Planetarische Krise und Überbevölkerung — ein vernachlässigter Zusammenhang

Von Gerhard Schurz (Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf) –


In meiner Studienzeit in den 1970er Jahren haben wir, alarmiert von den Botschaften des Club of Rome über die drohende Wachstumskatastrophe, für den Ersatz des luftverpestenden Kfz-Verkehrs durch Bus und Bahn gekämpft. Heute zurückblickend erschrecke ich darüber, wie wirkungslos die Initiativen der damals ins Leben gerufenen Alternativbewegung letztlich waren. Wir hatten uns sehr angestrengt, aber konnten nicht verhindern, dass die Entwicklung im wesentlichen so weiter ging wie bisher. Unbestreitbar gab es auch einige Erfolge der grünen Politik, doch die Wucht des gigantischen Wachstums von Weltbevölkerung und Weltwirtschaft hat diese Erfolge plattgewalzt und heute sind wir mit einer vielfach schwereren Umweltkrise konfrontiert als damals in meiner Studienzeit. Allem voran der emissionslastige Kfz-Verkehr, der statt abzunehmen seit den 1970er Jahren auf das 6-8fache anwuchs (Yan et al. 2024).

Das aus meiner Sicht Bedrückendste an all dem ist, dass die in den 1970er Jahren erkannte Hauptursache der planetarischen Bedrohung, das weltweite Bevölkerungswachstum mit dem daran gekoppelten Wirtschaftswachstum, seit vielen Jahrzehnten aus der Umweltdebatte verschwunden zu sein scheint. In meinem neuen Buchmanuskript (Schurz 2026) setze ich mir zum Ziel, den verdrängten Zusammenhang von Umweltzerstörung und Überbevölkerung herauszuarbeiten. Mediale Verlautbarungen, auf diesem Planeten könnten zehn Milliarden oder mehr Menschen nachhaltig ernährt werden, beruhen auf Wunschdenken. Um aus ihrer selbstverursachten Umweltkatastrophe so glimpflich wie möglich davonzukommen, müsste die Weltbevölkerung ihr Wachstum umgehend stoppen und längerfristig auf drei bis vier Milliarden gesundschrumpfen.

Dass dem so ist, wird in Schurz (2026) auf der Grundlage wissenschaftlicher Studien gezeigt (Dasgupta et al. 2023). Auch die Berechnung des jährlich wachsenden weltweiten ökologischen Defizits durch das Global Footprint Network (data.footprintnetwork.org) führt zu diesem Ergebnis. Es gibt zwar auch wissenschaftliche Gegenentwürfe, wie die vielzitierte Studie des Potsdamer Klimafolgeninstitutes (Gerten et al. 2020), der zufolge sich nachhaltig 10 Mrd. Menschen ernähren ließen. Doch diese Studie beruht auf unrealistischen Annahmen, wie dass Halbwüsten durch Bewässerung in Ackerland zurückgewandelt werden könnten, obwohl sich das Grundwasser weltweit verknappt, oder dass große Waldstriche, statt der dringend nötigen CO2-Absorption zu dienen, in Ackerland umgewandelt werden sollten, abgesehen davon, dass dem Modell zufolge ein Drittel der Menschheit umgesiedelt werden müsste. Auch Gerten hat seine Studie ein Jahr später als unrealistisch eingestuft (Gerten & Kummu 2021).

Vertreter grün-linksorientierter Politik machen uns die Hoffnung, die Klimakrise sei kein Problem von Überbevölkerung, sondern könne durch eine Umstellung auf nachhaltige Energie gelöst werden, die noch bis Mitte dieses Jahrhunderts machbar sei. Projiziert man jedoch die jüngsten Ausbauraten von Solar- und Windenergie in die Zukunft, was angesichts der drohenden Rohstoffknappheit noch optimistisch ist, so ergibt als Umstellungsdauer für weltweit nachhaltige Energieerzeugung ein Zeitraum von 150 Jahren – für die USA sind es gar 175 Jahre, für Indien 284 Jahre und für das in Batterie- und Solarproduktion führende China noch 100 Jahre (Schurz 2026, Kap. 3.2.3).   

Mittlerweile prognostiziert der Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC 2023) bei gleichbleibender Emissionsrate eine weltweite Klimaerwärmung von knapp 3 Grad, was für Europa eine Erwärmung zwischen 6-8 Grad bedeutet (Dong & Sutton 2025). Wenn wir bis 2100 so wie bisher weitermachen, sind viele Weltregionen hitzebedingt nicht mehr bewohnbar und die heute schon zu hohen Migrationsströme werden sich vervielfachen. Hinzu kommt die anhaltende Bodenerosion, durch die jährlich etwa 0,6% des weltweiten Ackerlandes verloren gehen. Schreitet dieser Prozess voran, werden in etwa 100-150 Jahren nur mehr 40% des heutigen Ackerbodens verfügbar sein, der für die Ernährung der Weltbevölkerung dann nicht mehr ausreicht (Borelli et al. 2017; Schurz 2026, Kap. 3.1).  

