14 Mrz

Zum Abschluss oder: das Ende der Auseinandersetzung ist erst ihr Anfang!

von Almut von Wedelstaedt (Bielefeld), Christiana Werner (Duisburg-Essen), Christine Bratu (Göttingen) und Katharina Naumann (Magdeburg)


Wir haben in den letzten Monaten auf praefaktisch eine Reihe von Blogposts zum Thema Vereinbarkeit lesen dürfen. Einige beschrieben, wie groß das Problem ist, wenn man eine wissenschaftliche Karriere oder ein philosophisches Studium mit der Sorge für Kinder oder andere Personen vereinbaren möchte oder durch eine Behinderung oder Krankheit im ewigen Wettlauf gleich etwas weiter hinten startet oder einfach im Leben noch etwas anderes möchte als immer nur zu arbeiten. Einige reflektierten über die Frage, worum es eigentlich geht, wenn es um Vereinbarkeit geht. Es wurde dabei immer wieder deutlich, wie wenig vorhandene Maßnahmen die Schwierigkeiten wirklich abfedern können. So wurden auch ganz neue Lösungen vorgeschlagen, im SWIP-Guide zur Vereinbarkeit, in Überlegungen zum Angebot akademischer Doppelkarrieren oder die schlichte Idee, einfach viel weniger zu machen, auf allen Stellen. Alle diese Beiträge gemeinsam zeigten, dass Vereinbarkeit eine Herausforderung ist und bleibt. Wir danken den Herausgeber:innen von praefaktisch, dass sie dem, was für viele Alltag ist, der aber doch irgendwie verborgen bleibt, hier im Blog Raum und Sichtbarkeit gegeben haben und das auch weiter tun werden: Es werden in loser Folge noch weitere Beiträge zu dem Thema kommen, denn es erledigt sich nicht. Unter Umständen tut es das für Einzelne, deren Lebensumstände andere werden. Aber für uns alle als Gemeinschaft derjenigen, die in der akademischen Philosophie arbeiten, erledigt es sich nie, solange die Bedürfnisse des akademischen Arbeitens und von allem anderen, was zum Leben gehört, immer mal wieder in verschiedenen Richtungen ziehen. Das stellt uns wieder und wieder vor die Aufgabe, Vereinbarkeit möglich zu machen, damit es am Ende allen besser geht: den Philosoph:innen, denen, für die Philosoph:innen sorgen, und der Philosophie als Fach, das für Perspektiven von Menschen in allen möglichen Lebenslagen offen sein sollte.


Almut von WedelstaedtChristiana WernerChristine Bratu und Katharina Naumann sind als Philosophinnen an den Universitäten Bielefeld, Duisburg-Essen und Gießen, Göttingen und Magdeburg tätig und engagieren sich gemeinsam in der SWIP AG Vereinbarkeit.

06 Feb

Weniger ist mehr (und vor allem fair)!  Wie eine Obergrenze bei Bewerbungen mehr Vereinbarkeit herstellen könnte

Von Christine Bratu (Göttingen)


In dieser Reihe konnte man bereits einiges dazu nachlesen, wie es wirklich um die Vereinbarkeit von Sorgearbeit und wissenschaftlicher Arbeit in Deutschland bestellt ist. Als wichtiges Problem für Vereinbarkeit haben sich dabei die Anforderungen herauskristallisiert, die Wissenschaftler:innen erfüllen müssen, um aktuell zu reüssieren – wobei dies im akademischen Betrieb vor allem heißt: um einen unbefristeten Vertrag zu erhalten und also nicht mehr ständig um ihren Lebensunterhalt bangen zu müssen. Denn wer unter den Bedingungen von „publish or perish“ Lehre und Gremienarbeit meistern und zudem eben vor allem publizieren und Drittmittel einwerben muss, hat schlicht kaum mehr Zeit dafür, kranke Angehörige zu pflegen, selbst krank zu werden oder die Anforderungen einer Behinderung zu managen, Kinder zu kriegen oder sich um Kinder zu kümmern, wenn diese nicht schon selbstgenügsam wie die Pilze aus dem Boden sprießen, oder gar philosophische Inspiration draußen in der Welt zu suchen. Wenn wir Vereinbarkeit in einem substantiellen Sinne schaffen wollen, wird es also nicht ausreichen, Institutskolloquien statt in den Abendstunden zur Kernarbeitszeit abzuhalten, Eltern-Kind-Räume in der Uni einzurichten oder auf Konferenzen für ein paar Stunden Kinderbetreuung bereitzustellen; stattdessen müssen wir, wie Gottfried Schweiger anmahnt, die Anforderungen des Wissenschaftsbetriebs substantiell überdenken.

