Philosophie als Selbstwissen

Von Jens Pier (London)


Philosophie ist – in einem wesentlichen Aspekt – die radikalste und profundeste Form von Selbstwissen, die uns Menschen offensteht. Sie ist die grundlegende Vergewisserung und explizite Verständigung des Menschen über sich selbst – über seine grundlegenden Fragen, Vermögen und Verwundbarkeiten. Wie ich im Weiteren nahelegen will, kommen der Philosophie dadurch zudem ihrerseits eine Reihe von Fragen und Verwundbarkeiten zu: Als Selbstwissen und Selbstverständigung stellt sie den Menschen wie auch sich selbst fortwährend infrage. Diese selbstreflexive und problematische Struktur charakterisiert das philosophische Unterfangen. In diesem Beitrag bespreche ich einige Kernaspekte eines solchen Verständnisses der Philosophie und ihrer Stellung im menschlichen Leben.

Ein kantisches Erbe?

Wichtig ist zunächst, dass das Selbstwissen, um das es der Philosophie geht, von einer besonderen Art ist: Es handelt sich nicht etwa um Wissen, das wir von uns selbst als Individuen erlangen. Solche Selbstkenntnis – Kenntnis der eigenen individuellen Schwächen, Stärken und Eigenheiten – kann ihrerseits ein Thema philosophischer Reflexion sein, aber sie charakterisiert nicht die grundlegende Form philosophischen Denkens, die ich im Folgenden identifizieren möchte. Vielmehr betrifft das hier gemeinte Selbstwissen unser Menschsein als solches: Es ist Wissen vom übergreifenden Charakter oder der Form dessen, was es heißt, ein Mensch zu sein. Die Idee der Philosophie als Selbstwissen besagt, dass wir dieses formale oder generische Selbstwissen vom Menschen in unserem Philosophieren in den Fokus stellen sollten.

Diese Idee wird heutzutage oft als moderner Einfall Kants angesehen. Kant beteuert, seine „veränderte Methode der Denkungsart“ (Bxviii) sei gerade darin revolutionär, dass sie resolut „aus dem Standpunkte eines Menschen“ (A26/B42) verfährt: In philosophischen Fragen der Metaphysik, Erkenntnis, moralischen Selbstbestimmung etc. ist es ihm zufolge zuerst der Mensch, der sich darüber verständigen muss, warum ihm diese Fragen aufgegeben sind. Er muss diese Fragen in der ersten Person stellen – etwa „Was kann ich wissen?“ oder „Was soll ich tun?“ (A805/B833, 9:25).  Letztlich gibt es aber eine Frage, die all diese anderen radikalen Fragen der Philosophie enthält: „Was ist der Mensch?“ (9:25). Alle Fragen der Philosophie sind also mitgedacht in der Frage des Menschen nach sich selbst. So stellt Kant das Ringen um menschliches Selbstwissen ins Zentrum des Philosophierens.

In der jüngeren Diskussion wird diese vermeintlich kantische Neuerung aber keineswegs allseits hingenommen. Ganz im Gegenteil: Eine Reihe moderner Autor:innen weisen sie als anthropozentrische Verengung unseres philosophischen Blickwinkels zurück. Solche Autor:innen sehen in Kants „veränderte[r] Methode der Denkungsart“ einen Rückfall hinter die eigentlich große Einsicht der Neuzeit: dass wir Menschen nicht das Zentrum des Universums sind – und dass unser Handeln und Denken dies miteinbeziehen muss. Kants teils sogenannte „kopernikanische Revolution“ der Denkungsart ist ihnen zufolge gerade das Gegenteil: eine „ptolemäische Gegenrevolution“[1]; ein Schritt zurück in ein Denken, das den Menschen zu wichtig nimmt und sich damit selbst in seiner Reichweite beschneidet. Die Idee der Philosophie als Selbstwissen ist demnach eine vermindernde Einschränkung. Satt einer solchen bloßen Nabelschau sollten wir aber Wissen über all das erlangen, was gerade über uns hinausgeht. Genau so verortet etwa Timothy Williamson (2022: 586) sein Programm, wieder zu einem Philosophieverständnis zurückzukehren, das „pre-Kantian“ und weniger zaghaft ist und daher hehre Ziele verfolgt: „theorizing boldly and systematically about the deepest and most general nature of reality“.

