Die Aporie des Altruismus und das Rätsel des Erlebens: Warum Empathie ohne ein Verständnis von Bewusstsein nicht vollständig erklärt werden kann

Von Inka Benzing –


Wer sich mit Empathie beschäftigt, fragt sich schnell, ob der Mensch zu selbstlosem
Handeln fähig ist. Der psychologische Egoismus antwortet klassischerweise mit Nein:
Denn wer hilft, hilft immer auch sich selbst – egal, ob er aus schlechtem Gewissen
heraus, für Anerkennung oder für das gute Gefühl handelt. Unplausibel ist die These
nicht, jedoch ist sie genauso unfalsifizierbar: Die These ist unbrauchbar, sobald hinter
jeder noch so selbstlosen Handlung ein verborgenes Interesse vermutet werden kann.
Vielleicht müssen wir umdenken, um der Lösung des Rätsels näherzukommen.
Vielleicht sollte man nicht danach fragen, welchen Nutzen eine Handlung für den
Handelnden mit sich bringt, sondern nach der Voraussetzung, dass uns das Leiden
anderer trifft. Ist Empathie „nur“ das Ergebnis unserer Erziehung oder ein Relikt der
Evolution – oder steckt mehr dahinter und sie verweist auf eine grundsätzlichere
Eigenschaft unseres Bewusstseins?
Meine These: Empathie ist nicht identisch mit korrekter Zuschreibung fremder mentaler
Zustände. Ohne dass ich mich ausschlaggebend betroffen fühle, kann ich zutreffend
erkennen, dass jemand Schmerzen erleidet – das können nämlich auch
Diagnosesysteme oder ausreichend komplexe Maschinen leisten. In der Psychologie
nennt man diese Fähigkeit einer anderen Person ein Innenleben zuzuschreiben, ohne
selbst etwas von diesem Innenleben empfinden zu können, „Theory of Mind“. Ich weiß,
wie es ist, eine Innenperspektive zu haben, weswegen ich dem fremden Zustand eine
Innenperspektive zuordne und ihn nicht nur korrekt repräsentiere. Das unterscheidet
Empathie davon grundlegend.

Erziehung und Projektion sind zu kurzgreifend

Sozialisierung erklärt ohne Zweifel einen Teil des Phänomens: Eine der ersten Sachen,
die wir im Umgang mit anderen Menschen lernen, ist, dass wir auf sie Rücksicht
nehmen und kein fremdes Leid verursachen sollten. Jedoch trifft das nicht den Kern des
Rätsels. Sehen wir, wie jemand verletzt wird, kommen der Schreck, das Mitleid und der
Impuls zu helfen unmittelbar, nicht erst nach Abwägung sozialer Normen. Erziehung
mag dazu geprägt haben, wie wir mit dieser Reaktion umgehen; dass wir überhaupt
berührt werden, erklärt sie nicht.
Die naheliegendste Gegenthese ist Projektion: Beim Anblick des Leidenden übertragen
wir lediglich unsere eigenen Schmerzerfahrungen auf ihn. Das trifft einen Teil des
Rätsels, es erklärt dennoch nicht, warum das daraus resultierende Handeln auch auf
die andere Person gerichtet ist. Wegsehen wäre eine deutlich effizientere Lösung, ginge
es mir nur darum, mein Unbehagen zu beenden. Doch Menschen wenden sich dem
Leidenden zu, oft unter erheblichen eigenen Kosten. Während das noch keinen reinen
Altruismus nachweist, zeigt es die Grenze der egoistischen Erklärung: Sie muss
begründen, warum unser Handeln nicht auf der Beseitigung des eigenen Zustands
beruht, sondern dass es auf das Wohl eines fremden Subjekts abzielen.
Dieses Argument ist kein rein philosophisches Gedankenexperiment, denn in der
Sozialpsychologie wurde genau dieser Punkt jahrzehntelang experimentell geprüft:
Versuchspersonen mit hoher empathischer Beteiligung halfen trotzdem, selbst wenn sie
problemlos wegsehen oder die Situation verlassen konnten – ein Ergebnis, das die
egoistische Erklärung, wonach Hilfeverhalten nur dazu dient, unseren eigenen
unangenehmen Erregungszustand zu beseitigen, so nicht vorhersagt (Batson 2011).