Weiterlesen
12 Dez

Ob es besser wird, wenn alle weniger machen. Vereinbarkeit und Leistungsdruck in der Wissenschaft

Von Gottfried Schweiger (Salzburg)


“Und dann muss man ja auch noch Zeit haben, einfach dazusitzen und vor sich hin zu schauen.” Pippi Langstrumpf

Vereinbarkeitsprobleme entstehen auch dadurch, dass die Anforderungen im System Wissenschaft sehr hoch sind, dennoch sehr viele hier tätig sein wollen, weshalb es zu großem Konkurrenzdruck kommt und die Verhandlungsmacht derjenigen, die Schwierigkeiten haben, diese Anforderungen zu erfüllen, gering ist. Vielleicht wäre es eine Lösung, wenn alle einfach weniger machen würden. Dem will ich hier nachgehen.

Weiterlesen
21 Nov

Meditation über den Begriff der „Vereinbarkeit“

von Coretta Ehrenfeld


Einatmen.

Der Begriff der Vereinbarkeit weist auf zwei Voraussetzungen seiner selbst: Erstens müssen mindestens zwei Elemente gegeben sein, die getrennt voneinander existieren, um gegebenenfalls „vereinbart“ werden zu können. Zweitens verweist der Begriff mit der Silbe „bar“ auf die Frage hin, ob etwas vereint werden kann oder nicht. Die Tatsache, dass sich der Begriff der „Vereinbarkeit“ etablierte, um das praktische Verhältnis von Familie(narbeit) und Berufstätigkeit zu beschreiben, zeigt deshalb, dass Care-Arbeit/Familie und (wissenschaftliche) Berufstätigkeit für zwei voneinander verschiedene Bereiche gehalten werden, von denen zunächst unklar ist, ob sie sich überhaupt „vereinen“ lassen. Wir leben also in einer Gesellschaftsformation, in der die Arbeitsorganisation der Berufstätigkeit ausdrücklich von der Fürsorge für das Leben getrennt ist; und ob sich beide Bereiche überhaupt praktikabel verbinden lassen, steht infrage.

Weiterlesen
19 Okt

„Bei gleicher Qualifikation werden Personen mit Schwerbehinderung bevorzugt“

Von Christiana Werner (Justus-Liebig-Universität Gießen und Universität Duisburg-Essen)


Diesen Satz kann man häufig, fast immer in akademischen Stellenausschreibungen finden. Es scheint erst einmal eine gute Sache zu sein, wenn Menschen mit einer schweren Behinderung „bevorzugt“ werden. Ob tatsächlich durch diese Maßgabe mehr Personen mit Behinderung eingestellt werden, ist eine empirische Frage. Es wäre interessant herauszufinden, ob und wie viele Menschen mit Schwerbehinderung eine Professur oder auch eine andere Stelle in der akademischen Philosophie bekommen haben, seitdem auf die Bevorzugung bei gleicher Qualifikation in den Ausschreibungen hingewiesen wird.

Weiterlesen
05 Sep

Wissenschaft und Elternzeit. Wunsch und Wirklichkeit

Von Elke Elisabeth Schmidt (Siegen)


Nachwuchswissenschaftler*innen mit Kindern sind immer im Spagat zwischen Job und Familie. Viele Spannungen sind bekannt: ein hohes Arbeitspensum, geforderte zeit- und räumliche Flexibilität sowie Befristung auf der einen Seite und Kinder und all das auf der anderen. Weniger bekannt ist: Mutterschutz und Elternzeit könnten den Spannungen zwar eigentlich Abhilfe schaffen, scheitern aber an der akademischen Lebenswirklichkeit.

Weiterlesen
23 Aug

Vereinbarkeit und akademische Doppelkarrieren – Teil 2: Doppelangebote

von David Löwenstein (Düsseldorf)


In einem ersten Beitrag habe ich die spezifischen Vereinbarkeitsprobleme akademischer Doppelkarrierepaaren skizziert. Wie lassen sie sich lösen? Auch hier ist zunächst auf den Good Practice Guide der Society for Women in Philosophy zu verweisen, der dazu viele gute Vorschläge enthält. Und wie bei den Problemen, gilt auch für die Lösungsideen: Akademische Doppelkarrierepaare sind doppelt betroffen.

In der Praxis besteht der häufigste Ausweg aus den geschilderten Vereinbarkeitsproblemen jedoch darin, dass mindestens ein Elternteil aussteigt und sich beruflich neu orientiert. Das ist aber natürlich weder im Sinne exzellenter Forschung und Lehre noch im Sinne von Vereinbarkeit und gleichberechtigten Beziehungsmodellen.

