
Praefaktisch wird 8 Jahre alt! Gedanken zu Philosophie, Öffentlichkeit und Bloggen
Von Gottfried Schweiger (Salzburg)
Vor acht Jahren kam praefaktisch auf die Welt. Und was für eine Geburt es war! Gleich fünf Beiträge haben wir am 10. April 2018 online gebracht: Einen Text von Elke Brendel zum populären Philosophieren, Patrick Zoll SJ schrieb über das Postfaktische, Volker Schürmann holte noch einmal Marx hervor, es gab ein Interview mit Mari Mikkola und schließlich eine Reflexion auf philosophische Fachzeitschriften der beiden Springer/Metzler Lektor:innen Andreas Beierwaltes und Franziska Remeika.
Die Welt hat sich seitdem, so könnte man vielleicht sagen, verändert und doch auch nicht. Der Blog wurde von uns praefaktisch genannt, weil damals eine Zeit des Postfaktischen diagnostiziert wurde. Nun acht Jahre später: Trump ist wieder Präsident und dominiert mit seinem erratischen Handeln nicht nur Teile diese Welt, sondern auch die öffentliche und vor allem mediale Aufmerksamkeit hierzulande, der Einfluss der (Sozialen) Medien auf Politik, Gesellschaft und Privatleben ist ungebrochen, die gesellschaftliche Polarisierung hat wohl nicht abgenommen. Vielleicht sind zwei Verschiebungen – sind es Brüche? – in den letzten Jahren hinzugekommen: Künstliche Intelligenz, vor allem in der Form von Large Language Models wie ChatGPT und der Krieg in der Ukraine. Erstere wird wahrscheinlich unser aller Umgang mit Text, Sprache und Worten nachhaltig verändern, was für die Philosophie als lesende und schreibende Disziplin besonders dringlich ist. Zweiteres hat die gesellschaftlichen Fliehkräfte zwischen Pazifismus und Bellizismus verstärkt, auch wenn es mittlerweile immer ruhiger um die Ereignisse dieses Krieges wird. Und ja, das soll hier nicht vergessen werden: in den Jahren seit der Gründung von praefaktisch gab es die COVID-19 Pandemie, die auch auf diesem Blog mit Dutzenden Beiträgen ihren Nachhall findet – vielleicht eignen sie sich demnächst als Quellenmaterial für philosophiehistorische Erkundigungen dieser Zeit und wie die Pandemie reflektiert und verhandelt wurde.
Dieser Blog geht nun also in sein neuntes Jahr. Er ist gewachsen und hat sich weiterentwickelt – nicht nur personell. Er findet Aufmerksamkeit, so manche spannende Diskussion hat er angestoßen, und hunderte Beiträge zu mehr oder weniger philosophischen Themen sind erschienen. Doch erfüllt praefaktisch weiterhin eine Funktion, die es wert ist, zu erfüllen? Soll es diesen Blog weitergeben, abseits davon, dass die Betreiber:innen nun einmal das für sich beschlossen haben? Wo stehen wir nun im Jahr 2026 mit dem philosophischen Bloggen? Auf diese Fragen will ich hier kurz reflektieren – was keineswegs die Meinung der Redaktion widerspiegelt, sondern nur meine eigene.
Vor acht Jahren sind wir angetreten, auch weil wir dachten, es gäbe eine Lücke, die es wert wäre, geschlossen zu werden. Ausgenommen kleinerer Projekte gab es keine philosophischen Blogs im deutschsprachigen Raum. Und es gibt auch heute noch keine wirkliche Konkurrenz. Dabei hätte die Philosophie – besser: hätten Philosoph:innen – doch viel zu sagen, abseits von den akademischen Formen des Austauschs in Zeitschriftenartikeln und Büchern und auch abseits der großen Medienfeuilletons, die natürlich nur begrenzt Platz und Ressourcen für die Philosophie haben und nach anderen medienökonomischen Spielregeln funktionieren. Wir wollten ein Forum sein, ein philosophischer Blog nicht (nur) der eigenen Meinung, sondern für alle, die in der akademischen Philosophie tätig sind. Das war damals unser Ziel und ich denke, das haben wir (großteils) auch erreicht. In knapp 850 Blogbeiträgen haben mehrere hundert Philosoph:innen gezeigt, was diese Disziplin zu sagen hat, zu allen möglichen Themen, zu Fachdiskussionen, zu ihrer Geschichte und Denker:innen, zu den kleinen und großen Fragen des menschlichen Lebens und den gesellschaftlichen und politischen Debatten. Um eine durchaus schlechte Metapher zu verwenden, auf praefaktisch hatten wir sowohl die Vögel, auf der Jagd nach den frühen Würmern als auch die Eulen, die erst spätnachts losfliegen. Bei allen Lücken und Verzerrungen, die der Blog sicherlich aufweist – zum Beispiel: wen haben wir eingeladen, wer hat sich bei uns gemeldet – steht praefaktisch für die Breite und Tiefe des Fachs, jenseits aller Schulgrenzen und auch jenseits von Klassen- und Standeszugehörigkeit der Personen im akademischen Betrieb. In diesem Sinne sind und wollen wir ein demokratisches Projekt bleiben, ein Forum, das (fast) alle aus der Philosophie zu Wort kommen lässt, wenn sie sich an die Öffentlichkeit wenden wollen.
