
Philosophieren in 90 Sekunden. Ein Plädoyer für mehr Philosophie auf Social Media
Von Benjamin Küntzel (Humboldt-Universität zu Berlin)
Die Ausgabe der Zeit vom 25.02.26 stellt auf ihrer Titelseite die Frage: „Social Media verbieten?” SPD und CDU fordern ein Social-Media-Verbot für Kinder unter 14 Jahren. Australien hat bereits ein Verbot für unter 16-Jährige eingeführt, während Frankreich und Großbritannien ähnliche Maßnahmen prüfen. Die Debatte ist verständlich – nur greift sie zu kurz. Da „soziale Medien“ aus der Gesellschaft nicht mehr wegzudenken sind, sollte nach dem Umgang mit ihnen statt nach einem Verbot gefragt werden. Die „sozialen Medien“ bieten einen Raum und Räume werden von denjenigen geprägt, die sie besiedeln. Während sich Fake News und Verschwörungstheorien auf Social Media in Windeseile verbreiten, glänzt die Philosophie auf den Plattformen vor allem durch eins: Abwesenheit. Mein Appell richtet sich an alle Philosoph:innen, die sich selbst, philosophischen Institutionen und der Gesellschaft einen Gefallen tun wollen: Füllt diesen Raum und startet euren eigenen Sozial Media Kanal.
Platon war kein Fan neuer Medien
Die Sorge vor neuen Medien ist so alt wie die Philosophie selbst: „Diese Erfindung wird den Seelen der Lernenden Vergessenheit einflößen aus Vernachlässigung des Gedächtnisses“ (274c – 275b) schrieb Platon im Dialog „Phaidros“ und meinte dabei nicht TikTok und die dort platzierten unzähligen Veröffentlichungen von Urlaubsvideos. Stattdessen beschreibt er, wie der Gott Theuth dem König Thamus die Kunst des Schreibens als Geschenk vorstellt. Thamus widerspricht jedoch, da die Schrift nicht das Gedächtnis, sondern das Vergessen stärken würde, weil die Menschen sich nicht mehr selbst erinnern müssten. Ein paar Jahrtausende später wissen wir: Das Medium hat sich bewährt. Nur dank der Schrift kennen wir heute Platons Gedanken zur selben.
Vielleicht gilt das auch für „soziale Medien“. Die Frage lautet nicht, ob Social Media gut oder schlecht ist, sondern was wir daraus machen.
Die Sorgen vor Social Media
Die mangelnde Zuversicht Platons spiegelt sich auch in den Sorgen wider, die hinter der Verbotsdebatte stecken. Sie lassen sich in zwei Aspekte unterteilen.
Die erst Sorge – Die Plattform an sich: Algorithmen fesseln Nutzer:innen stundenlang an die Bildschirme, verstärken in Echokammern politischen Extremismus und beschädigen das Körperbild Heranwachsender, um nur einige Beispiele zu nennen. All das sind Probleme, die reale Schäden anrichten. Studien wie die von Kelly et al. (2018) zeigen, wie die Nutzung „sozialer Medien“ durch Schlafmangel, ein negatives Körperbild und Online-Belästigung zu depressiven Symptomen beitragen kann. Jonathan Haidt hat solche negativen Folgen in seinem viel diskutierten Buch „Generation Angst – Wie wir unsere Kinder an die virtuelle Welt verlieren und ihre psychische Gesundheit aufs Spiel setzen“ (2025) zugespitzt. Hinzu kommt, dass Social-Media-Plattformen mittlerweile zum etablierten Medium politischer Wahlkämpfe geworden sind. Eine Studie der Universität Potsdam hat gezeigt, dass die AfD auf TikTok bei Erstwähler:innen doppelt so erfolgreich ist wie alle anderen Parteien zusammen – diese Gruppe sieht in einer Woche durchschnittlich neun Videos mit AfD-Inhalten, CDU und BSW kommen auf je eines (Scholz, 2024).
