Wenn die Liebe zum Hund Leid verursacht: Haustiere im Spannungsfeld menschlicher Projektionen

von David Jost (Salzburg)


Die zunehmende Vermenschlichung von Haustieren – insbesondere von Hunden – ist ein weit verbreitetes gesellschaftliches Phänomen. Haustiere werden häufig als vollwertige Familienmitglieder behandelt, denen menschliche Eigenschaften, Bedürfnisse und Rollen zugeschrieben werden. Dieses Mensch-Tier-Verhältnis wird beispielsweise in der ORF-Sendung Am Schauplatz in der Folge Ein Hundeleben (05.03.2026) thematisiert. Hier werden verschiedene Menschen mit ihren Hunden portraitiert. So wird etwa eine Frau gezeigt, die ihren als Listenhund klassifizierten American Staffordshire Terrier Tyson als eine Art Bruder ihrer Tochter bezeichnet und ihn dementsprechend als vollwertiges Familienmitglied anerkennt. In einer anderen Szene sitzt ein Hund auf einem Schlauchboot im Swimmingpool – selbstverständlich mit Sonnenschirm.[1] Die Darstellungen können als symptomatisch für eine breite gesellschaftliche Entwicklung gesehen werden, nämlich eine zunehmende Vermenschlichung von Haustieren im Allgemeinen und Hunden im Speziellen. Im Alltag zeigt sich dies etwa daran, dass Hunde in Kinderwägen transportiert werden, mit Schutzbrillen aus Fahrradkörben blicken oder in menschliche soziale Praktiken wie gemeinsames Essen eingebunden werden. Auf den ersten Blick wirkt dieses Verhalten fürsorglich und oft auch niedlich. Es erinnert stark an den Umgang mit Kindern. Bei näherer Betrachtung treten jedoch ethische Fragen auf: Entspricht diese Vermenschlichung tatsächlich dem Wohl des Tieres? Handelt es sich um menschliche Projektionen, die potenziell zu einer Überforderung oder einem leidvollen Leben für das Tier führen können?

Unsere Haustiere leiden

In der öffentlichen Wahrnehmung verbindet man Tierleid insbesondere mit der Haltung von Tieren für unseren Bedarf an tierischen Produkten. Insbesondere die Haltung von Hühnern, Rindern und Schweinen in engen Ställen sowie deren systematische Ausbeutung sind Gegenstand gesellschaftlicher Kritik. Im Zusammenhang mit Haustieren rückt Leid in der öffentlichen Debatte vor allem im Kontext der sogenannten Qualzucht in den Fokus. Seit einigen Jahren erfährt dieses Thema mediale Aufmerksamkeit. Dabei wird vor allem auf betroffene Hunde- und Katzenrassen sowie auf die gesundheitlichen Folgen entsprechender Zuchtpraktiken hingewiesen. Hunden werden beispielsweise ein runder Kopf, große Augen und eine kleine Schnauze angezüchtet. Dadurch weisen sie ein kindliches Aussehen auf und fallen in das Kindchenschema, das im Menschen ein fürsorgendes Verhalten auslöst.[2] Eine Hunderasse, die von diesem Problem betroffen ist, ist der Mops. Durch die verkürzte Schnauze und den kompakten Körperbau sind diese Hunde von schwerwiegenden gesundheitlichen Problemen betroffen – beispielsweise chronischer Atemnot, Augenerkrankungen und Wirbelsäulendefekten. Eine weitere Hunderasse, die vor allem durch Social Media an Popularität gewonnen hat und mittlerweile häufig auf der Straße anzutreffen ist, ist der Zwergspitz. Sein stark verniedlichtes Aussehen, das durch einen kleinen Schädel und große Augen bedingt ist, kann zu chronischen Kopfschmerzen führen.[3]

Wie der Tierpathologe Achim Gruber in dem Buch Das Kuscheltierdrama. Ein Tierpathologe über das stille Leiden der Haustiere (2019) zeigt, beschränkt sich das Leiden von Haustieren nicht nur auf zuchtbedingte Probleme. Vielmehr fügen wir ihnen auch durch unseren Umgang im Alltag Leid zu. Eine der zentralen Thesen des vorliegenden Beitrags lautet deshalb, dass die Zuschreibung menschlicher Bedürfnisse und Verhaltensweisen – also eine Form der Anthropomorphisierung – eine bislang unterschätzte Quelle tierischen Leids darstellen kann.