Dieser Einschätzung lässt sich aber widersprechen. Zunächst ist das Streben nach formalem Selbstwissen des Menschen keineswegs eine bloß kantische Erfindung. Tatsächlich ist es bereits seit der Geburtsstunde der europäischen philosophischen Tradition ein Teil von ihr. In Platons Dialog Phaidon, in dem er das letzte philosophische Gespräch seines Lehrers Sokrates vor der Vollstreckung von dessen Todesurteil darstellt, legt Sokrates seine Gedanken zur Natur der Seele dar – und in diesem Zuge auch zur Idealform des Philosophierens: Wenn wir uns demnach auf die richtige Weise schulen und ein wahrhaft philosophisches Leben führen, „werden wir […] durch uns selbst alles Reine erkennen; das ist eben wohl das Wahre“ (67a-b).[2] Alles Wissen vom Wahren ist nach Sokrates immer auch und zunächst formales Selbstwissen – Wissen, das wir Menschen von unserer Seele, also der Form unseres Lebens und Daseins haben. Wenn Kant das Selbstwissen betont, ist das also die Wiedergewinnung einer alten Idee und nicht bloß eine moderne Neuerfindung. Entscheidend ist nun, ob es sich dabei um eine wiedererlangte Einsicht handelt oder um den Rückfall in eine ptolemäische Selbsttäuschung. Sehen wir uns also an, ob diese Idee nicht tiefgehender ist, als der Anthropozentrismusvorwurf ihr zugesteht.

Der Standpunkt des Menschen als Problem

Was Sokrates und Kant vereint, ist, dass sie die Bedeutung der Frage einsehen, woher eigentlich die Probleme stammen, mit denen die Philosophie befasst ist. Ein Verständnis dieser Frage könnte womöglich auch erhellen, welcher Art jene Probleme sind und was ihre Struktur ist. Und die Antwort, die beide geben, lautet: Die Probleme der Philosophie erwachsen aus unserem Menschsein. Es ist also nicht so, dass wir auf sie stoßen (oder sie herbeireden), weil wir ein spezifisches Interesse oder Ziel hätten. Wir sind mit ihnen konfrontiert, ganz einfach, weil wir die Wesen sind, die wir sind. Kants grundlegende Charakterisierung unserer selbst lautet, dass wir „endliche denkende Wesen“ (B72) sind: Wir Menschen sind Wesen, deren Dasein einerseits durch Endlichkeit und andererseits durch Vernunft gekennzeichnet ist.[3]

Als endliche Wesen sind wir fehlbar, verletzlich und Grenzen ausgesetzt, über die wir nicht frei verfügen: Wir gehören zu all den anderen endlichen Dingen auf der Welt, die durch Ursachen jenseits ihrer selbst bestimmt sind und auch wegen solch äußerer Ursachen irgendwann vergehen. Als vernünftige oder denkende Wesen aber geht unser Anspruch über diese Grenzen hinaus: Wir urteilen, suchen das Gute und unterstellen uns Prinzipien von unbedingter Geltung. Wir können aber ebenso niederträchtig, grausam, feige oder gleichgültig gegenüber der Wahrheit sein – auch dies alles sind Weisen, uns zu den Ansprüchen der Vernunft zu verhalten. Rein endlichen Wesen – Wesen also, die nicht vernunftbegabt und gar nicht erst durch solche Ansprüche der Vernunft angesprochen sind – stünde all dies nicht offen. Zugleich ist klar, dass unsere Endlichkeit Anteil daran hat, wie wir uns zu diesen vernünftigen Ansprüchen stellen: Ein rein vernünftiges Wesen könnte weder die Suche nach Wahrheit oder dem Guten antreten noch in ihr fehlgehen – ihm fehlte sozusagen der „Platz“, in dem Streben oder Scheitern an diesen Maßstäben möglich sind. Das bedeutet, dass unser menschliches Dasein uns dauerhafte Aufgabe und Problem ist: Dadurch, dass wir den menschlichen Standpunkt einnehmen, sind wir mit der unendlichen Aufgabe konfrontiert, Endlichkeit und Vernunft in uns auszusöhnen. Wir können dieser Aufgabe nicht entrinnen, und zugleich ist sie nicht endgültig lösbar.

In dem nun skizzierten Bild ist die Philosophie eine besonders fokussierte und reflektierte Weise, sich zu diesem bleibenden Problem unseres menschlichen Standpunkts zu verhalten: Sie expliziert und klärt auf, was wir für gewöhnlich als implizit und dunkel an ihm übersehen. Der Philosoph Thomas Nagel hat kürzlich in einer Trauerrede über seinen Freund und Kollegen Barry Stroud festgehalten, wie das Werk beider das Erbe dieses selbstreflexiven und problematisierenden Ansatzes antritt: Nagel zufolge ist die Philosophie eine der radikalsten Formen menschlicher Selbstbewusstwerdung – sie ist eine selbstreflexive Einsicht in das, was er unsere wesentlich problematische Stellung in der Welt nennt (Nagel 2023; vgl. Stroud 2018: 34-9).

