31 Jul

Naturalismus, Ontologie und Geschichte bei Marx. Eine Metareplik

Von Kurt Bayertz (Münster)


In seiner Replik auf meinen in diesem Blog erschienenen Marx-Beitrag, sowie auf mein Buch Interpretieren, um zu verändern[1], hat Urs Lindner drei zentrale Thesen meiner Überlegungen hervorgehoben und als „überaus fragwürdig“ charakterisiert. Bevor ich auf seine Kritik an diesen Thesen zu sprechen komme, möchte ich zwei allgemeine Bemerkungen voranschicken.

Zunächst fällt auf, dass Lindner ein zentrales Charakteristikum der Theorie von Marx völlig unberührt lässt: ihren Praxisbezug. Dieser Bezug ist von zentraler Bedeutung für das Verständnis dieser Theorie und liefert daher einen entscheidenden Interpretationsleitfaden bis in ihre (scheinbar) abstraktesten metaphysischen Annahmen hinein. Eine adäquate Metareplik auf die von Lindner erhobenen Einwände müsste daher von diesem Praxisbezug ausgehen, den ich bereits im Titel meines Buches angedeutet habe. Aus Platzgründen ist das leider nicht möglich, so dass ich mich an dieser Stelle damit begnügen muß, auf einige der einschlägigen Stellen meines Buches zu verweisen: [53ff; 228ff; 245f]. Alle drei von Lindner hervorgehobenen Thesen stehen mit dem von Marx angestrebten Praxisbezug seiner Theorie in Zusammenhang.

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19 Jul

Produktionsverhältnisse, Produktivkräfte, Proletariat: Präfaktisch denken mit Marx

von Eva Bockenheimer (Köln)


„Fakten, Fakten, Fakten“ – mit diesem Werbespruch buhlte ein großes deutsches Nachrichtenmagazin in den 1990er Jahren um die Leserschaft. Dieser Werbespruch war so erfolgreich, dass er zu einer Art geflügeltem Wort wurde und sogar Eingang in die Satire fand. Sogenannte „Fakten“ stehen immer noch hoch im Kurs und werden kritisch gegen postfaktische Meinungsmache ins Feld geführt. Auch Karl Marx hat die Fakten seiner Zeit intensiv studiert und selbst statistische Daten gesammelt, z.B. über die Weltwirtschaftskrise von 1857. Eine marxistische Analyse der Gegenwart muss also selbstverständlich informiert sein über die bestehenden Fakten und diese gegebenenfalls auch gegen das Postfaktische ins Feld führen. Aber Marx wusste auch, dass alle Wissenschaft überflüssig wäre, „wenn die Erscheinungsform und das Wesen der Dinge unmittelbar zusammenfielen“ (MEW 25, 825). Fakten allein, nicht zuletzt, weil sie meist widersprüchlich sind, lassen uns also noch nichts begreifen – dazu müssen wir den inneren Zusammenhang dieser Fakten erfassen. Haben wir den Zusammenhang begriffen, erscheinen nicht nur die Fakten oft in einem ganz anderen Licht, sondern auch die postfaktischen Gefühlslagen, deren Ursache wir dann vielleicht besser verstehen können. Das rechtfertigt zwar nicht die oft reaktionären Forderungen, die auf Grundlage postfaktischer Affekte gestellt werden. Aber es kann in manchen Fällen – sofern das Postfaktische nicht ohnehin bloß der Machtdemonstration dient – vielleicht ein Gespräch eröffnen über die wahren Ursachen für den postfaktischen Unmut und die bestehende Wut dorthin lenken, wo sie eigentlich hingehört.

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03 Jul

Marx’ naturalistischer Materialismus. Eine Replik auf Kurt Bayertz

von Urs Lindner (Erfurt)


In denjenigen Teilen der Sozial- und Kulturwissenschaften, die sich als kritisch verstehen, hat in den letzten Jahren ein erstaunlicher Wandel stattgefunden. Wo Poststrukturalismus und Sozialkonstruktivismus über mehrere Jahrzehnte dominierten, wollen viele Autor*innen nun auf einmal ‚materialistisch’ sein. Das Versprechen, dieses Bedürfnis zu befriedigen, liefern eine Reihe ‚neuer’ Materialismen und Realismen: sei es der ‚agentielle Realismus’ von Karen Barad, der eigentlich ein Phänomenalismus im Gefolge von Berkeley und Mach ist; sei es der deuleuzianische Assemblagen-Realismus von Manuel DeLanda; seien es die feministischen Vitalismen von Jane Bennett und Elizabeth Grosz; sei es Quentin Meillassouxs rationalistisch-materialistische Kritik an Kants ‚Korrelationismus’ oder Graham Harmans Dingontologie etc.pp. Was alle diese ‚neuen’ Ansätze gemeinsam haben, ist zweierlei: 1) Sie übergehen – mit Ausnahme von DeLanda[1] – das humangeschichtlich Soziale als emergente Realitätsebene. 2) Sie wissen nicht so recht, was sie mit Marx uns seinem Materialismus anfangen sollen, der 1845 in den Thesen über Feuerbach ja auch als ‚neuer’ Materialismus angetreten war.