Die zweite Sorge – Die Kürze der Videos: Auf TikTok betrug die durchschnittliche Länge von Videos 2024 knapp 43 Sekunden – die durchschnittliche Wiedergabedauer jedoch gerade einmal fünf Sekunden (Statista, 2025). Das heißt, Nutzer:innen schauen im Schnitt wenige Sekunden lang ein Video und wischen dann weiter. Tiefes philosophisches Durchdringen, so die Sorge, lasse sich in einem solchen Format unmöglich leisten. Studien wie die von Alghamdi und Aljabr (2024) zeigen zudem, dass eine intensive Nutzung von TikTok die allgemeine Aufmerksamkeitsspanne verringert, also die Zeitspanne, in der eine Person ihre Konzentration auf eine Aufgabe oder Aktivität aufrechterhalten kann.
Der falsche Fokus
Die Verbotsdebatte führt aus drei Gründen in die Irre: Erstens ist die Durchsetzbarkeit eines Verbots fraglich und mindestens langwierig. Zweitens, selbst wenn ein Verbot kommen sollte, greift das in die individuelle Freiheit ein und hinterlässt in der Gesellschaft meist einen unschönen Beigeschmack. Drittens,selbst wenn es kommen und gesellschaftlich angenommen werden sollte, gilt es allenfalls für Kinder – nicht für die 81 Prozent der deutschen Gesamtbevölkerung, die „soziale Medien“ nutzen (Bogner, 2025). Ob man nun für oder gegen ein Verbot ist, ändert also nichts daran, dass die „sozialen Medien“ ein essenzieller Teil unserer Medienlandschaft bleiben werden. Die Folge: Wer sie für gefährlich hält und sie daher entweder verbieten will oder sich von ihnen fernhält, überlässt den Raum denjenigen, die dort nichts Gutes im Schilde führen. Philosoph:innen, die zögern, auf Social Media aktiv zu werden, sollten sich fragen: Wem nutzt dieses Zögern?
Was öffentliche Philosophie leisten kann
Öffentliche Philosophie ist, kurz gesagt, akademische Philosophie, die auf ein nicht-philosophisches Publikum ausgerichtet ist. Diese Ausrichtung bedeutet keine Qualitätsminderung, sondern hat einen Perspektivwechsel zur Folge. Romy Jaster (2020) bringt es treffend auf den Punkt: Öffentliche Philosophie bedeutet, den Selbstanspruch zu drosseln, Fragen fokussiert zuzuschneiden und gesellschaftliche Relevanz mitzudenken. Aussagen müssen korrekt sein, aber nicht vollständig ausgeführt. Die Wahrheit selbst darf nicht leiden, der Detailgrad schon.
Um herauszufinden, ob das auf „sozialen Medien“ funktioniert, habe ich es ausprobiert: Philosophie in 90 Sekunden – zwischen Katzenvideos und Tanzchallenges – auf TikTok. Zu Themen wie dem Trolley-Problem, Simone de Beauvoirs Unterscheidung zwischen biologischem und sozialem Geschlecht, warum man Expert:innen nicht blindlings vertrauen kann, wie man Filterblasen von Echokammern unterscheidet und woran man „demonstrative Bullshiter“ erkennt. Der Nutzen dieser Form von Philosophie lässt sich auf drei Ebenen aufzeigen.
Für Philosoph:innen selbst
Komplexe Gedanken auf wenige Sätze zu verdichten ist keine Vereinfachung, sondern eine eigene Disziplin. Wer die Essenz einer Theorie kurz und griffig wiedergeben kann, hat sie wirklich verstanden. Zehn Minuten über „demonstrativen Bullshit” zu sprechen ist leichter, als ihn in drei Sätzen so zu erklären, dass er hängen bleibt. Hinzu kommt das unmittelbare Feedback: Anders als beim Publizieren in Philosophischen Online-Blogs erfährt man auf „sozialen Medien“ durch die Anzahl an Aufrufen, Likes und Kommentaren schnell, ob eine Idee ankommt oder nicht. Das schärft das philosophische Handwerk und kann uns, wie Evelyn Brister (2022) feststellt, zu besseren Philosoph:innen machen.
