22 Apr

Kant zwischen Buchstabe und Geist

Von Lucian Ionel (Leipzig)

Wenn wir Kants Textkorpus untersuchen, stoßen wir zunächst auf die Grenze des Buchstabens. Der Buchstabe ist die Grenze des Geistes: Der Geist kann sich nur im Buchstaben verstehen; der Buchstabe ist aber auch die Weise, in der er sich verfehlen kann. Davor warnt uns Kant, wenn er sagt, Philosophie könne man nicht lernen. Er meint damit, dass philosophische Erkenntnis nicht in der Form von Lehrsätzen erworben werden kann. Philosophische Erkenntnis kann man nur erwerben, indem man philosophiert. Das Einzige, was wir von ihm lernen können, ist das Philosophieren. Wenn wir Kant stattdessen buchstäblich lesen, dann grenzen wir unser Verständnis dessen, was wir sind, selbst ein.

Die Übersetzung des kantischen Geistes in Buchstaben wird deutlich in der Art und Weise, wie seine Kritik unserer Erkenntnisvermögen – also seine Artikulation dessen, was wir von dem wissen, was wir als geistige Lebewesen können – zumeist verstanden wird. Allzu oft wird Kants Unterfangen als eine Aneinanderreihung gegebener Dispositionen verstanden – als wären die Erkenntnisvermögen Dispositionen des Geistes, so wie die Zerbrechlichkeit eine Disposition der Knochen ist. Kant aber mahnt, dass es eine natürliche Illusion unserer Selbsterkenntnis ist, das Subjekt für ein Objekt, unser selbstbewusstes Können für eine gegebene Anlage zu halten. Diese Einsicht ist Ausdruck seines kritischen Geistes in der Frage der philosophischen Psychologie, der Selbsterkenntnis des Menschen. Diesen kritischen Geist brauchen wir auch heute – auch um Kant nicht als ein bloßes Lehrgebäude, als toten Buchstaben am Leben zu erhalten.

22 Apr

Kann man heute (noch) grenzenlos Kantianer sein?

Von François Ottmann (Toulouse)

Die Frage ist doppeldeutig. Grenzenlos Kantianer sein bedeutet zunächst, ähnlich wie man grenzenlos glücklich sein kann, dass man durch und durch Kantianer sein könnte, das heißt, dass man Kants System absolute – unbeschränkte, ohne Grenze oder Schranke – Gültigkeit einräumt, oder um mit Kant zu sprechen: dass es allgemein gültig wäre. Diese Allgemeinheit führt aber zu einem zweiten Verständnis der Frage: Kann man heute noch über die (politischen) Grenzen hinaus – das heißt nicht nur im westlichen, eurozentrischen Denken – Kantianer sein? Erkennt man aber die gegenseitige Abhängigkeit beider Fragen, fragt sich letztlich: Wie allgemein kann tatsächlich ein System gelten, das so angelegt ist, dass es nur dadurch gelten kann, dass es allgemein gilt? Kants Idee des Transzendentalen erzwingt diese Frage. Mit ihr stößt man offenbar an Kants Grenzen, an jene Krise der Universalität, die mit der Aufklärung in Westeuropa ansetzt und neue Wissensparadigmen – etwa der Geisteswissenschaften – notwendig macht. An dieser Paradoxie selbstreferentieller (reflexiver) Vernünftigkeit grenzt also offenbar Kants Denken. Sollte jedoch diese Grenze nicht gerade als positives Produkt von Kants System betrachtet werden? Macht dieses Grenzen an der Antinomie selbstreferentieller Vernünftigkeit nicht gerade diejenige Krise aus, die sich nur in einer Kritik aussprechen kann, und somit die Grundform jeglicher künftigen Philosophie bestimmt (das heißt, in einem nun problematisch anmutenden Sinne, begrenzt)?

