19 Jan

Alter, Literatur und die Gender-Frage

von Marlene Kuch (Würzburg)


Je älter wir werden, desto mehr verlieren wir, und die Frauen verlieren mehr als die Männer, schreibt (frei übersetzt) die Marquise de Lambert, eine französische Schriftstellerin des 18. Jahrhunderts (Traité de la vieillesse, posthum 1747). Umso schlimmer, dass die Frauen, so die Marquise, von den Philosophen vernachlässigt und allein gelassen werden. Sie selbst sieht sich in der Lage, sich mit ihrem eigenen Denkvermögen zu behelfen, aber wehe den „galanten“ Frauen, die ihr Selbstwertgefühl allein aus der Wirkung ihrer weiblichen Reize schöpfen! Sie wird das Alter besonders hart treffen, denn nichts ziemt sich weniger, als seiner Umgebung „un visage sans grâces“, ein Gesicht ohne Reize, zuzumuten. Wenn man (als alternde Frau) öffentliche Orte nicht mehr „schmücken“ könne, solle man sie meiden. Was bleibt dann noch? Loslassen, wie wir heute sagen würden, Rückzug aus der Gesellschaft, Besinnung auf die inneren, die wahren Werte, Hinwendung zu Gott. Madame de Lambert stützt sich auf die einschlägigen (männlichen) Autoren (Cicero, Seneca, Montaigne, Pascal u.a.), um ihren Geschlechtsgenossinnen philosophischen Trost im Alter zu spenden. Dies ist gut gemeint, aber waren ihre Betrachtungen wirklich tröstlich in einer Welt, in der die meisten Frauen gelernt hatten, wie wichtig körperliche Reize sind?

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14 Nov

Antike, Kunst und Literatur. Ein Blick in die Basler Vorlesungen Friedrich Nietzsches.

von Carlotta Santini (Paris)


‚Friedrich Nietzsche und die Philologie‘ gilt seit einigen Jahren als ein echtes Schlagwort in der Nietzsche-Forschung. Viele bemerkenswerte Arbeiten haben sich schon darum bemüht, die Beziehung Nietzsches zur klassischen Philologie, zu ihren Methoden und ihren Perspektiven durch die Bestimmung und Bewertung derjenigen Faktoren zu rekonstruieren, die später für seine philosophische Reflexion fruchtbar geworden sind. Der ‚Philologe Nietzsche‘ ist in der Tat viel mehr als eine kurze Phase im Leben des ‚Philosophen Nietzsche‘. Erstens war diese Phase nicht kurz, denn sie umfasst die gesamte schulische und universitäre Ausbildung Nietzsches sowie die zehn Jahre seiner akademischen Lehrtätigkeit (bis 1879), die er nach dem in jungen Jahren erhaltenen Ruf auf den Lehrstuhl für Griechische Sprache und Literatur der Universität Basel ausübte. Zweitens war es nicht nur eine Phase, denn seine klassische Ausbildung, sein kulturelles Vermögen und seine Kenntnisse des Altertums übertrafen an Tiefe alle anderen Bereiche der Bildung Nietzsches und blieben immer die allerersten Quellen, aus denen er seine Gedanken und die Vorbilder für seine philosophischen Untersuchungen schöpfte.

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29 Mai

Eine klare Sache: für eine populäre Philosophie

von Michael Hauskeller (Liverpool)

Populäre Philosophie, das ist fast ein Schimpfwort in manchen akademischen Kreisen. Man muß sich fast schämen, einmal etwas Populäres veröffentlicht zu haben. Populäre Philosophie ist Philosophie für das Volk, die vielen, die breite Masse, und was jeder versteht, so meint man, ist auch nicht wert verstanden zu werden. Nur das Einfachste wird von jedem verstanden. Die Welt ist aber alles andere als einfach. Wer sie richtig verstehen will, muß viel Arbeit am Begriff leisten; die populäre Philosophie aber scheint zu meinen, gerade darauf verzichten zu können, als ob das Schwere auch einfach zu haben sei. Nur scheinbar macht sie Dinge klarer. In Wahrheit aber ist sie deshalb problematisch, weil sie die Dinge nicht klar genug macht. – Aber ist das wirklich so?

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