
„Alle Gefühle glauben an einen glücklichen Ausgang.“ [1] Nachruf auf Alexander Kluge (1932-2026)
von Florian Wobser (Passau) –
Deutschland im März – Tod eines Autors
Im März 2026 sterben in nur zehn Tagen Jürgen Habermas und Alexander Kluge, die zuvor beide beinahe ein ganzes Jahrhundert das Weltgeschehen, über alle Höhen und Tiefen hinweg, immer wieder engagiert wahrnahmen und kritisch kommentierten. Fachphilosophisch ist Kluge ein kleiner Bruder seines Freundes Habermas, doch Kluge war nicht allein – auch – Philosoph, er war so sehr vieles mehr: u.a. Jurist, kulturpolitisch tätiger und die Öffentlichkeit gestaltender Filme-, TV- und Ausstellungsmacher, in letzter Konsequenz, auch seinem eigenen Urteil nach, ein Autor.
Öffentlichkeit und „Gattung Kluge“
Als ein Autor publizierte Kluge fast 70 Jahre lang viel Literatur (Fragmente, Kurzgeschichten, kaum Langformen, keinen Roman), sein Hauptwerk Chronik der Gefühle (2000) versammelt Texte von mehr als 2000 Seiten. Der Georg-Büchner-Preis-Träger Kluge ist Regisseur von mehr als 20 Langfilmen (zuletzt experimentierte mit dem Bild-Generator „Stable Diffusion“, was u.a. 2024 zu Cosmic Miniatures führte) und unzähligen Kurzfilmen wie TV-Clips (ca. 30 Jahre lang im Privatfernsehen gesendet), zudem gibt es DVD-Kollektionen und als ein Archiv seit 2009 das Web-TV aus dem Hause seiner eigenen Produktionsfirma dctp.tv. Für Die Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos erhielt Klugein Venedig 1968 den Goldenen Löwen. Mit Deutschland im Herbst (1978) setzte Kluge mit Rainer Werner Fassbinder, Volker Schlöndorff u.v.m. unerahnte Maßstäbe für politisches Kino. Noch viel mehr wäre zum multimedialen und transdisziplinären Gesamtwerk aufzuzählen, das im Kern als ‚Gesamtmontage‘ (Rainer Lewandowski) oder in der Tradition von Walter Benjamins ‚Passagen-Werk‘ (Klaus Kreimeier) gedeutet wurde, das ohne die Verspieltheit des Essayistischen kaum denkbar ist – all das wurde zugleich improvisierend und anerkennend eine ‚Gattung Kluge‘ (Jan Philipp Reemtsma) genannt. Für dieses sehr vitale, kritisch-diskursive und affektiv-künstlerische Gestalten des Öffentlichen urteilte im Jahre 1995 der psychoanalytische Medientheoretiker Klaus Theweleit, dass Kluge – gegen akademische Skepsis – ein Kniff zur Theorie-Praxis-Vermittlung gelungen sei: „Kluge war/ist der einzige, der diesen Teufelskreis in Deutschland praktisch durchbrochen hat.“[2]
Sinn, Unsinn und vor allem Ausdrucksvielfalt
Doch das Gesamtwerk Alexander Kluges sucht nicht allein quantitativ Seinesgleichen; es weist unvergleichbare Qualitäten auf, die einerseits darin liegen, dass in Kluges „Hunger nach Sinn“[3], oft in schriftlicher oder mündlicher Kooperation, so viele skurrile Details verschlungen wurden, mitunter an den Außengrenzen guten Geschmacks voller subtiler oder völlig alberner Komik. Komik in all ihren Facetten ist ein Pars pro Toto für Ausdrucksweisen, die zwischen makabren Abgründen, intellektuellen Höhenflügen und schrillem trash (den Vorwurf, dass er im TV nur solchen zeige, konterte er mit: „Ich kriege meine Sendungen längst nicht schrottig genug hin“[4]) im Werk versammelt werden. Es klingt und blinkt und springt in Essays oder Unterhaltungen von Kluge, dessen sanfte, doch eindringliche Off-Stimme Gäste (d/w/m) bisweilen zwischen facts & fakes in das bislang Unbekannte lockte, während in seiner Literatur, im Buch-Medium, zumeist lakonische Sachlichkeit herrscht. Kluge kommentierte dieses Schaffen, das er mit dem ‚Charakter einer Baustelle‘ assoziierte, in vielen poetologischen Beiträgen. Zuletzt kooperierte er mit Künstler:innen wie etwa Georg Baselitz, Katharina Grosse, Sarah Morris und Gerhard Richter zugunsten von Publikationen, Podien oder Ausstellungen.