Die globalen Umweltkrise kann nur wirksam aufgehalten werden, wenn es neben dem wirtschaftlichem Nachhaltigkeitsfortschritt auch gelingt, das weltweite Bevölkerungswachstum in ein Gesundschrumpfen umzukehren. In medialen Berichterstattungen wird das Bevölkerungsproblem meist mit dem Hinweis kleingeredet, dass die weltdurchschnittliche Geburtenrate gegenwärtig ohnedies bei nur mehr 2,25 Kindern pro Frau liegt, sodass gemäß den Prognosen der United Nations Population Division (UNPD) das Weltbevölkerungswachstum um 2080 bei 10 Mrd Menschen seinen Höhepunkt erreicht haben wird. Doch abgesehen davon, dass die Weltbevölkerung nicht nur aufhören zu wachsen, sondern gesundschrumpfen muss, verleitet der Weltdurchschnitt der Vermehrungsrate zu einem Trugschluss. Denn die Geburtenraten sind auf der Welt sehr ungleich verteilt. Aufgrund dieser ungleichen Verteilung vermehrt sich die Weltbevölkerung wesentlich stärker als gemäß ihrer Durchschnittsrate, weil ihr nachkommensstarker Bevölkerungsanteil stetig anwächst: bei der gegenwärtigen Fertilitätsverteilung würde die Weltbevölkerung bis zum Jahr 2100 auf 15 Mrd klettern, bei einem 60%-Anteil von Menschen aus Afrika (Schurz 2026, Kap. 2.1). Selbst gemäß den überoptimistischen Prognosen der UNPD, die auch für Afrika eine schnelle Fertilitätssenkung annehmen, wird die Bevölkerung Afrikas im Jahr 2100 45% der Weltbevölkerung ausmachen (UNPD 2019).

Anstatt dass die in den 1970ern aufkommende Einsicht in das Überbevölkerungsproblem um sich griff, wurde sie ab den 1990er Jahren weltweit aus der Politik verbannt. Die UNFPA (United Nations Fund for Population Activities) – das für Bevölkerungspolitik zuständige UNO-Organ – hatte sich ursprünglich zum Ziel gesetzt, übergroßes Bevölkerungswachstum zu verhindern. Auf der Weltbevölkerungskonferenz in Kairo 1994 kam es zu einer radikalen Umdefinition der politischen Zielsetzung die UNFPA.[1] Von nun an sollte diese nur mehr in der weltweiten Durchsetzung der reproduktiven Rechte und Gesundheit von Frauen bestehen, worunter neben medizinischer Versorgung die Selbstbestimmung der Frauen über die Zahl ihrer Kinder verstanden wurde. Damit wurde in der UNFPA eine breit zustimmungsfähige Kompromissposition erreicht, bei der die Befürwortern von Bevölkerungsregulation noch hoffen konnten, dass es durch die Stärkung der Frauenrechte zu einer Senkung der Geburtenziffern kommen würde, während die Ländern des globalen Südens sich keine Bevölkerungsprogramme vorschreiben lassen wollten, sondern je nach Einstellung weiterhin einen moderaten Bevölkerungszuwachs fördern konnten. Entwicklungshilfekredite wurden seit damals nicht mehr an bevölkerungspolitische Auflagen gebunden. Im Vorwort zum UNFPA-Weltbevölkerungsberichts von 2011 erklärte Exekutivdirektor Babatunde Osotimehin, dass die Frage “Sind wir zu viele?” von nun an nicht mehr gestellt werden sollte.   

Auch in den Medien wurde das Überbevölkerungsthema tabuisiert und in linksorientierten Berichten als rassistisch und AfD-nahe diskreditiert (z.B. Panny 2021). Wer Bevölkerungswachstum als Hauptursache der Umweltprobleme ansieht, so die Kritik, würde “die Schuld daran von den Reichen auf die Armen verschieben”  oder sogar “den Armen dieser Welt ihr Existenzrecht absprechen” (s. Schurz 2026, Kap. 4.3). Der Wahrheitsgehalt solcher Totschlagargumente ist gleich Null. Selbstredend ist es nicht das Anliegen bevölkerungsregulatorischer Programme, Armen ihr Existenzrecht abzusprechen, sondern im Gegenteil, ihrer Zukunft zu mehr Wohlstand zu verhelfen (Coole 2018).

