14 Mai

Kant and the “Cannibalism” of Sex

Von Matthew King (Bristol)

Kant makes the bizarre claim that “carnal enjoyment is cannibalistic in principle (even if not always in its effect)” (Kant 1999, 495 [6:359]). He then follows this with three examples, yet each refers only to some possible types or effects of the enjoyment, rather than something inherent to it. Kant implies that the gap does not matter though, for he thinks that all carnal enjoyment ultimately involves the same issue. He then explicates the “cannibalistic” issue as the making of ourselves, or parts of ourselves, into “a consumable thing (res fungibilis)”. He claims that if we imagined a contract for this it would be “contrary to law” (495 [6:360]), then presumably takes this to rule out the rightfulness of carnal enjoyment itself.

However, and even ignoring the surprising equation of this worry about carnal enjoyment with cannibalism, Kant’s concern is clearly incorrect. Carnal enjoyment does not principally turn ourselves, or parts of ourselves, into res fungibilis. This is because there is no trade of organs when we have sex and enjoy carnal pleasure. Instead, there is only the exchange of a service which involves our organs, but does not alienate or destroy them in principle. There is therefore no tension with contractual law and, if there were, Kant would then have to commit to the illegality of all contracted labour, since labour always involves the use of one or more of our organs as a part of a service. Kant is therefore simply wrong about the “cannibalism” of carnal enjoyment, at least in principle.

References

Kant, Immanuel. “The Metaphysics of Morals”. The Cambridge Edition of the Works of Immanuel Kant: Practical Philosophy, translated and edited by Mary J. Gregor, Cambridge: Cambridge University Press, 1999c, pp. 353-603.

14 Mai

Kants (Beinahe-)Schluss vom Sein aufs Sollen

Von Elke Elisabeth Schmidt (Siegen)

Zu den überholten Elementen aus Kants praktischer Philosophie gehört neben Rassismus, Sexismus usw. der hier und da überraschend aufblitzende Versuch, moralische Forderungen aus der Natur abzuleiten. Aus der Annahme einer zweckmäßig eingerichteten Natur resultieren, anders als Kant meinte, aber keine normativen Implikationen (die von ihm selbst diskutierte Frage, ob die Rede von Zwecken in der Natur sinnvoll ist, klammere ich aus). So folgt beispielsweise, anders als Kant zu denken scheint (§ 7, Tugendlehre), allein aus der zweckmäßigen Einrichtung der Sexualorgane – hier liegen natürliche Strukturen vor, die grundsätzlich der Funktion der Fortpflanzung bzw. Arterhaltung dienen – nicht, dass sexuelle Handlungen ohne Fortpflanzungszweck verwerflich sind. Andernfalls läge eine Art Sein-Sollen-Fehlschluss vor; es ist auch nicht moralisch verwerflich, langsam zu gehen, nur weil wir schnell rennen können. Weder Masturbation noch Sex mit Verhütung noch homosexueller Sex dienen zwar der Arterhaltung. Doch sie zerstören diese Funktion auch nicht, und jedenfalls sind sie nicht deswegen verwerflich, weil es diese Funktion gibt. Sie wären nur dann verwerflich, wenn Fortpflanzung Pflicht wäre und sexuelle Handlungen ohne Fortpflanzungszweck die Fortpflanzung zu einem anderen Zeitpunkt prinzipiell ausschlössen. Doch kann man heute das eine tun und morgen das andere (Zwecke muss man nicht immer verfolgen), und außerdem ist es nicht Kants These, dass Fortpflanzung Pflicht ist (er sagt nur: Wenn man Sex haben will, dann so, dass er der Fortpflanzung dient). Eigentlich ist also nicht recht zu sehen, wo selbst für Kant das Problem liegen soll, wenn es darum geht, Sex bloß zum Spaß zu haben. (Und so ergänzt Kant seine Kritik am Sex wohl auch mit der von ihm geltend gemachten Instrumentalisierungsgefahr der, nota bene, eigenen Person. Im Hintergrund steht dabei seine berühmte Menschheitsformel – aber das ist ein anderes Thema.)

