Philosophie und Philosophiegeschichte – was sind sie und was sollten sie sein?

Von Ariane Cäcilie Schneck (American University in Cairo)

Bedingt durch die Natur des zu klärenden Gegenstands gibt es unzählige Arten und Weisen, sich der Frage, was Philosophie ist, anzunähern. Eine davon versucht, die Frage mit einem Blick auf die Philosophiegeschichte zu beantworten. Diese Vorgehensweise soll in diesem Beitrag im Mittelpunkt stehen. Zunächst sollen jedoch kurz andere Antwortversuche betrachtet werden. Denn oft wird eine etymologische Definition bemüht, die die Philosophie, im Einklang mit den Wurzeln ihrer westlichen Ausprägung, über die Übersetzung der altgriechischen Bezeichnung als „Weisheitsliebe“ oder „Liebe zur Weisheit“ erklärt. Diese Begriffsbestimmung lädt zweifellos zum philosophischen Sinnieren darüber ein, was damit gemeint sein könnte. Sie scheint jedoch, gerade für Personen, die (noch) nicht philosophisch vorgebildet sind, nicht unbedingt hilfreich. Auch andere Bestimmungsversuche, die der griechischen Antike entstammen, wie Platons bekannte Definition der Philosophie als dem Streben nach dem Wahren, Guten und Schönen, erscheinen eher als Einladungen zum Philosophieren. Sie beantworten die Frage „was ist Philosophie?“ nicht auf eine Weise, die sich dem Verständnis nicht sofort wieder entzieht.

Eine andere Herangehensweise an die Frage, was Philosophie ist, besteht darin, zu bestimmen zu versuchen, was die Philosophie der Sache nach ausmacht. Was ist ihre Essenz, ihre Natur oder ihr Wesen? Was macht Philosophie zu Philosophie? Hierüber herrscht selbst (oder vor allem) unter Philosoph:innen große Uneinigkeit. Ein möglicher Weg, diese Uneinigkeit aufzulösen, wäre sich zu überlegen, wie man die Philosophie von anderen (Geistes-)Wissenschaften abgrenzen kann, d.h. zu untersuchen, welche Themen und welche Methoden die Philosophie als Philosophie auszeichnen und von anderen Disziplinen unterscheiden. Hierfür scheint es vielversprechend, sich die Philosophie der Vergangenheit anzusehen, um herauszufinden, welche Themen historisch behandelt und welche Methoden verwendet wurden. Doch wie schon Manuel Fasko sowie Karen Koch und Thomas Hanke in ihren Beiträgen auf Praefaktisch anschaulich gezeigt haben,[1] bringt der Versuch, die Frage „was ist Philosophie?“ mit einem Blick auf ihre Geschichte zu beantworten, zahlreiche Probleme mit sich. Das Schwerwiegendste scheint zu sein, dass das, was wir heute als die Geschichte der westlichen Philosophie kennen, das Produkt eines Prozesses ist, der von patriarchalen, misogynen, rassistischen und klassizistischen Exklusionen geprägt ist, aber trotzdem als reine „Bestenauslese“ beworben wird.

Eine andere Herangehensweise an die Frage, was Philosophie ist, besteht darin, zu bestimmen zu versuchen, was die Philosophie der Sache nach ausmacht. Was ist ihre Essenz, ihre Natur oder ihr Wesen? Was macht Philosophie zu Philosophie? Hierüber herrscht selbst (oder vor allem) unter Philosoph:innen große Uneinigkeit. Ein möglicher Weg, diese Uneinigkeit aufzulösen, wäre sich zu überlegen, wie man die Philosophie von anderen (Geistes-)Wissenschaften abgrenzen kann, d.h. zu untersuchen, welche Themen und welche Methoden die Philosophie als Philosophie auszeichnen und von anderen Disziplinen unterscheiden. Hierfür scheint es vielversprechend, sich die Philosophie der Vergangenheit anzusehen, um herauszufinden, welche Themen historisch behandelt und welche Methoden verwendet wurden. Doch wie schon Manuel Fasko sowie Karen Koch und Thomas Hanke in ihren Beiträgen auf Praefaktisch anschaulich gezeigt haben,[1] bringt der Versuch, die Frage „was ist Philosophie?“ mit einem Blick auf ihre Geschichte zu beantworten, zahlreiche Probleme mit sich. Das Schwerwiegendste scheint zu sein, dass das, was wir heute als die Geschichte der westlichen Philosophie kennen, das Produkt eines Prozesses ist, der von patriarchalen, misogynen, rassistischen und klassizistischen Exklusionen geprägt ist, aber trotzdem als reine „Bestenauslese“ beworben wird.

