Ein persönlicher Nachruf auf Tom L. Beauchamp (1939-2025)

Von Norbert Paulo (München)


Am 19. Februar 2025 verstarb Tom Lamar Beauchamp III. im Alter von 85 Jahren. Ich möchte diesen traurigen Anlass nutzen, ihn zu würdigen und ein paar persönliche Erinnerungen an ihn zu teilen.

Tom Beauchamp[1] ist weithin bekannt für das Buch Principles of Biomedical Ethics, das er gemeinsam mit James Childress verfasst und wieder und wieder überarbeitet hat. Es ist sicher das bekannteste Buch im Bereich der Bioethik und eines der wichtigsten zur angewandten Ethik insgesamt. Die erste Auflage erschien 1979, die achte und letzte im Jahr 2019. Über die Jahrzehnte hat das Buch die bioethische Debatte so stark geprägt, dass sie bis heute weitgehend in den Begrifflichkeiten geführt wird, die das Buch entwickelt. Immerhin war es eine der Kernideen der Autoren, ein kleines Set gleichrangiger ethischer Prinzipien vorzuschlagen (Respekt für Autonomie, Nicht-Schaden, Fürsorge und Gerechtigkeit), mit denen jedes bioethische Problem beschrieben und diskutiert werden kann. Die beiden haben mit dem Buch aber nicht nur die Debatte geprägt, sondern sich auch fortlaufend mit ihr (und mit Kritik an ihrer Prinzipienethik) auseinandergesetzt. Wie intensiv diese Auseinandersetzung war, lässt sich anhand von Zahlen veranschaulichen: So ist bspw. die für das erste Prinzip wichtige Analyse des Autonomiebegriffs von sechs Seiten im Jahr 1979 auf ca. 20 Seiten im Jahr 2019 angewachsen; in der ersten Auflage benötigte das Autonomiekapitel nur 37 Fußnoten; in der neuesten Auflage sind es ca. 100. In der im Jahr 2024 im Nomos-Verlag veröffentlichten deutschen Übersetzung – Prinzipien der Bioethik – hat das Buch gar einen Umfang von über 700 Seiten.

Wie man einem ausführlichen Video-Interview mit Tom Beauchamp entnehmen kann, entsprang sein Interesse an Ethik den Ungerechtigkeiten, die er im segregierten Texas seiner Kindheit und Jugend beobachten konnte, und wurde maßgeblich durch die Bürgerrechtsbewegung und im Austausch mit Vertretern der örtlichen Religionsgemeinschaften (v.a. der Methodisten) geprägt. Insofern verwundert es nicht, dass er zunächst an der Southern Methodist University und später an der Yale University Religionswissenschaft studierte, wobei er viele Philosophiekurse belegte. Promoviert wurde er in Philosophie an der Johns Hopkins University und arbeitete seit 1970 am Philosophie-Department der jesuitischen Georgetown University in Washington DC. Sein Schwerpunkt war die Philosophie des 18. Jahrhunderts, insbesondere David Hume. Dieses Interesse bestand fort. Später war Tom Beauchamp Mitherausgeber der Clarendon Hume Edition Series, einer kritischen Werkausgabe, bei Oxford University Press. Angesichts seines religiösen Interesses mag dieser Fokus auf Hume zunächst verwundern; aus meiner Sicht verdeutlicht er aber lediglich die intellektuelle und persönliche Offenheit, die Tom Beauchamp auszeichnete.

Er begann seine akademische Laufbahn genau zu der Zeit, als sich die Bioethik entwickelte. 1969 wurde das Institute for Society, Ethics, and the Life Sciences (heute das Hastings Center) gegründet. 1971 folgte das Joseph and Rose Kennedy Center for the Study of Human Reproduction and Bioethics (heute das Kennedy Institute of Ethics), dem er sich 1974 als Senior Scholar anschloss und bis zum Ruhestand im Jahr 2016 treu blieb.[2] Aus heutiger Sicht ist es schwer vorstellbar, wie es um die Ethik Anfang der 1970er Jahre bestellt war. Ihre normativen Teile spielten allenfalls eine kleine Nebenrolle. Dies sollte sich – auch dank der Arbeiten von John Rawls – nach und nach ändern. Als Tom Beauchamp begann, sich für konkrete moralische Fragen zu interessieren, musste er quasi bei Null beginnen. Er berichtete verschiedentlich, dass er während seines Studiums keinen einzigen Kurs in dem Bereich besucht hat, den wir heute angewandte Ethik nennen, weil diese Themen damals an den Universitäten nicht behandelt wurden. Er bot schließlich den allerersten derartigen Kurs an der Georgetown University an. Für den ersten seiner vielen Kurse zur Bioethik suchte er nach geeigneter Literatur und fand gerade einmal neun (!!!) Aufsätze. Kurz: Die Bioethik und die angewandte Ethik insgesamt mussten erst noch entwickelt werden – und dazu trug Tom Beauchamp maßgeblich bei, natürlich mit Principles of Biomedical Ethics, aber etwa auch mit The History and Theory of Informed Consent (1986), das er mit zusammen seiner Frau Ruth Faden und mit Hilfe der Juristin Nancy King und der deutschen Bioethikerin Bettina Schöne-Seifert geschrieben hat.

