Die amerikanische Unabhängigkeitserklärung vom 4. Juli 1776, wiedergelesen. Zum 250. Jahrestag der Declaration of Independence

von Manfred Brocker (Eichstätt-Ingolstadt)

Am 4. Juli 1776 nahm der Zweite Kontinentalkongress in Philadelphia die Unabhängigkeitserklärung der dreizehn vereinigten nordamerikanischen Kolonien an. Mit ihrer Abfassung war ein fünfköpfiger Ausschuss betraut, doch die eigentliche Feder führte Thomas Jefferson, der den Entwurf binnen weniger Wochen niederschrieb; Benjamin Franklin und John Adams steuerten nur kleinere Korrekturen bei, der Kongress strich und schärfte nach. Jefferson schöpfte unverkennbar aus dem Denken John Lockes, dessen Zweite Abhandlung über die Regierung (1689) die Lehre von den natürlichen Rechten der Menschen, vom Gesellschaftsvertrag und vom Widerstandsrecht bereitgestellt hatte. 

Der Text ist von bemerkenswerter Kürze – kaum mehr als dreizehnhundert Wörter – und zerfällt in zwei ungleiche Teile: eine philosophische Präambel, die wenige, aber wirkmächtige Grundsätze formuliert, und eine lange Anklageschrift, die dem britischen König Georg III. eine Reihe von Rechtsbrüchen vorhält. Aus der wiederholten Verletzung der kolonialen Freiheiten leitet die Erklärung das Recht der Kolonisten ab, die politischen Bande zum Mutterland zu lösen und sich als eigenständige Staaten zu konstituieren. Die Folge war nach einem langen und erbittert geführten Unabhängigkeitskrieg (1775-1783) eben diese Loslösung – historisch betrachtet ein früher Fall von „Dekolonisierung“, verstanden als Vorgang, in dem sich eine Siedlungskolonie von der imperialen Metropole emanzipierte.

Inhaltlich verdichtet sich die Erklärung in den berühmten Sätzen der Präambel: Es gelte als „selbstevident“, dass alle Menschen gleich geschaffen und mit unveräußerlichen Rechten ausgestattet seien, darunter „Life, Liberty and the Pursuit of Happiness“ („Leben, Freyheit und das Bestreben nach Glückseligkeit“, wie der deutschsprachige Pennsylvanische Staatsbote aus Philadelphia diesen Passus wenige Tag später übersetzte). Diese Trias variiert Lockes klassische Formel von „life, liberty and estate“, in der das Eigentum („estate“) den dritten Grundpfeiler bildete. An seine Stelle setzt Jefferson das Streben nach Glück. Die Verschiebung ist mehr als rhetorisch: Wo Locke das politische Gemeinwesen letztlich zum Schutz des Eigentums errichtet sah – eine Pointe, die für den Paradigmenwechsel der neuzeitlichen Eigentumstheorie insgesamt kennzeichnend ist (Brocker 1992) –, formuliert Jefferson ein umfassenderes, teils republikanisch, teils eudämonistisch grundiertes Ideal. Für die weitere Ideengeschichte der Vereinigten Staaten wurde diese Formel außerordentlich folgenreich: Sie inspirierte sowohl den individualistischen „American Dream“ (sein Leben nach eigenen Vorstellungen zu gestalten und sein „Glück zu suchen“), als auch das republikanische Verständnis bürgerlicher Selbstregierung.

Bemerkenswert ist der religiöse Grundton der Unabhängigkeitserklärung. Viermal ruft der Text eine göttliche Instanz an: die „Gesetze der Natur und des Gottes der Natur“, den „Schöpfer“, den „höchsten Richter der Welt“ und schließlich die „göttliche Vorsehung“. Die Vorstellung, dass die göttliche Vorsehung auf dem Vorhaben der Unabhängigkeit ruhte, prägte tief das Selbstverständnis der Amerikanerinnen und Amerikaner als Bürger einer freien Republik. Die Berufung auf einen Schöpfer verlieh den proklamierten Rechten eine der menschlichen Verfügung entzogene Geltung. Der von John Locke geprägte „appeal to heaven“ – die Anrufung des Himmels dort, wo kein irdischer Richter mehr zwischen Herrscher und Volk entscheiden kann – klingt in der Wendung vom „höchsten Richter der Welt“ nach, ohne wörtlich übernommen zu werden.