Kant und Nagel betonen also einen besonderen Aspekt der sokratischen selbstreflexiven Traditionslinie: Das Selbstwissen, das ihnen zufolge am Herzen der Philosophien liegen sollte, ist zunächst ein Wissen über die inhärenten Spannungen und Probleme des menschlichen Standpunkts, formuliert von genau diesem Standpunkt aus. Das „Reine“ und „Wahre“, das Sokrates uns als Fokus unseres formalen menschlichen Selbstwissens verspricht, ist in dieser Wendung zunächst ein vertieftes Problemverständnis: Eine vorderste Aufgabe der Philosophie ist es, die Spannung zwischen Vernunft und Endlichkeit besser einzusehen, die den menschlichen Standpunkt kennzeichnet. Ich will als Nächstes besprechen, welche Art von Problemen aus dieser Spannung entstehen.

Das Unmenschliche als Allzumenschliches

Ich habe gesagt, dass es uns als menschlich kennzeichnet, Vernunft und Endlichkeit in uns aussöhnen zu müssen – und da diese Aufgabe nicht endgültig lösbar ist, scheitern wir zwangsläufig wieder und wieder punktuell an ihr. Die Ansprüche, ein endliches Vernunftwesen zu sein, können uns bis hin zur Verzweiflung überfordern. Wir verzweifeln daran, dass wir als endlich nie vollends der Vernunft genügen können – oder aber daran, dass wir als vernünftig nie in der Endlichkeit unser Genügen finden können. Diese Überforderung und Verzweiflung ist nicht bloß ein psychologisches Phänomen: Sie betrifft die Rahmen- oder Konstitutionsbedingungen dessen, was es überhaupt heißt, eine menschliche, endlich-vernünftige psychē zu haben. Deshalb müssen diese Spannung und unser wiederholtes Scheitern an ihr auch ihren Niederschlag in einer Philosophie als menschlichem formalem Selbstwissen finden.

In den letzten Jahrzehnten ist die Idee prominent geworden, dass die philosophische Skepsis – der systematische Zweifel an der Wahrheit oder Rechtfertigung unserer epistemischen, moralischen, politischen oder metaphysischen Überzeugungen – im Kern ein Ausdruck dieser Überforderung ist. Ein Denker, der diese Deutung der Skepsis stark gemacht hat, ist Stanley Cavell. Seine paradigmatische Formulierung ist, dass unsere Verzweiflung sich auf nichts anderes als unser Menschsein selbst richtet: „Nothing is more human than the wish to deny one’s humanity“ (Cavell 1979: 109); oder, wie er in einer späteren Interpolation sagt, „it is natural to the human to wish to escape the human“ (Cavell 1988: 59). Wir können also das Menschliche in uns selbst und in anderen verleugnen oder fliehen – tatsächlich ist genau das eine urmenschliche Handlungsweise.

Cavell (1979: 239 f.) und Kant (A277 f./B333 f.) treffen sich hier darin, dass sowohl die Skepsis hinsichtlich unseres Wissens als auch eine bestimmte Art, auf sie zu reagieren, auf eine solche Menschenflucht hinauslaufen. Als endliche Wesen werden wir skeptisch – wir bemerken die endliche Reichweite und Verlässlichkeit unseres Erkenntnisvermögens. Wir wollen sicherstellen, dass uns diese skeptischen Sorgen nicht treffen, und erklären einen „absoluten“ Standpunkt zum Fluchtpunkt unseres Wissens, nach dem wir streben sollten. Damit legen wir aber, so Kant, einen „ganz unbillig[en] und unvernünftig[en]“ Maßstab an dieses Wissen – einen Maßstab, dessen Erfüllung erfordern würde, „daß wir […] nicht Menschen, sondern Wesen sein sollen, von denen wir selbst nicht angeben können, ob sie einmal möglich, vielweniger, wie sie beschaffen sein“ (A277 f./B333 f.). Nicht nur haben wir also eine unmenschliche Vorstellung dafür eingeführt, um uns klarzumachen, wie unser menschliches Wissen funktioniert. Wir haben außerdem nur eine neue und radikalisierte Form der Skepsis hervorgerufen, da wir nicht verstehen, wie ein solcher vermeintlich überlegener Standpunkt zu denken sein sollte – und damit auch vollends unser Verständnis davon verlieren, wie unser an ihm zu messendes Wissen zu denken sein soll. Cavell und Kant sprechen hier von einem Abgrund des Unwissens und der Unintelligibilität, der sich in uns auftut, und vor dem wir zurückweichen, nur um wieder und wieder auf seine Idee zu verfallen (Cavell 1979: 178 f.; A613/B641).

