“Sprachferne Formen geistiger Versenkung” — Eine Replik auf Eilenberger

Von Markus Schrenk (Düsseldorf)

Pünktlich zur Veröffentlichung seines neuen Buchs Die Gegenwart der Philosophie recycelt Wolfram Eilenberger in der ZEIT[i] — seinen acht Jahre alten Angriff[ii] auf die vermeintlich epigonale und kraftlose analytische Philosophie. Damals erschien zeitgleich sein Buch Zeit der Zauberer. Thomas Grundmann[iii], Geert Keil[iv] und Wolfgang Spohn[v] haben seine Behauptungen bereits 2018 in FAZ, Tagesspiegel und ZEIT widerlegt. Eine detaillierte Replik erübrigt sich daher weitgehend. Einiges verdient dennoch expliziten Widerspruch.


Verleumdung statt Argument

Diesmal plädiert Eilenberger für „einen Neustart der Philosophie in dunklen Zeiten“. Da scheint es ihm angezeigt, die akademische Philosophie zu kritisieren, damit die Notwendigkeit (s)eines Neustarts umso leuchtender hervortritt.

Eilenberger schreibt in Kriegsrhetorik, „straff organisierte Berufsverbände” führten „Schlachten um Lehrstühle” und ließen in Kommissionen „denkbar selbstbewusst verlauten”, die analytische Philosophie habe auf jedem Gebiet klar die Führung übernommen. Nun gilt in Berufungskommissionen Schweigepflicht und Eilenberger hat wahrscheinlich auch an keiner teilgenommen. Woher nimmt er also seine Behauptungen? Die Deutsche Gesellschaft für Philosophie (DGPhil) mit über 3000 Mitgliedern und die Gesellschaft für analytische Philosophie (GAP) mit circa 1300 Mitgliedern arbeiten seit Jahren kollegial zusammen, koordinieren einvernehmlich ihre Nominierungen für das Fachkollegium der Deutschen Forschungsgemeinschaft und betreiben viele gemeinsame Projekte, darunter erfolgreich öffentlichkeitswirksame.

Seine Unterstellung, man führe Schlachten und gebe mit Siegen an, grenzt daher an Verleumdung — ebenso wie die Behauptung, die Philosophie in Deutschland sei „fast vollständig analytisch besetzt”. Professuren müsste man zählen, wenn man da überhaupt sauber differenzieren kann: Viele halten analytisches Philosophieren schlicht für eine gute Methode neben anderen — Phänomenologie, Kritische Theorie, Existentialismus, etc. — und würden sich keiner Richtung verbissen zuordnen.

Projektion statt Analyse

Spezialisierung, Publikationsdruck, Peer-Review-Problematik, Karrierismus — Eilenberger adressiert die Missstände des gesamten modernen Wissenschaftsbetriebs als Anklageschrift gegen eine einzige Schule. Das ist intellektuell unredlich. Geert Keil formulierte es 2018 präzise: Diese Trends „betreffen den Wissenschaftsbetrieb insgesamt.” Daran hat sich nichts geändert. Die analytische Philosophie dafür zum Sündenbock zu machen, ist absurd, zumal gerade diese sich darum bemüht, Publikationspraktiken[vi] zu kritisieren und sich gemeinsam mit der DGPhil um die prekären Verhältnisse unseres Nachwuchs[vii] kümmert.

Dasselbe gilt für Eilenbergers Klage über das Fehlen eines „geteilten Fundaments” und über die bis heute ausgebliebene Klärung sämtlicher traditioneller Fragestellungen: Keine Schule kann ein solches vollständig geteiltes Fundament oder endgültige Antworten vorweisen. Die Phänomenologen streiten unter sich, die Vertreter der Kritischen Theorie auch. Verehrte Kolleginnen und Kollegen aus der „nicht-analytischen” Philosophie — Sie sind insgeheim mitgemeint, auch wenn Eilenberger Sie schont, weil er noch kluge Gesprächspartnerinnen und -partner für Podiumsdiskussionen und Fernsehformate braucht.

Im Speziellen schreibt Eilenberger, in der analytischen Philosophie konkurrierten „beispielsweise allein im Bereich der Kausalitätstheorie derzeit mindestens sieben interne Schulabzweigungen durchaus unversöhnlich miteinander.” In ihren Kernaussagen sind diese Theorien tatsächlich inkompatibel — und dennoch argumentieren ihre Vertreterinnen und Vertreter fair, sachlich und nach anerkannten Verifikations- und Falsifikationskriterien mit- wie gegeneinander. Eben in dieser gemeinsamen Akzeptanz der Regeln des Argumentierens liegt das geteilte analytische Fundament.

Unwissenheit statt Recherche

Eilenberger beklagt die öffentliche Abwesenheit der akademischen Philosophie: “in ihrem Klärungsdrang” nehme sie “von großflächigeren Gesellschaftsanalysen Abstand”. Er benennt nicht die von GAP und DGPhil gemeinsam betriebene Plattform PhilPublica[viii] mit Links zu unzähligen oft frei zugänglichen Medienbeiträgen von u.a. analytischen Philosophinnen und Philosophen; er verschweigt damit ein analytisches Philosophieprojekt[ix], das mit dem Communicator-Preis ausgezeichnet wurde; den YouTube-Kanal der GAP mit didaktisch aufbereiteten Erklärvideos; die Sonderbände zu Flucht und Migration, zur Coronakrise, die sie publiziert; Nachwuchspreise für Essays zu Themen wie Nachhaltigkeit, KI, Klima, Vegetarismus; frei zugänglich gestreamte Ringvorlesungen zu Tierethik, Antisemitismus, Rassismus, Sexismus. — Er suggeriert, Einblick in Kommissionen zu haben — aber von öffentlichen Projekten will er nichts wissen.