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31 Mai

Die doppelte Religionskritik bei Marx

von Christoph Henning (Erfurt)


Bereits der junge Marx hat wichtige Beiträge zur Kritischen Theorie verfasst: neben einer Kritik des Rechts und der Politik etwa eine Kritik der Religion. Diese hängt eng mit einer Auseinandersetzung um die Pressefreiheit als Motor der Demokratisierung zusammen, die Marx zuvor geführt hatte. Zum einen waren religiöse Themen, oder besser: die Kritik an religiösen Themen, ein Gegenstand, der oft von Zensurmaßnahmen betroffen war. Eine Religionskritik hatte beispielsweise zum Berufsverbot von Marxens Mentor Bruno Bauer geführt, weswegen Marx überhaupt zum Journalisten geworden war (als Plan B, anstelle einer akademischen Anstellung). Zum anderen wurde zur Rechtfertigung dieser Zensur ebenfalls auf bestimmte theologische Annahmen rekurriert; Religion wurde also politisch instrumentalisiert. Marx kritisiert beides, sowohl die Religion selbst als auch ihre politische Instrumentalisierung. Die beiden Kritiklinien treten häufig zusammen auf, sind in der Sache aber zu trennen – und zwar deswegen, weil die Kritik an der Instrumentalisierung von Religion selbst auf theologische Argumente zurückgriff. Der Lehrstuhl seines Mentors Bauer wäre ein theologischer gewesen, und man kann davon ausgehen, dass Marx nicht nur mit der Bibel, sondern auch mit der zeitgenössischen Theologie gut vertraut war.

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05 Mai

Marx oder Marxismus?

von Tilman Reitz (Jena)


Unter Menschen, die Marx als undogmatischen Denker loben wollen, wird er häufig mit der Äußerung zitiert: „je ne suis pas Marxiste“ (MEW 37, 436). Er hatte gut reden, er war ja Marx. Friedrich Engels, der über die Äußerung berichtet und sie verbreitet hat, gilt in einer neueren Biografie (bzw. im Titel ihrer Übersetzung) dagegen bereits als „Mann, der den Marxismus erfand“.[1] Liest man genauer nach, beginnt man zu ahnen, dass die Ablehnung und die Erfindung der Schule zusammenpassen. An Paul Lafargue schreibt Engels erneut: „Diese Herren machen alle in Marxismus, aber sie gehören zu der Sorte, die Sie vor zehn Jahren in Frankreich kennengelernt haben und von denen Marx sagte: ‚Alles, was ich weiß, ist, dass ich kein Marxist bin!‘ Und wahrscheinlich würde er von diesen Herren das sagen, was Heine von seinen Nachahmern sagte: Ich habe Drachen gesät und Flöhe geerntet.“ (Ebd., 450) Die Absage an den -ismus geht unmittelbar mit dem Verweis auf die reine Lehre des Gründers einher, die von den jeweils anderen -isten leider völlig verfehlt wird. Michel Foucault hat den Vorgang allgemein beschrieben: Deutungstraditionen, die an „Diskursbegründer“ wie Marx oder Freud anschließen, schreiben sich genau dadurch fort, dass man diese Begründer immer wieder neu liest. Ohne diejenigen, die Marx vehement gegen einen verfestigten Marxismus verteidigen, gäbe es den letzteren gar nicht.

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01 Mai

Die Aktualität von Marx

von Christian Schmidt (Leipzig)


Die Frage, in welcher Hinsicht Karl Marx eigentlich noch aktuell ist, wird immer häufiger gestellt, je näher der 5. Mai 2018, der 200. Geburtstag von Marx, rückt. Die Frage irritiert mich offen gestanden etwas – wobei ich aber gleich zugebe, dass diesbezüglich wahrscheinlich eine déformation professionelle zu diagnostizieren ist –, weil kaum jemals nach der Aktualität von Wittgenstein, Hegel, Spinoza oder Platon gefragt wird.