Der Zirkus mit all seinen Ausdrucksformen blieb ein Lebensthema Kluges, wozu Kooperation, Komik, sinnliche Sensationen und phantastischste Performances zählen. In den TV-Formaten, bloß spät nachts gesendet, vollzog er eine Alchemie des Denkens (mit Bernard Stiegler 2014), die nicht nur in Begeisterung für Jazz über Mentor Adorno hinausdriftete, durch Idiosynkrasien (2001 mit Silvia Bovenschen) hindurch, in Ein Labyrinth ohne Anfang und Ende (mit Joseph Vogl 2007). Kluge war drei Jahrzehnte lang im Fernsehen Pop-Philosoph, geprägt nicht zuletzt durch den Freudo-Marxismus des Situationismus. Die Akademie konnte Kluge bloß ignorieren oder belächeln. Einem Gesamtkunstwerk, das Kluge so ohne jeden Zweifel schuf, misstraute er – ein für Interpret:innen so provozierender Einwand – selbst allerdings, indem er sich vielmehr als Anwalt jener vom Publikum bei einem Orchesterkonzert „kaum hörbaren schiefen Pfeifen aus der letzten Reihe“ [5] begriff.
Gestalter und Denker zwischen Frankfurt und Frankreich
Diese regelrecht bis zum Selbstwiderspruch nicht aufgegebene Haltung, die Kluge, der früh ein Medienunternehmer war, auch Kritik von linksalternativer wie konservativer Seite einbrachte, geht auf den akademischen Mentor seines eigenen Lebenslaufs zurück: Theodor W. Adorno war spätestens mit Negative Dialektik (1966) zu dem Fürsprecher des ‚Nichtidentischen‘ geworden. Adorno hatte – gegen viele Fremdzuschreibung – über die Verbesserung der Massenmedien wie speziell das Fernsehen nachgedacht, was Kluge, zugleich durch Benjamin und Brecht ebenso didaktisch beeinflusst, medienpraktisch wendete. Biographisch begründet wird Kluge oft zum Adorno-Schüler, was ein zu pauschales Urteil ist, wenn man bedenkt, dass er seit den 1990er Jahren auch dekonstruktive und poststrukturalistische Impulse aufnahm. Zu jedem der Details, Index des Singulären, und zum Wunsch, trotzdem verstehen zu wollen, gesellt sich die maximal weite Kategorie des ‚Zusammenhangs‘, die Kluge in einer Preisrede 1993 so erläuterte: „Dieses sich wandelnd Lebendige ist ein »Rhizom«, nach einem Ausdruck von Guattari und Deleuze, also unwillkürlicher Zusammenhang.“[6]
Früher als Habermas suchte Kluge die Nähe zu den bis heute noch so umstrittenen ‚Franzosen‘, ohne die sein Werk kaum verständlich ist. Er blieb dem Montieren treu, das eine Art Bogen von Benjamins ‚Dialektik im Stillstand‘ bis zum expressiv-rhizomatischen Denken schlagen sollte. Dieser Konnex kritischer Theorien ist nicht statisch, besitzt als „Verflüssigung“[7] viel Dynamik, die Lebendigkeit garantieren soll. Es braucht wohl die Haltung kinematographischer Vernunft, um der fragilen Konstruktion zu folgen – Habermas ging das mutmaßlich zu weit, er saß trotz aller Sympathie nie vor Kluges Kamera, charakterisierte seinen Freund jedoch anerkennend als den aktuell einzigen „Projektemacher“, der „aus eigener Kraft“ eine „ganz neue Idee“ umsetzt, die zuvor als „spinnerte Idee“ abgetan worden sei.[8]
Kluge und die Philosophie
Diese zwei Haltungen leitende fachphilosophische Differenzen zeichneten sich bereits früh ab. Von 1972 bis 1992 verfasste der spätere Adorno-Preis-Träger Kluge mit dem Soziologen Oskar Negt, ein früher Assistent von Habermas, drei Schriften, die im Jahre 2001 als Der unterschätzte Mensch. Gemeinsame Philosophie in zwei Bänden gebündelt veröffentlicht wurden. Der neue Obertitel meint Anthropologie, die einer Tradition der Aufklärung verbunden bleibt. Bereits in Öffentlichkeit und Erfahrung (1972) hatten beide die Theorie der (bürgerlichen) Öffentlichkeit von Habermas kritisiert und sich selbst für (proletarische) ‚Gegenproduktionen‘ ausgesprochen (die später durch offene Kanäle im TV und Rundfunk staatlich gestützt wurden). In ihrem sehr auffälligen Montage-Buch Geschichte und Eigensinn (1981) entwickeln beide weiter vor allem mit einem frühen Marx eine weit angelegte Opposition zwischen der (Gewalt-)Geschichte und dazu in Spannung stehender körperlich-leiblicher Kräfte jedes:jeder Einzelnen. Ihr Eigensinn ist in dieser Logik das, was jede – die von Habermas erscheint ebenso anno 1981 – Theorie des kommunikativen Handelns stören muss. Zugespitzt gesagt stehen sich damit zwei Modelle der Öffentlichkeit gegenüber: Die, die dem transzendental-regelgeleiteten Diskurs und die, die der phantasiereichen Artikulation folgen soll bzw. zu folgen wünscht.
