
Roboter für die Betreuung von Menschen mit Demenz – Die Perspektive des Digitalen Humanismus
von Martina Schmidhuber (Kufstein) –
Isaac Asimov, ein russisch-amerikanischer Biochemiker und Science-Fiction-Autor, formulierte 1950 in seinem Roman I, Robot Robotergesetze1, in denen es um das Zusammenleben von Robotern und Menschen geht. Dabei steht im Vordergrund, dass Roboter den Menschen keinen Schaden zufügen dürfen. (Asimov 2013) In diesem Sinne können Asminovs Überlegungen als Vorläufer des aktuellen Digitalen Humanismus verstanden werden.
Was vor über 70 Jahren noch Science Fiction war, ist inzwischen zur Realität geworden. Roboter helfen uns im Haushalt (Staubsauger-Roboter), im Garten (Rasenmäher-Roboter), aber auch in der Betreuung von Menschen mit Demenz (MmD) werden inzwischen Roboter eingesetzt. In diesem Kontext sind die prominentesten Beispiele Paro und Pepper. Die Roboter-Robbe Paro, wird MmD auf den Schoß gesetzt, um ihnen Wohlbefinden zu vermitteln. Der Roboter, der optisch einer echten Robbe nachempfunden ist, hat ein streichelweiches Fell, bewegt sich und gibt Geräusche von sich. Pepper ist ein circa einen Meter großer, fahrbarer Roboter mit Kindchenschema und einem einfach bedienbaren Tablet. Pepper unterhält Menschen mit und auch ohne Demenz und animiert sie, z. B. ins Freie zu gehen oder mehr Wasser zu trinken. Er kann auch Witze erzählen, Musik abspielen und „tanzen“.
Ich möchte Roboter in der Betreuung von MmD aus der Perspektive des Digitalen Humanismus betrachten, diese jedoch klar von der Pflege abgrenzen. Während Betreuung von MmD wesentlich früher erforderlich ist – Beispiele wären begleitete Spaziergänge wegen des Symptoms der Orientierungslosigkeit oder Unterstützung bei Einkäufen von Lebensmitteln – bewegen wir uns in der Pflege schon in einem fortgeschrittenen Stadium.
Autonomie
Zunächst ist es wesentlich, zu klären, in welcher Verfassung oder in welchem Zustand MmD sind. Denn ginge man davon aus, dass MmD ohnehin nichts mehr entscheiden können, wäre die Entscheidung, Roboter für ihre Betreuung einzusetzen, eine von Dritten, etwa den Angehörigen. Die Entscheidungsautonomie von MmD ist aber, je nach Form und Stadium der Demenz, durchaus noch vorhanden. Ihre Autonomie nimmt im Laufe der Erkrankung graduell ab. Autonomie (in diesem Fall Entscheidungsautonomie) ist keine Alles-oder-nichts-Fähigkeit. MmD können häufig noch sehr lange kleinere Dinge entscheiden, brauchen jedoch, je weiter die Demenz fortgeschritten ist, immer mehr Unterstützung bei ihren Entscheidungen, weil die kognitiven Fähigkeiten abnehmen.
Feministische Philosophinnen haben das Konzept der relationalen Autonomie vorgelegt, das sich für MmD besonders gut eignet. Die Philosophinnen Mackenzie und Stoljar haben im Jahr 2000 in ihrem Buch „Relational Autonomy“ (Mackenzie/Stoljar 2000) moniert, dass Autonomie – vor allem in der männlich dominierten Philosophie – zu ratio-zentriert gedacht wird und zu wenig berücksichtigt wird, dass Menschen stets in soziale Gefüge eingebettet sind. Je weniger die kognitiven Fähigkeiten von Menschen ausgeprägt sind, umso mehr spielen andere bei Entscheidungen eine Rolle im Sinne der relationalen Autonomie. Ein gutes menschliches Leben, das wir gemeinhin mit Selbstbestimmung verbinden, ist mit Unterstützung anderer für MmD möglich.
Auch wenn die Vulnerabilität von MmD im Laufe ihrer Erkrankung zunimmt, wäre es also verfehlt, ihnen aufgrund der Erkrankung von vornherein ihre Autonomie abzusprechen. Dies hätte zur Folge, dass Menschen, die (noch) mitentscheiden können, bevormundet und paternalisiert werden.
Partizipative Forschung
Genau dies, diese noch vorhandene Autonomie, gilt es beim Einsatz von Robotern zur Betreuung von MmD zu berücksichtigen: Möchte der individuelle MmD diesen Einsatz? Wie äußert er sich bei dem Vorschlag? Wie verhält er sich, wenn ein Versuch mit Pepper gewagt wird? Die Einbeziehung des MmD klingt auf dieser theoretischen Ebene vielleicht trivial, ist es jedoch in der Praxis nicht immer, weil die Entscheidungsautonomie des MmD häufig schnell in Frage gestellt wird.
Es sollte im Sinne des Digitalen Humanismus jedoch schon vor der Nutzung von Robotern in der Betreuung eine Einbeziehung von MmD erfolgen, nämlich in der Forschung und Entwicklung. MmD sollten von Anfang an involviert sein, testen dürfen und sich dazu äußern dürfen und nicht erst im Endstadium der Entwicklung als Testpersonen fungieren, um zu eruieren, ob alles so funktioniert, wie sich dies die Forschenden vorgestellt haben. Dies kann zur Herausforderung werden, insbesondere, wenn sich MmD nicht mehr ausreichend artikulieren können. Dennoch kann an Mimik und Gestik viel abgelesen werden, sodass partizipative Forschung, etwa mit Unterstützung von Angehörigen, möglich wird.