Weiterlesen
16 Aug

Vereinbarkeit und akademische Doppelkarrieren – Teil 1: Probleme

David Löwenstein (Düsseldorf)


Das Problem der Vereinbarkeit von akademischer und Sorgearbeit hat viele Gesichter. Manche Faktoren betreffen alle oder viele ähnlich, andere nicht. Dies ist der erste von zwei Beiträgen, die eine spezifische Konstellation in diesem Feld behandeln: akademische Doppelkarrieren. Gemeint sind also Paare, bei denen beide Beteiligte eine akademische Karriere verfolgen, und die gleichzeitig gemeinsam Sorgearbeit leisten, etwa für eigene Kinder.

Ich beginne mit drei Vorbemerkung zur Einordnung des Themas. Danach beschreibe ich die spezifische Vereinbarkeitsproblematik akademischer Doppelkarrierepaare und benenne dort drei zentrale Problembereiche. In einem Folgebeitrag geht es dann um Lösungen und Auswege – vom Üblichen, dem Ausstieg, bis zum Traum des gemeinsamen Ankommens an einem Ort.

Weiterlesen
25 Jul

Der Riss zwischen Leben, Arbeit, Nachdenken – und Akademie. Ein Lamento.

Von Teresa Geisler


Ich habe keine Kinder und ich habe keine Hobbies. Das ist schon mal gut, wenn man den Wunsch hat, Wissenschaft als Beruf zu betreiben. Leider habe ich Interessen und Leidenschaften. Das ist nicht so gut.

Denn für mich als Promotionsstudentin der Philosophie stellt sich die Lage des Wissenschaftlers im Augenblick als ein unglückliches Spannungsverhältnis zwischen Zeit und Geld dar: Wer eine feste Stelle in der Akademie hat und somit Geld, ertrinkt meist in Arbeit, so dass neben Verwaltung, Politik, Gremienarbeit und Antragsprosa oft bereits kaum Zeit für das Kerngeschäft Lehre und Forschung bleibt, ganz zu schweigen davon, Dinge neu und anders zu denken. Wer keine feste Stelle hat, sondern zwischen Hartz4 und Wohngeld, mehr oder weniger ehrenamtlichen Lehraufträgen und unbezahlten Publikationen, versucht, Wissenschaft zu betreiben und die Zeit hat, dem fehlt das Geld zum Leben – und für die Wissenschaft. Denn wenn man nicht institutionell angestellt ist, dann kann man sich Wissenschaft eigentlich nicht leisten. Anders als in der Kunst gibt es in der Wissenschaft kaum Projektförderungen für Personen, die nicht an den akademischen Betrieb angebunden sind, und das Zeigen und Diskutieren der eigenen Arbeit auf Tagungen und Konferenzen oder das Veröffentlichen von Monografien, in Journalen oder Sammelbänden kostet öfter Geld, als dass das es etwas einbringt. Dabei ist die kostspielige Arbeit die Voraussetzung für die Teilnahme am akademischen Arbeitsmarkt, die man sich aber eigentlich nur leisten kann, wenn man eine Stelle hat, die vergütet wird. Das ist ein Problem unter dem schließlich auch die Wissenschaft leidet, weil die Zeit oder das Geld zum Nachdenken fehlt.

Weiterlesen
06 Jul

Vereinbarkeit zwischen Familie, Studium & Arbeit als ewiger Kompromiss

Von Sonja


Als ich die Anfrage erhalte, ob ich einen Blogbeitrag zum Thema „Vereinbarkeit“ schreiben möchte, muss ich etwas zögerlich antworten, da ich mir aufgrund eben dieser Vereinbarkeit nicht sicher bin, ob ich es schaffe. Es ärgert mich innerlich: Ich würde am liebsten so viele Dinge machen, ausprobieren und angehen, aber es würde mich innerlich zerreißen. Am Anfang galt es, Familie und Studium zu vereinbaren. Während meines Bachelors gab es eine Distanz von 800 km zwischen meinem jetzigen Mann, unserer Tochter und mir, da er ganz woanders lebte und studierte. Neben dem Bachelor-Studium war ich quasi alleinerziehend und hatte vor allem die Unterstützung meiner Oma, um diese Herausforderung irgendwie zu bewältigen. Zu Beginn meines Masters zogen wir endlich zusammen und einige Jahre später  kam dann erst eine Selbstständigkeit meinerseits dazu (da es keinen Job gab, bei dem ich sonst alles unter einen Hut bekommen hätte), dann der Nebenjob in einer NGO mit einem Pensum von circa 13 Stunden die Woche. Es gab mehrere Gründe dafür: Zum einen spürte ich den enormen Druck, mit Ende zwanzig/Anfang dreißig noch nicht im Berufsleben Fuß gefasst zu haben, und es machte sich Panik breit, was die Altersvorsorge und ähnliche Dinge betrifft. Zum anderen brauchten wir dringend eine finanzielle Entlastung, jedoch kam es für uns nicht in Frage, Kredite oder ähnliches aufzunehmen. Wir wollten möglichst schuldenfrei bleiben.

Weiterlesen