Sicherlich finden sich unter dem, was als der „Kanon“ der Philosophiegeschichte gilt, „große Denker“ und bedeutende Werke, die unser westliches Selbstverständnis geprägt und teilweise den Lauf der Geschichte beeinflusst haben. Aber trotzdem ist diese Auswahl nicht nur das Ergebnis einer angeblich gut funktionierenden „Qualitätskontrolle“, sondern auch das Ergebnis einer Selektion, auf die gesellschaftliche Faktoren eingewirkt haben und immer noch einwirken. Ich gehe an anderer Stelle ausführlicher auf diese exkludierenden Selektionsprozesse in Bezug auf historische Philosophinnen ein,[2]  die es trotz aller Widerstände in allen historischen Epochen immer gegeben hat. Hier seien aber trotzdem in kürzerer Form einige Punkte genannt, die einen Anstoß geben sollen, den Mythos der reinen „Bestenauslese“ in Bezug auf die Abwesenheit von historischen Philosophinnen im sogenannten „Kanon“ der Philosophiegeschichte kritisch zu hinterfragen. Teilweise lassen sich die genannten Punkte auch auf andere marginalisierte Gruppen übertragen.


Erstens findet man, wenn man denn nach ihnen sucht, in der Vergangenheit der Philosophie in jeder Epoche Frauen, die philosophisch tätig waren. Für die Frühe Neuzeit seien beispielsweise Marie Le Jars de Gournay, Elisabeth von Böhmen, Anna Maria van Schurman, Anne Conway, Mary Astell, Margaret Cavendish, Catherine Trotter Cockburn, Damaris Masham, Olympe de Gouges, Sophie de Grouchy, Émilie du Châtelet, Gabrielle Suchon, Juana Inés de la Cruz, Mary Wollstonecraft, Harriet Taylor Mill und Mary Shepherd genannt – und diese Liste ist sicherlich nicht vollständig. Diese Philosophinnen bilden eine sehr heterogene Gruppe. Einige arbeiteten in weniger klassischen Formen wie Briefen, Notizen, Romanen oder Gedichten, andere verfassten klassische philosophische Werke wie Bücher und Abhandlungen. Manche veröffentlichten anonym oder unter Kürzeln, andere unter ihrem vollständigen Namen. Einige waren bereits zu Lebzeiten bekannt, andere wurden erst später wiederentdeckt. Auch ihre Themen reichten von feministischen Fragen wie Gleichberechtigung und Bildung für Frauen und Mädchen bis hin zu klassischen philosophischen Problemen aus Bereichen wie der Metaphysik und Erkenntnistheorie. Diese Vielfalt zeigt, dass ihre wichtigste Gemeinsamkeit darin besteht, dass sie Frauen waren und von der Philosophiegeschichtsschreibung „vergessen“ wurden, unabhängig davon, zu welchen Themen oder in welchen Formaten sie gearbeitet haben.

Angesichts der Anzahl der Frauen, die allein in der Frühen Neuzeit philosophisch aktiv waren und der thematischen Vielfalt ihres Schaffens, drängt sich die Frage auf, warum ihre Namen innerhalb und außerhalb der akademischen Philosophie wenig bis gar nicht bekannt sind. Warum gehören ihre Werke nicht zum sogenannten Kanon der Philosophiegeschichte? Die geringe Zahl von Frauen im klassischen Kanon wird häufig damit erklärt, dass ihre Arbeiten wahrscheinlich einfach nicht „bedeutend“ oder „originell“ genug gewesen seien, um unter die Besten aufgenommen zu werden. Ein Blick auf die Kanonbildung und die in ihr wirkenden Ausschlussmechanismen zeigt jedoch relativ schnell zahlreiche Doppelstandards gegenüber Philosophinnen und Philosophen, die die Abwesenheit der Philosophinnen trotz der Qualität ihrer Werke erklären.

Die Arbeiten von Sophia Connell und Frederique Janssen-Lauret zeigen beispielsweise eindrücklich, dass die Arbeiten von Frauen teilweise auch dann als weniger originell angesehen werden, wenn sie tatsächlich bereits frühere Beiträge zu bestimmten Theorien oder Konzepten geleistet haben als ihre männlichen Zeitgenossen.“ [3] Auch die Formen und Methoden ihrer Beiträge werden unterschiedlich bewertet und das Nutzen unkonventioneller Formate bei Philosophinnen kritischer gesehen. Philosophische Texte von Frauen werden eher als Literatur, Mystik oder Poesie eingeordnet, während vergleichbare Formen bei Männern selbstverständlich als Philosophie gelten (z.B. Leibniz‘ Briefe). Ähnliches gilt für kurze oder fragmentarische Werke: Was bei männlichen Philosophen (z.B. den Vorsokratikern) als ausreichend gilt, wird bei Frauen häufig als unzureichend dafür betrachtet, einen philosophischen Beitrag geleistet zu haben, der die Beachtung der Philosophiegeschichtsschreibung verdient.