Besonders Cavell bespricht jedoch unsere Verleugnung des Menschlichen in vielen weiteren Facetten. Und er scheut nicht davor zurück, auch die gewaltsame Seite dieser Verleugnung zu besprechen, sobald wir sie praktisch vollziehen und auf andere in unserem geteilten menschlichen Leben richten – etwa im Fall von Sklaverei (1979: 372-378) oder misogyner Gewalt (1979: 488-496). Im Erkennen, in der Moral und an unzähligen Punkten im menschlichen Leben können wir also das Menschliche verleugnen – doch genau darin tun wir ironischerweise wiederum etwas Allzumenschliches. Kein anderes uns bekanntes Wesen kann sich derart in Widerspruch mit sich selbst bringen. Das ist tatsächlich eine inhärent instabile und problematische Stellung in der Welt. Und die Philosophie als Selbstwissen setzt sich mit genau dieser problematischen und instabilen Form und Umgrenzung unseres menschlichen Standpunkts auseinander. Abschließend will ich auf klassische und aktuelle Formen einer solchen Philosophie ausblicken und knapp umreißen, was sie jenseits eines geschärften Problemverständnisses leisten.

Gestalten selbstreflexiver Philosophie

Dass die Philosophie als Ringen um menschliches Selbstwissen nicht allein Probleme diagnostizieren, sondern auch radikale und transformative Einsichten und Verpflichtungen formulieren kann, zeigen schon unsere beiden Anfangsfiguren. Sokrates macht seine Bemerkung an seinem Lebensabend – er geht der Vollstreckung eines Todesurteils entgegen, das über ihn verhängt worden ist, weil er die Athener in seinem Umfeld zur Suche nach einem tieferen Verständnis ihrer selbst ermuntern wollte. Und er geht dieser Verurteilung noch immer philosophierend entgegen. Seine ethische Verpflichtung darauf, Wissen von und durch uns selbst zu erlangen, ist so radikal, dass er sie bis zum Letzten verwirklicht. Und Kants Werk enthält Überlegungen zu Todesangst und existenzieller Abgründigkeit, zu Kunst und der Übermacht des grenzenlosen Ozeans, zu Existenz, Gott, Moral, dem Ursprung der Welt und dem Morgenchoral der Vögel – alles vereint in einem projizierten System, das nichts anderes sein sollte als der vollends explizierte Standpunkt des Menschen selbst. Konsequent zu Ende gedacht kann uns eine Philosophie des Selbstwissens also potenziell überallhin führen, ohne dass ihr Pfad im Voraus abzusehen wäre.

Diese Radikalität und Unberechenbarkeit menschlichen Selbstwissens zeigt sich auch an einigen einschlägigen philosophischen Beiträgen der letzten Jahrzehnte. Cora Diamond (1991, 2003) untersucht, wie fragil eigentlich unser Leben mit dem Begriff des Menschseins ist und wie viel von unserem formalen Selbstwissen uns genommen werden kann. Sie widmet sich dabei Phänomenen wie Krieg, Armut, Tierquälerei, sozialer Entfremdung und Völkermord. Alice Crary (2016, 2021) greift unter anderem diamondianische Ideen auf und untersucht die Bedeutung, die Entmenschlichung etwa in tierethischen und feministischen Fragen hat. Und Jonathan Lear (2020, 2022) bespricht, wie unser Wissen von der Form menschlichen Lebens uns auf zivilisatorische Umbrüche, Todestrauer, die Klimakatastrophe und die wiedererwachte Gefahr eines Weltkriegs vorbereiten kann – oder von ihnen gerade zunichte gemacht wird. In ihrem Beharren auf einem selbstreflexiven Verstehen des menschlichen Standpunkts gehen diese Autor:innen an dessen Grenzen – und schaffen es so, weitreichender und tiefgehender über die uns entgegenstehende Wirklichkeit nachzudenken als so manche ihrer „antianthropozentrischen“ Kritiker:innen.

