Tankrabatt: Falsch fühlen in der Öl- und Klimakrise
Von Sebastian Rosenbaum (Europa-Universität Flensburg) –
Wie empört man sich angemessen? Wann ist Gleichgültigkeit falsch? Die philosophischen Konzepte des Berliner Philosophen Jan Slaby helfen, ein neues Bewusstsein zum Fühlen zu schulen: Unsere Wirtschaftsform, politische Manöver und zuletzt auch wir selbst bestimmen über die Weisen des Fühlens im Alltag.
Wenn die Tankstellen in diesen Zeiten als verlässlich pulsierendes Herz der fossilen Lebensweise für ein Gefühl stehen, dann ist es Wut. Die aktuellen Benzinpreise empören. Der aktuell für den Mai und Juni gültige Tankrabatt auch. Entweder wegen fossiler Abhängigkeit dank schleichender Klimapolitik, in CO₂-Steuern manifestierte Bevormundung durch Klimasteuern oder gesellschaftlicher Finanzierung der Besitzer von Autos oder Mineralölkonzernen. Gibt es noch jemanden, der schulterzuckend kühl bleibt? Diese Person müsste sich wohl aus Lagern aller politischen Couleur anhören, wie man angesichts der aktuellen Lage denn nur so gleichgültig bleiben kann.
Personen tragen moralische Verantwortung für ihr Fühlen und dafür, zu lernen, angemessen zu fühlen. Trotzdem stimmt auch: Gefühle sind nicht nur Sache einer Einzelperson, sondern sind bedingt durch das gesellschaftliche Kräftespiel um Weisen des angemessenen Fühlens. Worauf sollen sich Affekte beziehen und mit welcher Stärke? Welche Affekte und wessen Affekte zählen, welche nicht? Soziale und konventionelle Medien, Parteien und viele andere Akteure ringen tagtäglich darum. Sie wollen mitbestimmen, welchen Weisen des Fühlens Raum gegeben wird, und welche verhindert werden sollen. Sündenbocksuche oder oberflächliche Anteilnahme inklusive. Damit man selbst zeigen kann, dass man auf der richtigen Seite steht. Doch was heißt angemessenes Fühlen im Alltag?
Weisen des defizitären Fühlens
Der Professor für Philosophie des Geistes und der Emotionen an der FU Berlin, Jan Slaby, hat in seinen philosophischen Analysen zu den Affekten analysiert, dass ein Blick auf angemessenes Fühlen in der Klimakrise Not tut. Er nähert sich der Bestimmung der moralischen Angemessenheit ex negativo an, wenn er analysiert, wie Fühlen misslingen kann. Es kann ein Zuwenig des Fühlens geben: weniger intensiv, weniger tief, weniger anhaltend in Bezug auf Anlässe, die eigentlich mehr oder andere Formen der emotionalen Anteilnahme erfordern.
Gleichzeitig ist auch ein Zuviel des Fühlens defizitär: Das Empfinden von positiven Gefühlen im Alltag des Globalen Nordens nimmt viel Raum ein. Die Moderne bietet viele Möglichkeiten, die Affekte auszuleben. Nicht nur nach Benzin riechende Unabhängigkeit oder diesel-durchdrungene Männlichkeit kann an der Tanke gleich mitgekauft werden. Eine Tankfüllung bedeutet immer noch, jederzeit unabhängig von staatlichen Beförderungsbedingungen zu sein und erschwinglich ans Meer fahren zu können. Der Anspruch auf das fossil betriebene Lebensgefühl ist tief in der Kultur verankert. Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, wie viele Geburtstags-, Hochzeits- und Anteilnahmekarten mit Autosymbolik im Umlauf sind? Mit netten Auspuffwölkchen. Doch selbst wenn sich das Streben nach einem affektreichen Leben CO₂-neutral ausleben ließe, kann die Art und Fülle des Affekt-Entertainments zum Problem werden. Affekte nehmen so viel Raum im Alltag ein, dass kaum noch Platz für transformative Emotionen wie Empörung ist. Wer empfindet im alltäglichen Tanken ernsthaft noch Mitgefühl für die Menschen anderswo, an denen der fossil betriebene Lebensstil hier den Alltag dort für immer verändert? Der affektive Horizont ist bereits besetzt durch all die anderen Gefühle.
Falsch Fühlen: Nicht nur Schuld des Einzelnen
Slaby betont dabei, dass dies keineswegs als Alleinschuld von zu apathisch oder hedonistisch eingestellten Individuen zu verstehen ist. Es gibt Mechanismen und Strukturen, die die defizitären Weisen des Fühlens bedingen und erhalten. Anknüpfend an den Philosophen Baruch de Spinoza (1632–1677) versteht Slaby Gefühle nicht als bloß individuelles Empfinden, sondern als Macht-gefüge. Individuen werden durch Macht- und Wirkverhältnisse von Kräften und Gegenkräften in ihren Weisen des Fühlens geprägt. Dem kapitalistischen Druck zur Gewinnmaximierung entsprach bislang die Verbrennung fossiler Brennstoffe als Gegenreaktion. Darauf hat sich nicht nur die Lebensweise des Globalen Nordens eingerichtet – sondern auch die alltäglichen Weisen, zu fühlen! Gleichgültigkeit gegenüber den Folgen anderswo mag von niemandem direkt gewollt sein. Es kommt diesem Gefühl jedoch mindestens gelegen, dass Lieferketten nicht transparent sind und die wirklich schlimmen Klimakatastrophen nicht im eigenen Alltag präsent sind. Und auf politischer Ebene ist es leichter, den Anschein von einfachen und greifbaren Lösungen zu erwecken, die den Alltag erhalten. So wie er gekannt und geschätzt wird.