Auch bei den behandelten Themen bestehen Doppelstandards. Manche der Themen, mit denen sich Frauen historisch beschäftigt haben, werden als „partiell“ oder nur relevant für Frauen angesehen (z.B. die Argumentation für mehr Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen), während die Interessen männlicher Philosophen fast einvernehmlich als universell gelten, unabhängig davon, ob die behandelten Themen wirklich relevant für alle oder die meisten Menschen sind. Ebenso wird Frauen vorgeworfen, sich mit Themen beschäftigt zu haben, die sich historisch nicht „durchgesetzt“ haben – obwohl dies bei männlichen Philosophen kein Ausschlussgrund ist (z.B. Descartes‘ Dualismus).

Ein weiterer Unterschied zeigt sich darin, wie über Philosophinnen gesprochen und geschrieben wird. Bei Männern stehen meist ihre philosophischen Ideen und Argumente im Mittelpunkt. Bei Frauen werden dagegen häufig ihr Privatleben, ihr Aussehen oder ihre Biografie betont und zur Interpretation ihrer Werke herangezogen. Dadurch kann der eigentliche philosophische Gehalt ihrer Arbeiten in den Hintergrund treten und zugleich können Geschlechterstereotype die Auslegung ihrer Werke beeinflussen.[4]


Diese Doppelstandards hängen mit allgemeinen Vorurteilen gegenüber Frauen als Philosophinnen zusammen. Da Frauen historisch weniger Zugang zu Bildung und akademischen Berufen hatten, wurden (und werden sie immer noch) seltener als philosophische Autoritäten wahrgenommen.[5] Ihre Beiträge erhalten dadurch häufig weniger Aufmerksamkeit und Anerkennung. Gleichzeitig genießen Männer aufgrund ihrer historisch dominanteren gesellschaftlichen Position oft einen sogenannten credential bias: Ihren Aussagen wird mehr Gewicht gegeben und ihnen wird eher intellektuelle Originalität zugeschrieben. Diese Vorurteile wirken sich auch auf die Rezeption aus. Philosophinnen werden seltener zitiert, was wiederum den Eindruck verstärkt, es habe weniger bedeutende Philosophinnen gegeben. Zudem wurden Frauen häufig lediglich als Kritikerinnen, Unterstützerinnen oder schlimmstenfalls „Musen“ bekannter männlicher Philosophen dargestellt, während ihre eigenen philosophischen Interessen und Argumente unsichtbar bleiben.

Teilweise wurden diese Vorurteile auch von Philosophinnen selbst übernommen. Manche bezeichneten sich selbst nicht als Philosophinnen oder stellten ihre eigenen Fähigkeiten bewusst bescheiden dar. Dies konnte strategisch notwendig sein, um überhaupt an philosophischen Debatten teilnehmen zu können, verstärkte aber zugleich das Bild der Frau als Nicht-Philosophin.


Interessant ist außerdem, dass sich die Vorstellungen darüber verändert haben, in welchen Bereichen der Philosophie Frauen kompetent sein können. Im 17. Jahrhundert traute man Frauen eher theoretische Fähigkeiten in Bereichen wie Metaphysik und Erkenntnistheorie zu, während man sie für Ethik, Politik und andere wichtige „praktische“ Bereiche als ungeeignet betrachtete. Heute findet sich das umgekehrte Muster: Frauen werden eher mit „weicheren“ und angeblich weniger anspruchsvollen Bereichen wie Ethik oder politischer Philosophie verbunden, während man ihnen angeblich schwierigere technische oder abstrakte Bereiche der theoretischen Philosophie weniger zutraut. Das heißt, was auch immer zu einer bestimmten Zeit als weniger wichtig oder weniger anspruchsvoll angesehen wird, ist das, was Frauen noch am Ehesten zugeschrieben wird. Die Tatsache, dass sich diese Zuschreibung wandelt, je nachdem, was zu einem bestimmten Zeitpunkt als weniger herausfordernd bzw. weniger wichtig angesehen wird, sollte uns Anlass zum Nachdenken geben.