29 Dez

Waste Animals

Von Johann S. Ach (Münster)


In Deutschland wurden 2021 rund 2,5 Millionen Tiere im Zusammenhang der tierexperimentellen Forschung gezüchtet und getötet, die nicht in Versuchsvorhaben eingesetzt wurden. Ihre Nutzung als Futtermittel stellt, wie im Folgenden dargelegt wird, nicht nur aus rechtlicher, sondern auch aus ethischer Perspektive keinen Grund dar, der ihre Erzeugung und Tötung rechtfertigen könnte.

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22 Dez

Was ist und welchen moralischen Nutzen hat die Toleranz?

Von Achim Lohmar (Duisburg-Essen)


Eine beliebte Vexierfrage lautet: Kann die Toleranz auch der Intoleranz gelten? Die Reflexion über diese Frage scheint sowohl eine positive als auch negative Antwort zu erzwingen. Wenn Toleranz etwas damit zu tun hat, abweichende Standpunkte und Orientierungen zu dulden, und wenn gerade darin der positive Wert der Toleranz besteht – büßte dann die Toleranz ihren Wert nicht ein, wenn einige Standpunkte von vorneherein von ihr ausgenommen werden? Und wäre das dann überhaupt noch echte Toleranz oder nicht vielmehr eine ausgrenzende Haltung? Mit scheinbar gleichem Recht könnte man aber auch denken, dass die Toleranz gerade dann ihren Wert einbüßen würde, würde sie sich auch auf die Intoleranz richten. Der Intoleranz Raum zu geben, heißt auch, der Intoleranz die Möglichkeit zur Entfaltung zu gewähren. Und wie könnte so etwas gefordert oder etwas Gutes sein? Und wäre eine Haltung, die der Intoleranz die Freiheit zur Entfaltung gewährt, überhaupt noch echte Toleranz oder nicht vielmehr nur moralische Gleichgültigkeit?

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24 Sep

Anmerkungen zur Frage der moralischen Beurteilbarkeit von Kunstwerken

Von Daniel Martin Feige (Stuttgart)


Der Streit um Eugen Gomringers „Avenidas“, die Kontroversen um den Literaturnobelpreis für Peter Handke oder die Hinweise auf das problematische Frauenbild Bukowskis haben einmal mehr in Erinnerung gerufen, dass auch die autonome Kunst scheinbar so autonom nicht ist: Besteht die Erfahrung eines Kunstwerks darin, sich auf seine sinnlichen wie sinnhaften Formen einzulassen, so sind diese doch immer schon mit gesellschaftlichen Diskursen, moralischen Orientierungen und überlieferten Tradition gesättigt. Mehr noch: Etwas als Kunstwerk zu behandeln ist bereits eine Praxis, die nicht vom Himmel gefallen ist, sondern weitreichende historische wie gesellschaftliche Voraussetzungen hat. Die Frage, der die folgende Skizze gilt, lautet, welche Rolle moralische Beurteilungen hinsichtlich der Kunst spielen sollten. Die kurze Antwort lautet: gar keine. Die längere Antwort lautet: Kunstwerke sind intrinsisch auf moralische Fragen bezogen aber in anderer Weise als derart, dass sie wie Handlungen oder Aussagen einfach ein unproblematischer Gegenstand für moralische Beurteilungen sind.

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23 Jul

Moral gestalten. Methoden der Angewandten Ethik

Von Bert Heinrichs (Bonn)


Die Angewandte Ethik hat sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu einer wichtigen Teildisziplin der Praktischen Philosophie entwickelt. Zu vielen gesellschaftlich bedeutsamen Fragen – vor allem aus dem Bereich der Lebenswissenschaften – sind vonseiten der Angewandten Ethik Analysen vorgelegt und Lösungsansätze entwickelt worden. Nicht wenige dieser Lösungsansätze sind von der Politik im Zuge von Gesetzgebungsverfahren aufgegriffen worden und haben damit erheblichen Einfluss auf das Leben vieler Menschen gewonnen. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie die Angewandte Ethik zu ihren Ansätzen kommt.

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25 Jun

Welche Form elterlicher Fürsorge ist angesichts der Autonomierechte von Kindern moralisch legitim?

von Léonie Droste (Zürich)


Eltern, die ihr Kind ohne dessen normativ relevante Zustimmung taufen lassen, handeln moralisch falsch. Das Recht der Eltern, über die Lebensgestaltung ihres Kindes zu bestimmen, muss, um moralisch gerechtfertigt zu sein, nicht nur die Fürsorge-, sondern auch die Autonomieinteressen des Kindes berücksichtigen. Letztere bestehen nicht allein aus dem Interesse an einem zukünftigen autonomen Zustand, sie schließen auch das aus liberaler Sicht fundamentale Interesse ein, im Hinblick auf das eigene Leben nicht zum Objekt fremder Wertvorstellungen gemacht zu werden.