22 Apr

Das Antiquierte und Unzeitgemäße bei und in Kant

Von Dina Emundts (Berlin)

Angenommen, wir sehen Kinder im Sandkasten spielen; das eine siebt den Sand und teilt Sand, Stöckchen und Steinchen säuberlich in drei Eimer, geht dann dazu über, die Steine nach Größen zu sortieren und die Stöcke zur Hecke zu bringen; all dies, während das andere aus dem Gemisch ein Haus gebaut hat, in dem man jetzt spielen könnte. Wenn die dabeisitzenden Eltern die Berufe ihrer Kinder erraten müssten, wo würden sie den der Philosophie vermuten?

Kant hätte nicht gezögert. Das Kind mit den gründlichen Trennungen wäre es gewesen. In der Methodenlehre der Kritik der reinen Vernunft schreibt Kant: „Was Chemiker beim Scheiden der Materien, was Mathematiker in ihrer reinen Größenlehre tun, das liegt noch weit mehr dem Philosophen ob, damit er den Anteil, den eine besondere Art der Erkenntnis am herumschweifenden Verstandesgebrauch hat, ihren eigenen Wert und Einfluß sicher bestimmen könne.“

Hier, wie an vielen anderen Orten, macht Kant deutlich, dass Philosophie Ordnung herstellt, dass sie dem ‚Herumschweifen‘ entgegenwirken sollte und dass sie auch in ihrem Auftritt möglichst trocken und nüchtern sein muss. An einer anderen Stelle heißt es bei Kant: „Im Grunde ist wohl alle Philosophie prosaisch; und ein Vorschlag, jetzt wiederum poetisch zu philosophieren, möchte wohl so aufgenommen werden, als der für den Kaufmann: seine Handelsbücher künftig nicht in Prosa sondern in Versen zu schreiben.“

Ich möchte nicht sagen, dass Kant hier ein falsches Bild der Philosophie hat. Ordnung schaffen, Sortieren sowie klare Grundsätze und Nüchternheit zu pflegen, sind philosophische Tugenden. Das Ideal, das Kant hier geschaffen hat, war prägend und ein Stück weit hänge ich ihm auch an. Dann aber wurmt es mich plötzlich, ob dies nicht das Bild der Philosophie als einer Begriffspolizei bedingt hat, das mir manchmal in anderen Disziplinen begegnet ist und das ich auf keinen Fall als Ideal meiner Arbeit ansehe. Hatte Hegel nicht Recht, die Dialektik als die bessere Methode der Philosophie darzustellen? Muss in einer komplexen, lebendigen Welt die Philosophie nicht die Kunst der Übergänge mehr als die der Trennungen pflegen? Und muss sie dies wirklich immer so nüchtern tun? Soll sie ordnen und sortieren oder soll sie etwas bewohnbar machen und herstellen? Fehlt es unserer Zeit an Emphase oder an Nüchternheit von Seiten der Philosophie? Unzeitgemäß ist vielleicht am Ende sogar die Trennung von diesen Beiden: Nüchternheit und Emphase werden heute gar nicht mehr als Gegensätze verstanden. Wenn Kant hierin „unzeitgemäß“ ist, dann ist dieser Ausdruck aber nun in dem Sinne gemeint, dass etwas unzeitgemäß ist, wenn es aus einer anderen Zeit ist, in einem gewissen Kontrast zur eigenen Zeit steht und gerade dadurch etwas Überraschendes, Aufweckendes und Neues haben kann – das gilt dann bei diesem Thema auf jeden Fall von Kants Bemerkungen dazu, was für einen Charakter die Philosophie hat.

20 Feb

Robert Bernasconi on the relationship between phenomenology and critical philosophy of race

In Kooperation mit dem Journal für Phänomenologie veröffentlichen wir dieses Interview mit Robert Bernasconi, geführt von Marc Rölli, zum Verhältnis von Phänomenologie und critical philosophy of race und Postkolonialismus, u.a. mit Bezug auf bei Sartre, Levinas, Heidegger und Kant.


Marc Rölli: In German-language phenomenology, to this day your work not only on phenomenology but also your work on race and racism is known to many. This is at least partly due to the fact that you were present in the context of the DFG Research Training Group »Phenomenology and Hermeneutics« and the resulting working group »Phenomenology and Recent French Philosophy« at the Ruhr-Universität Bochum in the circle of Bernhard Waldenfels. Would you describe to our readers how you found access to the graduate school or the later working group – and how you perceived the cooperations with Waldenfels and his collaborators?

