaulichung philosophischer Gedanken, sondern attestiert ihm eine philosophische Funktion sui generis. Im Folgenden soll am Beispiel von de Beauvoirs Konzept des metaphysischen Romans das Verhältnis von Philosophie und Roman, genauer Metaphysik und Roman, in Augenschein genommen werden. Prima facie scheint der Begriff ,metaphysischer Roman‘ eine contradictio in adiecto zu sein: auf der einen Seite die Metaphysik als abstrakte, teils spekulative Theoriebildung über den Ursprung der Dinge, auf der anderen Seite der Roman als Kunstgenre, der vor allem ästhetischen Kriterien gerecht werden muss.
Ein häufiges Argument, das auch in gegenwärtigen Debatten rund um den Themenkomplex Philosophie und Literatur angeführt wird und für eine strikte Trennung beider plädiert, nimmt de Beauvoir zum Ausgangspunkt ihrer Überlegungen. Im Unterschied zur Literatur gehe es der Philosophie um die Suche nach objektiven Wahrheiten. Folglich operiere die Philosophie im Modus der Abstraktion und des Allgemeinen, wohingegen literarische Texte wie der Roman auf der Ebene des Konkreten und Besonderen verblieben und nicht der Wahrheitsfindung verpflichtet seien. „Der Philosoph, der Essayist bieten dem Leser eine intellektuelle Rekonstruktion ihrer Erfahrungen, während der Romancier diese Erfahrung als solche, noch vor jeder Aufklärung, auf einer imaginären Ebene wiederherstellen will.“ (de Beauvoir, 1992, S. 87) Vorweggenommen sei, dass es de Beauvoir nicht um eine Reduktion oder Einebnung der einen Kategorie auf bzw. in die andere geht. Weder soll oder kann die (akademische) Philosophie in der Literatur aufgehen bzw. auf diese reduziert werden noch umgekehrt. Vielmehr lässt sich in einem gehaltvollen Sinne nach dem Verhältnis von Philosophie und Roman nur dann fragen, wenn beide als für sich bestehende Bereiche anerkannt werden: „Der Roman rechtfertigt sich nur als eine Art der Mitteilung, die auf nichts anderes reduzierbar ist“, so de Beauvoir (ebd.).
Sowohl die Welt der Philosophie als auch die Welt der Literatur haben ihren jeweiligen Erkenntniswert, jedoch in unterschiedlichen Bereichen. Der Philosoph arbeitet mit Allgemeinbegriffen, um die Realität in eindeutigen Ideen und Kategorien zu fassen und abzubilden. Wäre der Roman eine bloße Veranschaulichung, so würde sich zurecht die Frage stellen: „[W]ozu sollte man eine Fiktion um Ideen herum konstruieren, wenn man diese knapper und eindeutiger in einer direkten Sprache ausdrücken kann“? (ebd.) In der Tat würden wir dann wohl das clare et distincte philosophischer Abhandlungen literarischen Texten vorziehen. Der Roman wäre letztlich auf die Philosophie reduzierbar. Dass dem nicht so ist, zeigt ein Blick in die Themen des Romans bzw. des metaphysischen Romans.
Der metaphysische Roman
Dem Romancier geht es darum, so de Beauvoir, eine Erfahrung als solche, d.h. vor jedweder allgemeinen, mithin abstrahierenden Reflexion zu beschreiben: „Vom Romancier wird erwartet, diese aus Fleisch und Blut bestehende Präsenz heraufzubeschwören, deren Komplexität, deren einzigartige und unendliche Reichhaltigkeit über jede subjektive Interpretation hinausgeht.“ (ebd., S. 87f.) Die im Roman zur Sprache kommende unendliche Reichhaltigkeit konkreter Erfahrung macht ihn zu einem Entdeckungserlebnis für Autor und Leser gleichermaßen. Eben weil eine konkrete Erfahrung aufgrund ihrer Mannigfaltigkeit inkommensurabel, d.h. für den Begriff nicht zu fassen ist, muss diese Erfahrung durch ein bestimmtes Subjekt erlebt oder durchlebt werden – und sei es nur im Modus des Fiktionalen.
Das Wie einer erlebten Erfahrung bleibt an die Unhintergehbarkeit der Subjektivität gebunden. Zudem kann eine bestimmte subjektive Interpretation niemals die „unendliche Reichhaltigkeit“ der Situation in Gänze einfangen. Jede Subjektivität wird eine bestimmte Situation anders erleben, auch wenn diese rein äußerlich gesehen gleichen Parametern unterliegt. Dieses Wie der Erfahrung kann der Roman thematisieren, da er nicht der allgemeinen Begriffsebene verpflichtet ist. „Der Leser prüft, zweifelt, ergreift Partei, und die zögernde Entwicklung seiner Gedanken ist ihm eine Bereicherung, die keine theoretische Lehre ersetzen könnte“, eben weil hier die Subjektivität zur Geltung kommen kann und soll, so de Beauvoir (1992, S. 88). Doch was rechtfertigt es, von einer metaphysischen Dimension des Romans zu sprechen?