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19 Apr

Das Volk erreichen! Aber wie?

von Gottfried Schweiger (Salzburg)


Mit ein bisschen anderer Schwerpunktsetzung könnte dieser Beitrag auch in unseren Themenblock zum Marxjubiläum passen. Schließlich ist Marx doch in einem doppelten, ja vielleicht sogar dreifachen Sinne ein populärer Philosoph. Erstens ist Marx einer der wenigen echten houshold names in der Philosophie. Wahrscheinlich kennt ihn wirklich (fast) jeder und er war doch, wenn ich mich recht erinnere, sogar in einer TV-Show bei der Wahl zum „besten Deutschen“ ganz weit oben. Das nenn‘ ich mal populär. Dagegen können Kant und Hegel, aber auch Nietzsche und die „jungen Wilden“ wie Habermas und Gadamer einpacken. Zweitens gibt es wohl wenige Philosoph_innen, die sich so sehr darum bemüht haben, die Öffentlichkeit zu erreichen und zu beeinflussen wie Marx. Und es gibt wahrscheinlich auch keinen, der mehr Einfluss auf die Öffentlichkeit entwickelt hat. Man kann also dahingehend wohl von Marx einige Dinge lernen. Drittens, aber da bin ich mir nicht ganz so sicher, hatte Marx sogar eine ganz gute Vorstellung davon, was mit populär überhaupt sinnvoll gemeint sein könnte – ja, wer ist das Volk, das populus, um das es hier geht? Marx‘ Schriften geben zumindest ein paar Hinweise darauf, um wen man sich als Philosoph_in bemühen soll, wen man also versuchen sollte, mit seinen Schriften und Argumenten zu erreichen und zu überzeugen. Natürlich wurde und wird Marx in allen Klassen – hier im Marxschen Sinne – gelesen und rezipiert, aber das eigentliche Subjekt – der Geschichte und auch der Marxschen Agitation und Philosophie – ist dann doch die Arbeiterklasse. Wenn man auf dem Weg dahin auch ein paar Bürgerliche und Kapitalisten überzeugen kann, dann ist das ja schön und gut, aber wichtiger sind andere.

Ich will hier aber eben keinen Marx-Beitrag schreiben, sondern einen, der der Frage nachgeht, was populäre Philosophie sein kann und was sie sein sollte. Leicht angelehnt an Gedanken, die einer Marx-Lektüre entspringen könnten, interessieren mich dabei vor allem solcherart Fragen: Warum und wozu will man hier populär sein und die Menschen verführen, manipulieren, anregen? Schließlich die Frage nach dem Objekt der Begierde solch populärer Philosophie, also dem Publikum, das von ihr so gerne und mitunter verzweifelt gesucht wird. Wer ist das Volk einer solchen volkszugewandten Philosophie?

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17 Apr

Karl Marx und die Möglichkeit eines nichtnaturalistischen Materialismus

von Kurt Bayertz (Münster)


I. Drei Ausgangsthesen

Man kann sich der Theorie von Marx unter verschiedenen Gesichtspunkten nähern. Man kann etwa nach ihrer Tragweite für die Analyse gegenwärtiger  ökonomischer (und anderer) Krisenerscheinungen fragen. Eine solche aktualisierende Herangehensweise ist natürlich legitim. Sie setzt aber voraus, was wir bestenfalls in Ansätzen haben: Ein adäquates Verständnis der Marxschen Theorie. Ich gehe demgegenüber von der These aus, dass ein solches Verständnis erst noch zu erarbeiten ist. Dies gilt in besonderem Maße für ihren philosophischen Gehalt. – Unter Anhängern wie Gegnern ist bis heute umstritten, ob es einen solchen philosophischen Gehalt bei Marx überhaupt gibt. Hat er sich selbst nicht ausdrücklich von aller Philosophie distanziert, als er in Kooperation mit Friedrich Engels schrieb: „Philosophie & Studium der wirklichen Welt verhalten sich zueinander wie Onanie & Geschlechtsliebe“[1]?

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10 Apr

Noch einmal!? Marxismus und Philosophie

von Volker Schürmann (Köln)


Wie bloß beginnen? Womit muss heute der Anfang einer wissenschaftlichen Erörterung des Verhältnisses von Marxismus und Philosophie gemacht werden? Ist nicht alles dazu gesagt, was es dazu zu sagen gibt? Etwa von Korsch (1923), von Fracchia (1987), von Balibar (1995). Und war es etwa nicht sowieso egal, was in solchen Texten stand, weil die je eigene Lesart sowieso unirritierbar war?

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