Robert Bernasconi: My first visit to Bochum to be a participant in some workshops of the research group gathered around Bernhard Waldenfels was so long ago that I no longer remember the precise details of how the initial invitation came about. All that I can say is that it was very important for me as a young philosopher to be exposed to the ideas not only of Waldenfels himself, who always asked such insightful questions, but also of the brilliant scholars who were part of that same group. You need to know that during the period of my philosophical formulation in England I was somewhat isolated. To be sure, my supervisor at the University of Sussex, Rickie Dammann, placed a great deal of trust in me, as did my colleagues at the University of Essex where I taught from 1976 to 1988. I owe them a great deal for that, but I was essentially self-taught. For example, I was among the very first to read Levinas in England. To be able to be part of the conversations in Bochum, to be able to engage with people who had read the texts with the same care, was more important to me than anybody there could have imagined. But it was also great fun. I remember a party after the work was done when with what in those days was called a boombox (Ghettoblaster) we danced on the grass surrounding the University. 

Weiterlesen
07 Sep

Neuer Wein in alten Schläuchen?! Philosophische Rassismuskritik zwischen Akademisierung und Katalyse

von Peggy H. Breitenstein (Jena)

Bei Betrachtung der jüngsten deutschsprachigen Debatten um das rassistische und kolonialistische Erbe der Philosophie zeigen sich aufschlussreiche Tendenzen. Einige von ihnen erinnern an vergangene Zeiten, in denen dieses Thema auch bereits kürzere Konjunkturen erlebte, bevor es dann wieder erfolgreich verdrängt oder vergessen wurde. Doch diesmal scheinen sich auch Entwicklungen anzubahnen, die wirklich neuartig sind, und manche könnten Gärstoff enthalten, der alte Schläuche zum Bersten bringt.

Weiterlesen
24 Aug

Antiziganismus – (K)Ein Thema für die Philosophie?

Laura Soréna Tittel (Justus-Liebig-Universität Gießen)

Die Verstrickung der Philosophie in den Rassismus wurde in den letzten Jahren heiß diskutiert. Von Antiziganismus war dabei jedoch kaum die Rede. Vielmehr wurde dem klassischen philosophischen Kanon vorgeworfen, Rechtfertigungen für den Kolonialismus und für rassistisch bestimmte Hierarchien hervorgebracht zu haben. Doch wie verändert sich der Blick, wenn man in den philosophischen Schriften nicht nur nach rassistischen Denkmustern sucht, sondern explizit nach antiziganistischen? Ist die Philosophie auch in den Antiziganismus verstrickt oder kann sie etwa helfen, ihn besser zu verstehen?

Weiterlesen
18 Jul

Wie umgehen mit dem rassistischen Erbe in der Philosophie? Die richtigen Fragen stellen!

von Andrea Esser (Universität Jena)

In vielen klassischen Texten der philosophischen Tradition kann man auf Passagen treffen, die – mindestens nach heutigen Maßgaben – als rassistisch zu beurteilen sind. Die Philosophie hat, wie viele andere Fächer auch, damit begonnen, sich mit diesem rassistischen Erbe auseinanderzusetzen. Sofern philosophische Vorurteilskritik, die Prüfung erhobener Ansprüche, die Aufdeckung von Schein und Ideologiebildung in der Philosophie ihrerseits eine lange Tradition haben und durchaus zum Kerngeschäft philosophischen Arbeitens gerechnet werden, könnte man meinen, dass diese Aufgabe keine sonderliche Herausforderung für das Fach darstellt. Viele philosophische Theorien bieten ein geeignetes begriffliches und methodisches Instrumentarium zur (macht- bzw. ideologie-)kritischen Textanalyse, aber auch, um die philosophische Theoriebildung und sogar noch die Praxis des Philosophierens der Selbstkritik auszusetzen. Ob die Auseinandersetzung mit dem rassistischen Erbe aber auch im konkreten Fall selbstkritisch ausfällt, hängt vor allem von den Fragen ab, mit denen sie eröffnet wird. Bereits die Fragestellung lenkt den Fokus der Auseinandersetzung auf bestimmte Gegenstände und entscheidet darüber, ob etwa vorrangig über die Vergangenheit gerichtet wird oder ob rassistische Vorurteile und ausschließende sowie einschränkende Rahmenbedingungen auch der gegenwärtigen philosophischen Praxis mit zum Thema gemacht werden. Ist Letzteres der Fall, könnte die selbstkritische Beschäftigung mit der eigenen Tradition auch neue, um die Kritik erweiterte Sicht- und Verfahrensweisen, ein geschärftes Problembewusstsein und eine gesteigerte Sensibilität für die eigene Situiertheit und die damit verbundenen Grenzen eröffnen. Für ein Philosophieren in einer globalisierten Welt könnte diese Erweiterung des Fokus möglicherweise wichtig sein …