Wenn Hunde wie Menschen behandelt werden

Sowohl im Alltag als auch im wissenschaftlichen Bereich erweist es sich als ausgesprochen schwierig, auf Spekulationen über die intentionalen Zustände von Tieren zu verzichten. Dieses Problem gründet in einer erkenntnistheoretischen Asymmetrie: Unmittelbar zugänglich ist uns ausschließlich unsere eigene Intentionalität, während wir das Innenleben anderer Wesen – selbst das anderer Menschen – nur indirekt erschließen können. Begründeterweise ist es lediglich plausibel, sich in andere Menschen hineinzuversetzen. Dennoch ist es in der Alltagspraxis weit verbreitet, das eigene psychologische Vokabular auf Tiere zu übertragen und ihr Verhalten im Sinne menschlicher Absichten, Emotionen und Bedürfnisse zu deuten. Dabei gilt die Faustregel: je menschenähnlicher ein Tier wirkt, desto schwerer fällt es uns, auf den Anthropomorphismus zu verzichten.[4]

Grundsätzlich ist ein anthropomorpher Zugang zu Tieren nicht per se problematisch, sofern er reflektiert ist und darauf abzielt, tierliches Verhalten besser zu verstehen. So kann der Anthropomorphismus als methodisches Instrument dienen, um den Geist und das Erleben von Tieren zu erforschen.[5] Letztlich bleiben auch wissenschaftliche Aussagen über tierliches Erleben auf menschliche Interpretationskategorien angewiesen. Problematisch wird die Anthropomorphisierung daher nicht durch jede Projektion, sondern dort, wo menschliche Bedürfnisse unhinterfragt an die Stelle tierlicher Bedürfnisse treten. Bleibt die kritische Reflexion aus, ist der Anthropomorphismus schlichtweg naiv. Er erscheint, wie der Tierphilosoph Markus Wild schreibt, „[…] als Ausdruck eines Anthropozentrismus, d.h. der Unfähigkeit, von einer vermenschlichten Perspektive zu abstrahieren (70).“

Beobachtet man im Alltag den Umgang vieler Menschen mit ihren Hunden, scheinen Formen des naiven Anthropomorphismus hier in besonders starker Form aufzutreten. Dies zeigt sich in einer Vielzahl scheinbar beiläufiger Praktiken: Hunde werden in einer an kindlichen Interaktion angelehnten Weise angesprochen, erhalten Geburtstagstorten, werden mit für Menschen bestimmte Nahrung versorgt oder es wird implizit vorausgesetzt, dass sie komplexe sprachliche Äußerungen verstehen. In solchen Handlungsmustern scheinen Hunde weniger als Tiere mit artspezifischen Bedürfnissen wahrgenommen zu werden, sondern eher als Menschen. Wie Spiegel Panorama (2019) berichtet, werden Haustiere zunehmend als Kinderersatz wahrgenommen. Dies zeigt sich mittlerweile auch verstärkt an der Namensgebung: Namen wie Emma und Max sind hoch im Kurs. In der Folge wird in alltäglichen Situationen – etwa beim Rufen im Park – zunehmend unklar, ob sich die Ansprache an ein Kind oder ein Tier richtet.[6]

Indem Hunden menschliche Eigenschaften zugeschrieben und Erwartungen an sie herangetragen werden, die ursprünglich im zwischenmenschlichen Kontext verankert sind, werden sie zu „Pseudomenschen“ stilisiert. Diese Form des naiven Anthropomorphismus bleibt jedoch nicht folgenlos, sondern kann mit erheblichen Belastungen für die Tiere einhergehen.