Für philosophische Institutionen
Die akademische Philosophie hat ein Imageproblem. Außerhalb der Universität gilt sie häufig als selbstbezogen, wirklichkeitsfremd und unfähig, klare Antworten zu geben. Dabei liegt ihre eigentliche Stärke in ihrer Methode – dem strukturierten Argumentieren, dem Aufzeigen von Inkonsistenzen, den präzisen Begriffsarbeiten. Wer diese Stärken sichtbar macht, verbessert den Ruf der Disziplin und hilft dabei indirekt, Ressourcen für Lehrstühle einer Öffentlichkeit verständlich zu machen. Der Philosoph Charles Lassiter hat es drastisch formuliert: „If philosophers don’t make their stuff accessible, we’re going to die as a discipline“ (Harrison, 2022). Die philosophische Fakultät der Gonzaga University, an der er als Professor lehrt, hat daraus bereits Konsequenzen gezogen und einen eigenen TikTok-Kanal gegründet.
Für die Gesellschaft
Hier ist das Potenzial am größten. Erstens kann Philosophie relevante gesellschaftliche Fragen strukturiert angehen – ohne in politische Denkmuster zu verfallen. Zweitens kann sie Wissen teilen, bei dem sie bereits zu Antworten gekommen ist, zum Beispiel was der Unterschied zwischen einer Lüge, Irreführung und Bullshit ist und was das für Aussagen von Politiker:innen wie Trump oder Weidel bedeutet. Drittens kann sie dazu beitragen, einen gemeinsamen Standpunkt bei widerstreitenden Dialogpartner:innen zu finden, indem sie unterschiedliche Perspektiven gegenseitig begreiflich macht. Viertens kann sie eine konstruktive Streitkultur vorleben, die auf Argumenten statt auf Emotionen beruht. Fünftens kann sie langfristig zu dem beitragen, was Rainer Hegselmann (2021) eine „analytische Kultur” nennt: etwas mehr Vernunft in die Welt bringen. Und sechstens kann Philosophie schlicht auf sinnvolle Art und Weise unterhaltsam sein. Auch das ist ein legitimer Nutzen.
Es ist gut möglich, dass ein tiefes philosophisches Durchdringen von Themen durch Kurzvideos nicht möglich ist. Das Phänomen „#BookTok“ zeigt stattdessen, wie auch kurze Videos Interessierte dazu motivieren können, sich in ein Thema genauer einzulesen. Der Hashtag „#BookTok“ hat mittlerweile einen entscheidenden Einfluss auf die Buch-Bestsellerlisten. So war TikTok auf der Frankfurter Buchmesse vertreten und Büchereien hängen BookTokEmpfehlungslisten aus. Obwohl der Algorithmus darauf trainiert ist, Nutzer:innen möglichst lange in der App zu halten, gelingt hier der Wechsel von der digitalen in die physische Welt.
Warum Social Media?
Wer glaubt, eine potenziell schädliche Plattform sei am besten zu meiden, sollte sich an die Debatte über Klimakonferenzen erinnern: Sollte Luisa Neubauer dorthin fliegen, obwohl Fliegen dem Klima schadet? Die Antwort lautet Ja – weil ihre Teilhabe mehr bewirkt als ihr Boykott. Genauso sollten Philosoph:innen auf „sozialen Medien“ aktiv sein, auch wenn diese Plattformen Schäden mit sich bringen. Die Teilhabe bewirkt mehr als der Boykott.
„Soziale Medien“ sind zugänglicher als jede philosophische Bühne. Kostenlos, ohne Voranmeldung und rund um die Uhr geöffnet. Was fehlt, ist schlicht die Bereitschaft von Akademiker:innen, diesen Raum zu betreten. Wer die Probleme unserer Zeit ernst nimmt, kann sich nicht gegen das am schnellsten wachsende Medium wehren, indem es boykottiert, als schwachsinnig abgetan, oder für Kinder verboten wird. Die Plattformen bieten eine Vielzahl von Gefahren. Aber eben auch eine Vielzahl von Potenzialen. Neben dem Versuch die Gefahren einzudämmen, sollten die Potenziale für das Richtige genutzt werden.
Ein Appell
Fake News, Bullshit und politische Propaganda füllen den Raum der „sozialen Medien“, den die Philosophie leer lässt. Das können wir ändern. Denn das Werkzeug der Philosophie ist das Argument und Argumente können auch in 90 Sekunden vorgetragen werden.