Ähnlich schief ist der Vorwurf, die analytische Philosophie nehme „von großflächigeren Gesellschaftsanalysen Abstand” — um dann, wenige Absätze später, abfällig zu bemerken, man klinke sich mit „begriffslogischem Apparat” in Debatten zu „Gender” und „Race” ein und erziele dabei Ergebnisse, „die bisher niemandem unentbehrlich erscheinen dürften”. Man kann nicht beides gleichzeitig monieren. Oder doch: wenn man Ressentiment mit Argument verwechselt.

Verächtlich

Apropos Öffentlichkeit, ein Kant-Experte lehnte es ab, sich vor Publikum spontan zur Lage im Gazastreifen im Lichte von Kants Verständnis der Menschenwürde zu äußern. Eilenberger verspottet das als Symptom akademischer Weltfremdheit. In Wahrheit ist es intellektuelle Redlichkeit. Schnelles, publikumswirksames Gerede zu einem komplexen politischen Konflikt und so zu tun, als stünde die Lösung direkt bei Kant — das wäre das eigentliche Versagen. Darüberhinaus greift er den akademischen Nachwuchs an, dieser starre einen auf Nachfragen leer an oder antworte, man habe über diese Frage noch nicht näher nachgedacht. Dieses Pauschalisieren auf Kosten junger Philosophinnen und Philosophen ist verächtlich.

Begriffsverwirrung statt Kritik

Eilenberger spottet über die „Jargondichte” analytischer Fachaufsätze — als wäre das ein Widerspruch zum erklärten Ziel sprachlicher Klarheit. Er verwechselt Jargondichte mit Unklarheit. Präzise Fachsprache ist nicht Geschwurbel — sonst wären Mathematik und Physik die verschwurbeltsten Wissenschaften überhaupt. Nebenbei: Kant und dessen Kritiken dürften ihn nach Eilenbergers falschem Maß als degenerierten Analytiker entlarven, insbesondere alles, was er gegen Humes Kausaltheorie (siehe oben) vorbringt.

Der Gegenentwurf

Eilenberger schwärmt am Ende von einer Philosophie mit „idiosynkratischer Stimme”, mit Raum für Meditation und „außerwestliche Weisheits- und Klärungstraditionen”. Letzteres ist längst Realität — in der analytischen Philosophie. Es gibt seit Jahren Forscherinnen und Forscher, die griechische, indische, chinesische und japanische Metaphysik und Ethik vergleichend untersuchen, die Philosophiegeschichte „without gaps” erzählen, die Meditationspraxis mit analytischen Theorien personaler Identität verbinden, die Fragen nach Sinn, Tod und gelingendem Leben stellen. Nur eben wissenschaftlich, nicht feuilletonistisch-idiosynkratisch. Das scheint Eilenberger zu stören.

2018 versprach er „mögliche Auswege aus dem vorherrschenden Zustand der lustlosen Totalstagnation” — und nannte keinen einzigen. Heute plädiert er für einen „Neustart der Philosophie in dunklen Zeiten” und liefert wieder vor allem Ressentiment: das eines Mannes, der sich von der akademischen Philosophie nicht ernst genommen fühlt und sie offenbar auch nicht wirklich versteht. Die analytische Philosophie wird nicht über jedes Stöckchen springen, das er in die Luft hält, wenn er wieder ein Buch auf den Markt bringt. Vielleicht haben wir aber auch künftig das Glück, dass er sich auf jene „sprachfernen Formen geistiger Versenkung” beschränkt, für die er wirbt.


Markus Schrenk ist Professor für Metaphysik und Sprachphilosophie an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Von 2023-25 war er zusammen mit Elke Brendel (Bonn) Präsident der Gesellschaft für analytische Philosophie.


[i] https://www.zeit.de/2026/12/zeitgenoessische-philosophie-universitaet-gegenwart-wolfram-eilenberger

[ii] https://www.zeit.de/2018/10/philosophie-deutschland-universitaeten-wissenschaft-konformismus

[iii] https://www.tagesspiegel.de/wissen/die-philosophie-lebt-und-sucht-diszipliniert-nach-der-wahrheit-5281816.html

[iv] https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/geisteswissenschaften/wolfram-eilenberger-klagt-ueber-niedergang-der-deutschen-philosophie-15479595.html

[v] https://www.zeit.de/2018/12/deutsche-philosophie-zustand-kritik

[vi] https://www.gap-im-netz.de/images/gap/24_positionspapier_moessner_erlach.pdf

[vii] https://www.gap-im-netz.de/images/gap/Nachhaltige Nachwuchsfoerderung.pdf

[viii] www.philpublica.de

[ix] www.denXte.de