04 Apr

Tod und Mysterium

Titelbild Beitrag Tod und Mysterium

von Rico Gutschmidt (München)


Was ist der Tod? Wir verstehen zwar abstrakt, was es bedeutet, nicht mehr zu existieren, aber können wir das wirklich begreifen? Im wissenschaftlich geprägten Weltbild wird der Tod üblicherweise als vollständiges Ende der Existenz aufgefasst, ohne zu berücksichtigen, dass die Nichtexistenz nach dem Tod das menschliche Fassungsvermögen übersteigt: Wir können uns weder den Verbleib gestorbener Personen veranschaulichen noch das eigene Aus-der-Welt-Sein.

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26 Sep

Dienstpflicht von unten

Pflegesituation

von Philipp Stehr (Utrecht)


Frank-Walter Steinmeier wird nicht müde für einen sozialen Pflichtdienst zu werben. Ihm scheint es dabei vor allem um sozialen Zusammenhalt zu gehen und eventuell im Hintergrund auch um die Stärkung der um Nachwuchs ringenden Bundeswehr und des chronisch überlasteten Pflegesektors. Schon vor einiger Zeit hat Dietrich Schotte diese Argumente in einem Beitrag auf diesem Blog näher beleuchtet und dargelegt, warum eine Dienstpflicht, so gedacht, auf wackligen Füßen steht. Ich glaube jedoch, dass damit das letzte Wort in dieser Debatte noch nicht gesprochen ist. Es gibt noch ein weiteres, besseres Argument für eine Dienstpflicht, das so in der Debatte noch nicht zu hören war, nämlich dass wir eine Dienstpflicht denen schulden, die jetzt schon unsere harte und schmutzige Arbeit machen.

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21 Sep

Hegel und die Notwendigkeit des Zufalls

Würfel am Tisch

Von Achim Wamßler (Berlin)


Wer die gemeine Hegelianerin fragt, was das Erste ist, was ihr zum Zufall bei Hegel einfällt, wird wohl in den allermeisten Fällen hören: Hegels Rede von der Notwendigkeit des Zufalls. Doch abgesehen von der Griffigkeit dieser Wendung, mit der Hegel andeutet, dass er ein durchaus guter Twitternutzer gewesen wäre, ist es alles andere als klar, was er damit eigentlich meint. Das Ziel dieses Beitrags ist, eine Antwort auf diese Frage zu geben. Dafür möchte ich zuerst drei Formen von Zufall definieren, um ein Vorverständnis für das Thema zu gewinnen. Zweitens möchte ich zeigen, dass sich Hegel mit der spezifischen Art des Zufalls, die bei dem Ausdruck »Notwendigkeit des Zufalls« zentral ist, Probleme hinsichtlich Letztbegründungsfragen der Welt einhandelt, die alles andere als einfach zu beantworten sind. Und schließlich werde ich erläutern, wie Hegel diese Probleme aus dem Weg zu schaffen glaubt, womit sich dann auch zeigt, was Hegel meint, wenn er von der Notwendigkeit des Zufalls spricht.

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25 Jul

Zufall als Grund

Würfel am Tisch

von Leonidas Richter (Frankfurt am Main)


Alles hat einen Grund. Oder: nichts geschieht ohne Grund. Das ist ein Grundsatz der wissenschaftlichen Erforschung und Erklärung der Welt. Zufall nun scheint das zu sein, was sich diesem Satz entzieht, das, wofür wir keinen Grund angeben können. Könnte Zufall aber selbst ein Grund sein, wenn er genau dann als „Grund“ dient, wo es keinen Grund gibt? Drei fundamentale Ereignisse in unserer Welt, in denen Zufall eine echt produktive Rolle spielen könnte, sind: die Existenz von komplexen Gehirnen, die fortdauernde Existenz von Leben und die Existenz der Welt überhaupt. Welches Licht werfen diese auf den Satz vom Grund?

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22 Jun

Alles reiner Zufall? Freiheit und Indeterminismus

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Von Verena Wagner (Universität Konstanz)


Stellen Sie sich vor, Sie bekommen vor Gericht eine Frage gestellt und stehen vor der Entscheidung zu lügen oder die Wahrheit zu sagen. Um Sie später für Ihre Entscheidung zu belangen, ist es wichtig, dass wir Ihnen diese auch zuschreiben können. In der Freiheitsdebatte wird diese Praxis meist so in Frage gestellt: Was, wenn Sie nicht anders entscheiden konnten, weil die Welt deterministisch ist? Die in diesem Beitrag gestellte Frage ist eine andere: Was, wenn Ihre Entscheidung nur ein Zufallsprodukt ist, weil die Welt nicht deterministisch ist?

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08 Jun

Zufall und System bei Schelling

Titelbild

Von Daniel Unger (München / Freiburg)


Schelling (1775-1854) definiert den Begriff des Zufalls nicht neu; er folgt stets einer bis auf Aristoteles zurückreichenden Tradition. In seiner eigentümlichen Mehrdeutigkeit erkennt Schelling aber ein tieferes Problem, dessen logische und ethische Folgen stets zu früh abgetan wurden: namentlich für die Möglichkeit geschlossener Systeme und ihrer Verhältnisse zueinander, ebenso aber für den Einzelnen in seiner faktischen Existenz. Und es wird bei Schelling ein Problem bleiben – einem Philosophen, der wie kein zweiter Idealist die kritische Frage nach der Möglichkeit eines Gesamtsystems des Wissens immer wieder aufs Neue stellte, und sich trotz intensiver Arbeit und hoher Erwartungen der Öffentlichkeit in den letzten 40 Jahren seines Schaffens nie mehr zu einem definitiven schriftlichen Werk durchringen konnte.