Ersatzgefühle: Kompensations- und Surrogatgefühle
Zum Glück wird die eingerichtete Gleichgültigkeit immer wieder durch Realität herausgefordert. Die reale Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen geht nur so lange unbesehen gut, bis sie auf den Tanksäulen und der Energieabrechnung in den Alltag durchschlägt. Diese Ereignisse fordern dann doch mit unausweichlicher Vehemenz emotionale Bezugnahme ein. Eine Chance für Wandel! Doch gerade an solchen Ereignissen zeigt sich, wie die fossile Gleichgültigkeit gegen Widerstände gesichert wird. Die affektive Energie an den Schlangen der Tankstellen kann nicht einfach aufgelöst werden, aber sie kann in Form von sogenannten Ersatzgefühlen umgelenkt werden. Laut Slaby ersetzen Ersatzgefühle eigentlich angemessene Emotionen. Sie unterscheiden sich von angemessenen Gefühlen in Hinsicht auf die Bezugsobjekte und die Stärke des Fühlens.
Kompensationsgefühle sind die eine Spielart der Ersatzgefühle: Die Art und Stärke der Emotion sind zwar angemessen, allerdings bezieht sie sich auf das falsche Objekt. Es wird sich an die Adresse der Politik über die hohen Steuern auf die Benzinpreise empört. Nicht empört wird sich über politische Maßnahmen, die fossile Abhängigkeit vergrößert haben und immer noch vergrößern, oder über die im Alltag immer noch fehlenden Alternativen eines fossil betriebenen Individualverkehrs.
Bei der zweiten Spielart der Ersatzgefühle, den sogenannten Surrogatgefühlen, ist zwar das Objekt der Emotionen angemessen, allerdings die Stärke nicht. Surrogatgefühle bleiben oberflächlich und das transformative Potenzial ernsthafter Emotionen verpufft ungenutzt. Ein Klimaschutzplan, der den Anforderungen gerecht wird – wenn auch mit veralteten Daten aus dem Projektionsbericht des Umweltbundesamtes und optimistischen Einschätzungen der Beschleunigung der Energie- und Verkehrswende –, erleichtert es, bloß oberflächliche Empörung gegenüber schleichender Klimapolitik zu empfinden. Bei der Veröffentlichung am 25.03.2026 durch die deutsche Bundesregierung sind die letzten politischen Richtungsänderungen in Sachen Klimaschutz nicht berücksichtigt. Als ob das neue Gebäude-Modernisierungsgesetz, die Neufassung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes und das geplante Netzpaket nicht längst Realität geworden wären. Das mag rechtlich erlaubt sein. Doch nur mit Gschmäckle. Solche politischen Manöver laden Surrogatgefühle ein. Warum wieder auf die Straße kleben? Immerhin macht die Regierung ja schon was!
Doppelte Reflexion als Gegenstrategie zum falschen Fühlen
Tröstlich ist, dass das Individuum diesen Mechanismen nicht schutzlos ausgeliefert ist. Das Bewusstsein für Mechanismen und Strukturen der Weisen des Fühlens macht sensibel für emotionale Manöver seitens Kapitalismus, Politik und all der anderen Akteure der Affektbeeinflussung. Es ist doppelte Reflexion notwendig: Inwiefern ist das eigene Gefühl der Situation angemessen? Und inwiefern wird es von Manövern oder Vorgängen beeinflusst? Slaby öffnet den Raum, Weisen des Fühlens als bedeutenden Faktor anzuerkennen, der die Klimakrise transformieren, aber auch stabilisieren kann. Denn insbesondere reaktive Emotionen wie Empörung beinhalten transformatives Potenzial. Weisen des Fühlens können auf eine Veränderung drängen, aber auch zur vehementen Verteidigung gegen Bedrohung des fossilen Status quo führen. Es liegt an uns, sensibel für unlautere affektive Manöver zu sein.
Sebastian Rosenbaum ist Promotionsstipendiat des Landes Schleswig-Holstein und promoviert an der Europa-Universität Flensburg zu den Themen strukturelle Gleichgültigkeit in der Klimakrise und Normativität von reaktiven Emotionen im Alltag. Als Honorardozent lehrt er am Zentrum für ethische Fragen des 21. Jahrhunderts (zef21) zu den Themen moderne Tierethik und Grundlagen des moralischen Urteilens. Er studierte Biotechnologie in Esslingen am Neckar und Philosophie in Wien.
Zef21: https://www.zef21.de/
Der Essay ist aus dem Philpublica-Workshop „Der philosophische Kurz-Essay in der Zeitung“ im März 2026 an der Universität Wien und der Central European University in Wien entstanden.
Literatur
Slaby, J. (2025). Habits of affluence: Unfeeling, enactivism and the ecological crisis of capitalism. Mind & Society, 24(1), 165–186. https://doi.org/10.1007/s11299-024-00309-6
Slaby, J. (2025). „Surrogatgefühle. Politische Dynamiken des Ungefühlten in der Gegenwart“. In Welten | Räume, herausgegeben von Werner Friedrichs. Nomos Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, 51–80. https://doi.org/10.5771/9783748938552-51
Baruch de, Spinoza. Ethik in geometrischer Ordnung dargestellt. Herausgegeben von Wolfgang Bartuschat und Carl Gebhardt. Philosophische Bibliothek 92. Meiner, 1999 [1662 bis 1675]