Ein zentrales Problem besteht in der Gefahr missverstandener Kommunikation. Hunde verfügen weder über die menschliche Sprache noch über kognitiven Strukturen, die menschlicher Kommunikation zugrunde liegen. Ihre Interaktion erfolgt primär über Körpersprache, Geruch und klare Signale. Werden (implizit) menschliche Kommunikationsformen vorausgesetzt, kann dies zu Frustration auf Seiten des Hundes führen. Darüber hinaus kann die Vermenschlichung dazu beitragen, dass die artspezifischen Bedürfnisse des Hundes vernachlässigt werden. Hunde brauchen Bewegung und erfahren die Welt schnüffelnd. Werden sie stattdessen getragen oder in Kinderwägen transportiert, bleibt ein zentraler Bestandteil ihres Verhaltensrepertoires unberücksichtigt. Ähnliche Probleme zeigen sich im Bereich der Ernährung: Die Übertragung menschlicher Essegewohnheiten auf Hunde ignoriert grundlegende Unterschiede in den ernährungsphysiologischen Anforderungen und kann gesundheitliche Folgen wie Übergewicht, Gelenkprobleme sowie sogenannte Zivilisationskrankheiten nach sich ziehen. Auch auf emotionaler Ebene führt ein naiver Anthropomorphismus zu Überforderung. Wenn Hunde als Ersatz für menschliche Beziehungen – etwa als beste Freunde und Kinder- oder Partnerersatz – fungieren, werden Erwartungen an sie gestellt, die ihre kognitiven und emotionalen Kapazitäten übersteigen. Zwar sind Hunde sensibel für menschliche Stimmungen, jedoch nicht in der Lage, diese einzuordnen oder zu verarbeiten. Dies führt zu einer Überforderung.

Wie die Beispiele verdeutlichen, führt der unreflektierte, naive Anthropomorphismus und die bloße Projektion menschlicher Vorstellungen dazu, dass die Hunde in mehrere Hinsichten einem großen Leid ausgesetzt sind. Um dem entgegenzuwirken, ist ein differenziertes Verständnis der tatsächlichen Bedürfnisse und Fähigkeiten tierlicher Gefährten erforderlich. So ist es zwar wichtig, Haustiere als Subjekte eines Lebens zu begreifen und ihnen folglich Intentionalität zuzuschreiben. Dabei müssen jedoch ihre tatsächlichen Bedürfnisse im Vordergrund stehen.

Haustiere als Subjekte eines artspezifischen Lebens

Im Jahr 1983 veröffentlichte Tom Reagen sein Buch The Case of Animal Rights und legte darin ein Konzept vor, das im tierrechtlichen Diskurs bis heute eine zentrale Rolle spielt. Er argumentiert, dass Tiere – insbesondere solche mit einem Nervensystem – einen inhärenten Wert besitzen, ihnen bestimmte Rechte zukommen und sie deshalb in die moralische Gemeinschaft einbezogen werden müssen. Dies begründet er damit, dass sie Subjekte eines Lebens (engl. Subjects-of-a-life) sind. Ausgangspunkt seiner Überlegungen bildet die Frage nach der Begründung der Menschenrechte. So weist Reagen die Auffassung zurück, dass sich diese allein aus dem Menschsein ableiten lassen. Ebenso problematisiert er Ansätze, die Rechte an bestimmte Fähigkeiten wie etwas Autonomie knüpfen, da nicht alle Menschen über diese verfügen. Stattdessen schlägt er vor, Rechte darauf zu begründen, dass Individuen Subjekte eines Lebens sind: Sie haben ein Innenleben und nehmen die Welt auf eine bestimmte Weise wahr. Vor dem Hintergrund vergleichbarer physiologischer Eigenschaften und Verhaltensweisen argumentiert er, dass auch (bestimmte) Tiere als Subjekte eines Lebens gelten und demnach „[…] ein emotionales Leben mit Gefühlen der Freude und des Leids [haben].“[7] Aus diesem Grund lehnt er beispielsweise die Zoo- und Massentierhaltung ab. Zur Haltung von Haustieren äußert er sich nicht.