Wir Philosoph:innen müssen uns klar darüber sein, dass wir etwas zu sagen haben. Doch um unsere Kompetenzen einer breiten, nicht philosophischen Öffentlichkeit vermitteln zu können, braucht es Fokussierung und eine einfache Sprache. Wir müssen in der Lage sein, ein öffentlich relevantes Thema in der Tiefe zu durchdringen, um daraus einen zentralen Fokus zu extrahieren, den wir dann in maximaler Kürze und mit maximalem Unterhaltungswert der Öffentlichkeit präsentieren.
Öffentliche Philosophie auf „sozialen Medien“ ist unbequem. Sie erfordert, das eigene Denken auf das Wesentliche herunterzubrechen und ist mit einem Publikum konfrontiert, das nichts mit Philosophie zu tun hat. Aber genau darin liegt ihr Wert – für uns Philosoph:innen selbst, für die philosophischen Institutionen und für eine Gesellschaft, die dringend mehr philosophisches Handwerkszeug in ihrem Alltag braucht.
Wer die Herausforderungen unserer Zeit ernst nimmt, sollte nicht fragen, ob „soziale Medien“ verboten werden sollen. Sondern: Was poste ich morgen?
Benjamin Küntzel ist Masterstudent der Philosophie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Auf seinem TikTok-Kanal @benjamin.kuentzel betreibt er öffentliche Philosophie in Form von Kurzvideos.
Literatur
Alghamdi, R. und Aljabr, N. (2024) „THE IMPACT OF TIKTOK ON EMPLOYEES’ AT- TENTION SPAN“,
International Journal of Professional Business Review, 9(11), S. e05144. Verfügbar unter:
https://doi.org/10.26668/businessre- view/2024.v9i11.5144.
Bogner, S. (2025) „Social-Media-Nutzung 2022 in Deutschland unter der Lupe“, Ago- rapulse, 26
Februar. Verfügbar unter: https://www.agora- pulse.com/de/blog/social-media-statistik-fuerdeutschland-und-die-welt/ (Zu- gegriffen: 17. September 2025).
Brister, E. (2022) „The Value of Public Philosophy“, in L. McIntyre, N. McHugh, und I. Olasov (Hrsg.)
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https://doi.org/10.1002/9781119635253.ch5.
Harrison, S. (2022) „On TikTok, Philosophy Is Getting Edgy … or at Least Concise“, Slate, 14 März.
Verfügbar unter: https://slate.com/technology/2022/03/philosophy- tiktok-academics-socialmedia.html (Zugegriffen: 5. September 2025).
Hegselmann, R. (2021) „Was macht und kann die Philosophie? Philosophinnen und Philosophen in
einer demokratischen Gesellschaft, die eine analytische Kultur sein will“, in Bartelborth, T. u. a.,
Analytische Explikationen & Interventionen. Herausgegeben von B. Sasha Kobow, D. Messelken,
und J. Brandl. Brill | mentis, S. 57–96. Verfügbar unter:
https://doi.org/10.30965/9783969752333_005.
Jaster, R. (2020) „Mehr Öffentlichkeit Wagen. Wie(so) Über Wahrheit Reden?“, in G. Brun und C.
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Kelly, Y. u. a. (2018) „Social Media Use and Adolescent Mental Health: Findings From the UK
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Platon (1999): Phaidros. Übersetzt von Friedrich Schleiermacher (revidiert). In: Platon: Werke in
acht Bänden. Hg. von Gunther Eigler. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft.
Scholz, D.J. (2024) Die AfD dominiert TikTok – Studie zur Sichtbarkeit der Parteien in den Sozialen
Medien. Verfügbar unter: https://www.uni-potsdam.de/de/medi- eninformationen/detail/2024-
09-02-die-afd-dominiert-tiktok-studie-zur-sicht- barkeit-der-parteien-in-den-sozialen-medien
(Zugegriffen: 19. September 2025).
Statista (ohne Datum) TikTok: Videolänge und -wiedergabedauer 2025, Statista. Ver- fügbar unter:
https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1482881/um- frage/durchschnittliche-laenge-vontiktok-videos/ (Zugegriffen: 19. Septem- ber 2025).