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31 Dez

Tier(e), Mensch(en) & Ethik – Philosophische Verhältnisbestimmungen zwischen Exklusion, Inklusion und Integration in moralischer Absicht

Von Heike Baranzke (Wuppertal)


Die Beziehung des Menschen zum Tier ist fundamental und ambivalent. Tiere gehören zu den frühesten Bildmotiven archaischer Menschen, die die Bedeutung der Tiere als Lebensbedrohung, Nahrungslieferant und Gefährte, ihre Nähe und Ferne zum Menschen, reflektieren. Die Reflexion wird philosophisch, wenn sie auf Begriffe gebracht wird, nämlich auf die Begriffe ‚Mensch‘ und ‚Tier‘. Der Singulargebrauch: der Mensch, das Tier zeigt, dass sich das Erkenntnisinteresse hier nicht mit zoologischer Neugier auf die Vielfalt von Tierarten und ihre Eigenschaften und Fähigkeiten richtet, sondern einzig und alleine auf die anthropologische Differenz. Es ist die Sprache der philosophischen Anthropologie, mit der wir vergleichend zu begreifen versuchen, was uns als Menschen ausmacht. Im Dienste dieses philosophischen Zieles menschlicher Identitätssuche werden Tiere lediglich als Hintergrundfolie zur Differenzbestimmung herangezogen. Da das Interesse nicht ihnen gilt, sind sie austauschbar. Der Mensch kann sich auch mit anderen Wesen vergleichen, z.B. mit Göttern oder mit Robotern.

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28 Nov

Wille zur Macht, Wahrheit und Moral. Große – und aktuelle – Themen der Philosophie Nietzsches

von Beatrix Himmelmann ( Tromsø)


Nietzsche ist heute ein höchst lebendiger Denker; weltweit finden seine Ideen ein Echo. Er gehört zu den meist zitierten und diskutierten Autoren der abendländischen philosophischen Tradition. Warum ist das so? In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als Nietzsche schrieb, philosophische Abhandlungen und Aphorismen, aber auch literarische Texte wie die Dionysos-Dithyramben, deutete wenig auf eine derart durchschlagende Wirkung. Nietzsche selbst fühlte sich oft verkannt. „Ich selber bin noch nicht an der Zeit, Einige werden posthum geboren“, so schätzte er die eigene Stellung in der späten Schrift Ecce Homo ein. Der weit reichende Einfluss seines Denkens sollte sich tatsächlich erst nachträglich entfalten; er setzte spätestens mit der Jahrhundertwende (Nietzsche starb im August 1900) ein und verstärkte sich mit der Publikation unveröffentlichter Manuskripte aus dem Nachlass. Zu erwähnen sind besonders die späten fragmentarischen Notizen, die alle großen Themen der Philosophie Nietzsches behandeln und die zuerst 1901 unter dem – freilich irreführenden – Titel Der Wille zur Macht erschienen.

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29 Okt

Vernunftlos oder beseelt? Unterwegs zu einer philosophischen und praktischen Neubewertung der Tiere

von Michael Rosenberger (Linz)


In meiner Schulzeit habe ich noch gelernt, dass die erste Fließbandproduktion der Welt das „Model T“ von Henry Ford gewesen sei, jenes Auto, das seit 1913 vom Band lief. Nicht gewusst hat man damals, dass Ford sich entscheidende Inspirationen in den Schlachthöfen von Chicago erwarb. Chicago ist bereits 1860, also über ein halbes Jahrhundert früher, die Weltmetropole des Schlachtens. Und das verdankt die Stadt der systematischen Nutzung von Fließbändern zum Töten und Zerlegen von Tieren. Schlachttiere sind der erste „Rohstoff“, der auf Fließbänder wandert, Fleisch das erste Massenprodukt aus großindustrieller Serienfertigung. Wird das den Tieren gerecht? Oder sind Tiere Sachen, die wir Menschen ausschließlich unter dem Aspekt des Nutzens für uns betrachten dürfen?

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