Im Folgenden ist es nicht das Ziel, Reagens rechtliche Forderungen in den Blick zu nehmen. Vielmehr soll gezeigt werden, wie man von diesem Konzept ausgehend einen respektvolleren Blick auf Haustiere im Speziellen und Tiere im Allgemeinen entwickeln kann: Insbesondere im Umgang mit Hunden und anderen Haustieren lässt sich beobachten, dass Tieren – mitunter unreflektiert – ein eigenes Selbst- und Welterleben zugestanden wird. Gleichzeitig führt die verbreitete Vermenschlichung jedoch dazu, dass ihre spezifischen Bedürfnisse und Verhaltensweisen aus dem Blick geraten. Anstatt sie als Subjekt eines haustierspezifischen Lebens zu begreifen, werden sie eher als Subjekte eines menschlichen Lebens wahrgenommen und folglich menschliche Bedürfnisse auf sie projiziert. Gerade dieser Umstand führt dazu, dass wir unseren Haustieren unbeabsichtigt Leid zufügen. So ist etwa kaum anzunehmen, dass ein Hund das Bedürfnis danach hat, auf einer Luftmatratze in einem Swimmingpool platziert zu werden, aus dem er ohne Hilfe nicht mehr herauskommt.

Vor diesem Hintergrund erscheint es wichtig, ein stärkeres Bewusstsein dafür zu entwickeln, dass Haustiere keine verkleinerten Menschen sind. Vielmehr sind sie Subjekte eines jeweils artspezifischen Lebens – eines hündischen, katzischen, mäusischen usw. – und besitzen daher Bedürfnisse, die ihrer jeweiligen Art entsprechen. Artspezifische Bedürfnisse sind dabei nicht als starre biologische Essenzen zu verstehen, sondern als typische Verhaltens- und Wahrnehmungsformen, die sich aus Evolution, Domestikation sowie individueller Prägung ergeben. Dabei gilt es auch konkrete Merkmale – etwa rassetypische Eigenschaften – zu berücksichtigen. Ein solcher Perspektivenwechsel würde nicht nur das Leid vieler Haustiere verringern, sondern darüber hinaus zu einem insgesamt reflektierteren und respektvolleren Umgang mit Tieren beitragen. So kann die enge emotionale Beziehung zu einem Haustier dazu beitragen, dass auch andere Tiere als Subjekte eines artspezifischen Lebens wahrgenommen und entsprechend behandelt werden.


David Jost arbeitete als wissenschaftlicher Mitarbeiter an den Universitäten Salzburg und Bonn. Seine Forschungsschwerpunkte umfassen philosophische, ethische und anthropologische Fragestellungen rund um Roboter und Künstliche Intelligenz. Kürzlich erschien seine Dissertation “Menschenwürde und Pflegeroboter” in der Buchreihe Techno:Phil bei J.B. Metzler-



[1] Siehe hierzu: Am Schauplatz 2026: Ein Hundsleben, https://on.orf.at/video/14313711/am-schauplatz-ein-hundsleben (Zugriff: 01.07.2026).

[2] Siehe hierzu Gruber, Armin 2019: Das Kuscheltierdrama. Ein Tierpathologe über das stille Leiden der Haustiere, München. 225–231.

[3] Siehe zum Thema Qualzucht ausführlich SWR Doku (2025): Leiden auf vier Pfoten – Züchten wir unsere Haustiere kaputt?, https://www.youtube.com/watch?v=45Jd_TmEZtw (Zugriff: 01.07.2026); Strg_F (2019): Qualzucht: Wie Mops und Co. Leiden, um süß zu sein, https://www.youtube.com/watch?v=ucmnnk50VU4 (Zugriff: 01.07.2026); Gruber, Armin 2023: Geschundene Gefährten. Über Irrwege in der Rassenzucht und unserer Verantwortung für Hund und Katze, München.

[4] Vgl. Wild, Markus 2019: Tierphilosophie eine Einführung, 69–72.

[5] Siehe hierzu Schmitz, Friederike 2017: Tierethik, 25f.; Wild, Markus 2019: Tierphilosophie zur Einführung, 69–72.

[6] Siehe hierzu Spiegel Panorama 2019: Minka ist out, Emma ganz vorn, https://www.spiegel.de/panorama/tiernamen-aehneln-menschennamen-luna-bella-und-emma-buddy-und-charly-a-1250669.html (Zugriff: 01.07.2026).

[7] Grimm, Herwig/Wild, Markus 2016: Tierethik zur Einführung, 93f.