Für praefaktisch spricht, dass Kolleg:innen, soweit wir das aus den Rückmeldungen ablesen können, dafür gerne schreiben und dass der Blog gelesen wird. Zumindest wissen wir, dass Blogbeiträge bei uns nicht ein ähnlich tragisches Schicksal erleiden wie philosophische Fachtexte in Zeitschriften: diese werden großteils nicht gelesen und nicht rezipiert. Die Fragen, ob wir (ausreichend) viele Leser:innen erreichen, ob wir die „richtigen“ Leser:innen erreichen, ob wir sogenannten impact haben – ich kann sie noch immer nicht beantworten, da mir weiterhin die Maßstäbe fehlen. Was ich sagen kann: im Durchschnitt haben wir pro Monat ca. 7.000 Besucher:innen, die 10.000 Seiten anklicken und knapp sechs Minuten auf praefaktisch verweilen.
Wir haben darüber nachgedacht, ob das gut ist, ob uns dieser Zahlen überhaupt interessieren (sollten). Auch, wie wir wachsen können, wie wir vielleicht mehr Menschen erreichen können, innerhalb und außerhalb der akademischen Philosophie. Noch immer sind wir so etwas wie ein Hobbyprojekt von Menschen, die neben dem Bloggen „echte“ Jobs und Verpflichtungen haben, ohne Geld und institutionelle Ressourcen und in gewisser Weise auch ohne Know-How, wie man ein Medium professionell betreibt, vermarktet und wachsen lässt. Vielleicht wird praefaktisch niemals in diesem Sinne professionell werden. Daher sind unsere Messinstrumente hierfür vor allem informeller Natur: solange wir vor allem aus der Community die Rückmeldung bekommen, dass praefaktisch bleiben soll, dass wir gelesen werden und eine Funktion erfüllen, solange, denke ich, ist es wert, das Projekt voranzutreiben. Vielleicht hätten wir gehofft, dass sich Bloggen stärker in der Wissenschaft und Philosophie etablieren wird, dass wir aktiviere Diskussionen in den Sozialen Medien führen, dass die Kommentarspalten voll sind mit engagierten Leser:innen – das hat sich so nicht erfüllt (und ist ein wichtiger Grund, weshalb wir auch keine Kommentarfunktion haben). Vielleicht ist es aber ausreichend gut, so wie es ist und vielleicht besteht die Wirkung der Beiträge in der Anregung von nicht-öffentlich ausgetragenen Diskussionen und von privaten Nachdenkprozessen. Und ja, es freut uns immer, wenn man uns schreibt oder anspricht und erwähnt, dass praefaktisch eine gute Sache ist. Ein bisschen Anerkennung hilft.
Vor acht Jahren habe ich selbst meinen ersten Blogbeitrag hier geschrieben und mich damals gefragt, ob und wie die Philosophie populär werden könnte. Ich weiß es eigentlich noch immer nicht, die Frage aber bleibt. Seitdem wurde u. a. PhilPublica ins Leben gerufen, deren Webseite ebenso eindrücklich zeigt, wie viel Philosophie in den Medien repräsentiert ist. Bloggen ist hier eine gute Ergänzung, ein Puzzlestück. Auch weil es keine Bezahlschranke gibt – zumindest praefaktisch ist kein kommerzielles Projekt. Wir können niemanden bezahlen, aber wir kosten unsere Leser:innen auch nichts. Vielleicht spielt das angesichts des Publikums, das sich für Philosophie interessiert keine besonders große Rolle, da dieses sowieso über entsprechende Abos von Zeit, SZ, FAZ oder dem Philosophie Magazin verfügt. Das schmälert den ideellen Wert eines kostenlosen Zugangs zur Philosophie in meinen Augen aber nicht. Ebenso wertvoll ist, dass wir Platz haben. Für ein oder zwei Texte pro Woche und diese sollten zwar in der Länge nicht ausufern – manche tun es – aber die ca 10.000 Zeichen, die wir pro Text anvisieren, geben dennoch genügend Spielraum, Argumente und Positionen zu entfalten. Das ist die Nische, die wir bespielen. Sie erlaubt es, wenn man sie nutzen will, kluge Gedanken zu äußern, die wir in der öffentlichen Diskussion brauchen, die wir manchmal aber auch einfach gerne lesen, weil sie uns etwas sagen.