Gleichzeitig vermeidet Jefferson aber sorgfältig eindeutig konfessionelle Festlegungen: der angerufene Gott erscheint eher als Garant universeller Moral denn als Gegenstand kirchlicher Dogmatik. Er ist der Gott der amerikanischen „Zivilreligion“, die hier entsteht (Bellah 1967), nicht der einer bestimmten christlichen Denomination.

Warum gelang den amerikanischen Kolonisten, was den Franzosen wenig später nicht gelang? Beide Revolutionen, die amerikanische wie die französische von 1789, beriefen sich auf Naturrecht und Volkssouveränität, doch ihre Ausgangslagen unterschieden sich grundlegend. In Nordamerika fehlten ein feudaler Adel und eine verelendete Masse; man kämpfte nicht gegen Teile der eigenen Gesellschaft, sondern gegen eine als fremd empfundene Herrschaft aus London. Die amerikanischen Kolonisten verfügten zudem über eine eingespielte Tradition der Selbstverwaltung, verbrieften Freiheiten und politischen Partizipation. Die amerikanische Revolution war daher in erster Linie eine Gründung durch erfahrene Politiker – die Errichtung dauerhafter freiheitlicher Institutionen im Rahmen einer bundesstaatlichen Ordnung wurde bald das Ziel. Die Französische Revolution hingegen wurde nicht nur von politischen Laien betrieben, sondern wollte neben der Verfassung auch die gesamte bestehende Sozialordnung umwälzen, nur um am Ende selbst von der „sozialen Frage“, der Not der Vielen, überwältigt zu werden. Der Versuch, eine vollkommen neue politische und soziale Ordnung zu schaffen, führte dort zur Radikalisierung. Wo die Amerikaner eine stabile Republik schufen, geriet Frankreich in den Strudel von Terror, Diktatur und Restauration. 

Die Wirkung des von Jefferson entworfenen Texts blieb nicht auf Amerika beschränkt. David Armitage hat gezeigt, dass die Unabhängigkeitserklärung zur Gründungsurkunde eines ganzen Genres wurde: Mehr als einhundert Erklärungen sind ihr seit 1776 in adaptiv-zustimmender oder kritisch-ablehnender Weise nachgefolgt (Armitage 2007). In Lateinamerika berief sich die venezolanische Unabhängigkeitserklärung von 1811 auf das nordamerikanische Vorbild; zuvor hatte bereits Haiti 1804 seine Loslösung von Frankreich proklamiert. Am eindrücklichsten griff Hồ Chí Minh 1945 auf Jefferson zurück, als er seine Proklamation der Demokratischen Republik Vietnam mit dem wörtlichen Zitat eröffnete, alle Menschen seien gleich geschaffen, und den Satz sogleich von den Individuen auf die Völker übertrug. 

Dass im 20. Jahrhundert ausgerechnet ein kommunistischer Revolutionär das Dokument zur antikolonialen Waffe machte, zeigt dessen bemerkenswerte Wandlungsfähigkeit. Dabei wurde nun in der Regel nicht mehr auf die Locke’sche Sprache individueller Rechte zurückgegriffen; vielmehr trat die Rede vom gleichen Recht der Völker, sich als gleichberechtigte Staaten zu konstituieren, in den Vordergrund.