Im besten Fall (hiervon zeugt, 1992, Kluge und Negts Maßverhältnisse des Politischen) fallen gute Argumente und treffendes Unterscheidungsvermögen für Ausdruck in eins. Kluges Arbeit mit Negt ist ein langfristiges Bildungsprojekt für die Stärkung sensibler Kritik. Es betrifft nicht nur öffentliche Räume, auch Zeiten der Lernprozesse. Schon 1972, lange vor einer entfesselten informationellen Beschleunigung, heißt es zugunsten der freien Kräfte der Phantasie:
Die lebendige Arbeitskraft kann ohne Umwegsproduktion, ohne qualitative Verdichtung von lebensgeschichtlichen Entwicklungsstufen (Reife, »Zeit totschlagen«, freie Zeit, in der man sich verliert, Regression und Entspannung, Erinnerung, Passivität usw.) weder erzeugt noch erhalten werden.“[9]
Diesem Bildungsziel blieb Kluge nach seinem audiovisual turn treu, bis zur Beschäftigung mit sogenannter KI, was nicht zu einseitiger Technikkritik, eher zum Versuch führte, Chancen und Risiken des neuen Werkzeugs einer Öffentlichkeit zu würdigen und die Philosophie – ein hoher Anspruch – zu verjüngen. Bei einem der letzten Auftritte im Rahmen der Münchner Konferenz Digital, Life, Design sagte Kluge es noch Mitte Januar so, dass wir alle eine „Republik der Tiere in uns“ hätten, die nicht aufs Hirn zu reduzieren sei, vielmehr Ohr, Fingerspitzen, Atem u.v.m. mit umfasse. Deren Eigensinnigkeiten blieben für ihn Maßstab für sinnige Gleichgewichte aus Mensch und Digitaltechnik, deren hohe Funktionalität wir „so ernst nehmen [sollten], wie wir uns ernst nehmen.“ Kluge mahnte eindringlich die Pflicht der Philosophie an: „Die Grundfrage heißt: Auf was kann ich mich verlassen? […] Und ich verlasse mich z.B. nicht darauf, dass eine KI von deren Erfindern [im Silicon Valley] richtig verwaltet wird.“
…auf Lebendigkeit vertrauen…
Im Gegensatz dazu sollte der Mensch, sei es individuell, sei es kollektiv, auf seine im Vergleich zur Digitaltechnik so unwahrscheinlich alte, einer langsamen, kulturevolutionären Kontingenz entstammenden „Lebendigkeit“ vertrauen. Der nur kurz darauf am 25.03.2026 in München mit 94 Jahren verstorbene Alexander Kluge blieb folglich bis zuletzt dabei, dass es „Gleichgewichte zwischen Emotionalität und Sachlichkeit“ benötige, um einen – mit indirektem Kant-Bezug – Ausgang aus jener zu hermetischen ‚Dialektik der Aufklärung‘ zu finden. Darauf hoffen – siehe oben unseren Titel – Gefühle oder abermals in anderen Worten von Alexander Kluge: „Also für mich ist ja der Verstand überhaupt nur brauchbar, wenn er eine zugespitzte, eine intensive Form von Gefühl ist.“[10]
Dr. Florian Wobser (Universität Passau) forscht zu Bildung/Didaktik, Medien und Ökologie. Er promovierte über Alexander Kluges TV-Formate als Bildungsprojekt; aktuell gibt er mit Sonja Dierks und Sandra Fluhrer das Kluge-Jahrbuch zum Thema Komik heraus. 2021 schrieb er auf diesem Blog bereits über Kluges Fake-TV-Gespräche.
[1] Kluge, Alexander. Bestandsaufnahme: Utopie Film. Frankfurt/Main 1983, S. 540.
[2] Theweleit, Klaus. Artisten im Fernsehstudio, unbekümmert, in: DIE ZEIT 34/1995; online abrufbar: https://www.zeit.de/1995/34/Artisten_im_Fernsehstudio_unbekuemmert [04.04.2026].
[3] Negt, Oskar/Kluge, Alexander. Geschichte und Eigensinn. Frankfurt am Main 1981, S. 45.
[4] Zitiert nach: Siemons, Mark. Die Welt zerspringt in tausend Stücke. Wie Alexander Kluge das Fernsehen eroberte und sich dennoch von den modernen Zeiten überholen ließ, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung 11.06.1994.
[5] Auskunft im Verlauf eines Gesprächs im Herbst 2025.
[6] Kluge, Alexander. Der Autor als Dompteur oder Gärtner. Rede zum Heinrich-Böll-Preis 1993, in: Personen und Reden. Berlin 2012, S. 23-40, hier 38.
[7] Negt/Kluge 1981, 97.
[8] Wittlich, Angelika: Alle Gefühle glauben an einen glücklichen Ausgang (2001), ab 00:23:00; online abrufbar: https://www.dctp.tv/filme/alle-gefuehle-ausgang-french [04.04.2026].
[9] Negt, Oskar/Kluge, Alexander. Öffentlichkeit und Erfahrung. Frankfurt/Main 1972, S. 48.
[10] Wittlich 2001, 00:01:55.