Ohne die weltweite Ungerechtigkeit in der Verteilung des Reichtums zu leugnen muss realisiert werden, dass die westlichen Länder mittlerweile nicht mehr die Hauptverantwortung an der Klimakrise tragen: Aufgrund seines hohen Bevölkerungsanteils machte Asien im Jahr 2024 50% des weltweiten ökologischen Fußabdrucks aus, davon China allein 25%, Europa dagegen nur 16% und das nördliche Amerika 15%.[2] Afrikas Fußabdruck beträgt zwar erst 5%, doch bedenkt man, dass Afrikas Bevölkerung schnell wächst unddas gleiche Recht auf Wirtschaftswachstum wie wir einfordert, dann ist klar, dass es ohne bevölkerungsregulatorische Maßnahmen nicht gehen wird.  

Problemblindheit gibt es ebenso auch im politisch rechten Lager, doch während das Überbevölkerungsproblem dort eingeräumt und leider für rechtspopulistische Zwecke missbraucht wird, konzentriert sich die rechte Problemblindheit auf die Umweltfrage. Mit einer nicht zu überbietenden Fakten­ignoranz wird die Klimakrise von Rechtspopulisten geleugnet. Die Behauptung im AfD-Grundsatzprogramm, dass “CO2 kein Schadstoff, sondern ein unverzichtbarer Bestandteil allen Lebens” sei, ist ebenso sarkastisch wie wenn ein Passant einen Ertrinkenden, statt ihn zu retten, über die lebensspendende Wirkung des Wassers belehrt.[3]

Im Effekt herrscht sowohl auf Seiten der politischen Linken wie der Rechten eine monokausale Denkweise vor: hier wird das Bevölkerungsproblem und dort das Umweltproblem ignoriert. Eben diese monokausale Denkweise ist falsch. Nachhaltigkeit ist nur erreichbar ist, wenn beide Problemursachen beseitigt werden, in Form einer weltweiten Arbeitsteilung: die wirtschaftlich hochentwickelten Ländern des Westens müssen mit dem Umstieg auf nachhaltige Energie und Entwicklungskrediten vorangehen, in Entwicklungsländern in Afrika und Westasien ist der Stopp des Bevölkerungswachstums am vordringlichsten, und asiatischen Schwellenländern muss beides gleichzeitig erfolgen. 

Auch in der Philosophie war die Diskussion von Nachkommensbeschränkung unter dem Druck allseitiger Pauschalverurteilungen lange Zeit Tabu. Die Populationsethik fokussierte ihre Debatten auf praxisferne Fragen wie das Bevölkerungsparadox von Parfit (Arrhenius et al. 2022). Doch in jüngerer Zeit entzündete sich ein neuer populationsethischer Diskurs in philosophischen Debatten zur Klimagerechtigkeit. Er bezieht sich auf Studien, in denen ein proportionaler Zusammenhang von Bevölkerungswachstum und Klimabelastung nachgewiesen wurde.[4] Um die durch höhere Nachkommenschaft verursachten Lasten gerecht zu verteilen, sollten die Verursacher dieser Lasten entsprechend höhere Kosten tragen.

Für die Ethik der Nachkommenschaft, die in Schurz (2026, Kap. 5) entwickelt wird, ergibt sich die Konsequenz, dass das Menschenrecht auf freie Fortpflanzung eingeschränkt werden muss. Während sich im Zustand der Unterbevölkerung Nachkommenschaft positiv auf alle anderen Menschen auswirkt, beginnen im Zustand der Überbevölkerung negative Auswirkungen wie Klimaerwärmung und versiegende Ressourcen zu dominieren. In diesem Zustand gibt es zwar immer noch ein Recht auf Nachkommenschaft, aber nicht mehr in beliebiger Höhe (Conly 2016).

Dies war auch die Grundidee der 1980 in China eingeführten Einkindpolitik, aber mit dem Unterschied, dass damals in China auf Zwangsmaßnahmen zurückgegriffen wurde, die von gegenwärtigen Populationsethikern scharf zurückgewiesen werden. Bevölkerungsregulatorische Maßnahmen müssen in freiwilligen finanziellen Anreiz­systemen bestehen, die Kinderlose und Einkindfamilien durch spürbare Steuererleichterungen oder andere finanzielle Boni belohnen und kinderreiche Familien durch finanzielle Erschwernisse zurückdrängen. Solche Anreizsysteme sind an den Überbevölkerungszustand der entsprechenden Region zu koppeln und bei unter das Gleichgewichtsniveau gesenkten Geburtenraten aufzuheben bzw. in geburtenfördernde Anreizsysteme umzuwandeln.