Die philosophisch wohl einflussreichste Würdigung der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung stammt von Hannah Arendt. In On Revolution (1963) interpretiert sie die amerikanische Gründung als gelungenen Ausdruck jenes „Anfangen-Könnens“, das sie als Signatur menschlichen Handelns begreift: Kraft ihrer Gebürtlichkeit sind Menschen fähig, etwas radikal Neues in die Welt zu setzen. Den Amerikanern sei dies gelungen, weil sie sich nicht auf die Befreiung von der britischen Herrschaft beschränkten, sondern einen dauerhaften Raum politischer Freiheit schufen – eine „constitutio libertatis“. Die Revolution erscheint damit als Gründungsakt, in dem Menschen die Erfahrung machen, ihre gemeinsamen Angelegenheiten selbst gestalten zu können. Besondere Aufmerksamkeit widmet Arendt dem „pursuit of happiness“: Das hier gemeinte Glück sei nicht bloß privates Wohlergehen, sondern „public happiness“ – die Freude der Bürger an der Mitwirkung an den öffentlichen Angelegenheiten und an der gemeinsam ausgeübten Freiheit. Dass dieser Schatz des revolutionären Geistes später wieder verlorenging, gehört zu den melancholischen Leitmotiven ihres Buches.

So lohnend der Blick nach vorn ist, so aufschlussreich ist der Blick zurück auf die Herkunft der Ideen, die in der amerikanischen Revolution wirkmächtig wurden. Zwar gilt John Locke (1632-1704) zu Recht als wichtigster philosophischer Gewährsmann Thomas Jeffersons (1743-1826), doch reichen die Wurzeln der berühmten Formel, dass „alle Menschen gleich geschaffen“ seien, noch weiter zurück. Von Locke lässt sich eine Linie ziehen bis zu den radikalen (religiösen) Bewegungen des 17. Jahrhunderts in England (Brocker 1995). Teresa Bejan (Oxford) hat jüngst daran erinnert, dass bereits die Levellers, Diggers, Quäker und andere eine religiös geprägte Gleichheitsvorstellung vertraten, die sich aus christlicher Theologie und Anthropologie speiste. Sie bestritten, dass Geburt oder Stand politische Vorrechte begründen. Bejan unterscheidet in diesem Zusammenhang sorgfältig zwischen „equality“ als Ausdruck der Geschöpflichkeit des Menschen und der von den Radikalen geforderten „parity“, also dem Anspruch auf gleichen politischen Status gegenüber den Eliten (Bejan 2026).

Die frühneuzeitlichen Dissenter bereiteten den demokratischen Bestrebungen der amerikanischen Gründerväter den Boden. Die Linie, die sich so von den Putney-Debatten (der Levellers) über John Locke bis nach Philadelphia zieht, macht deutlich, dass Jeffersons Sätze nicht aus dem Nichts kamen, sondern ein theologisch-politisches Erbe verdichteten (Brocker 1995).

Zweihundertfünfzig Jahre nach ihrer Verabschiedung lässt sich die Unabhängigkeitserklärung als ein doppelt verflochtenes Dokument verstehen: rückgebunden an die Freiheits- und Gleichheitsforderungen des konfessionellen Zeitalters und zugleich vorausweisend auf die Herausbildung eines weltweiten Genres politischer Selbstkonstituierung.


Manfred Brocker ist Professor Emeritus an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. Er hat vielfach zu den Grundlagen und der Entwicklung des amerikanischen politischen Denkens gearbeitet. Er ist zudem Herausgeber der beim Suhrkamp Verlag erschienenen und maßgeblichen Handbücher zur Geschichte des politischen Denkens.
Dieser Beitrag erscheint parallel beim Theorieblog.



Literatur:

Arendt, Hannah: Über die Revolution. München 1965 (engl. On Revolution, 1963).

Armitage, David: The Declaration of Independence. A Global History. Cambridge, Mass. 2007.

Bejan, Teresa M.: First Among Equals: Visions of Equality before Egalitarianism, Cambridge, Mass. 2026.

Bellah, Robert N.: Civil Religion in America, in: Dædalus 96/1, 1967, S. 1-21.

Brocker, Manfred: Arbeit und Eigentum. Der Paradigmenwechsel in der neuzeitlichen Eigentumstheorie, Darmstadt 1992.

Brocker, Manfred: Die Grundlegung des liberalen Verfassungsstaates. Von den Levellern zu John Locke. Freiburg/München 1995.

Eine Erklärung durch die Repräsentanten der Vereinigten Staaten von America, im General-Congreß versammlet, in: Henrich Millers Pennsylvanischer Staatsbote, Philadelphia, 9. Juli 1776.