03 Nov

„Karl May würde AfD wählen!“ Ein mutmaßlicher Wahlkampfslogan von 2023 und seine Vorgeschichte

Von Christian Niemeyer (Berlin)


Alles gackert, aber wer will noch still auf dem Neste sitzen und Eier brüten?

Nietzsche: Also sprach Zarathustra III

Mein Kriegspfad gegen Bellizist*innen aller Couleur (vorwiegende schwarze, aber auch gelbe wie Marie-Agnes Strack-Zimmermann, die mir ausgerechnet heute, beim Schreiben dieser Zeilen, per Phoenix-TV ein Ohr abkaut pro Leopard II in der Ukraine), aber auch mein Eintreten pro Vernunft und Aufklärung lockten mich am 25. August 2022 um 14.20 in Berlin ins Kino, zwecks Besichtigung des allerneuesten Machwerks der Huldiger des politisch inkorrekten und deswegen mittels ‚kalter Bücherverbrennung‘ abzustrafenden Reiseschriftstellers Karl May. So ähnlich jedenfalls am 31.1.2022 Hadija Haruna-Oelker in der FR zum Film Der junge Häuptling Winnetou, der damals, parallel zu Karl Mays 180. Geburtstag, uraufgeführt werden sollte. Da sei Haruna-Oelker vor, die sich ganz weit aus dem Fenster lehnte: „Der Trailer verspricht Übles, was rassistische Klischees samt geschichtsrevisonistischer Romantisierung von Kolonialismus und dazugehörigen Völkermord angeht.“ Dass es ihr um das Ganze geht, zeigt der Nachsatz: „Aber wer will schon den Spirit von Karl May auflegen. Bravo! Oder Helau.“ (FR v. 31.1.22)

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28 Apr

Ist Trumpismus ohne Trump möglich?

Von Christian Niemeyer (Berlin)


Schwierige Frage: Wenn ich sie bejahe, beleidige ich Trump, wenn ich sie verneine, Putin. Andererseits: Wenn man dem US-Journalisten Craig Unger („Trump in Putins Hand. Die wahre Geschichte von Donald Trump und der russischen Mafia“; Econ: Berlin 2018) folgt, steckt der eine (Trump) ja ohnehin im anderen (Putin), nach Art der russischen Maruschka-Puppen. Mit – aktuell – Putin oben auf. Denn niemand hat unmittelbar vor und natürlich während des noch laufenden Überfalls auf die Ukraine derart viel gelogen wie dieser Lügenbaron des Jahrgangs 1952 (abgesehen vom letzten dieses Formats vom Jahrgang 1889). Einige Beispiele: Mindestens 30 Labore für Bio- und Chemiewaffen habe man in der Ukraine entdeckt, konnte in letzter Minute den „Neo-Nazis und Drogensüchtigen“ in Kiew das Handwerk legen – und, natürlich, der Klassiker, am 10. März von Lawrow („His masters voice!“) in Antalya zum Vortrag gebracht: „Wir haben die Ukraine nicht angegriffen!“ So betrachtet ist Putin aktuell der noch bessere Trump – noch konsequenter lügend des eigenen Machterhalts wegen, sich den Staat als Beute sichernd, schrittweise auch die Presse und die Medien, vor allem aber, woran bei Trump zum Glück nie zu denken war: unbesorgt als der agierend, dessen Metier Trumps Nachfolger Joe Biden auf die einfache Formel „Killer!“ brachte. Inzwischen wissen wir alle und haben es sprachlos zur Kenntnis nehmen müssen, dass dieses Urteil dringend der Ergänzung bedarf um die Vokabel: „Kriegsverbrecher!“ Was aber folgt daraus für unsere Ausgangsfrage? Nun, hoffentlich doch und diesmal für alle Zeiten: „Nie wieder! Nie wieder Krieg! Nie wieder Diktatur! Nie wieder Fanatismus!“ Deswegen, in Fortsetzung der Abrechnung aus meinem „Schwarzbuch Neue / Alte Rechte. Glossen, Essays, Lexikon“ (2021) mit nützlichen Idioten Putins, etwa Michael Klonovsky (Beinahe-AfD-Bundestagsabgeordneter für Chemnitz 2021), der im Sommer 2018, aus Moskau kommend, sein „Pionierehrenwort“ (oh Gott!) dafür einlegte, dass mit der Krim (und dem Abschuss eines holländischen Passagierflugzeugs?) Putins Hunger gestillt sei, nun ein weiteres Zitat aus jenem Buch, unverändert und nicht-kursiviert, auf dem Stand Sommer 2021.

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