Interdisziplinäre Forschung
Ebenso von Anfang an miteinbezogen werden muss die Ethik. Gerade bei technischer Forschung besteht häufig noch die Gefahr, dass Ethikerinnen und Ethiker erst am Ende eines Entwicklungsprozesses gefragt werden, ihre „Meinung“ eingeholt wird und auf ein „Absegnen“ der Ethik gehofft wird. Interdisziplinäre Forschung von Anfang an ermöglicht, dass alle Schritte von Beginn an kritisch evaluiert werden und etwa auch die erwähnte Einbeziehung der späteren Nutzerinnen und Nutzer eingefordert wird. Wenn Ethik nicht lediglich als Feigenblatt fungieren soll, ist eine ethische Begleitung unabdingbar, die permanent evaluiert und normativ bewertet und von Anfang an Teil der Forschung ist. Auch wenn dies für die technisch Forschenden anstrengend sein kann, ist dies angesichts der rasanten Entwicklung und der Möglichkeiten, deren Ausschöpfen für die technisch Forschenden verständlicherweise äußerst reizvoll sein kann, ein wesentliches Korrektiv im Sinne des Digitalen Humanismus.
Vermeidung der Anthropomorphisierung
Um diese rasante Entwicklung und die immer besser und „intelligenter“ werdenden Roboter weiterhin als Roboter wahrzunehmen und auch eine wichtige Distanz zu ihnen beizubehalten, ist ein weiteres wesentliches Kriterium für Digitalen Humanismus in diesem Kontext die Vermeidung der Anthropomorphisierung. Die Zuschreibung menschlicher Eigenschaften und die damit verbundene Namensgebung geschieht rascher, wenn Roboter menschlich aussehen. Belässt man aber Roboter in einer typischen Roboterform, in der Drähte, Mechanik und Elektronik sichtbar sind, bleibt das Bewusstsein leichter vorhanden, dass es sich um Maschinen handelt, die wir Menschen uns zu Nutze machen. Vor allem für MmD, die aufgrund der Symptome sehr verwirrt sein können, ist diese Distanz wesentlich, weil Roboter nicht alle Bedürfnisse erfüllen können und dies mit Enttäuschung oder sogar Schaden für den MmD verbunden wäre. Man denke nur an eine menschliche Umarmung, die nicht gegeben werden kann.
Ressourcenorientierung
Um im Sinne des Digitalen Humanismus Roboter in der Betreuung von MmD einzusetzen, muss der Mensch im Mittelpunkt bleiben, der Roboter muss dem Menschen dienen. Dies ist ein Aspekt, der bei der technischen Entwicklung zu berücksichtigen ist. Roboter – insbesondere jene, die bei MmD eingesetzt werden – müssen so programmiert sein, dass sie dem Menschen niemals schadet. Vielmehr sollte das Ziel sein, Roboter für die Betreuung von MmD so zu programmieren, dass sie der Ressourcenorientierung dienen. MmD sollten von Robotern nicht auf ihre Defizite gestoßen werden, sondern in dem unterstützt werden, was sie noch können, was wiederum ein bzw. das gute, menschenwürdige Leben für Menschen mit Demenz befördern kann.
Abschließende Überlegungen
Roboter in der Betreuung von MmD können, wenn der individuelle MmD diese möchte, ergänzend und unterstützend eingesetzt werden, stets im Bewusstsein, wie wichtig der menschliche Kontakt für MmD bleibt. Auch im Bewusstsein, dass es sich bei MmD um Menschen mit erhöhter Vulnerabilität handelt und sie deshalb besonders unterstützend behandelt werden müssen, um ihre noch vorhandenen Ressourcen entfalten zu können. Roboter auf diese Art human zu gestalten, liegt großteils in den Händen der Programmierenden, in deren Verantwortung es auch liegt, interdisziplinäre und partizipative Forschung ernst zu nehmen. Wenn die genannten Aspekte berücksichtigt werden, können Roboter dem Menschen dienen und eine wesentliche Ergänzung in der Betreuung von MmD sein. Die Aufgaben des Digitalen Humanismus und der Ethik sind, stets darauf zu achten, dass kein slippery slope entsteht – denn diese Gefahr besteht bei Innovation und Wissbegierde, was noch alles möglich ist, immer. Eine humane Gesellschaft muss das Ziel eines menschenwürdigen, guten Lebens jedes einzelnen Individuums im Blick behalten und das gilt ganz besonders für jene Menschen, die stärker auf Unterstützung anderer angewiesen sind.
Martina Schmidhuber ist Head of People & Culture bei der Künig GmbH in Kufstein, Vorsitzende der Vivea Ethikkommission sowie Speaker für Ethik in der Wirtschaft und Ethik im Gesundheitsbereich. Vor ihrem Wechsel in die Wirtschaft war sie Professorin für Health Care Ethics an der Universität Graz.
Literatur
Asminov, Isaac (2013), I, Robot, London.
Mackenzie, C./Stoljar, N. (Eds.) (2000), Relational Autonomy. Feminist Perspectives on Autonomy, Agency, and the Social Self, New York, Oxford.
1Die Robotergesetze formulierte Asminov erstmals in seiner Kurzgeschichte »Runaround«, die im März 1942 im Magazin Astounding Science Fiction erschien.