Weiterlesen
21 Feb

Dreimal Zufall bei Kant

3 gestapelte Würfel vor rotem Hintergrund

Anne Tilkorn (Berlin)


Der folgende Beitrag ist auch als Podcast verfügbar.

Ich unterscheide drei Begriffe von Zufälligkeit: modale, teleologische und ästhetische. Der Schwerpunkt liegt auf der ästhetischen Zufälligkeit, denn weder im Bereich der theoretischen Philosophie, noch in dem der Teleologie, spielt die Zufälligkeit eine so bedeutende Rolle wie in der Ästhetik. Die unterschiedlichen Positionen will ich im Folgenden von einander abgrenzen. Ich beginne mit dem Zufall in der Welt der Erfahrung, komme zweitens zum Zusammenhang von Zufall und Zweckmäßigkeit in der Teleologie und drittens zu der Zufälligkeit, die den ästhetischen Kosmos konstituiert.

Weiterlesen
05 Jan

Was ist digitale Aufklärung? Kant und das Problem der neuen Medien

Jörg Noller (Universität Konstanz)

In unserer hochdigitalisierten Welt ist eine digitale Aufklärung gerade deswegen nötig, weil die Digitalisierung nicht nur neue Möglichkeiten und Freiheiten eröffnet, sondern auch die Gefahr einer digitalen Unmündigkeit mit sich führt. Immanuel Kant hatte vor über 200 Jahren Aufklärung als „Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit“ (8:35) bestimmt. Inwiefern ist jedoch Kants Begriff der Aufklärung für die gegenwärtigen Entwicklungen und Probleme der Digitalisierung noch relevant? Inwiefern unterliegen wir einer „digitalen Unmündigkeit“ und bedürfen deswegen einer „digitalen Aufklärung“?

Weiterlesen
02 Mai

Zwischen Interpretation und Adaption: Rawls im Dialog mit Kant

Von Jakob Huber (Frankfurt)


John Rawls habe die normative politische Philosophie im und für das 20. Jahrhundert wiederbelebt, so eine weiterverbreitetes (wenngleich zunehmend kritisiertes) Narrativ. Während sich sein Rang in der Ahnengalerie der Gerechtigkeitstheorie 50 Jahre nach der Erstveröffentlichung seines Hauptwerkes weiter festigt, werden Rawls‘ eigene Arbeiten zur Geschichte der Philosophie weiterhin kaum beachtet. Wie ich in diesem Beitrag zeigen möchte, stehen diese Rawls‘ eigenem Theoriekonstrukt sicherlich in ihrer Originalität, weniger jedoch in ihrer Wirkmächtigkeit nach. Insbesondere Rawls‘ Kantinterpretation hat sich – zum Guten oder zum Schlechten – gerade im angloamerikanischen Kontext als einflussreich entpuppt. Begünstigt durch Rawls‘ häufig undurchsichtige Kombination aus Interpretation, Adaption und Modifikation sowie vermittelt durch eine Reihe Kant-affiner Schüler:innen lässt sich ein Bild eines wechselseitiges Verhältnis Rawlsscher und Kant’scher Ideen zeichnen.

Weiterlesen