Der Beitrag der wirtschaftlich reichen Länder des Westens zum bevölkerungspolitischen Programm muss darin bestehen, die Entwicklungshilfeetats einerseits beträchtlich zu erhöhen und andererseits streng an bevölkerungssenkende Maßnahmen der Entwicklungsländer zu binden. Mit dieser Politik könnte ein mindestens ebenso wirksamer Beitrag zur Abmilderung der Klimakrise geleistet werden wie mit den fortschrittlichsten Reformen für nachhaltige Energie.  

Letztendlich brauchen wir die friedliche Bevölkerungsabnahme allein deshalb, um zu vermeiden, dass diese Arbeit später durch Massensterben aufgrund von Hungersnöten, Kriegen und Seuchen übernommen wird. Hätte man den Übergang zum weltweiten Bevölkerungsgleichgewicht schon in den 1970er Jahren geschafft, als die Einsicht erstmals aufkam, so gäbe es heute keine Klimakrise. Doch der dazu nötige politische Wille, der regional vorhanden war, wurde weltweit zurückgedrängt. Dieser politische Wille müsste wieder hergestellt werden, um dem weltweiten ökologische Desaster wirksam entgegenzusteuern.


Gerhard Schurz, Professor für Philosophie an der Heinrich Heine Universität Düsseldorf bis 2022, danach Seniorprofessor. Mitglied der Leopoldina (Deu­t­sche Nationale Wissenschaftsakademie) und der AIPS (International Academy for Philosophy of Science). Publikationen: 280 Aufsätze und 11 Bücher. Mehr Information unter www.philosophie.hhu.de/schurz


Literatur

Andersson, H. et al. (2024): “Review Article: The Ethics of Population Policies”, Critical Review of International Social and Political Philosophy 27(4), 635-658.

Arrhenius, G. at al. (2022, Hg.), The Oxford Handbook of Population Ethics, OUP.

Borrelli, P. et al. (2017): “An Assessment of the Global Impact of 21st Century Land Use Change on Soil Erosion”, Nature Communications 8(1), 1-13.

Cafaro, P. (2021): “Climate Ethics and Population Policy: A Review of Recent Philosophical Work”, WIREs Climate Change e748 (pp. 1-17).

Conly, S. (2016): One Child: Do We Have a Right to More? Oxford Univ. Press.

Coole, D. (2018): Should We Control World Population?, John Wiley & Sons.

Dasgupta, P. et al. (2023): “Population, Ecological Footprint and the Sustainable Development Goals”, Environmental and Resource Economics 84, 659–675. 

Dong, B. & Sutton, R. T. (2025): “Drivers and Mechanisms Contributing to Excess War­ming in Europe”, Climate and Atmospheric Science 8, 41.

Gerten, D. et al. (2020): “Feeding Ten Billion People is Possible Within Four Terrestrial Planetary Boundaries”, Nature Sustainability 3(3), 200-208.

Gerten, D. & Kummu, M. (2021): “Feeding the World in a Narrowing Safe Operating Space”, One Earth 4, 1193-1196.

IPCC (2023): Climate Change 2023: Synthesis Report, Intergovernmental Panel on Climate Change.

Panny, S. (2021): “Klimakrise: Bevölkerungswachstum und Überbevölkerung sind nicht das Problem”, Moment.at.

Schurz, G. (2026): Planetarische Krise und Überbevölkerung: Der verdrängte Zusammenhang, Buchmanuskript. Siehe: www.philosophie.hhu.de/schurz/Publikationen (“Aktuelle Manuskripte”)

UNPD (2019): World Population Prospects 2019: Highlights. UN, Dpmt. of Economic and Social Affairs, Population Division.

Yan, L. et al. (2024): “Modeling Fuel-, Vehicle-type-, and Age-specific CO2 Emissions from Global On-road Vehicles in 1970–2020”, Earth System Science Data 16(10), 4497–4509.


Fußnoten:

[1]    de.wikipedia.org/wiki/Reproduktive_Gesundheit_und_Reproduktive_Rechte.

[2]    Siehe data.footprintnetwork.org sowie Schurz (2026, Kap. 2.2.2).

[3]    www.klimafakten.de/sites/default/files/downloads/faktencheckafd-grundsatzprogramm.pdf.  

[4]    Siehe die Übersichtsartikel Cafaro (2021) und Andersson et al. (2024).