Hierfür muss kurz das Metaphysik-Verständnis de Beauvoirs erläutert werden. Entgegen der Auffassung klassischer Systemphilosophie stelle die Metaphysik kein System dar. Man betreibe Metaphysik nicht so, wie man Mathematik oder Physik betreibe. Den Ursprung einer Metaphysik verankert de Beauvoir in der Erfahrungsebene. Was paradox erscheinen mag, wird verständlich, denkt man an das Philosophieverständnis des Existenzialismus und den Primat der Existenz vor der Essenz zurück. So spricht de Beauvoir von einer metaphysischen Haltung, die aus einer bestimmten Erfahrung resultiere, welche dem Menschen sein Engagiert-Sein in der Welt, sein In-die-Welt-Geworfen-Sein, um mit Heidegger zu sprechen, vergegenwärtigt: „[E]ine metaphysische Haltung bei sich selbst realisieren; das heißt sich in einer Totalität der Totalität der Welt stellen. Jedes menschliche Ereignis besitzt über seine psychologischen und gesellschaftlichen Konturen hinaus eine metaphysische Bedeutung, weil der Mensch durch jede dieser Konturen stets ganz und gar in der ganzen Welt engagiert ist“ (ebd., S. 93). Der Mensch besitzt keine a priori gegebene Wesensnatur, die den Lauf seines Lebens teleologisch bestimmt. Angesichts der Erfahrung des Geworfen-Seins muss der Mensch vielmehr seine Haltung gegenüber der Welt selbst bestimmen und seine Existenz gestalten. Indem der Mensch sich der Totalität der Welt aktiv stellt, nimmt er eine metaphysische Haltung ein: Er positioniert sich zur Welt und verleiht der Mensch-Welt-Relation Ausdruck. Was aber vermag hier der Roman zu leisten?
Wiederum ist es hilfreich, das den Überlegungen zugrunde liegende Philosophieverständnis des Existenzialismus zu bedenken. Als eine Philosophie, die ins Leben treten möchte, d.h. in die Erfahrungswirklichkeit, muss sie die subjektiven und individuellen Aspekte der Erfahrung berücksichtigen, sie kann sich nicht mit theoretischen Analysen eines „universellen Sinns in einer abstrakten Sprache“ begnügen (ebd., S. 94). Einen solchen universellen Sinn kann es sensu stricto für den Existenzialismus überhaupt nicht geben, geht beim Menschen doch die Existenz der Essenz voraus. Daraus folgt für de Beauvoir: „Je nachdrücklicher ein Philosoph die Rolle und den Wert der Subjektivität betont, desto mehr wird er die metaphysische Erfahrung in ihrer individuellen und zeitlichen Form beschreiben.“ (ebd., S. 95) Genau dafür scheint der Roman prädestiniert.
Der „Existentialismus will den Sinn innerhalb der Existenz begreifen; und wenn die Beschreibung des Wesens Gegenstand der Philosophie als solcher ist, ermöglicht nur der Roman, das Ursprüngliche der Existenz in seiner vollständigen, einmaligen und zeitlichen Wahrheit zu evozieren.“ (ebd.) Eine Philosophie, die subjektive und zeitliche Erfahrungen thematisieren will, kann dies nicht in zeitlosen Systemen tun, ohne sich selbst zu widersprechen und jene zeitlichen Erfahrungen, die hier als Gewissheiten gelten, zu leugnen. Die Form muss dem Gegenstand angepasst werden.
Da individuelle Erfahrungen Gegenstand philosophischer Betrachtung werden, widmet sich der Existenzialismus seinen Topoi im Medium der Literatur, weil diese, so Markus Wild, „Menschen in konkrete Situationen versetzt (im Drama) oder in den Hintergrund ihrer Lebensgeschichten einbettet (im Roman).“ (2014, S. 39) Insofern der Existenzialismus die Subjektivität in ihrer Unhintergehbarkeit der ersten Person Singular erörtert, ist es nicht weiter problematisch, dass der Roman als Fiktion keinen Anspruch auf objektive Wahrheit erheben kann. Es genügt, wenn der Roman dem Leser verhilft, eigenständige Überlegungen anzustellen, indem dieser an zwar fiktiven, aber konkreten Lebensgeschichten partizipiert. Mit Jeff Malpas wird so Sartres Der Ekel zu einem „metaphysical journal“ (2012, S. 300), das die Erfahrungen der Figur Antoine Roquentin erzählt. Metaphysische Tragweite erhält der Roman, insofern die Geschichte an der Erfahrung des Ekels, des grundlegenden Zwiespalts zwischen Mensch und Welt, ihren Ausgang nimmt. Indem das Grundverhältnis von Mensch und Welt behandelt wird, verleiht der Ekel dem Roman einen metaphysischen Gehalt. Das soll den Leser wiederum zur Analyse des eigenen Selbst- und Weltverhältnisses anregen.