Vor wenigen Wochen ist Jürgen Habermas gestorben. Wir haben nie angefragt, ob er auf praefaktisch veröffentlichen will, dafür hatten wir dann doch nicht genügend Selbstvertrauen. Aber er ist für einen Diskurs über alle Fragen, die uns als Gesellschaft betreffen, eingestanden, und dafür ist es gut, dass es auch Plattformen und Medien wie praefaktisch gibt. Dass philosophisch gebloggt wird. Nicht nur im engeren Sinne, dass Philosoph:innen sich direkt einbringen und sich zu Sterbehilfe, Migration, COVID-Maßnahmen, der Aufrüstung oder der Durchdringung und Regulierung von KI und anderen Technologien äußern, sondern auch in einem weiteren Sinne, dass auch das Philosophieren über gänzlich scheinbar unaktuelle Themen und Fragen der Tradition und Theorien für die Leser:innen und die Öffentlichkeit wertvoll sein kann. Das Jammern über die Spezialisierung und damit verbundene öffentliche und lebenspraktische Irrelevanz der Philosophie ist keineswegs neu – aber u. a. praefaktisch zeigt, dass diese Spezialisierung und der Rückzug in die englischsprachige dominierte Fachdebatte der Journale nur ein Aspekt von Philosophie ist und sie sich nicht darin erschöpfen muss.
Es geht beim philosophischen Bloggen nicht nur um die sogenannte Anschlussfähigkeit an Diskurse, sondern auch um die Disruption, das Durchbrechen und Herausfordern von Intuitionen und eingeübten Denkweisen und Wertüberzeugungen. Das kann Philosophie leisten. Und diese Aufgabe stellt sich immer wieder, sie kann nicht erschöpfend abgehandelt und ad acta gelegt werden. Bloggen ist kurzfristig ja. Und doch bleiben diese Texte, man kann auf sie lange und unkompliziert zurückgreifen. Und es ist gut, das, was geschrieben wurde, auch immer wieder neu zu schreiben, sei es, weil sich neue Fragen stellen, die Rahmenbedingungen verändern, neue Technologien auftreten, sich Werte verschieben, Krisen ausbrechen oder gelöst werden, die Kontexte sich wandeln, weil sich in der Gesellschaft etwas verschiebt, oder auch einfach, um die Stimme und die Argumente nochmals einzubringen, weil vieles lange ungelöst bleibt.
Daher ist philosophisches Bloggen auch immer mal Wiederholung, aber das ist, bei allem Anspruch, Neues zu sagen, kein Makel. Dass auch dieser Text einer von vielen ist, die hier und andernorts zur Frage der öffentlichen Philosophie erschienen sind – und durchaus einiges wiederholt, was ich selbst schon geschrieben habe –, ist Ausdruck dessen, dass es eben immer wieder wert und nötig ist, zu diesen Fragen zurückzukehren. Philosophisches Bloggen ist eben nicht die Minivariante eines Fachaufsatzes, der den Anspruch hat, eine Antwort zu geben, die eine längere Halbwertszeit als wenige Wochen oder Monate hat. Es genügt beim Bloggen nicht, darauf zu verweisen, dass dieses oder jenes bereits vor acht, fünf oder zwei Jahren geschrieben wurde. Als Medium ist das Bloggen auf Aktualität gestellt. Philosophieren in diesem Medium lebt davon immer wieder zu alten und neuen Fragen zurückzukehren, neue Perspektiven einzubringen, Argumente zu wälzen. Es darf polemisch herausfordern, manchmal ausschweifen, manchmal verkürzen, gern auch elegant, humorvoll, emotional geschrieben sein … jedenfalls sollte es immer das Denken anregen.