Was die Evolutionsbiologie nicht erklärt
Die Entstehung des kooperativen Verhaltens ist aus evolutionärer Sicht wenig
überraschend. Unter welchen Bedingungen ein scheinbar selbstloses Verhalten
evolutionär stabil sein kann, zeigen die Verwandtenselektion und der reziproke
Altruismus. Jedoch geben diese Modelle nur auf eine andere Frage eine Antwort: Sie
erklären die Durchsetzung des funktionalen Mechanismus und nicht, warum er von
funktionalem Erleben begleitet wird.
Man kann sich theoretisch einen Organismus vorstellen, der sich so verhält, als ob er
Mitgefühl empfände, ohne dieses selbst zu empfinden. Ein hochintelligenter Roboter
könnte auf fremdes Leiden reagieren und helfen, sodass von außen kaum ein
Unterschied zu echtem Mitgefühl zu erkennen ist. Wie es für ihn wäre, dieses Verhalten
auszuführen, bliebe dennoch offen. Genau an diesem Punkt trennt sich die funktionale
von der phänomenologischen Frage.


Das harte Problem
Somit stehen wir vor dem Hard Problem of Consciousness (Chalmers 1995): Warum
diese Prozesse von Erleben begleitet werden, beantwortet selbst eine vollständige
funktionale und neurowissenschaftliche Beschreibung nicht. Zwischen einer
physischen Prozessbeschreibung und der Beschreibung, wie sich eine Erfahrung
anfühlt, klafft eine Erklärungslücke (Levine 1983). Thomas Nagels Frage, wie es ist, eine
Fledermaus zu sein, veranschaulicht die Pointe (Nagel 1974): Eine vollständige
Beschreibung ihres Gehirns gibt uns keine Auskunft darüber, wie sich ihr Erleben
anfühlt.
Ich will und kann damit den Physikalismus nicht widerlegen, denn das wäre zu viel
behauptet. Die Frage ist nur, ob eine rein physikalische Beschreibung tatsächlich alles
beinhaltet, was am Phänomen interessant ist. Das ist für Empathie ausschlaggebend,
weil Empathie voraussetzt, dass ich den anderen als ein Wesen verstehe, das die Welt
auf eine ähnliche Weise erlebt.


Empathie ist eine Bewusstseinsleistung
Sehe ich eine Person mit Schmerzen, nehme ich nicht nur ihre körperlichen Reaktionen
wahr, sondern ich schreibe ihr einen inneren Zustand zu und gehe davon aus, dass sich
ihr Schmerz nach etwas anfühlt. Doch auch ein System kann erkennen, dass jemand
verletzt ist, und es kann entsprechend reagieren, ohne dass Empathie Teil des Prozesses
ist.
Der Mensch hingegen kann darüber hinaus reflektieren, er kann sich fragen, was er
selbst fühlt, und sich gleichzeitig vorstellen, was eine andere Person spüren könnte. Ich
kann den anderen gerade deshalb als anderes Subjekt verstehen, weil ich selbst weiß,
wie es ist, eines zu sein. Das bedeutet nicht automatisch, dass Empathie reine
Metakognition wäre; ein Großteil verbleibt unmittelbar und unreflektiert.
Nichtsdestotrotz macht genau die Verbindung aus spontanem Mitgefühl und bewusster
Perspektivübernahme das Phänomen philosophisch interessant: Das Leiden einer
anderen Person bleibt ihr Leiden – es wird aber für mich relevant, weil ich in ihr nicht nur
einen reagierenden Organismus erkenne, sondern ein Wesen, das ein Erleben hat wie
ich.