Ein ausführlicher Nachruf des Kennedy Institute of Ethics berichtet von der Entstehung von Principles of Biomedical Ethics: 1974 wurde Tom Beauchamp von Stephen Toulmin eingeladen, für die National Commission for the Protection of Human Subjects of Biomedical and Behavioral Research zu arbeiten. Für diese Kommission, die als die erste Bioethik-Kommission überhaupt gilt, arbeitete auch Jim Childress. Die beiden sollten kurze Zeit später Kollegen am Kennedy Institute werden und gemeinsam im damals neuen (und bis heute bestehenden) Intensive Bioethics Course normative Ethik unterrichten. Ihren jeweiligen Schwerpunkten und Überzeugungen entsprechend übernahm Jim Childress die Deontologie und Tom Beauchamp den Konsequentialismus. Die Grundidee von Principles of Biomedical Ethics war, diese Einheiten des Intensive Bioethics Course in Buchform zu gießen. Beide schrieben also einige Jahre parallel das Buch, unterrichteten im Intensive Bioethics Course und arbeiteten für die National Commission. Tom Beauchamp hat schließlich maßgeblich denBelmont Reportvon 1978 – das Ergebnis der Arbeit der National Commission – verfasst. Wie Principles of Biomedical Ethics schlägt auch derBelmont Reportein kleines Set von ethischen Prinzipien vor, allerdings nur drei und statt dem Autonomieprinzip eines des Respekts vor Personen. Wie Tom Beauchamp nicht müde wurde zu betonen, bedeuten diese Unterschiede nicht, dass er zwischen dem Bericht und dem Buch seine Meinung geändert hätte. Es sei ihm schlicht nicht gelungen, die Kommissionsmitglieder davon zu überzeugen, dass die vier im Buch vertretenen Prinzipien besser sind.

Zu sagen, dass das Buch in der angewandten Ethik sehr bekannt ist, ist eine Untertreibung. In diesem Bereich ist es ein absoluter Klassiker. In der normativen Ethik, in der man angewandte Fragen mitunter nicht sehr ernst nimmt, sieht es schon ganz anders aus. Als junger Doktorand hatte ich das Gefühl, dass einer der innovativen Aspekte des Buchs in seiner Methodik liegt, nämlich darin, wie es angewandte und normative Ethik verbindet. Nachdem ich mehr als zwei Jahre zu dieser Frage gearbeitet hatte, war ich der Meinung, dass die methodische Grundidee zwar gut war, aber auch ganz erhebliche Schwächen aufwies. Nun wollte ich meine Ideen mit denen diskutieren, deren Texte ich so intensiv gelesen hatte. Auf Vermittlung von Thomas Schramme ging ich an die Georgetown University in Washington DC, um dort mit Tom Beauchamp, Bob Veatch, Henry Richardson und anderen zu sprechen, die die Debatte geprägt haben und in Georgtown unterrichteten. Zwar hatte ich glücklicherweise ein Promotionsstipendium. Dennoch musste ich mein Motorrad verkaufen, um den mehrmonatigen Aufenthalt in Washington DC finanzieren zu können. Es hat sich gelohnt.

Im August 2012, kurz nach meiner Ankunft an der pittoresken Georgetown University und am Kennedy Institute of Ethics, wurde ich Tom Beauchamp vorgestellt. Er bat mich in sein schönes, aber ziemlich kleines Büro und brauchte keine Minute – typisch amerikanisch, werden viele sagen –, das Du anzubieten und ein gleichermaßen wohlwollendes wie kritisches philosophisches Gespräch zu beginnen, das die nächsten Monate andauern sollte. In allergrößter Freundlichkeit und Zugewandtheit hat er mir in unseren ersten Treffen deutlich gemacht, dass einige meiner Ideen völliger Unsinn sind. Und er tat das auf so überzeugende Art, dass ich ihm – erst noch zögerlich, später immer bereitwilliger – weitgehend recht geben musste. Meine Doktorarbeit musste ich jedenfalls fast komplett neu schreiben. Kritik an der Prinzipienethik findet sich darin noch immer (und zwar hier), aber durch meinen Austausch mit Tom (und später auch mit Jim Childress) ist sie nun anderen Art und vor allem von allergrößter Wertschätzung geprägt.

Tom war unglaublich generös mit seiner Zeit. Wir haben uns über Monate hinweg alle paar Tage getroffen. Und jedes Mal hatte ich den Eindruck, dass er seit unserem letzten Gespräch weiter nachgedacht hat, dass es ihm also wirklich wichtig ist. Er hat mir immer das Gefühl vermittelt, dass wir ein gemeinsames Ziel verfolgen, nämlich ungeachtet unserer jeweiligen Positionen zu einer Frage die bestmögliche Lösung in der Sache zu finden. Auch nach Beendigung meines Aufenthalts an der Georgtown University hat er mich auf meinem weiteren akademischen Weg mit Rat und Tat begleitet.

Danke, Tom.


Norbert Paulo ist Mitgründer von praefaktisch, Heisenberg-Fellow an der LMU München und Co-Leiter eines Forschungsprojekts an der Universität der Bundeswehr in München.


[1] Da ich auf etlichen Tagungen gehört habe, wie der Name französisch ausgesprochen wurde, sei darauf hingewiesen, dass „Beau“ wie bee [Biene] und „champ“ wie in champion ausgesprochen wird.

[2] Es dauerte einige Zeit, bis solche Institute auch in Europa gegründet wurden. In Deutschland wurden beispielsweise erst 1986 das Zentrum für medizinische Ethik und die Akademie für Ethik in der Medizin gegründet, gefolgt vom Internationalen Zentrum für Ethik in den Wissenschaften im Jahr 1990.