Genau auf diese metaphysische Dimension des Romans kommt es de Beauvoir an. Es geht nicht darum, dass ein Denker bloß „feststehende philosophische Wahrheiten literarisch benutzt“ – dann wären wir wieder auf der Ebene reiner Veranschaulichung –, „sondern, daß ein Aspekt der metaphysischen Erfahrung dargelegt wird, der anders nicht darlegbar wäre: ihr subjektiver, einmaliger, dramatischer Charakter sowie ihre Zwiespältigkeit“ (de Beauvoir, 1992, S. 96).
Der philosophische (Mehr-)Wert literarischer Darstellungsformen
Vor dem Hintergrund des existenzialistischen Philosophiebegriffs offenbaren sich mehrere Vorteile literarischer Ausdrucksformen, von denen vier hervorgehoben seien: (1) Der konkrete, individuelle und subjektive Charakter der erlebten Erfahrung kann zur Sprache kommen. So können Handlungen in bestimmten Situationen in literarischen Texten durchgespielt werden. Letztere werden zu Art Gedankenexperimenten, die zumindest im Fiktionalen konkretisiert werden können. (2) Der Perspektivenwechsel von der abstrakten Ebene der Systematisierung klassischer akademischer Texte hin zur konkreten Sphäre der Versinnbildlichung ermöglicht ein adäquateres Beschreiben der Existenz. Dadurch wird versucht, sich dem methodologischen Problem, Konkretes zum Gegenstand des Philosophierens zu machen, anzunehmen. (3) Eng damit verbunden ist die Möglichkeit, den Menschen als Geist- und Sinnenwesen zu thematisieren. Gefühle, Emotionen und Stimmungen können in literarischen Texten authentischer zutage treten als in einer intellektualistischen Abhandlung. (4) Eine literarische Form des Philosophierens wie der metaphysische Roman ermöglicht eine direkte Einbindung des Lesers in den Text. Der Philosoph, sofern er seine Aufgabe darin sieht, zu selbstständigem Denken zu animieren, hat die Möglichkeit, die Leser am Erzählstrang und Handlungsrahmen teilhaben zu lassen. Die Mitarbeit des Lesers ist nötig, es wird an dessen Freiheit im existenzialistischen Sinne appelliert.
Gleichwohl ist anzumerken, dass ein literarischer Text wie der Roman einen großen Interpretationsspielraum zulässt und gerade von diesem Spielraum lebt. Einem um letzte Klarheit bemühten Philosophierens mögen sie damit nicht entgegenkommen. So sind philosophische Gedanken, die in Romane eingebettet sind, vielschichtiger und entziehen sich einer finalen Deutung. Dieser Effekt ist allerdings von den Existenzialisten beabsichtigt und entspricht der bei ihnen häufig anzutreffenden Annahme eines erkenntnistheoretischen Perspektivismus sowie der Unhintergehbarkeit der Subjektivität. Schon Søren Kierkegaard, Initialfigur der Existenzphilosophie, war darum bemüht, die „unendliche Lebensmalerei mit ihrem bunten Farbenspiel und ihren unzähligen Nuancierungen“ (2005, S. 23) hervorzuheben. Genau das sollte eine Philosophie in den Augen de Beauvoirs leisten, will sie subjektive und zeitliche Erfahrungen nicht ausklammern. Dafür muss sie klassische akademische Textformen transzendieren: „Ein richtig geschriebener, richtig gelesener metaphysischer Roman enthüllt die Existenz, wie es keine andere Ausdrucksweise vermag“ (de Beauvoir, 1992, S. 98). So wird der Romancier, mit Milan Kundera gesprochen, zum „Erforscher der Existenz“ (1987, S. 53) und einem Philosophen im existenzialistischen Sinne.
Oliver Victor lehrt und forscht an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Er hat mit einer Arbeit zu Kierkegaard und Nietzsche. Initialfiguren und Hauptmotive der Existenzphilosophie promoviert (De Gruyter, 2021). Seine Forschungsschwerpunkte liegen in der Geschichte der Philosophie (insb. 19. und 20. Jahrhundert), der Anthropologie und Kulturphilosophie. Zuletzt erschien der Band Zwischen Verstummen und Resonanz. Krisen und Perspektiven der Spätmoderne (Hg. mit S. Hüsch, S. Picard, K-J. Zenker; Schwabe, 2025).
Literatur
Arendt, H.: „French existentialism“, in: The Nation 23/2/1946. Übers.: Philosophie Magazin. Sonderausgabe 09/2017, S. 19-24.
Beauvoir, S. de: Auge um Auge. Reinbek, 1992.
Kierkegaard, S.: Deutsche Søren Kierkegaard Edition. Band 1. Berlin, 2005.
Kundera, M.: Die Kunst des Romans. Essay. München/Wien, 1987.
Malpas, J.: „Existentialism as literature“, in: Crowell, S. (Hg.), Cambridge Companion to Existentialism. Cambridge, 2012, S. 289-321.
Sartre, J-P.: Drei Essays. Frankfurt a. M./Berlin, 1966.
Sartre, J-P.: Der Mensch und die Dinge. Reinbek, 1978.
Wild, M.: „,Badly wrong‘ – Der Existenzialismus und J. M. Coetzees The Lives of Animals“, in: Studia Philosophica 73, S. 33-52.