Der funktionalistische Einwand
An diesem Punkt würde die gegenwärtige Philosophie des Geistes einhaken. In der
aktuellen Bewusstseinsdebatte – wie etwa im Illusionismus von Keith Frankish oder in
kognitionsphilosophischen Ansätzen wie dem „Predictive Processing“ (sprich der Idee,
dass das Gehirn eine reine Vorhersagemaschine der Reizverarbeitung ist) – wird die
Existenz einer realen Erklärungslücke bestritten. Das Gegenargument lautet, dass das,
was wir als unser inneres, subjektives Erleben empfinden, nur eine funktionale
Informationsverarbeitung höherer Ordnung darstellt. Der Eindruck, dass beim Fühlen
noch etwas ‚Zusätzliches‘ abgesehen von dieser Informationsverarbeitung existiert,
stellt lediglich eine kognitive Illusion dar.
Gesetztenfalls, das stimmt, braucht auch Empathie nur einen internen Bericht: ein
System, das registriert, dass der andere leidet, während es notiert, dass dieses Leiden
für den anderen etwas bedeutet. Der oben genannte Roboter wäre dann kein Zombie
mehr, er wäre empathisch – und die Intuition, dass ihm „etwas fehlt“, wäre nichts als
eine Nebenerscheinung eines solchen Berichtssystems.
Dieser Einwand erklärt, warum das Hard Problem uns hart erscheint. Trotzdem
überzeugt er mich noch nicht: Selbst wenn phänomenales Erleben ein interner Bericht
ist, wird nicht geklärt, warum er mich zum Handeln bringt – motivational wirksam wird –,
sobald ich ihn auf einen anderen anwende. Ich kann beispielsweise einem Thermostat
funktional zuschreiben, dass es „auf Kälte reagiert“, ohne dass mich das zu irgendeinem
Zustand bewegt. Dass die Zuschreibung eines Innenzustands beim anderen mich selbst
bewegt, ist damit folglich nicht erklärt – sonst müsste jede korrekte Zuschreibung mich
zu einer Handlung bewegen, was sie, wie zu erkennen, nicht tut. Wer sich das Ziel setzt,
Empathie funktional aufzulösen, muss somit zusätzlich erklären, warum diese
Zuschreibung bei anderen Fürsorge auslöst und nicht nur informativ wirkt. Diese zweite
Erklärungsschuld wird in der Debatte um das Hard Problem selten beglichen, weil sie
dort in den meisten Fällen gar nicht behandelt wird.


Fazit
Erziehung, Evolutionsbiologie und Neurowissenschaft geben zusammen eine Antwort
darauf, warum sich kooperatives Verhalten herausbildet und welche Prozesse
währenddessen im Gehirn ablaufen. Keine dieser Erklärungen ist überflüssig. Dennoch
beantworten sie eine andere Frage als die, die moralphilosophisch gesehen eigentlich
interessiert: nicht, warum Menschen kooperativ handeln, sondern warum uns das
Leiden einer anderen Person motivational bewegt und nicht lediglich informiert.
Deshalb ist meine These stärker als die alleinige Feststellung einer Erklärungslücke: Bei
jeder ausschließlich funktionalen Theorie der Moralpsychologie, die Empathie auf
korrekte Zustandszuschreibung reduziert, liegt eine systematische Unterschätzung vor,
was Empathie leistet, weil sie den Schritt von der Zuschreibung zur motivationalen
Betroffenheit nicht erklärt. Ob sich das eines Tages doch funktional auflösen lassen
mag, weiß ich nicht – die Beweislast liegt bei denen, die das behaupten. Solange sie
nicht eingelöst ist, bleibt die Aporie bestehen: Wir können erklären, warum Menschen
helfen, ohne erklärt zu haben, warum uns das Leiden anderer überhaupt bewegt.


Inka Benzing ist seit dem Wintersemester 2025 eine Philosophie/Ethik-Studentin an der Eberhard Karls Universität in Tübingen


Literatur

Batson, C. D. (2011). Altruism in Humans. Oxford University Press.

Chalmers, D. J. (1995). Facing Up to the Problem of Consciousness. Journal of Consciousness Studies, 2(3), 200–219.

Frankish, K. (2016). Illusionism as a Theory of Consciousness. Journal of Consciousness Studies, 23(11-12), 11–39.

Dennett, Daniel C. (1991): Consciousness Explained, Boston: Little, Brown and Company (auf Deutsch: Philosophie des menschlichen Bewusstseins, Hamburg: Felix Meiner 1994).

Churchland, Patricia S. (2019): Conscience: The Origins of Moral Intuition, New York: W. W. Norton & Company (auf Deutsch: Gewissen: Die Ursprünge moralischer Intuitionen, München: Carl Hanser 2021).