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20 Apr

Macht der Glaube an ein Schicksal faul?

Foto von Artem Maltsev auf Unsplash

Von Ronja Hildebrandt (Humboldt-Universität Berlin)

Ist es Zufall oder Schicksal, wenn man seine zukünftige Partner*in trifft oder den Traumjob bekommt, weil man zur richtigen Zeit am richtigen Ort war? War es Zufall oder Schicksal, dass man Covid-19 bekommen hat oder davon verschont geblieben ist? Der Glaube, dass alle Ereignisse vorherbestimmt sind, ist für manche Menschen beruhigend: Alles erscheint nach einem Plan zu geschehen, den wir vielleicht nur nicht verstehen. Einer der berühmtesten antiken Philosophen seiner Zeit, Alexander von Aphrodisias (um 200 n.u.Z.), wendet allerdings ein, dass ein solcher Glaube faul mache. Stimmt das?

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14 Mrz

Zufall bei Aristoteles

Schiefertafel mit der Aufschrift possibile

Von Ursula Wolf (Mannheim)


Aristoteles behandelt in seinen Schriften mehrere Begriffe und Problemkontexte, die im weiteren Sinn mit dem Zufall zu tun haben. Eine ausführliche Beschäftigung mit dem Bereich des Zufälligen findet sich in der Physikabhandlung, er spielt aber ebenso eine Rolle in der Ethik.

1. Zufall in der Natur

Gegen diejenigen Theorien, welche das Seiende als Eines und Unbewegliches auffassen, beginnt Aristoteles seine philosophische Befassung mit der Natur im ersten Buch der Physik mit dem Hinweis, dass wir aufgrund von Erfahrung wissen, dass zur Natur Bewegung hinzugehört (185a13 f.). Dabei versteht Aristoteles Bewegung als eine Veränderung an Stoffen oder Dingen, welche in deren Vermögen (dynamis) verankert ist. Naturdinge wirken so aufeinander ein, dass sie aktive Vermögen haben, eine Veränderung zu bewirken, und passive Vermögen, eine Veränderung zu erleiden. Dabei ist es wichtig zu sehen, dass das Zusammenwirken nicht „zufällig“ ist. Es kann nicht Beliebiges (tychon) zusammenwirken oder Beliebiges aus Beliebigem entstehen, sondern etwas kann nur aus dem konträren Gegenteil hervorgehen (188a31 ff.). Ein Ding kann nur schwarz werden, wenn es vorher weiß war (oder etwas zwischen beidem in demselben Spielraum des Farbigseins). In gewissem Sinn allerdings kann auch das Runde weiß werden, jedoch nicht einfachhin, sondern im akzidentellen Sinn (kata symbebekos), das heißt, sofern das Weiße (z. B. der weiße Tisch) „zufällig“ (außerdem, nebenher) rund ist.

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21 Feb

Dreimal Zufall bei Kant

3 gestapelte Würfel vor rotem Hintergrund

Anne Tilkorn (Berlin)


Der folgende Beitrag ist auch als Podcast verfügbar.

Ich unterscheide drei Begriffe von Zufälligkeit: modale, teleologische und ästhetische. Der Schwerpunkt liegt auf der ästhetischen Zufälligkeit, denn weder im Bereich der theoretischen Philosophie, noch in dem der Teleologie, spielt die Zufälligkeit eine so bedeutende Rolle wie in der Ästhetik. Die unterschiedlichen Positionen will ich im Folgenden von einander abgrenzen. Ich beginne mit dem Zufall in der Welt der Erfahrung, komme zweitens zum Zusammenhang von Zufall und Zweckmäßigkeit in der Teleologie und drittens zu der Zufälligkeit, die den ästhetischen Kosmos konstituiert.

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09 Feb

Selbstgestaltung und der Zufall, wer wir sind

Frau überkreuzt Finger

Jan-Hendrik Heinrichs (Jülich/Aachen)


Es herrschen widersprüchliche moralische Haltungen gegenüber dem vor, was wir nur mithilfe des Zufalls sind oder vollbringen. Der durch glücklichen Zufall gelungenen Lebensrettung spenden wir mehr Lob als dem gleichermaßen energisch betriebenen, aber erfolglosen Rettungsversuch, obwohl doch Verhalten und Absichten erfolgreicher und gescheiterter Retter die gleichen sind, und unsere moralische Intuition sagt, gleiches Verhalten und gleiche Absichten seien moralisch gleich zu behandeln. Dass nicht nur unsere Handlungen, sondern auch unser Charakter moralisch unterschiedlich beurteilt wird, je nachdem, unter welchen Einflüssen er sich entwickelt hat, scheint mindestens ebenso schwer zu erklären und zu rechtfertigen zu sein. Und doch sind solche Unterscheidungen weit verbreitet.

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