All diese Ansätze sind Gestalten selbstreflexiver Philosophie. Sie sind Erbinnen einer Idee, die mindestens seit Sokrates mit uns ist, und die die Philosophie zu einem tiefen, inspirierenden und irritierenden Unterfangen macht: Philosophie ist ihr zufolge der Versuch, uns unseren menschlichen Standpunkt auf die radikalste Weise zu eigen zu machen und uns seiner unentrinnbaren Probleme anzunehmen, statt aus ihm heraustreten zu wollen. Das Ringen um ein solches Selbstwissen mag manchen als Einschränkung und Abkehr von den eigentlich wichtigen und schwierigen Fragen scheinen. Ich habe in diesem Beitrag nahezulegen versucht, dass genau andersherum im Streben nach einem Wissen und Verstehen unseres menschlichen Standpunkts die direkteste und entschlossenste Konfrontation mit jenen Problemen bestehen kann.


Jens Pier ist Feodor Lynen Postdoctoral Research Fellow am Royal Holloway and Bedford New College der University of London. Seine Promotion schloss er 2024 nach Studien in Leipzig und Oxford ab. In seiner Forschung fokussiert er sich auf Selbstbewusstsein, Selbstentfremdung, philosophische Methodologie und die (post-)kantianische und wittgensteinianische Tradition.




[1] Diese Formulierung wird heute mitunter Meillassoux (2008: 158) zugeschrieben; sie ist jedoch älter und findet sich bereits bei Russell (2009 [1948]: 1).

[2] Sokrates legt später im Gespräch dieses kontemplative zugunsten eines praktischen selbstreflexiven Philosophieverständnisses ab – eines Verständnisses also, das die Erkenntnis des Guten und das Ringen um ein tugendhaftes Leben zentriert (vgl. 96a ff.). Aber das lässt die Selbstwissensidee unberührt: Auch ethisches Wissen erlangen wir ihm zufolge durch eine Erkenntnis der praktischen Erfordernisse der Seele, also „durch uns selbst“.

[3] Diesen Gedanken und die nachfolgende, auf ihm aufbauende Deutung Kants entwickle ich detaillierter in Pier (2026: 19-23, 147-159, 372-392).


Literatur

Cavell, Stanley (1988): In Quest of the Ordinary. Lines of Skepticism and Romanticism, Chicago: The University of Chicago Press.

— (1979): The Claim of Reason. Wittgenstein, Skepticism, Morality, and Tragedy, Oxford: Oxford University Press.

Crary, Alice (2021): „Dehumanization and the Question of Animals“, in: Maria Kronfeldner (Hrsg.): The Routledge Handbook Of Dehumanization, London: Routledge, S. 159-172.

— (2016): Inside Ethics. On the Demands of Moral Thought, Cambridge, Mass.: Harvard University Press.

Diamond, Cora (2003): „The Difficulty of Reality and the Difficulty of Philosophy“, in: Partial Answers: Journal of Literature and the History of Ideas 1 (2), S. 1-26.

— (1991): „The Importance of Being Human“, in: Royal Institute of Philosophy Supplement 29, S. 35-62.

Kant, Immanuel (1900 ff.): Kant’s gesammelte Schriften, hrsg. v. d. Königlich Preußischen [später Deutschen, dann Berlin-Brandenburgischen] Akademie der Wissenschaften, Berlin: De Gruyter.

         – Bd. 3/4: Kritik der reinen Vernunft [= A/B].

         – Bd. 9: Immanuel Kant’s Logik. Ein Handbuch zu Vorlesungen [= 9].

Lear, Jonathan (2022): Imagining the End. Mourning and Ethical Life, Cambridge, Mass.: Belknap Press.

— (2020): Radikale Hoffnung. Ethik im Angesicht kultureller Zerstörung, übers. v. Jens Pier, Berlin: Suhrkamp.

Meillassoux, Quentin (2008): Nach der Endlichkeit. Versuch über die Notwendigkeit der Kontingenz, übers. v. Roland Frommel, Zürich: Diaphanes.

Nagel, Thomas (2023): „Barry Stroud (1935-2019)“, in: ders.: Analytic Philosophy and Human Life, Oxford: Oxford University Press, S. 286-288.

Pier, Jens (2026): Artikulierte Einheit. Kants Selbstbewusstseinsphilosophie als kritische Metaphysik, Frankfurt a. M.: Vittorio Klostermann.

Platon (2007): Phaidon, übers. u. hrsg. v. Barbara Zehnpfennig, Hamburg: Meiner [= 57a-118a].

Russell, Bertrand (2009 [1948]): Human Knowledge. Its Scope and Limits, London: Routledge.

Stroud, Barry (2018): „The Pursuit of Philosophy: The Dewey Lecture“, in: ders.: Seeing, Knowing, Understanding. Philosophical Essays, Oxford: Oxford University Press, S. 24-39.

Williamson, Timothy (2022): The Philosophy of Philosophy, erw. Aufl., Hoboken: Wiley Blackwell.