Doch nicht nur dieser Umstand, sondern die Analyse all der genannten Faktoren zeigt, dass die Geschichte der Philosophie nicht völlig objektiv und frei von Verzerrungen erzählt wird. Sie ist definitiv keine reine Bestenauslese, sondern immer auchdas Ergebnis von ungerechtfertigten Exklusionen. Philosophinnen wurden und werden häufig anders wahrgenommen, bewertet und dargestellt als Philosophen. Ihre Abwesenheit im klassischen Kanon lässt sich daher nicht einfach mit fehlender Produktivität, mangelnder Originalität oder schlechterer Qualität erklären. Vielmehr spielten strukturelle und geschlechtsspezifische Ausschlussmechanismen eine nicht zu unterschätzende Rolle.

Die Frage ist, was das dafür bedeutet, was Philosophie und ihre Geschichte sind. Wenn das, was wir für die Geschichte der Philosophie halten, unser Verständnis davon prägt, was Philosophie ist, arbeiten wir mit einem verzerrten und verengten Bild. Die Themen und Methoden, und damit auch die Werke und die Personen, die wir für aussagekräftig dafür halten, was Philosophie ist, sind nur ein Teil dessen, was die Vergangenheit unserer Disziplin ausmacht.[6] Meiner Meinung nach gibt es zahlreiche gute Argumente dafür, dieses verengte Bild der Philosophie zu ändern und die Vergangenheit unserer Disziplin so zu erzählen, dass so viele der ungerechtfertigten Exklusionen wie möglich rückgängig gemacht werden. Die Argumente für dieses Vorgehen reichen von Akkuratheit in Bezug auf die philosophische Vergangenheit über Gerechtigkeit gegenüber denjenigen Philosophinnen, die hauptsächlich deswegen von der Philosophiegeschichtsschreibung „vergessen“ wurden, weil sie Frauen waren, bis hin zu Qualitätsargumenten, d.h. der Annahme, dass eine vielfältigere Philosophiegeschichte auch den Horizont unsere Disziplin erweitern und diese damit interessanter machen würde. Ich plädiere deswegen dafür, dass sich die Philosophiegeschichte und auch die aktuelle akademische Philosophie weiter verstärkt gegenüber den Beiträgen historischer Philosophinnen, ihren Werken, ihren Themen und ihren vielleicht auf den ersten Blick unkonventionellen Formaten hin öffnet. Wie würde sich unser Verständnis von dem, was Philosophie ist, ändern, wenn wir ein anderes, erweitertes, aber gleichzeitig akkurateres Verständnis dafür entwickeln, was sie historisch war? Die Frage sollte also vielleicht nicht (nur) sein, was Philosophie (und ihre Geschichte) ist, sondern auch, was sie sein sollte.


Ariane Cäcilie Schneck ist seit 2025 Assistant Professor an der American University in Cairo. Sie arbeitet zur Philosophie der Frühen Neuzeit, historischen Philosophinnen und aktueller feministischer Philosophie, die sie in Kairo auch unterrichtet.


Literatur:

  • Connell, Sophia M. und Frederique Janssen-Lauret. “‘Bad philosophy’ and ‘derivative philosophy’: Labels that keep women out of the canon”. Metaphilosophy 54 (2-3) (2023): 238-253. DOI: 10.1111/meta.12613.
  • Gordon-Roth, Jessica und Nancy Kendrick. “Including Early Modern Women Writers in Survey Courses: A Call to Action”. Metaphilosophy 46, no. 3 (2015): 364-379. DOI: 10.1111/meta.12137.
  • Gordon-Roth, Jessica und Nancy Kendrick. “Recovering Early Modern Women Writers: Some Tensions”. Metaphilosophy 50, n. 3 (2019): 268-285. DOI: https://www.jstor.org/stable/26743803.
  • Schneck, Ariane Cäcilie (forthcoming). How to change ‘the canon’ in the classroom: canon reflection and canon reformation in teaching the history of (early modern) philosophy. British Journal for the History of Philosophy: 1-22. https://doi.org/10.1080/09608788.2026.2690990.





[1] https://praefaktisch.de/was-ist-philosophie-2/history-matters/ und https://praefaktisch.de/philosophie-geschichte/frauen-in-der-philosophiegeschichte/.

[2] Vgl. Schneck, “How to change ‘the canon’ in the classroom:”.

[3] Vgl. Connell und Janssen-Lauret, “‘Bad philosophy’ and ‘derivative philosophy’”.

[4] Vgl. Gordon-Roth und Kendrick, “Recovering Early Modern Women Writers”.

[5] Vgl. Gordon-Roth und Kendrick, “Including Early Modern Women Writers.”

[6] Siehe hierzu auch den sehr lesenswerten Beitrag von Thomas Hanke und Karen Koch: https://praefaktisch.de/philosophie-geschichte/frauen-in-der-philosophiegeschichte/.